Rheinsein unterwegs

Nach langen Jahren mal wieder die weltkulturelle Mittelrheinstrecke auf der Autobahn angegangen, doch lange: sollte dieser Genuß nicht währen. Die Autobahn hatte sich über zahlreiche omnivore Sommer und Winter wenig verändert, wollte uns scheinen – dann aber urplötzlich offenbar doch: „Bei Gonsenheim ist die Fahrbahn abgesackt“, meldete lakonisch der Verkehrsfunk. Keine weiteren Hinweise auf die technischen Strukturen, noch erwägenswerte Bedeutung/Auswirkungen eines solchen Ereignisses. Hitlers langer Atem, schoß es uns – unsinnig, das geben wir freimütig zu – durch den Sinn, der, von bärtigen Autobahnwitzen vernebelt, nach Halt, Hoffnung und, so widersprüchlich und zugleich sympathisch wie das bisher vorhandene menschliche Sein: nach Ankommen strebte. Wir befanden uns kurz vor Gonsenheim. Mußten aber weiter nach Karlsruhe. Wir: das waren der Kabarettist Stefan Reusch, bekannt für den nach ihm benannten Reusch`schen Dreher, ein eigenartiges, seltenes, hauptsächlich von Reusch selbst gepflegtes Sprachfänomen, das derzeit in den USA linguistisch erforscht wird, der Kabarettist Ismael Fischmord, bekannt für seinen Namen, den er sich gemacht hat, sowie unsere stets lyrisch gestimmte Wenigkeit. Der Bordroutenplaner riet zur Umgehung Richtung Alzey. „Alzey, Alzey, das ist doch noch ein Stückchen…“ – warnte unser rheinisch-geografisches Hintergrundwissen. Und: „Eine Fahrbahnabsackung – was sollte das im engeren Sinn vorstellen? Das Land geht zugrunde/“sackt wortwörtlich ab“ und schreit nach literarisch gebildeten Zeitzeugen, die…“ Reusch: „Das ist ein Loch…“, Fischmord: „…in das die ganzen Autos nach und nach hineinkippen…“, Reusch: „…wir nehmen die Abfahrt, basta!“ Die beiden bilden ein eingespieltes Team, bekannt für seine abstrusen, kaum erforschlichen Gedankengänge: Die Ableser. Bisweilen nehmen sie, ihrer altruistischen Art gemäß, in bewährt humanistisch-liberaler Sprungbrettmanier (auf Sprungbretter wird noch präziser zu kommen sein) zu ihren Auftritten unbekannte Gastautoren mit, die kurze Zeit später einigermaßen bis ziemlich groß herauskommen: Guy Helminger, Richard David Precht, etc… (lauter edle, mehr oder minder den universellen wundervollen Kraftsäften der Lyrik zugetane Zeitgenossen jedenfalls). Gesagt, getan: die Abfahrt war genommen, zwar stand uns von Sensationslust grundiertes Aufmucken im Sinn, wurde auch formuliert: „So eine Absackung, die solltet auch ihr, die ihr vieles schon gesehen habt, mal gesehen haben – wie oft im Leben ergibt sich eine solche Chance?: eine veritable Autobahnabsackung, das ist bestimmt was ganz anderes als die Geschichte mit dem Kölner Stadtarchiv, es wird dort auch kaum nach Geothermie gebohrt worden sein wie in Staufen, hört mal, wir könnten ja ganz vorsichtig da ranfahren, wir müssen ja nichts riskieren!“ – allein: „Zu spät“, kam es höhnisch-zufrieden von den Vordersitzen. (An dieser Stelle erfährt die ohnehin wirre Erzählung einen kaum zu kittenden Bruch, denn:) Wir enterten Rheinhessen: McDonald`s-Minarette kündetens, eine ansonsten bis auf gelegentliche Baumärkte leergefegte Landschaft bestätigte es. Rheinhessen! Rheinsein bislang unbekanntes, unbedingt jedoch noch zu erforschendes Terrain! Unser Herz klopfte, wenn schon nicht bis zum Anschlag, so doch in freudiger Entdeckenslaune. Und Fischmords Konsum amerikanischer Erfrischungsgetränke versprach den ein oder anderen Halt zwecks kontemplativer Einsichtnahme in die rheinhessische Region und Kultur vom Landstraßenrand! Welch selten betretene Gegend! Die lockende Gonsenheimer Fahrbahnabsackung war so gut wie vergessen.

Mittelrheinbrücke

Loreleybrücke

In den vergangenen Wochen, Monaten, Jahren wurde sie heftig diskutiert: die geplante “neue” Brücke im Mittelrheintal. Der regionale Weltkulturerbe-Status stand darob zur Disposition – dabei wurde völlig vergessen, daß an gleicher Stelle, ein paar Stromkilometer abwärts der Loreley (und entsprechend im Volksmund nach ihr benannt), in den 70er Jahren, in denen alles möglich war, ohne ins Leere zu führen, bereits eine (leicht psychedelisch s-förmige) Brücke den Schicksalsfluß überschlug: eines Nachts war sie einfach aus dem Boden geschossen und andern Morgens verfügbar. So blieb sie für eine Weile, bis sie, eine gewisse, nirgends präzis dokumentierte Zeit später, auf ebenso unspektakuläre Weise wieder verschwand. Das seltene, womöglich nie zuvor veröffentlichte Beweisfoto spielte uns Roland Bergère zu, nachdem er es in den digitalen Stapeln seiner unerschöpflichen Dokumentensammlung erspähte.

Neues aus Hinterschellenberg (3)

Ein putzig-plustriges Wintergoldhähnchen gesichtet, es zirpte. Bißchen fad in den Endschnörkeln. Schniiiepzipzip-schniiepzipplipp, so in etwa, oder auch frrrrr-frrrrfr. Schwätzte halt so daher. Der Tag verging ganz von selbst. Im Fernsehen brachten sie was über Schellenberg, über das neue Gemeindelogo, das aussah wie der Mittelrhein an manchen Stellen. Es war dem Eschnerberg nachempfunden, der ja auch in der Nähe ist.

Ruinaulta

Was der Rhein alles ist und wie er sich zeigt, schreibt Victor Hugo in „Le Rhin. Lettres à un ami“: „Er ist mal breit, mal schmal, er ist meergrün, durchsichtig, schnell, freudig und ganz erfüllt von der großen Freude, die allem Machtvollen eigen ist.“ Hinter Castrisch fällt er plötzlich in eine Schlucht. Sein Wasser wird turmalinfarben, bleibt zugleich durchsichtig. Pfeifend und rumantsch plappernd dringt die Rhätische Bahn in die Ruinaulta, neben einem schmalen Fußpfad bedeutet ihre Schmalspur die einzige Verkehrstrasse in einem Gelände voll herrlicher Wildheit und Anspielungen auf Kulissen und Koloration der Winnetou-Filme. Über 1000 Gipfel, 614 Seen und 150 Täler soll Graubünden aufweisen. Doch diese Schlucht, die auch als Schweizer Grand Canyon bezeichnet wird, mag sie alle an Faszination übertreffen – was aus dem Zugabteil leicht Reden ist und nach Möglichkeit bei der ein oder anderen Fußwanderung überprüft werden soll. Vor gut einem Jahr habe ich diese beeindruckende Schlucht samt Flimser Bergsturz ehrfürchtig bis gethrillt und sowieso höhenschwindlig von weit oben an der Asfaltstraße durch eine passende Baumlücke betrachtet; jetzt zockle ich auf ihrem Grunde durch sie hindurch und kann weder diese Vorgaben an Idyll noch die Möglichkeit, sie per Eisenbahn zu queren, richtig fassen. Der Mittelrhein ist ein Abklatsch davon. Ein aufgepumpter. Klassischer Fall für Verlust qua Potenzierung, Mediokrität nach sich ziehende Kulturvervielfältigung. Hier jedoch springt der Fluß wie die Konsonanten der romanischen Sprache, er felselt, besteht aus mehr Kies als Wasser, rauscht, knautscht und gautscht. Nach seinen Taten und Sagen muß man suchen, sie werden einem nicht aufs Auge gedrückt. Kaum jemand hält sich in dieser unsäglich attraktiven Wildnis auf. Die Zugpassagiere wollen allesamt nach Chur. Die Schluchtbahnhöfe liegen weit unterhalb der Ortschaften mit Namen Valendas-Sagogn, Versam-Safien, Trin (Halt bei Bedarf). Kurz vor Reichenau tritt der Lauf aus der Schlucht, das türkisfarbne Wasser fügt sich zum geschmeidigen Dreischneuß des Zusammenfluß`, über den die Rhätische Bahn hinwegschwebt. Die Schneegrenze wird zur Grenze vereisten kalten Schweißes, denn ab Domat-Ems schwitzen die Berge ihre erdrückenden Depressionen aus. Unterhalb Chur bewirbt ein Plakat: www.gottkenner.ch (Fehler! Die von Ihnen aufgerufene Adresse http://www.gottkenner.ch/ ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte überprüfen Sie die korrekte Schreibweise der Webadresse (URL) und versuchen Sie dann die Seite neu zu laden.)

Rhein vs Irrawaddy vs Tonle Sap

„Road to Mandalay“ heißt, nach dem fantastischen Gedicht von Rudyard Kipling, heute ein 1964 in Köln erbautes Rheinschiff, das seit Mitte der 90er zum Luxusliner umgebaut auf dem burmesischen Irrawaddy unterwegs ist. ARD-Asienkorrespondent Robert Hetkämper hat eine Doku darüber gedreht, die den ein oder anderen Vergleich mit dem Rhein geradezu herausfordert. Ähnlich wie 2007 an den Ufern des Tonle Sap in Phnom Penh, als Rheinsein sich von einer Halluzinogene verschießenden Vollsonne plötzlich durch gleißende, sich im von mächtigen Zahnlücken geprägten Gelächter uralter Nonnen auftuende, Tunnel hindurch in imaginäre Rheinwelten, wie sie Köln vor 150 Jahren noch ähnlich gekannt haben mag, versetzt fühlte, halb im weichen Asfalt, halb im Uferschlamm versank, durch Schlick und Schnecken watend mit irgendeiner abstrusen Limo in der Hand wieder zu sich kam, unter einem lumpigen schattenfächelnden Plastiksegel in einer an allen Ecken und Enden zerfetzt wirkenden Siedlung halbnackter Handnetzfischer und Fährarbeiter, bietet auch der Irrawaddy der Kamera zunächst „romantisch-idyllische“ Bilder schlichter Fischerhütten und Bambusflöße, ähnlich den Burgruinen des Mittelrheins ragen Tempelkuppeln pittoresk, wie es gern und treffend heißt, aus den Hügeln. Direkt hinter der Romantik aber liegt seit den Tagen ihrer Erfindung überall auf der schönen großen weiten Welt nichts weiter als die nackte Realität. Von Schmutz und Prunk, in diesem Fall. Entlang des Irrawaddy und zwischen den Pagoden der Zauberstadt Bagan siedelt die Armut mit freundlichem Gesicht. An Deck der “Road to Mandalay” entspannen Touristen mit Cocktails im Bordpool, in den Ortschaften, die sie passieren, ist der Irrawaddy selbst das einzig bekannte fließende Wasser, die Kreuzfahrt wirkt beschämend, unumgänglich entsteht der Eindruck, ein paar reiche Gaffer würden da durch einen Menschenzoo geschleust, während nächtliche Kamerabilder von der Pflege buddhistischer Heiligtümer eine nahezu unberührbare Kultur suggerieren, die sich wie nebenbei unter Tourismus und Regime wegduckt, aufs Eleganteste bei sich bleibt, vielleicht ein paar goldene Schweißtropfen verliert, nach denen sich die Jäger authentischer Eindrücke vergeblich bücken, weil sie sich bei Berührung in nichts auflösen. Zum buddhistischen Lichterfest schließlich setzen vom Luxusliner engagierte Dorffischer tausende schwimmender Laternen auf den nächtlichen Irrawaddy, die wie Lichter versunkener Metropolen flußab geistern – und erinnern an die pompösen Rhein in Flammen-Spektakel, die sie mit ihrer ergreifenden Naturnähe um Längen übertreffen.