Presserückschau (Juli 2014)

Die Rheinmeldungen des Juli-Sommerlochs handeln von Rückständen und Schwimmern im Fluß, sowie saisontypisch von Tieren, darunter einem selten gesehenen Besucher:

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Den Rhein auf kleinste Plastikpartikeln untersucht der Basler Student Thomas Mani: “”Es gibt Hochrechnungen, laut denen täglich mehr als vier Tonnen kleinste Plastikteile via Donau ins Schwarze Meer gelangen. Mit meiner Masterarbeit will ich prüfen, ob es dieses Problem auch im Rhein gibt.” In einer 15-tägigen (…) Reise mit einem Kleinbus wird er an zehn Stellen zwischen Basel und Rotterdam rund 4,5 Millionen Liter Rheinwasser filtern und die darin enthaltenen Schwebestoffe zurück ins Labor bringen. Dort werden die winzigen Plastikteile Stück für Stück unter dem Binokular untersucht, fotografiert und gewogen. Danach wird ein externes Forschungsinstitut mittels Infrarot-Spektroskopie ermitteln, von welchen Produkten der Mikroplastik möglicherweise stammt.” (20 minuten)

2
Noch ein Probenentnehmer kündigt sich in der Presse an: der Chemiker Andreas Fath möchte den Rhein ab Ende Juli der Länge nach durchschwimmen. “So will man erforschen, wie sauber der Rhein wirklich ist und was darin so alles schwimmt. Unter anderem erwarten die Wissenschaftler zu finden: Spuren von der Droge Crystal Meth, Psychopharmaka, Pestizide sowie einen Wirkstoff aus der Anti-Baby-Pille. Ein Fokus liege auf Mikroplastik, erläutert Fath, also mikroskopisch kleinen Plastikteilchen, etwa von PET-Flaschen. Die Ergebnisse könnten laut dem Chemiker dabei helfen, Verfahren zu entwickeln, bestimmte Stoffe aus dem Abwasser zu filtern. Der Wissenschaftler sieht es auch als sportliche Herausforderung: Vor ihm hat nur der Bonner Klaus Pechstein den Rhein bezwungen, in 30 Tagen, 1969 war das.” (Morgenweb)

3
Dieweil Andreas Fath (siehe 2) mit der Ankündigung seiner Rheindurchschwimmung die deutsche Presselandschaft des Sommerlochs im Sturm erobert, ist Ernst Bromeis bereits mit seiner “Expedition 2014″ im Rhein unterwegs. Im Mai 2012 hatte Bromeis einen ersten Versuch gestartet, den gesamten Rhein zu durchschwimmen – kurz hinter Basel gab er damals auf. Im Vorfeld hatte die Presse seinerzeit ausführlich berichtet. Dieses Mal hält sich deutsche Presse im Vorfeld und auch während der laufenden Aktion (mit Ausnahme eines längeren, lesenswerten Artikels in der FAZ) vornehm zurück, während die Schweizer Presse auch Bromeis’ zweite Expedition begleitet: “Zu Beginn der dritten Expeditionswoche erlebte das Team um Ernst Bromeis (…) eine unangenehme Überraschung: Am Stauwehr des Kraftwerks Laufenburg (Aargau) wurde ihnen mitgeteilt, dass bis auf weiteres keine Boote passieren können, weil der Hochrhein für den Schiffsverkehr teilweise gesperrt sei. Grund dafür sind die ergiebigen Niederschläge der letzten Tage und Wochen vor allem im Einzugsgebiet der Aare, die weiter oben in den Rhein mündet. «Ohne Begleitboot kann ich im Moment nicht weiterschwimmen,» fasst Bromeis die Situation zusammen. Er war mit seiner «Expedition 2014» am 7. Juli an der Rheinquelle im Lago di Dentro gestartet, um zur Rheinmündung in Holland zu schwimmen. Die ersten sieben Tage hatten ihm die sehr tiefen Wassertemperaturen zu schaffen gemacht.” (Südostschweiz)

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Von “Teufelszeug auf dem Vormarsch” berichtet die Frankfurter Rundschau und meint das oben (siehe 2) angesprochene Crystal Meth. Ein verwandter Artikel derselben Ausgabe schildert womöglich erste Auswirkungen der Droge: “Äußerst aggressiv sollen zwei Männer in Bingen reagiert haben, als sie von Wachleuten beim Nacktbaden im Rhein gestört wurden. Die Sicherheitsleute hatten sie am Freitagabend auf dem Gelände der Landesgartenschau erwischt und zum Verlassen des Parks aufgefordert (…). Daraufhin hätten die unbekleideten Schwimmer die Wachleute wüst beschimpft und mit der Faust zugeschlagen.”

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Am Oberrhein, wo sie entlang des Rheins am häufigsten vorkommen, heißen die Stechmücken Schnaken (Dialekt: Schnooke bzw in diversen Schreibweisen). Ihre Brutgebiete liegen in den dümpelnden Altrheinarmen. Seit 1976 werden sie Jahr für Jahr vom Menschen bekämpft, die Kriegstaktik ging dabei von anfänglich massiven Einsätzen der chemischen Keule zu biologischen Kampfstoffen über: “Monsunartige Regenfälle in Kombination mit tropischen Temperaturen: Das ist eine Wettermischung, die den Stechmückenbekämpfern am Rhein gar nicht gefällt. Vor wenigen Tagen erst sind die Hubschraubereinsätze zu Ende gegangen, bei denen der für Schnakenlarven tödliche Eiweißstoff Bacillus thuringiensis israelensis (BTI) aus der Luft über einer Fläche von rund 6000 Quadratkilometern abgeworfen wurde. Da rollt schon die nächste Hochwasserwelle den Fluss hinab. So dass in den Brutgewässern links und rechts des Stroms, in denen die dort abgelegten Eier durchaus bis zu zehn Jahre auf den für sie „richtigen Moment“ warten können, abermals neue Plagegeister heranwachsen” schreibt die FAZ. Die Kampfeinsätze finden vom Kaiserstuhl bis Bingen statt, neben Helikoptern sind ganze Hundertschaften Infanterie mit Sprühgeräten im Einsatz. Veterane der Anti-Schnaken-Bewegung erinnern sich noch an die Zeit vor 1976, als viele Rheinanwohner die Sommerabende im eigenen Garten nur in Neoprenanzügen überstehen konnten.

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Zum ersten mal habe sich ein Seeadler im niederländisch-deutschen Grenzgebiet dauerhaft niedergelassen, schreibt derwesten: “Mit einer Flügelspannweite bis 2,40 Meter gleitet der Seeadler fast geräuschlos am Himmel, elegant und immer aufmerksam auf der Suche nach Nahrung. Der Seeadler gehört zu den größten Raubvögeln in Mitteleuropa und in diesem Jahr ist er zum ersten Mal auch ein Sommergast in der deutsch-niederländischen Grenzregion. Ornithologe Bert Beekers beobachtet den Vogel seit ein paar Monaten am Kaliwaal bei Kekerdom in der Millinger Waard, im Ooijpolder, entlang der Altrheinarme in Lobith und in der deutschen Düffel.”

Von der kurzen Renaissance politischer Lyrik

in Mitteleuropa im ersten Halbjahr 2012 handelt unsere aktuelle, gestern erschienene Kolumne für das Kultur-Monatsmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands, von ihren medialen Erfolgen im Falle Günter Grass und ihren konkreten Folgen bei einer Volksabstimmung in einem Fürstentum im Falle anonymer, pro-fürstlicher (hier und hier auf rheinsein dokumentierter) Agitprop, nachzulesen über diesen Link.

Türkischer Rhein: im Herbscht het ma da Türgga gholt

„Im Herbscht het ma da Türgga gholt vom Riet, vo Hand uusbroche und di Fueder mit em Fuehrwerch hoa transportiert. D’Froue hend d’Stube uusgruumt und denn het ma di ganzi Laadig vo Türggachölba mit de Zoane i d’Stube ietroat. A mengem Ort hets bis mindeschtens uf di halb Fänschterhöachi Hüüffe ka, di ganz Stube voll, so dass nu no Platz ka het für en Bangg oder en Harass zum Druufhogge, um Chölba uuszhöltscha. Nachbuure und Helfer sind zur Mitärebet iiglaade worde. Es ischt gsellig und gmüetlig gse, me het gsunge, verzellt und viil glachet.

Me het vorzue d’Bletter abgrupft bis uf zwoa bis vier Bletter und die omme zämmeknüpft. Di grichtete Chölbe het ma i Zoane toa und d’Manne hend dia i d’Obertiili uetroat, wo si vo andere vorzue zum Trüchne uufghenggt worde sind. D’Obertiiline sind mit so Holzliischtene oder Dröht uusgrüschtet gse, damit me dia Chölba het chönne uufhengge. Das ischt denn en ganze Johresvorroot gse. Dia Chölba het ma im Louf vom Johr abegno, abgribblet und denn i d’Mühli broocht uf Sennwald. De Müller het denn das Türggamehl wider vertoalt, jede het sis eigne Mehl zrugg übercho. De Türgga het ma o als Hennefuetter bruucht, früeher hond fascht alli Lüt Henne ums Huus ka.“

(Der Originalbeitrag steht auf Doazmol in der Rubrik “Frümsner Bräuche” unter dem Titel “De Höltschät” und ist dort auch als Audiofile nachzuhören. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Türgga bezeichnet im St. Galler Rheintal und im Liechtensteinischen eine Maissorte, die bis vor einigen Jahrzehnten für die inzwischen kaum noch verbreitete bäuerliche Basisspeise Ribel verwendet wurde. Im westlichen Österreich wird der Mais allgemein als Türken bezeichnet. Die Bezeichnung rührt offenbar daher, daß der Mais in Mitteleuropa über die Türkei und den Balkan seine Verbreitung fand. rheinsein dankt Doazmol fürs Überlassen des Beitrags!)

Ein Aal läßt sich nicht aufhalten

Kommissar Hunkeler ist vor allem am Hoch- und Alpenrhein ein Begriff. Die Kriminalromane Hansjörg Schneiders wurden vom Schweizer Fernsehen verfilmt und zur besten Sendezeit ausgestrahlt. In Hunkeler und die Augen des Ödipus geht es um eine kultivierte Rheinleiche, das Verhältnis zwischen dem Basler Großbürgertum und seinem Theater, um das Flair des Basler Hafens, die verzwickten Quickungen bzw verquickten Zwickungen des Dreiecklands und um Aale:

„(…) „Vor knapp dreißig Jahren“, sagte Hunkeler, „floss der Rhein hier rot. Das war nach der Chemiekatastrophe in Schweizerhalle. Damals wollten die Aale an Land kriechen. Es gelang ihnen nicht, wegen der Mauer. Ich habe gesehen, wie sie vorbeitrieben.“
„Sie sind längst zurück. Ein Aal läßt sich nicht aufhalten. Er schwimmt als kleiner Wicht vom Sargasso-Meer im Atlantik mehrere tausend Kilometer zur Rheinmündung und flussaufwärts bis zu uns. Wenn notwendig, kriecht er über Land. Er überwindet sogar den Rheinfall. Er kommt ein Jahr lang ohne zu fressen aus. Er verwandelt sich vom Meerfisch zum Süßwasserfisch. Wenn er nach mehreren Jahren zurückschwimmt ins Sargasso-Meer, um sich zu paaren und anschließend zu sterben, wird er wieder zum Meerfisch.“ (…)“

Die Unterwasserdschungel der Sargassosee, in denen die Aale sich paaren, gelten als der größte zusammenhängende Pflanzenwuchs unseres Planeten. Gilt der Orientierungsssinn des Wanderaals gleichsam als Wunder, so bezogen wir dies Wunder stets eher auf das Zurechtfinden in schier endlosen Algen- und Tangwucherungen, als in den Flußläufen Mitteleuropas. Daß Aale imstande seien, den Rheinfall zu überwinden, widerspricht im Übrigen einer andern, hier zitierten, allerdings etwas älteren Quelle.

Nun wird vor Hunkelers Augen ein Aal aus dem Rhein gezogen. Als Köder diente kein Pferdekopf (wie andernorts), sondern lediglich ein banaler Wurm:

„(…) Er zeigte auf zwei rötliche Flossen.
„Das hier sind die Brustflossen. Bauchflossen hat er keine. Die Schuppen sieht man nicht, die sind von der Haut versteckt. Der Unterkiefer steht vor, wie du siehst. Die Zähne sind feilenartig.“
Das Tier wand sich, ringelte sich. Über seinen Rücken zog sich eine lange Flosse, durch die wellenartig ein Zittern ging. (…)“

„Feilenartige Zähne“, das klingt ganz nach den hübschen lexikalischen Zuschreibungen, mit welchen die Zoologen Tiere näher zu bezeichnen pflegen, um sie zu systematisieren, auseinanderzuhalten und zu verwandtschaftlichen. Im Verlaufe des Romans werden die Aale verdächtigt, dem Mordopfer die Augen ausgefressen zu haben – ganz zu unrecht, wie Kommissar Hunkeler schließlich herausfindet. Unterdessen dienen die Schlangenfische in lakonischen Dialogen als Projektionsfläche für Gedanken über Naturzyklen und die Ferne und finden offenbar auch im Erzählschatz des Schweizer Volksglaubens Erwähnung:

„(…) Früher hat man sich erzählt, dass sie den Bauern nachts in die Ställe kriechen und die schlafenden Kühe melken. Aber das ist wohl ein Märchen.“ (…)“

Zitate aus: Hansjörg Schneider – Hunkeler und die Augen des Ödipus, Zürich 2010

Die Verfilmung von 2012 mit Mathias Gnädinger und Axel Milberg weicht von der Romanvorlage ab, selbst der Täter ist im Film ein anderer.

Bregenz (2)

Mit dem ÖBB-Wiesel von Feldkirch an den keltisch-römischen Bodensee. So ganz flink bewegt sich das Wiesel nicht, eher schleicht es ruckhaft durch die Vorarlberger Dörfer, Gleisparks und Städtchen entlang des Österrheins: Anfahren und Bremsen. Die Ortschaften tragen Namen wie Haselstauden oder Klaus in Vorarlberg (aus dem das verbleicht-zerfressene Stationsschild K in Voranberg macht). Immerhin nur läppische 9,10 Euro kostet eine Tageskarte. Dem Bregenzer Bahnhof direkt gegenüber liegt die imposante Seebühne, welche gerade für eine Oper über den während der Revolutionswirren guillotinierten französischen Lyriker André Chénier umgebaut wird. Promenade und Innenstadt geben sich typisch bodensee-touristisch, nur daß an Märzwerktagen vielleicht grad anderthalb handvoll Touristen durch die Straßen schleichen. Ein hübsches Fleckchen stellt die Oberstadt vor, mit dem Stadttor mit seinen eingeritzten Sprüchen („Nutz Diene Zit / Mahn fule Lüt / Meid Bösen Strit / Duld Truglug it“), von dem ein mumifizierter Hai herabbaumelt, als Kuriositätenzentrale. Rekorde: der Martinsturm gilt als größter Zwiebelturm Mitteleuropas – in der Tat: ein Brett! Die Hausfassade Kirchstraße 29 gilt als schmalste Ganzeuropas: mit 57 Zentimetern Breite – um den Rekord abzurunden imaginieren wir eine Flucht von 500 Metern Länge hinter der unscheinbaren Holztür. Die zum Kapuzinerkloster gehörige Lourdesgrotte mit der Statue Unserer Lieben Frau, die nach Angaben der Müllerstochter Bernadette verfertigt und einst als erste Statue in der Erscheinungsgrotte zu Massabielle aufgestellt wurde, gilt als das ehrwürdigste Lourdes-Heiligtum Österreichs. Ansonsten begegnet uns Bregenz als Stadt der Fahrradschieber, schon die Kleinsten üben sich auf den gepflasterten Anstiegen Richtung Bergwelt. Über/regionale Berühmtheit erlangt hat das „Running Sushi & Buffet Tokyo“, ein All you can eat-Fließband-Sushirant, das eine dem asiatischsten Metropolenverkehr nachempfundene, übereinander verlaufende Warm- und Kaltspeisendoppeltrasse anbietet, die sich durch weite Teile des in einer Shopping Mall situierten Ladens schlängelt und dem günstigen Preis entsprechend überraschend vielfältige (mit brauner Süßpaste gefüllter Olm?!) zwar, aber fade Ware anbietet. Ein letzter Blick auf den Dunst überm See und zurück geht’s durch österrheinische Feld-, Wald- und Wiesengebiete, über denen majestätisch Arl und, immer einen Flügelschlag voraus, Vorarl kreisen.

Liechtenstein-Gedichtband ab sofort erhältlich

Zur Leipziger Buchmesse erscheint in der Kölner parasitenpresse ein neues Substrat unseres großen Forschungs- und Neubeschreibensprojekts zur rheinischen Kulturgeschichte und Gegenwart: Das Lachen der Hühner, ein Gemeinschaftsband mit Helena Becker, versammelt in zwei nebeneinander laufenden Zyklen aus Papierschnitten und Sonetten Eindrücke aus dem Fürstentum Liechtenstein.
Helena Becker lebt seit jeher in Liechtenstein. Ihre nach Sujet reduzierten oder dynamischen Papierschnitte zeigen vornehmlich architektonische Aspekte der elf Landesgemeinden. Die Stimmung der einzelnen Bilder wird von ortstypischen einheimischen Tieren variiert.
Die Gedichte hingegen stehen als Außensicht auf den Kleinstaat, in dem wir, teils stipendiert, Wochen und Monate verbrachten. Sie handeln von einem sagenumwobenen Flecken in Zentraleuropa, in dem die sogenannte ländliche Idylle, die selten tatsächlich eine war, gegen neue Lebensformen vertauscht wurde: Gottesreste und Straßenlärm, Almrausch und Geldkäfer spielen hierbei tragende Rollen, nicht zuletzt der verbliebene Einfluß einer von Bergen und Rhein geprägten Landschaft auf den modernen Weltprovinz-Menschen.

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer.

Bestellbar über den lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei Rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.
In Liechtenstein werden die Bände voraussichtlich in Bälde im Buchhandel und im Kunstmuseum vorrätig sein.

Preis für Besteller aus Deutschland: 9 Euro (inklusive Porto und Verpackung)
Preis für Besteller außerhalb Deutschlands: 9 Euro / 12 Schweizer Franken (plus Portopauschale)
Ladenpreis: 9 Euro / 12 Schweizer Franken

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (2)

Den dritten Teil der ARTE-Rheindoku schauen wir zeit- und regionsverlagert, doch immer noch aktuell, in der Nachmittagswiederholung. Regisseur ist nun Klaus Kafitz und Startpunkt das Computerterminal des Mannheimer Hafens, vor dessen Abfertigungsrobotik wir durchs Filmkameraauge einem Architekturfotografen durchs Fotoobjektiv blicken dürfen: schwarzweiß und becherlastig. Schick beschleunigte und abgebremste Luftaufnahmen folgen dem leicht geschwungen eingefaßten Oberrhein vorbei an Worms zur Altrheinschleife Kühkopf-Knoblochsaue, in der Fisch- und Gewässerkundler Egbert Korte elektrokeschernd den Rhein als Black Box bezeichnet. Wir lernen die Weide als abzeichnungs- und flutungsgeeignetsten Baum Mitteleuropas kennen, sowie Treibholz als Transportmedium für Tierarten und Pflanzensamen. Aufscheint die weithin unterkellerte Ex-Metropole Oppenheim, in deren labyrinthischer Stadt unter der Stadt ein Mithrastempelgewölbe erkannt worden sein will. Rheinhessen und der Inselrhein: geraffte Luftaufnahmen. Eintritt ins weltbekannte Weltkulturerbe, dem schwerlich große Neuigkeiten abzuringen sind. Kafitz versuchts mit einer kleinen Flußinsel mit eigener Weinlage bei Bacharach: Winzer Friedrich Bastian ist zugleich Kammersänger, erklärt die Eigenheiten von kleinklimaausgesetztem Inselwein und knödelt uns eins. Der Rheinburgenweg bietet Mittelrheinalpinismus mit Loreleyblick: wie auch in gefühltermaßen drei bis vier weiteren Rheindokus pro Jahr. Reichlich Filmminuten erhält das St. Goarer/St. Goarshauser Rhein in Flammen-Spektakel über dem für eine Armada aus Fahrgastschiffen reservierten Fluß und wir erfahren, daß die lokalen Feuerwerker bei der letzten Musikfeuerwerksmeisterschaft in Kanada auf dem Siegertreppchen landeten. Insgesamt ein wenig inspirierter Filmteilabschnitt.

Rhein vs Niger

4-Seasons, das Hausmagazin des Reiseausstatters Globetrotter, führt in einer aktuelleren Ausgabe ein Interview mit dem Reiseschriftsteller Michael Obert, der aus Breisach stammt und u.a. den Niger von der Quelle bis zur Mündung bereist hat: „(…) Ich bin am Rhein aufgewachsen, habe im Fluss schwimmen gelernt, jede freie Minute geangelt, den Frachtschiffen nachgesehen und mich an Bord geträumt. Irgendwann hat sich der Niger in meinem Kopf festgesetzt – und die Idee, dass ich ihn einmal auf voller Länge bereisen würde. (…)“ Am Niger glauben die Flußleute, daß es auf dem Stromgrund Dörfer gibt, in denen Götter und Geister wohnen. Im Gegensatz zu den Geschichten der Rheingläubigen werden die des Nigers nach wie vor hauptsächlich in mündlichen Überlieferungen weitergegeben, sind drum jedoch nicht weniger alt oder sogar älter und gleichzeitig womöglich lebendiger. Ein in Europa ausgebildeter Geisteswissenschaftler aus dem Kamerun erzählte uns vor Jahren, daß er in seiner Heimat auf dem Land Leute kenne, die für eine Weile auf dem Flußgrund lebten, teils, indem sie sich in Tiere verwandelten. Dies erzählte er mit demselben Ernst, mit dem er über die Filosofen der Aufklärung sprach: Transformationsprozesse und ihre vielfältigen Ausprägungen. Mitteleuropa zähmt die wilden Ströme, und baut dann gigantische Bagger um Begradigungsfolgen auszugleichen, auch diese begehbaren Druckkammern, die auf den Rheingrund gelassen werden, mit deren Hilfe die Fahrrinne gereinigt wird: der technische Fortschritt implantiert sich der Natur, es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der erste Mischwald aus herkömmlichen und elektronischen Bäumen entsteht – Westafrika pflegt weiterhin mystisch-zaubrische Naturtechniken und läßt dem Fluß seinen selbstgewählten Lauf. Auf die Frage, was für ihn Heimat bedeute, beschreibt Obert ein Ritual, das wenig europäisch anmutet: „Wenn ich meine Mutter in Breisach besuche, gehe ich hinunter an den Rhein, an eine Stelle, wo ich als Junge oft zum Angeln saß. Dort tauche ich meine Hände ins Wasser. Lange Zeit ist das für mich am ehesten „Heimat“ gewesen: meine Hände in „meinem“ Fluss spüren. Mittlerweile fühle ich mich überall auf der Welt geborgen, aufgehoben, zugehörig, wo ich die Hände in die Strömung tauchen kann. (…)“ Bei Breisach herrscht Dreirheinigkeit: Grand Canal, Tullarhein, Altrhein. Uns am ehesten vorstellbar, daß Obert eine Stelle am Altrhein meint. Obert erzählt im weiteren, wie Patrick Leigh Fermors „Die Zeit der Gaben“ ihn zur Reiseschriftstellerei inspiriert habe und davon, was den Rheinanwohner mit dem Nigeranwohner verbindet: „Schon als Junge spann ich Geschichten über den Rhein zusammen: Auf dem Grund des Flusses lebten Wesen, halb Mensch, halb Tier, ich sprach mit ihnen, brachte ihnen Geschenke, bat sie um kleine Gefallen. Ich glaube, ich habe nie aufgehört, nach dieser geheimnisvollen Welt und den Wesen, die sie bevölkern, zu suchen. Dann komme ich an den Niger – und dort ist diese Welt ganz alltäglich, dort leben die Geister auf dem Grund des Flusses, Menschen gehen bei ihnen in die Lehre, heiraten sie sogar oder tanzen mit ihnen, andere verwandeln sich in Krokodile, Seekühe werden zu Frauen. Am Niger ist die Welt des kleinen Jungen vom Rhein plötzlich lebendig geworden – uralt, fantastisch, rätselhaft.“