Die Rheinkiesel-Kultur

“Liebes rheinsein,

der Weg ist das Rad, das seine Kreise absolviert, solang der Pedaltritt kräftig genug ist – lernt man auf dem über 1000 Kilometer langen EV15 (1). Droht jedoch die Symbiose zwischen Wille und Muskeln zum Stellungskrieg zu werden, in dem dem “Ich will” das “Ich kann nicht mehr” gegenübersteht, bleibt nichts anderes übrig als den Sattel würdevoll zu verlassen, und anstatt den Ehrgeiz auf dem heißen Asphalt sinnlos schmelzen zu lassen, den strapazierten Muskeln und dem stumpfsinnig geworden Hirn eine Pause zu gönnen. So lernten wir auf einer Etappe Mr. Airon kennen. Mr. Airon ist der stolze, doch recht zurückgezogen lebende, kamerascheue Besitzer des “Musée régional” in einer Ortschaft im Département Bas-Rhin.

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Ihn ausfindig zu machen fordert Geschick und Ausdauer. Leicht zu verfehlen sind die geschlossenen Fensterladen mit der verwischten und abgeblätterten Inschrift, die auf das Museum hinweist, doch keinen Eingang erwähnt. Nach mehreren Versuchen gelangten wir tatsächlich ins einräumige Sanctum sanctorum. In Kisten, Kartons, Schubladen aufbewahrt, auf Regalen gestapelt, dicht nebeneinander an die Wände genagelt, geschraubt, geklebt, zusammengeschnürt, am Boden liegend oder von der Decke hängend warten Mr. Airons Sammelstücke (erworben oder gefunden), wenn nicht unbedingt auf den Besucher, dann auf die Verdichtung der Staubschichten, oder wie der Besitzer halb ironisch mitteilt: die nächsten Flügelschläge eines Engels. Langsam ans Halbdunkel gewöhnt, entdeckt das Auge dem Rost ergebenes Eisen, von Würmern befallenes Holz, von Schimmel überzogenes Leder, primitive agrarische Geräte, post-industrielle Werkzeuge, Postkarten, Fotos, Jagd- und Angeltrophäen, ausgestopfte Nagetiere und Vögel, in Formalin schwebende Reptilien, mit Nadeln befestigte Insekten, Flußkrebse, Knochen, Federn, getrocknete Pflanzen, und zuletzt Gesteine verschiedenen Ursprungs.

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Unermüdlich durchkreuzt Mr. Airon die Umgebung beider Rheinufer mit seinem Dreirad, besucht Kiesgruben, Sümpfe, Felder, Antiquariate. Sorgfältig gräbt er in Sand und Erde, erkundigt Flohmärkte, erforscht Wälder, verhandelt, tauscht mit Gleichgesinnten. Seine Sammlung führt den Besucher tief durch die Zeiten, von der modernen Antiquität bis hin zum Objekt “von vor sehr langer Zeit”, versichert uns der Inhaber, auch wenn er für die Datierung stärker seinem Instinkt vertraut als irgendwelchen wissenschaftlichen Verfahren, und seine Funde mittels einer großzügigen “Plus-Minus”-Bandbreite einschätzt. Man mag sich schnell über die Echtheit diverser Fossilien seine Gedanken machen, wie auch über manchen Kieselstein, welchen Mr. Airon zwischen Jungpaläolithikum und Neolithikum einordnet. Darunter dieses Exemplar, das er, mutig auf eine morsche Leiter kletternd aus einer Schachtel zog, und auf dessen Oberfläche er das Sternzeichen Lyra zu erkennen meinte, wenngleich ungenau dargestellt.

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Natürlich hatte der prähistorische Mensch nicht an Lyra gedacht. Was er tatsächlich sah oder sich vorstellte, wird uns für immer verborgen bleiben. Vielleicht korrespondierte einfach das Erscheinen der Konstellation bzw. seines Hauptsterns im April mit bestimmten Veränderungen am und im Fluß, vielleicht schmeckte das Wasser (angereichert mit Mineralien aus der Schneeschmelze) besser als sonst und hatte sogar positive Wirkungen auf die Gesundheit. Vielleicht tauchten bestimmte Fischarten auf? Auch wäre zu berücksichtigen, daß Lyra im Sommer kulminiert: schön sind die Tage, warm und hell, gemeinhin Zeit für Schöpferisches – warum also nicht den Fluß, an dessen Ufer man lebt, nachahmen? Wer sonst als ein begabter früher Rheinanwohner könnte diese magischen Motive auf den Stein gezaubert haben? Auf diese Weise hätte entstehen können, was Mr. Airon “so etwas wie eine “Rheinkiesel-Kultur”" zu nennen pflegte, die später mit der Michelsberger Keramik ihren Höhepunkt fand.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon”

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(1) EV15: EuroVelo 15 (Rheinradweg)