Kölner Gebirgswelt

Digital StillCamera

“Heiliges Köln, du bist nicht mehr! Heiliger Dom, wohl bist du noch schön, furchtbarer Mitschuldiger an der Verpfuschung Deutschlands, könnte ich dir fluchen? Wie ein Gletschergebirge sah ich dich, von Mülheim aus, ins Augustblau tausendzackig funkeln. Das industrielle Großgewölk konnte nicht bis zu dir hinüber. Unweigerlich gipfelst du, Dom, mit steinernen Sehnsuchtshälsen über alle Menschlichkeit empor ins ewige Sanftblau. Lilasilbriges Eigengewölk umhalste dich in riesenhafter Schwanenhaftigkeit. Du wußtest, daß du ein Berg bist, denn du hattest Nebel und Wolken, du wußtest, daß du zuerst abkühlen würdest, um dann der Stadt Nachtkühle zu spenden. Du bist ein Sinai, Kölner Gebirgswelt, Bekennerhand hat dich aufgebaut; du bist der Berg, aus unsern Gesetzen hervorgetürmt: du, du birgst unsre heilige Wolke in Pfeilerhut. Ich habe den Kölner Dom betreten. Ein Schritt, und ich war in eine himmelhohe Sphäre entrückt. Nur zufällig bist du, Heiligtum, bei uns zu Gast. Kölner Gletscher, bist du aus einer Region kristallener Vollkommenheit zu den Menschen emporgeflogen?” (Theodor Däubler: Der neue Standpunkt, Leipzig 1919)

Kölner Rheinhochwasser 1784

Bergmüller_Rheinhochwasser Köln 1784
Nicht Venedig ist auf diesem Stich zu sehen, sondern Köln, beim großen Rheinhochwasser des Jahres 1784, in Szene gesetzt von Johann Baptist Bergmüller, der, so steht es auf Wikipedia, für die bessere Wirkung auch ein paar Augsburger Bauwerke ins Bild verpflanzte.
In den Aufzeichnungen gilt das Hochwasser als das heftigste, das Köln je heimgesucht hat. Es hat eine Vorgeschichte, die bis Island reicht. Seit dem Sommer 1783 hatten monatewährende Ausbrüche der isländischen Laki-Krater weite Teile Europas mit einer giftigen Aerosolwolke überzogen, Arbeit im Freien führte zu Atemnot, die Landwirtschaft konnte nur eingeschränkt aufrechterhalten bleiben, auf Island und den britischen Inseln starben Zigtausende an Hunger und Vergiftungsfolgen.
Die Ausbrüche zogen einen vulkanischen Winter mit extremer Kälte nach sich. Im Dezember 1783 froren die meisten mitteleuropäischen Gewässer zu. Ein von heftigen Niederschlägen begleiteter Warmlufteinbruch in den letzten Februartagen 1784 sorgte für die Hochwasserkatastrofe: “Die Fluten, auf denen schwere Eisschollen trieben, verwüsteten weite Teile der Uferbebauung und alle Schiffe. Einzelne Gebäude, darunter auch Befestigungsbauten, stürzten aufgrund des Schollengangs ein. 65 Tote waren zu beklagen. Die rechtsrheinisch gelegene alte bergische Stadt Mülheim am Rhein, heute ein Kölner Stadtteil, wurde vollständig zerstört.”

Fußgängerbrücken

mülheimer-hafenZunächst das Geländer des Katzenbuckels, der Fußgängerbrücke über den Mülheimer Hafen wie sie bei Google Street View erscheint. Der Dienst, der eindrucksvolle 360-Grad-Panoramen von Naturwundern und berühmten Sehenswürdigkeiten verspricht, liefert darüberhinaus digital beschädigte Landschaften, gebannt aus freiem Licht. Die Panoramen lassen sich in Endlosschlaufen oder manuell abspielen und kippen, was bisweilen seltsame Fänomene wie etwa diesen schwarzen Flugkeil, der sich beim Abspielen der
mülheimer-hafen_3Standardeinstellung im toten Winkel verborgen hält, zutage fördert.
Das Motiv des fragwürdigen Geländers nimmt auch das Street View-Panorama dieser Rüppurrer Albwehrbrücke auf, die es bisher noch zu keiner gesonderten Bezeichnung durch den Volksmund gebracht hat:
albbrücke Je nach gewähltem Ausschnitt sind die bisweilen magisch, bisweilen dekonstruktivistisch anmutenden Deformationen erst auf den zweiten Blick
albbrücke_2erkennbar, springen irritierend ins Auge oder beherrschen in krasser Manier die gesamte Einstellung wie unser letztes Bildbeispiel belegen mag:
albbrücke_3

Möllemer Böötche

müllemer-böötche

Das Rheinhochwasser erschwert den Zugang zum Möllemer Böötche am Zoobrückenanleger, die Passagiere zieht es zur Sicherheit aufs Oberdeck. Das “Möllemer Böötche” sind in Wirklichkeit mehrere Boote (hier die Colonia 5), die unablässig zwischen Mülheimer Anleger und Kölner Dom hin und her pendeln. Sie entstammen einem erstaunlichen Lied von Karl Berbuer aus dem Jahre 1936: Heidewitzka, Herr Kapitän – das in den 50er Jahren Konrad Adenauer bei einem Staatsempfang in den USA als Ersatz für die nach dem Zweiten Weltkrieg zwischenzeitlich ausgesetzte Nationalhymne von Haydn/von Fallersleben vorgespielt worden sein soll. In weiten Teilen Kölns gilt Berbuers Lied bis heute als ideale, respektive als eigentliche Nationalhymne. Dabei ist die Bedeutung schon des Eingangswortes unklar. Immerhin existieren zahlreiche etymologische Spekulationen, so zu finden auf den Seiten der Akademie för uns kölsche Sproch. Den Liedtext entnehmen wir der ripuarischen Wikipedia:

Heidewitzka, Herr Kapitän
Mem Möllemer Böötche fahre mer su jän,
mer kann su schön em Dunkle schunkele
wenn üvver uns de Stääne funkele
Heidewitzka, Herr Kapitän
Mem Müllemer Böötche fahre mer su jän.

Eimol em Johr dann weed en Scheffstour jemaht,
denn su en Faht, hät keinen Baat.
Eimol em Johr well mer der Drachenfels sin
wo köme mer söns hin?
Liebchen ade, mer stechen he
mem Möllemer Böötche endlich en See,
un wenn et ovends spät op Heim ahn dann jeiht,
dann rofe mer vör luter Freud:

Heidewitzka, Här Kapitän…

Volldampf voraus! Et jeiht d’r Rhing jetzt entlang
met Sang un Klang, de Fesch wähde bang,
met hundert Knöddele dat litt klor ob d’r Hand,
wink uns et blaue Band.
Süch ens d’r Schmitz, met singem Fitz,
die sin ald jetz su voll wie an Spritz,
hä fällt dem Zigarettenboy öm d’r Hals
brüllt met’ner Stemm su voller Schmalz:

Heidewitzka, Här Kapitän…

Jung, ob dem Scheff ham’mer ald Windstärke 11,
bal Halver Zwölf un jar kein Hölf,
selvs de Frau Dotz, die met dem Wallfeschformat,
wood dovun seekrank jrad.
Heimlich un stell bütz doch dat Bell
en der Kajütt ne knochije Böll,
nä et wed Zick met uns, mer müsse ahn Land,
mer sin jo wie us Rand und Band.

Kurdischer Rhein: Heidewitzka!

Nach einem Pressebericht wurde am gestrigen Sonntagnachmittag an der Kölner Trankgassenwerft das Müllemer Böötche “Colonia 6″ von ca. zehn Mitgliedern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gekapert. Die Rheinpiraten entrollten Flaggen mit dem Konterfei ihres in der Türkei inhaftierten Anführers Abdullah Öcalan, forderten die Verlesung eines politischen Manifests über die Bordlautsprecher und wollten das Steuer übernehmen, was der Kapitän ihnen jedoch verweigerte. Zur Zeit der Kaperaktion waren zehn Passagiere auf dem Ausflugsbötchen. Einer von ihnen soll die Polizei alarmiert haben. Die Wasserschutzpolizei nahm die Piraten, die keinen Widerstand leisteten, fest. Die Kurden würden seitdem, verlautet die Sonntag spätabends zuletzt aktualisierte Meldung,  im Deutzer Hafen vom Staatsschutz vernommen.

Eisgang bei Cölln 1784

eisgang-in-köln-1784_jp-gof

Eigentliche Vorstellung Zum Imerwärende Andencken Des Traurigen Schicksals der Stadt Cölln. Da im Jahr 1784 der Gewaltigen Rhein Strom Sich durch Die Zum Höchsten grad gestiegene Kält 16 Fus Dieff Zusamen Sackte, Und 47 Täg Maur Fest die Schwerste Läst Von Einem Uffer Zum Anderen Beförderte. je Tieffer nun die Zufrierung des Stroms Ware, desto Gewaltsamer Muste der Aufbruch Sein. Da am 27 Feb Wurden Durch den Gewaltsamen Drang des Eises 4 Krahnen Zugrunde gerichtet. Die Landbrück. Schiffbrück. Eisbock Seind von den Rassenden Strom Mit genohmen Worden, 16 Holländischen und Viele Oberländische Schif Zu Grunde Gegangen. Die Stadt Mauren Umgeworffen Samt den Angräntzenden Häuser, und Unzähligen Menschen Zerschmettert, das Waßer Ware bey Diesem Sturm 11 Schuhe, 3 Zoll Höher als 1740. Wodurch Dan Beynächst die Gantze Stadt in Wasser Gesetzet wurde. Auch hat Diese Entsetzliche Hohe Flut jenseit dem bayen thurm Einen ausbruch Gethan. Wovon Viele Felder über Schwemmet. Auch alle Graben Rings um die Stadt Mit Wasser Angefüllet, und der unter der Müntze Ausgebrochene Flut hat in Mauenheim Und andere Örther Viel Schaden gethan. A. Deutz Hat Etlige Häuser und allen Ihr Vieh Verlohren. B. Mülheim hat 161 Häußer und Viel Menschen Eingebüßst. C. Roden Kirchen Hat Gleiches SchicKßall Gehabt. AltenMarcK und HeumarK waren 4 bis 7 Fuß unter Wasser Gesetz

(Kupferstich von J. P. Goffart)