In den Rheinauen

Durch die südlichen Karlsruher Wälder im seichten Niesel auf Rheinstetten zu. Am Epplesee (eine der zahlreichen Kiesgruben der oberrheinischen Baggerseenplatte) üben Kite- und Windsurfer. Rheinstetten: dorfidyllische Durchfahrt, Siedlungsklötze in den Seitenstraßen, Habitate für Badeunfälle und Brudermord. In der Auslage des örtlichen Souvenirshops – erstaunlich: es gibt einen – „Rheinstettener Häffele“, Steinguttassen und ein Teleskop, das die Welt nach möglichen Käufern lokaler Souvenirs absucht. Der ein oder andere Erlöser aus Stein überblickt ruhige Straßenecken vom Kreuz herab. Rheinstetten-Mörsch: Hier schlägt die Nachtigall, hier spielt man Motoball – einen typisch-durchgeknallten Provinzsport, der es vor 35 Jahren sogar bis in die Sonntagssportschau brachte: Fußball mit Motorrädern (heute natürlich permanent auf Youtube zu finden). Auf Neuburgweier zu wird auf naturgeschützter Feuchtfläche die Wasserkastanie angebaut, ein Rettungsversuch der in Deutschland vom Aussterben bedrohten Pflanze, deren glasige Früchte eingedost in jedem asiatischen Supermarkt der Rheinschiene zu finden sein dürften: „Das Entnehmen von Pflanzen und Tieren aus der Landschaft ist verboten!“ Krebslöcher im Uferschlamm. Die Krebse sind amerikanische Invasoren, den einheimischen Edelkrebs haben sie verdrängt. Die Natur selbst schert sich einen Scheiß um Naturschutz und fährt stattdessen einfach fort in ihrem Drang, zu verfallen und sich zu erneuern. Die umgebende Landschaft breitet ihr zuckriges Idyll (Blütentupfer auf Streuobstwiese) vor Kraftwerkschloten. Bei Neuburgweier pendelt die Rheinfähre hinüber in die Pfalz, am gegenüberliegenden Ufer verläuft knapp südlich die Grenze zu Frankreich. Am Fährparkplatz sitzen Einheimische in ihren Autos, die Kühler auf den Strom gerichtet, und lesen Boulevardblätter – eine Mode, die mir bisher hauptsächlich von den britischen Küsten berichtet wurde. Hinein in die Auwälder. Die Altrheinarme entfalten selvatische Idyllen, ich fühle mich in einen Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Film versetzt, jetzt bräuchts ein Kanu! Gedrückte Fasanenschreie, der Kuckuck ruft, immer wieder die Nachtigall, vom Deich her faucht ein badischer Greif, ich brabble ein paar Beschwichtigungsformeln in seinem Heimatdialekt, und er winkt ab. Kanadagänse. Die Weinbergschnecke hat sich zum Aufbruch entschlossen, kreuzt die regenfeuchten Wege auf ihrem Kurs von Unterholz zu Unterholz. Klassisch am Ufer dümpelnde Nachen, Fischerhütten, behauste Kleinstinseln, hier scheint ein Klecks aus dem Topf der Geschichte neben den Fortschritt geschwappt und sich gegen alle Widrigkeiten fast vollständig konserviert zu haben. Alle Viertelstunde nur unterbrochen das Auenwunder von Jets im Anflug auf Baden Airport. Nebst kleineren Zivilsationszeichen wie betonierten Furten herrschen Frühlingsgrün, Sumpfaue, menschenleerer Mittelwald: „Feuer machen, Zelten, sowie das Baden von Tieren verboten!“