bilderstrom

Gleich zwei größere Ausstellungen beschäftigten sich zuletzt in Bonn mit der Rheinthematik. Ausschließlich Fotografien waren in bilderstrom – Der Rhein und die Fotografie 2016-1853 im LVR-Landesmuseum in der Nähe des Hauptbahnhofs zu sehen.

Als wir in Bonn aus dem Zug steigen, verkündet eine Lautsprecherdurchsage, wir sollten „im Interesse unserer eigenen Sicherheit“ sofort den Bahnsteig verlassen und durch den Nordtunnel aus dem Bahnhof fliehen. Weitere Erklärungen Fehlanzeige, nicht eine Sicherheitskraft weit und breit. Die Passagiere reagieren ganz nach persönlichen Vorlieben, die Dringlichkeit der Aufforderung bleibt letztlich im Dunkeln; als wir feststellen, daß wir, um das Museum bequem per pedes zu erreichen, auf der falschen Bahnhofsseite stehen, queren wir, zumal die Warndurchsage nicht wiederholt wird, erneut den Fluchttunnel, dessen Treppe zum Ankunftsgleis nun mit Flatterband abgesperrt ist und von einem unmotiviert wirkenden Polizisten mehr ignoriert als bewacht wird. Erleichterung nach gelungener Querung der Anlage. Ob der Bahnhof hinter uns in die Luft fliegen wird? Eine kurze Lagebesprechung ergibt, daß sich im Ernstfall genügend Alternativen für die Rückreise nach Köln finden lassen werden.

Vor dem LVR-Museum treffen wir auf eine Rekonstruktion eines jungsteinzeitlichen Langhauses, Glaswände umgeben die Fassade des lichten, innen in Furnierholzoptik verkleideten Museumsgebäudes, eine nachgebildete Büste zeigt Nofretete mit beiden Augen, Provinzgeruch klettert die ausladenden Stiegen empor, jedes Stockwerk bietet eine andere Ausstellung, unsere befindet sich im zweiten. Bevor wir die nach Epochen geordneten Fotokojen der bilderstrom-Ausstellung betreten, verirren wir uns noch schnell in einen angrenzenden Raum, der zufällig mit romantischen Ansichten des Mittelrheintals in Öl auf Leinwand aufwartet, mächtige Schinken im Halbdämmer, von denen mühelos ein seltsames Gebilde in der Raummitte abzulenken weiß, eine Art holzvertäfelter Kiosk oder Pavillon mit nummerierten Gucklöchern, das sogenannte Kaiserpanorama. Dem Betrachter dieser geografischen Peep Show präsentieren sich apparatisch vorüberziehende 3D-Aufnahmen, Stereofotografien aus den Zeiten der mexikanischen Revolution und – natürlich – idyllische Rheinansichten.

kaiserpanoramaVon 3D auf 2D reduziertes rheinisches Kaiserpanorama

Das Spektrum der Fotografien schließlich wirkt trotz einiger Highlights und vor allem anbetrachts des überschwänglichen Lobs seitens der Lokalpresse insbesondere in Hinblick auf die jüngeren Dekaden eher mäßig inspiriert und präsentiert. Viele der interessanteren Bilder (aus über 260 Einzelstücken von gut 60 Fotografen) hatten wir bereits an anderen Orten gesehen, verwunderlich die künstlerische Beliebigkeit zahlreicher Exponate. Zu unseren Favoriten gehören das Portrait eines schwergewichtigen Mannes in Freizeitkleidung (beige Hose, himmelblaues Hemd, Pilotensonnenbrille, weiße Socken zu Sandalen), der im Sessellift übers grün bewaldete, tief eingeschnittene Loreleytal schwebt (Fotograf: Claudio Hils), die Schwarzweiß-Aufnahmen Henri Cartier-Bressons mit ihrer kontraststarken Bildsprache, die eindrückliche Actionszenen aus dem Alltag filtert, Chargesheimers Portraits rheinischer Gestalten, moderne Mittelrheinroutinen Bernd Arnolds, die wir bereits an dieser Stelle präsentiert hatten und Boris Beckers Blick auf durchkomponierte Landschaften. Bei vielen alten Fotografien überwiegt der historische den künstlerischen Wert. Erwartet, doch in den Kojen nicht aufzufinden ist Rhein II von Andreas Gursky, berühmt geworden als die für einige Jahre teuerste Fotografie der Welt. Stattdessen ein Pasticcio von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger, Making of Rhine II, die Gurskys Rheinfotografie als Studiomodell nachinszenieren. Eine Aufsichtskraft, der wir Gurskys Wunderwerk im ausliegenden Katalog unter die Nase halten, muß sich erst besinnen. Nein – oder doch! Ja, sie könne sich an das Bild erinnern. Nach kurzem Zögern führt sie uns zu einem Besenschrank und holt aus dem Ablagefach ein laminiertes und leicht ramponiertes A4-Blatt mit einem Farbdruck besagten Werks. Parallel brechen wir in Gelächter aus: “Entschuldigen Sie bitte, es liegt nicht an Ihnen, es ist nur… die Überraschung ist wirklich gelungen!”

Ideale Rheinlandschaft

rheinlandschaft_kloster steinfeldDas leicht beschädigte und klassisch gerahmte Gemälde in einem Tagesraum des Klosters Steinfeld weckte bei allen Befragten unmittelbar Assoziationen an den Mittelrhein – auch wenn niemand die Darstellung genauer zu lokalisieren vermochte. Offenbar handelt es sich um einen idealisierten Rheinausschnitt der Kategorie ”zu schön, um wahr zu sein”. Mochte der reale Rheinblick dem Maler  als “zu wahr, um schön zu sein” gegolten haben? Oder handelt es sich am Ende doch um eine realistische Darstellung einer inzwischen umgestalteten Szenerie?

Der Rhein – Strom der Geschichte

lautet der Titel der neuesten Rheindoku (von Florian Breier und Christian Stiefenhofer), die dieser Tage bei anlief, bis 11. Juli 2016 in der Arte-Mediathek verfügbar ist und sicher noch einige Wiederholungen erleben wird. Der knapp 90-minütige Film switcht in abgegrenzten, letztlich zusammenhanglosen Szenen zwischen Quellen und Mündungen – Leitfaden ist einmal nicht (wie bei Rheindokumentationen gängig) die Geografie, sondern die Zeitleiste, die chronologisch von der Prähistorie bis in die Gegenwart verhandelt wird.
So beginnt der Film mit Krokodilen, Tapiren und Dinotherien, die sich vor 15 Millionen Jahren am tropischen Urrhein im heutigen Rheinland-Pfalz aufgehalten haben – bevor der Fluß seinen Weg änderte, um das Mittelrheintal auszuschwemmen. Ein jüngst mit moderner Methode ausgewertetes Hirschgeweih verweise auf das lange umstrittene Stromalter, das vermutlich erst mithilfe einer nächsten, noch moderneren Methode korrigiert bzw. ganz neu ermittelt werden wird. (Vor gut einem Jahr hatten wir auf solche Überlegungen zum Flußalter auf rheinsein verwiesen.) Der Urrhein wird dargestellt als Überbleibsel eines Teile Europas bedeckenden Meeres, das von der Alpenauffaltung zurückgedrängt wurde. Die Rede ist von einem “Wachstum nach Süden” und Verschmelzen mit der Uraare, die Flußrichtung müßte mithin gegenläufig zur heutigen verlaufen sein. Der Uralpenrhein dieweil sei bis vor fünf Millionen Jahren noch in die Urdonau geflossen. Erst in einer Eiszeit vor 450.000 Jahren hätten Gletscher den Urrhein von der Urdonau abgeschnitten und nach Westen gedrängt, wo er auf die Rhein-Aareverschmelzung getroffen sei.
Es folgt ein Sprung in die Eiszeit vor rund 14.000 Jahren. In der Gegend des heutigen Bonn jagen von Schauspielern dargestellte Frühmenschen an den Ufern des amazonisch verzweigten, mehrere Kilometer breiten Rheins. Die Pfeile bei der Elchjagd sind mit Feuersteinspitzen versehen. Aus Geweih schnitzten die “Oberkasseler Menschen” wie sie nach Skelettfunden bezeichnet werden, Elchfiguren in fließenden Formen.
Vom Ausbruch eines Eifelvulkans und seinen Folgen für den Rhein erfahren wir in Computeranimationen, von der Ruinaulta, vom Verhältnis zwischen Römern und Germanen, von Deutschen und Franzosen und nicht zu knapp von Tullas Rheinbegradigung, doch gehen sämtliche Abschnitte kaum je über den Teasermodus hinaus: interessante Ansätze, die im Allgemeinen steckenbleiben und Fragen aufwerfen, die wir als Zuschauer lieber geklärt gesehen hätten: eine Dokumentation wie ein Hinweis auf zahlreiche noch zu drehende Dokumentationen!

Der zugefrorene Rhein Ende der Zwanziger

Daß der Rhein zufriert, ist aufgrund des Klimawandels und die Wassertemperatur erhöhender Industrieeinleitungen auf mittlere Sicht kaum vorstellbar. Historische Berichte über zugefrorene Rheinabschnitte reichen mehrere hundert Jahre zurück. Bald 90 Jahre alt sind die Fotos, die den zugefrorenen Fluß vor den Kulissen des Mittelrheintals zeigen. Sie stammen aus der Sammlung von Friedrich Paff, der sie auch mit Anmerkungen versehen hat.

paff_bacharach_eis_klBacharach

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Unterm Drachenfels

Weinanbau vor klobig-gezackter Landschaft mit Rhein-Wein-Reim: das Schilderdesign (gesehen in Königswinter) versetzt das Betrachterherz in abgelaufene Jahrzehnte. Im Römerglas wirkt sichtbar Sonnenenergie, die beim Gläserklingen innerschädelsches Nixensingen evozieren soll.

Die Loreley (feat. Helene Fischer)

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Neulich durchstöberten wir das Netz auf der Suche nach Loreley-Interpretationen und stießen auf diesen albernen Flash-Film von Arthur Würz und Leonard Liebler. Darin erzählt die Hippie-Großmutter den Drillingen eine Gutenachtgeschichte von der Loreley, die sie aus den 70ern in Erinnerung hat: Unter Reggaeklängen kommt ein Schiff durch die enge Schlucht des Mittelrheintals gesegelt. Kapitän ist ein Rastaman, der sich sogleich einen gewaltigen Joint anzündet, der den Heckbereich der Schaluppe einnebelt. Dabei zitiert er Heines Loreley, dichtet die erste Strofe jedoch auf seinen bekifften Zustand um. Im folgenden werden einzelne Zeilen im Original aus dem Off weitergesprochen, bis “die schönste Jungfrau” sich als Schlagerstar entpuppt, dessen “wundersame gewaltige Melodei” der Gassenhauer “Atemlos durch die Nacht” von Helene Fischer ist. Der Kapitän, breit wie eine Haubitze, entbrennt für die blonde Sängerin und läuft liebesblind auf einen Felsen in der Strommitte, sein Schiff detoniert. Ob dieser entsetzlichen Wendung wimmern die Drillinge im Bette und scheißen sich ein vor Angst. Nun beginnt der Abspann, der beinahe die Hälfte des Achtminüters ausmacht und zu Afromans Kifferhymne “Because I Got High” vor den Gefahren des Drogenkonsums warnt.

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“Zur Rechten und zur Linken tat sich das Postkartenpanorama des Mittelrheintals auf. Hunderte Male hatte ich die Strecke zuvor mit dem Zug passiert, ausländische Mitreisende hatte ich auf Höhe des Loreleyfelsens im Großraumwagen gelegentlich respektvoll Heine im Original zitieren hören, während deutsche Mitreisende am Mobilfon lautstark ihre Position mit „hier sind lauter Tunnel und so ein Fluß, wahrscheinlich die Elbe“ und ähnliche Desorientiertheiten durchgaben. Nun auf dem Schiff wirkte die Schönheit des Tals ins Quadrat gesetzt, schien der Fluß sich an Bergwänden zu stauen, um sich in fotogenen Biegungen erneut zu öffnen. Befestigungsanlagen und Burgen, die Rheinpfalz vor Kaub sonnten sich im warmen Morgenlicht, an den Hängen experimentierten Wald- und Weinlaub mit geschmackvollen Herbstfarben. Auf kleinen Felsinseln im Fluß breiteten die Kormorane ihr metallisch glänzendes Gefieder. Bojen wippten gemächlich entlang der Fahrrinne. Die Schiffsreisenden hielten ihre Tablets in Kopfhöhe, auf zahlreichen Displays setzte sich die Landschaft in persönlich gewählten Ausschnitten neu zusammen. Die groben, mehrsprachigen Informationshäppchen aus dem Bordlautsprecher erinnerten daran, dass diese genuin-zaubrische Umgebung im Allgemeinen zum Synthetikum verklärt, zum Multimedia-Mythosraum geronnen ist.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.

Mittelrheinpassage

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Zwei Rebläuse auf dem Weg zur Loreley

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Die Rheinkulisse, insbesondere der Mittelrheinabschnitt, diente in den 60er und 70er Jahren gleichsam als eigenständiger, die Handlung zusammenhaltende Darsteller in Spielfilmen, die einen Humor pflegten, der seither freiwillig in seinem deutschen Käfig verharrte, und wenn er nicht gestorben ist, noch heute vor sich hinröchelt. Ein Beispiel solch eines monumentalen Humorzombies findet sich derzeit auf Youtube, wo Quirin Steiners Wenn’s juckt wird gejodelt (Alternativtitel: Zwei Rebläuse auf dem Weg zur Loreley) von Zehntausenden abgerufen wird. Das Kinoportal Moviepilot faßt den Plot der mit gelegentlichen Nacktszenen frisierten Heimat- und Sittenkomödie wie folgt zusammen: “Wenn sich zwei trottelige Burschen und ein notgeiler Priester auf den Weg machen, nach den unehelichen Söhnen eines alten Kapitäns zu suchen, kann das nur schief gehen. Wenn sich dann aber zu allem Überdruss noch herausstellt, dass die gesuchten Söhne in Wahrheit Töchter sind, dann kommt’s erst recht zu allerhand Verwicklungen und Reibereien. Eine wilde Fahrt durchs Rheinland beginnt, in der ziemlich viel gekuppelt und geknüppelt wird.” Bayerische Binnenschiffer treffen auf einen rheinischen Doppel-Tünnes und Schäl, eine resolute schwäbische Haushälterin auf strunzdumme Blondinen. Dialektgebrauch, schauspielerische Armut und Maske vorschlaghämmern grob gearbeitete Gags ins Panorama, das sich an einigen Stellen bis heute nicht davon erholt zu haben scheint.

Rheinzitat (26)

“Trockenfahren, das ist bei uns ungewöhnlich.”

Das Kompositum Trockenfahren ist verbürgt aus der Mittelrheinbahn. Eine Passagierin namens Uschi erklärte unserem Gewährsmann und langjährigen Mitarbeiter Costa “Quanta” Costa, das Wort stünde für eine Zugfahrt, bei der kein Alkohol konsumiert wird. Bei einer Erkundung des Mittelrheingebiets um den Loreleyfelsen herum fielen unserem Mann zudem beschwingte Touristenhorden auf, die sich durch das gemeinsame Merkmal auszeichneten, ein Weinglas, an einer Schnur um den Hals gebunden, spazieren zu führen.

Loreleydarstellungen im öffentlichen Raum des Welterbes Oberes Mittelrheintal

loreley_malvira hahnLorch. Plakat zu einer Ausstellung mit Holzschnitten und Gedichten von Malvira Hahn im örtlichen Robert-Struppmann-Museum

loreley_goarshausen_2Straßenfront in der dem Loreleyfels nächstgelegenen Ortschaft St. Goarshausen

Bahnunterführung zum Multimedia-Mythosraum am südlichen Ortsausgang

Riesbeck über das Mittelrheintal

Als wir unsre Augen auf dem prächtigen und lachenden Rheingau geweidet hatten, fuhren wir in das Dunkel des engen Tales hin, welches sich unter Bingen öffnet und dessen ganzen Boden der gedrängte Rhein einnimmt. Der Abstich tat unsern Augen unbeschreiblich wohl. Die Berge, welche sturzdrohend in diesem Tal über dem Fluß herhangen, sind bald mit dem mannigfaltigsten Grün bedeckt, bald nackte Felsen, hie und da blauer oder roter Schiefer und oft auch harter Urfels. Ihre Gestalten, ihre Einschnitte, ihre Verkettung, ihre Bekleidung, ihr verschiedener und seltsamer Anbau hie und da und die beständigen Krümmungen des Stromes machen die Aussichten alle Augenblicke abwechseln. Ungeachtet der größern Beschwerden sind die Ufer dieses Tales doch ungleich stärker angebaut und bewohnt als die Ufer der Donau in irgendeiner Gegend. Fast alle Stunde hat man eine Stadt vor sich. Fast jeder Berg ist mit den Trümmern eines alten Schlosses gekrönt, worin ehedem ein deutscher Ritter hausete. Die Lage dieser Städte und Flecken hätte die erhabenste Phantasie nicht romantischer und malerischer angeben können. Wir hatten einen Schottländer bei uns, der über Suez und über Italien aus Ostindien kam. Der Mann tat oft wie rasend. Er hatte hie und da Ähnlichkeiten mit Gegenden seines Vaterlandes gefunden, und da sprang er immer mit gleichen Füßen in die Höhe und schrie: “Das ist die Küste von N.! – Das ist die Bucht von N.!” Und da nennte er allezeit einen Ort im Schottischen Hochland, welcher der Partie der Rheinlandschaft, die wir vor uns hatten, ähnlich sein sollte. Die Liebe zu seinem Vaterland, von dem er zehn Jahre entfernt war und nach welchem er sich so heftig sehnte, griff ihn beim Anblick dieser Ähnlichkeiten wirklich mit gichterischen Zückungen an. Ich hatte Bosheit genug, ihn einigemal zu erinnern, wie weit er noch von seinem Vaterland entfernt sei, welches er auf dem Rhein zu sehen glaubte. Als uns hie und da Weinberge zu Gesicht kamen, fragte ich ihn, ob diese Landschaft auch Ähnlichkeit mit einer Bucht in Schottland hätte. Anfangs tat er böse; endlich ward er sehr beredt darüber, um mir zu beweisen, daß der Anblick der Weinberge der traurigste in der ganzen Gegend wäre, die wir durchfahren hätten. Er behauptete, die Regelmäßigkeit der gepflanzten Weinstöcke und ihre Einförmigkeit habe so was Ekelhaftes und Beklemmendes, daß er die Augen wegkehren müsse, um sie auf den kahlen und abstürzigen Felsen oder dem wilden und dicken Grün der gegenüberstehenden Berge weiden zu lassen. Das verkünstlende Gewühl der Menschenhände, sagt’ er, wäre höchstens nur deswegen in dieser Landschaft zu dulden, um die Reize der schönen und unverzierten Natur umher auffallender zu machen. Ich antwortete ihm auf seine lange Rede mit einem Glas roten Aßmannshäuser, welches ich ihm zubrachte und den er sehr trinkbar fand.

Die schönsten Gegenden in diesem romantischen Land sind die um Bacharach und Kaub, welche Städte beinahe grade einander gegenüberliegen, um St. Goar und um Koblenz. Die Lage von Bacharach ist, wie der Ort selbst, finster und schauerlich schön. Der Berg, an dessen Fuß das Städtchen liegt, hängt senkrecht drüber her und ist zum Teil mit Reben bekleidet, die einen der besten Rheinweine liefern. Die Lage von Kaub ist offener und lachender und macht mit dem entgegengesetzten Bacharacher Ufer einen unvergleichlichen Kontrast, besonders da sich die Häuser dieses Ortes durch ein lichtes Weiß im tiefen Grün seiner Gegend und im Abstich mit der ehrwürdigen Schwärze von Bacharach ungemein stark ausnehmen. Mitten im Rhein zwischen beiden Städten liegt auf einem Felsen, der kaum über die Oberfläche des Wassers emporragt, ein dicker, hoher und fester Turm, die Pfalz genannt, wie er denn auch, samt den beiden Städten, dem Kurfürsten von der Pfalz zugehört und vom gemeinen Volk für das eigentliche Stammhaus der Pfalzgrafen gehalten wird. Eigensinniger und malerischer kann in einer Landschaft nichts gedacht werden als die Lage dieses Turms, wenn man ihn in einiger Entfernung sieht. Die Gegend um St. Goar ist von ganz andrer Natur. Das rechte Ufer des Rheines ist hier ganz wild. Auf einem der hohen und fast senkrecht abgehauenen Berge, die es bilden, der sich durch seine majestätische Gestalt stark ausnimmt, liegt sehr romantisch ein festes Schloß, welches man noch zu erhalten sucht. Das linke Ufer, worauf die Stadt liegt, ist noch steiler, aber zum Teil mit unbeschreiblicher Mühe angebaut. Man hat auf kleinen Terrassen, wie zu Rüdesheim, auf dem abstürzigen Felsen Weinberge angelegt, die eine ungeheure hohe Treppe bilden. Der Raum zwischen dem Strom und den Felsen ist so enge, daß die Einwohner sich zum Teil in den Fels selbst hineinbauen. Über der Stadt ragt die Festung Rheinfels, von welcher ein Ast des hessischen Hauses den Namen trug, die aber nach Absterben desselben samt dem dazugehörigen beträchtlichen Lande dem Landgrafen von Hessen-Kassel zugefallen ist, majestätisch empor. Die Stadt selbst ist ziemlich lebhaft und die beste zwischen Bingen und Koblenz. Die Einwohner scheinen ein sehr fleißiges Volk zu sein. Ein wenig über der Stadt verursachen die kurzen Krümmungen des gedrängten Rheines einen Wirbel, der unter dem Namen der St. Goarer Bank sehr verschrien ist. Von beträchtlichen Unglücksfällen hört man sehr selten; allein wir waren Augenzeugen davon, daß der Ruf dieses Platzes kein leerer Popanz wieder des Donauwirbels ist. Ein großes kölnisches Schiff fuhr eben neben uns herauf. Es hatte von St. Goar einen alten erfahrnen Steuermann mitgenommen, der an der gefährlichen Stelle sehr weit in den Strom hineinstach. Die Pferde zogen stark an. Auf einmal ward der Steuermann von der Gewalt des Stromes so sehr überwältigt, daß das Schiff in einem Augenblick an dem linken Ufer des Flusses lag, ob es schon beinahe 150 Schritt davon entfernt war. Zum Glück stand eben da an der Spitze eines Felsen ein großer Kahn, der wie ein Hut zusammengedrückt ward, ohne den aber das Schiff vielleicht eine große Wunde bekommen hätte. Es saß demungeachtet auf dem Felsen auf und mußte mit Winden und Hebeln gelichtet werden.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

In weißen Schiffen

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In Bacharach, einem frei erfunden wirkenden Städtchen, das den Inbegriff des Mittelrheingedankens (eine gnadenlose Mischung aus Römer-, Mittelalter- und Romantiknachlässen, Weinbau und Tourismus) vorzustellen scheint, ist Lyrik im kopfsteingepflasterten Straßenbild omnipräsent. Gasthäuser und Weingüter, fast ausschließlich Fachwerkbauten, zieren einfach gereimte Sinnsprüche und Vierzeiler à la “Der Wein, der Wein ist Goldes wert / Er lindert alle Schmerzen / Er macht die Dummen oft gelehrt / Und bessert böse Herzen”. Dichterworte Goethes, Schillers, Brentanos und anderer Romantiker finden sich auf Tafeln und Plakaten, hin und wieder verirren sich auch Verse von Zeitgenossen zwischen diejenigen der längst begrabenen und kanonisierten Dichter. So stießen wir an Bacharachs Uferpromenade auf ein Gedicht von Friedrich G. Paff, der rheinsein bereits als Gastbeiträger mit Ansichten des Mittelrheins beehrte – und auch in der Schulgasse sind, ein wenig versteckt, Zeilen Paffs “fürs Rabegretsche” angebracht. In den Parkanlagen des Rheinufers befindet sich ein “Platz der Poesie”, an dem Victor Hugo mit Heinrich Heine und Clemens Brentano, alle drei in lustigen Tiergestalten, zecht – eine Bronze von Liesel Metten. Schließlich fand sich in einer kaum frequentierten dunklen Gasse ein Schaufenster, das komplett mit einem kunterbunt-süßlichen “Manifest für die Poesie” aus Versen und kleinskulpturalen Fantasiegebilden ausgestattet war, dessen Urheber uns durch die Lappen gerutscht ist.