Eine Flasche Rheinwein in Khartoum

“Noch nicht fünf Minuten seit meiner Installierung im Hause waren verflossen, als der Militärgouverneur der Stadt und Befehlshaber Mehemed Alis regulärer Truppen im Sudan, der General Mustapha Bey, mit einem zahlreichen Gefolge eintrat und, nachdem er mich zweimal zärtlichst umarmt hatte, auf der mit Teppichen belegten Ottomane aus getrockneter Erde neben mir Platz nahm. Er soll einer der besten Offiziere des Vizekönigs sein und hatte ein kriegerisches, dezidiertes Wesen, das ihm wohl anstand. Demungeachtet befand er sich jetzt in einer untergeordneten Stellung, da er früher Gouverneur des Königreichs Kordofan gewesen war, wo er indes, wie man behauptete, sein Amt etwas zu gut genutzt und sich damit ein großes Vermögen erworben hatte. Eine Viertelstunde später kam Korschud Pascha selbst mit noch größerem Pomp als der General und beehrte mich mit derselben doppelten Umarmung. Wie fast alle ägyptische Große ist auch Korschud Pascha ein Mann von vornehmen Manieren und gewinnender Höflichkeit, hatte aber, vom Klima leidend, ein sehr hinfälliges und krankes Aussehen. Wie ich später erfuhr, ist er hier zwar gefürchtet, aber keineswegs geliebt wegen seines unerbittlichen Geizes, mit dem er in den 10-12 Jahren seines Gouvernements über eine Million spanischer Piaster zusammengescharrt haben soll. Man bezeigte ihm indes äußerlich fast noch mehr Ehrfurcht als selbst Mehemed Ali in Kahira, und sein Leibarzt, der schon früher erwähnte italienische Renegat, der Oberstenrang hat, wagte es nie, wenn der Pascha ihm erlaubte zu sitzen, sich anderswo als auf die Matten des Bodens niederzulassen. Nur der General saß heute auf dem Sofa neben mir und dem Pascha; alle übrigen mußten mit ausgezognen Schuhen um uns her stehen, die Vornehmsten oben auf dem Diwan, die von minderem Grade auf der Matte und die Geringsten etwas entfernter auf dem begossnen, noch ganz nassen Erdboden. Unsere Unterhaltung war nur kurz, und nachdem die Herren mich verlassen, erschien der Haushofmeister des Gouverneurs mit einer langen Reihe Diener, alle mit den verschiednen Gegenständen einer türkischen Mahlzeit beladen, die zwar sehr kopiös, aber herzlich schlecht war. Zugleich mit ihnen fand sich ein sizilianischer Jude ein, der mich mit einer schmählichen Sorte sauern Rheinweins versorgte, für den ich ihm 80 Piaster (8 Gulden) für die Bouteille bezahlen mußte. Dieser Mann, der mit allem möglichen europäischen Auswurf, aber immer zu ähnlichem Tarif, Handel trieb, war zugleich Gouvernementsapotheker und das Los der armen Soldaten nicht wenig zu beklagen, die im Lazarett von den Medikamenten aus seiner Teufelsküche gezwungnermaßen Gebrauch machen mußten. Da er mich ohne Zweifel als eine besonders willkommne Extrabeute ansah, ward er später so zudringlich, daß ich ihn zur Türe hinauswerfen lassen mußte. Es ist leider nur zu wahr, daß alles, was man in diesen entfernten Ländern von dort etablierten Europäern antrifft, in der Regel ganz zu demselben Schlage gehört.”

Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich, Ägypten und der Sudan um 1840