Kurze Gedanken über den Rheinverlauf bei Sargans

Sind nur wenige Meter Bodenerhebung, heißts, die den Rheinlauf Richtung Bodensee bestimmen, bei Sargans (im von Donhauser so fein besungenen Sarganserland), wenn er da von Bad Ragaz herkommt als kräftiger Schuß alpenkaltes Rauschewasser, könnte nämlich genausogut Richtung Walensee abfließen (der davon etwas überlaufen dürfte, (das zu Quarten gehörige) Quinten wär in Gefahr, während der Bodensee etwas absaufen dürfte, wodurch seine Strände Raum gewönnen), die Linth überlinthen, Richtung Zürichsee, Limmat und Aare (selbige namenstechnisch eliminierend) und schließlich in sich selbst, den Rhein, der aber nicht dort wär, wo er jetzt herkommt, sondern als deutscher Rhein erst begönne, während man in Liechtenstein (das dann eine andere Nationalhymne bräuchte) und im St. Galler Rheintal (das dann anders hieße) nur unbedeutende Rinnsale vorfände. Oder aber der Rhein ginge auf in der Aare und es wär nichts mehr mit „deutschem Rhein“. Dafür bräuchten bloß die Schweizer einen Anfall kriegen und einen Durchstich probieren, bei den Tunneln sind sie ja auch nicht zimperlich und mit Volksentscheiden, über die notfalls, je nach Interessenlage, eh hinwegentschieden wird, bzw: die solang wiederholt werden, bis sie passen. Und so schau ich mir die Szenerie an, solang sie noch auf altehrwürdige Art vorhanden ist, von der Anhöhe Schloß Sargans mit seiner weiteren Aussicht aufn Gonzen (mit seinen einst erzfördernden, nun zu Hightech-Ingenieuren ausgebildeten Zwergen) und aufs Heidiland (mit seinen mangaäugigen Bewohnern beim Zvieri an der Gourmet-Autobahnraststätte): ganz und gar vorstellbar so ein Durchstich und bestimmt existieren bereits Geheimpläne, auch darüber, wie man einen solchen Durchstich schnell mal ganz perfide nachts vollführt außerhalb jeder öffentlichen Debatte, die dann gern danach stattfinden darf. Oder tagsüber im Stile Kasimir Blaumilchs. Jedenfalls ist es auch ein Ausblick auf eine Naturlaune. Hinweg über eine 7,5 cm Gebirgskanone mit Halbautomatik, hergestellt von der eidgenössischen Konstruktions-Werkstätte Thun, mit Ausrüstung fast eine Tonne schwer, mit konstantem Rechtsdrall, Schußauslösung mechanisch von Hand, die Geschosse wiegen 5,7 bis 6,4 Kilogramm, die Anfangsgeschwindigkeit liegt 180 bis 404 Meter pro Sekunde, die Schußdistanz beträgt maximal 8,5 bis 10 Kilometer (was locker ausreichen würde), mit hydraulischer Rohrrücklaufbremse, die letzte Dienstleistung datiert auf 1981, dh, das Gerät dürfte erneut in Schuß zu bekommen sein. Gorrh, übernehmen Sie!

Altstätten

Altstätten eignet etwas Elsässisches, falls es erlaubt ist, einen solchen Vergleich für ein Ostschweizer Städtchen anzustellen (Elsässisches für Schweizer Verhältnisse jedenfalls): leichte Angeranztheit, ein lässiges Laissez-oublier, das zu Überlagerungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart führt: die „Metzg- und Wursterei von Paul Eugster“, deren ziervolle Inschrift an der Fassade so würdevoll als irgend möglich dahinbleicht, beherbergt längst eine plastique beworbene Dönerbude, in die markant angeschriebene benachbarte „Samenhandlung“ hat sich der obligatorische Rundumdieuhr-Videoverleih eingenistet. (Nicht ganz leicht, aber reizvoll, künftige Gewerbe-Entwicklungen aus solchen Variablen zu errechnen.) Vier aufgehübschte Altstadtstraßen bieten die im Umkreis gut bekannte Altstätter Atmosfäre zum im Sommer draußen rumsitzen und Pizza verspeisen. Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. Man flaniert und hockt sich hin und läßt dies leicht touristische Gemisch aus renovierter Geschichte und zeitaktuellem grellen Trash auf sich einwirken. Den Lyrikweg, der etwas vom Zentrum entfernt „Natur und Poesie in Einklang bringt“, sparen sich, obwohl es dort Donhauser-Verse zu lesen gibt,  die meisten Besucher (und zeigen damit,  nebenbei, einmal mehr das Dilemma der zeitgenössischen Lyrik). „Tagelöhnervermittlung, Cafeteria und Lädeli“ bringt wiederum eine  Türinschrift die moderne Altstätter Vielfalt sinnig aufn Punkt. Es ist doch so: der Rhein versammelt alle erdenklichen Zustände von Leben und seinen verklumpten Ansiedlungen (bzw Verklumpungsversuchen) und offenbart sich darin als kompletter Fluß, der jeden auf ihn angewandten Superlativ (welcher etwa seine=des Rheines kompletteste Komplettheit auszudrücken wünschte) nur beschämen kann. Mein Altstätter Film zeigt im Raffer eine florierende, gebrandschatzte, pestdurchseuchte, nach Ausräucherung erneut florierende, etc, am Rande der Moderne nach Luft schnappende, schließlich in gewagt kubischer Architektur, Zukunft und 3d-Animationen sich comicartig lösende, einem Schwebezustand zwischen Himmel und Erde anheimfallende, gleichsam am Berg aufsteigende, den Berg aber nicht berührende=bergfremde Kleinstadt, eine in klarsten Linien und komplexen, aber nachvollziehbaren Schlußfolgerungen verpuffende Idee: lediglich in Grafitlinien existierender Betonbuddhismus (muß nicht zwangsläufig Beton sein, Beton hier nur wegen des bildgebenden Klischees und gleichlautenden Anlauts, eher paßte ein nanochemischer Werkstoff mit ganz neuen/überraschenden Eigenschaften), sich durchschießende funktionslose Kästchenarchitektur mit Anleihen bei umgebenden Industriegebieten, wurzelloses, inhaltsarmes Zurückzurnatur, oder so: man stelle sich vor, eine Stadt ganz schmerzfrei aus ihrer Umgebung zu radieren und an diese Leerstelle etwas völlig unbedachtes, dem Auge gefälliges hinzuzeichnen, etwas aus Röhren und Kuben, anorganisch, von polymeren Kulturen bevölkert, lastentragende Rieseninsekten, systemimmanentes Handeln auf die Spitze getrieben, beliebige Schönheitsmaschinen, die zB perfekte Songs ausspucken („Oh graue Berge!“), das Büro des Archäologen als zentrale Anlaufstelle für die Jünger kreativen Traditionalismus (JkT), während die Reformatoren der „neuen seichtheit“ (ns), deren Glaube sich selbstredend kaum von JkT unterscheidet, hinter ungeputzten Schaufenstern verschanzen (ungeputzt, weil sie deren selbstreinigende Substanzen manipuliert haben in einem Akt bodenloser verzweifelter Rebellion), eine pari pari-Situation, über der nach wie vor derselbe Name schwebt: Altstätten. Bläser. Abgeschrägter Jodeleinsatz. Ende.