Spaltet das Flussland

biesbosch_1Vieles ließe sich sagen zum wirklich letzten Treffpunkt von Waal und Maas, wenn dort auch mittlerweile als Merwede und Amer durch die Gefilde ziehend. Zum Beispiel, dass dieses wässrige Gebiet namens Biesbosch – größtenteils in Noord-Brabant, der Gemeinde Werkendam zugehörend, teilweise auch in Zuid-Holland, innerhalb des Areals der Stadt Dordrecht – 2016 zum viertbeliebtesten Naturgebiet der Niederländer gekürt wurde.
Nur, was soll ich mir da noch den Kopf zerbrechen, mich abrackern, wenn es schon jenes eine Gedicht gibt, in dem Natur, Geografie, Geschichte und Phantasie bündig und verspielt ineinander haken, und zwar das Schlussgedicht von oever drinkt oever, dem zuletzt erschienenen Gedichtband von B. Zwaal (2013):biesbosch_2

spaltet das flußland
der stromschnitt liegt in vollem treiben

werder trugen die weiden
stakten ihre gewässer voran

lastfüße beholzschuhten den fährensteig
asteten sich mit jahrhunderten durch fuhren ab

feuermünder crossten die amer
landeten auf lacrimaestätte

kahne besamen ihre ladungen
häfen dröhnen transito

ufer trinkt ufer
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Ich wüsste kaum, was dem noch hinzuzufügen wäre, außer vielleicht, dass die Bilder hier letzten Herbst aufgenommen wurden, als wenig Menschen da waren. Im Sommer sieht die Lage ganz anders aus. Da gibt sich der von winterlichen Straßenarbeitern nahe des Biesboschmuseums vorbereitete Fremdenverkehr in
biesbosch_4großem Stil dem Genuss hin, einem Großteil der Niederlande nahezukommen, wie der hätte aussehen können, hätte es nie die Kunst der Polder gegeben, die jetzt mit ihrem Agrarland den Biesbosch so gut wie bedrängen. So ist er eine üppig grüne Reminiszenz, ein fröhliches Herumplätschern in der Geschichte, wo drum herum tüchtig gearbeitet wird mit den modernsten Geräten. Die Leute aber sind freundlich, und ihre Brücken zierlich und kunstvoll.
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***
Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein die niederländischen Rheinverzweigungen, diesmal mit einem Gedicht B. Zwaals vor Augen das Naturschutzgebiet Biesbosch.

Werkendam – im niederländischen Bibelgürtel

Mindestens einmal im Jahr ist in Werkendam richtig etwas los. Normalerweise herrscht in diesem Ort am linken Ufer der Merwede evangelische Beschaulichkeit: Werkendam gehört zum niederländischen Bibelgürtel, der sich von der Provinz Overijssel bis nach Zeeland erstreckt. Der Ort selbst befindet sich östlich des Biesbosch, wo Wasser, Schilfrohr und Weiden erahnen lassen, wie ein bedeutender Teil der Niederlande hätte aussehen können, hätte man sich nicht gegen das Wasser zur Wehr gesetzt. Im Entwurf der neueren Siedlungen am Werkendamer Ostrand ist das Schilfrohr inkorporiert worden:

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Dort kann man auch an dem einen besonderen Tag schön vor sich hin radeln ohne etwas mitzubekommen von dem, weswegen sich zahllose Menschen außer Haus bewegen: zum Werkendamer Hafentag, Anfang Juli. Da wird sogar abgeseilt,

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denn auch diese Mode der Freizeitindustrie ist bis nach Werkendam vorgedrungen; und wenn’s denn um Industrie gehen soll, so gibt es im Hafen natürlich an erster Stelle Schiffsbau, wenn auch recht bescheidenen Ausmaßes, aber immerhin, die hochmodernen Produkte können sich sehen lassen, sogar im erst halbwegs fertigen Zustand.

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Am Hafentag trifft man nicht nur auf solche fahrtauglichen Schiffe herkömmlicher Größe, sondern auch auf die ganz winzigen, solche die nach gutem Seemannsbrauch in Flaschen hineinpassen, wie der Herr zeigt, der sie schon seit mehreren Jahrzehnten herstellt und einen vor Stolz anblinzelt, wenn man ihn dafür lobt.

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Man kann am Hafentag auch schön singen gehen, Chöre vertonen beruhigende Schifffahrtsmelodien, der evangelischen Lust an geordnetem gemeinsamen Gesang entsprechend, wobei nicht jeder gleich aufmerksam bleibt.

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Freundlich war man übrigens überall, und so werde ich es den heutigen Werkendamern umso lieber ersparen, hier ein Bild des Hauses hinzufügen, das sie sichtlich in Verbindung bringen würde mit dem berüchtigtsten Sohn des Ortes, Anton Mussert, Führer der NSB, der niederländischen NSDAP.

Stattdessen ein Bild zum Beweis, dass auch in Werkendam Menschen ausländischer Herkunft sich unbehelligt durch die Menge bewegen können.

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Nur kann man sich als junges Mädchen gerne mal fragen:

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“Wohin führt denn jetzt der Weg, hier in Werkendam? Was soll ich noch hier, wenn der Hafentag vorbei ist? Hier, wo man selbst am Himmel nur in den vorgeschriebenen Fächern parken darf?”

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(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal wagt er sich bis an die Merwede und in den niederländischen Bibelgürtel vor.)

Gorinchem: eine Route voller Gefahren (2)

(…) Auch die beiden Natursteinskulpturen, von denen die heutige Fähre imgorinchem_5Gorinchemer Hafen bewillkommnet wird, standen da noch nicht herum, als Hugo de Groots Bücherkiste eintraf. Trotzdem gibt es mit diesem Befürworter der Meeresfreiheit eine gewisse Bewandtnis, wo doch die Meeresfreiheit grundlegend war für den weltweiten Aufschwung der meeresfahrenden Republik der Niederlande. Wie die Texttafel zu ihren Füssen schon vermuten lässt, sind die zwei ulkigen Figuren koreanischer Herkunft. Koreanische Orte werden traditionell von solchen Schutzgeistern vor Unheil bewahrt. Ihre Anwesenheit an der Pforte der alten Kleinstadt in der Provinz Zuid-Holland will aber nicht auf eine besondere Beziehung zu heutigen Firmen wie Hyundai, Samsung oder LG hindeuten. Die geht nämlich genau auf jene Zeit zurück, als die niederländische Seeflotte die Weltmeere beherrschte. Gorinchem ist der Geburtsort des nebst Guus Hiddink wohl berühmtesten Niederländers in Südkorea: Hendrik Hamel (1630-1692). gorinchem_6Hier ist er immer noch relativ unbekannt, in Korea aber muss man als Niederländer immer darauf gefasst sein, von neuen Bekanntschaften auf Hamel angesprochen zu werden, und auch nicht von ungefähr: Als erster hat er, wenn auch relativ ungewollt, den Westen bekannt gemacht mit dem Land, das sich im 17. Jahrhundert nach verheerenden Erfahrungen mit zuerst dem japanischen, daraufhin dem chinesischen Mandschu-Nachbar, von der Welt abgeschottet hatte.
1653 als Buchhalter des Schiffes Sperwer von Batavia, dem heutigen Djakarta, zum niederländischen Handelsposten Deshima in Japan unterwegs, musste Hamel miterleben, wie das Schiff bei schlechtem Wetter an der Felsenküste einer Insel zerschellte. Das war die koreanische Insel Jeju, den Niederländern als Quelpart bekannt, wenn auch nur zum Verproviantieren betreten. Die 36 Überlebenden der insgesamt 64 Besatzungsmitglieder wurden schon bald von koreanischen Soldaten aufgegriffen und unter Gefangenschaft gestellt, und hätten Korea eigentlich nie mehr verlassen dürfen. Im Laufe der Jahre verstarben die meisten; nur Hamel und sieben seiner Schicksalsgenossen schafften es 1666 vom heutigen Yeosu heraus die Flucht zu ergreifen, woraufhin dank japanischer Vermittlung auch sieben der acht noch in Korea Zurückgebliebenen in Freiheit gestellt wurden. Der Achte soll sich (als einziger) nicht von seiner koreanischen Ehefrau und Kindern haben trennen lassen wollen.
Die Geschichte wäre ohne Folgen geblieben, hätte nicht die niederländische Handelsgesellschaft VOC der Truppe einen ausführlichen Bericht zu ihren Erlebnissen abverlangt. Der wurde dann von Hamel erstellt, und irgendwie, eigentlich wider Willen des Auftraggebers, wurde der Text dann auch veröffentlicht. Zu beachtlichem Erfolg: Das Buch erzielte mehrere niederländische Editionen, sowie auch französische, deutsche und englische Übersetzungen. Bis ins 19. Jahrhundert war das Journael von Hendrik Hamel sogar der einzige im Westen verfügbare Text über Korea. Auch in den letzten Jahrzehnten hat es noch zwei Ausgaben gegeben: 1989 Hollanders in Korea von H.J. Van Hove, sowie 2003 die mit weit stärkeren Begleittexten ausgestattete Ausgabe De wereld van Hendrik Hamel, herausgegeben von Vibeke Roeper und Boudewijn Walraven (gleichzeitig erschien eine englische Fassung, Hamel’s World). Der Erfolg des Textes ist nachvollziehbar, ist er eben eine gelungene Mischung aus mitreißend erzähltem Erfahrungsbericht und so etwas wie anthropologischer Feldforschung, wobei die Sicht aufs exotische Land nie von christlichen Wertschätzungen benommen wird. Auch streckt dem Text zum Vorteil, dass die Schiffbrüchigen eine zeitlang am königlichen Hofe zu Seoul als Leibwächter zu dienen hatten, sich daher im Machtzentrum einigermaßen auskannten. Umso mehr, weil die Truppe dort Unterstützung fand von einem Jan Janszoon Weltevree aus De Rijp, der 1627 schon auf Quelpart von seinem Schiff hinterlassen worden war, sich dann als Waffenkundiger am Hofe emporgearbeitet hatte, den späteren schiffbrüchigen Landsleuten als Dolmetscher und Berater diente. Und wo er dem Hofe den Umgang mit Schusswaffen beibrachte, brachten Hamel und seine Männer den Koreanern das Bauen mit Zement bei.

Das Gorinchemer Museum hat, nach langer Vorbereitungszeit, erst seit diesem Jahr geöffnet, in einem späteren errichteten Haus an der genauen Stelle, wo einst Hamels Geburtshaus stand. Es erzählt mittels in Südkorea hergestellten Maquetten der jeweiligen Aufenthaltsorte im Kurzen die Geschichte von Hamel;gorinchem_7 darunter, wie in diesem Bild zu sehen, das Fort zu Yeosu, Hamels letzte koreanische Bleibe. Pro Maquette sind weiterführende Videos abzurufen. Hier im Foto sieht man links gerade einen Ausschnitt des Yeosuer Hendrik Hamel-Museum, das es noch nicht gab, als ich selber 2002 zur Vorbereitung eines Romans die Stadt besuchte. Das niederländische Museum bietet darüber hinaus noch eine Einführung zur niederländischen Schifffahrt zu Zeiten von Hamel, sowie mehrere Schenkungen aus koreanischen Museen, darunter koreanische Gebrauchsgegenstände und Töpferware, insbesondere eine recht schöne Seladonsammlung. Auch kann man sogar das Originalkonvolut des Hamel-Textes bewundern. Das Ganze wird vervollständigt von einem absonderlichen Raum für Wechselausstellungen koreanischer Künstler. Man wird aber hart dagegen anzukämpfen haben, dass Korea in den Niederlanden immer noch als eine Art Ersatz-China oder Reserve-Japan empfunden wird; bestenfalls als Heimatsort der nördlichen Kim-Dynastie oder als Auto- und Elektroniklieferant Interesse erregt. Daran hat auch die koreanische Filmindustrie oder gar Psy’s „Gangnam Style“, das nicht nur an den amerikanischen Rap, sondern auch an die traditionell koreanische Gesangkunst des P’ansori anknüpft, vorerst kaum etwas ändern können.
gorinchem_8Das breite Lächeln eines der Mitarbeiter bleibt aber als Hoffnungsschimmer. Damit endet hier vorerst auch meine Erkundung des Waals, denn Gorinchem an der Merwede fällt ohnehin schon außerhalb jenes Rahmens. Aber vielleicht regt das Lächeln noch zu weiteren Erkundungen an, entweder der Breite der Merwede entlang, oder gar rückwärtsgewandt: Übersprungenes gibt es ja immer. Man soll sich von einem Thema nicht einbetonieren lassen. Und auf weitere Gänge des tapferen “Ventjager” bin ich eh gespannt. Bis nach Korea wird er es allerdings nicht schaffen. Schade eigentlich.

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stößt er in einem Zweiteiler bei Gorinchem auf Verbrechen (Teil 1) und Koreanisches (Teil 2).

Gorinchem: eine Route voller Gefahren

Jetzt rüste dich, Leser: Der Waal beheimatet auch Verbrecher und Gefangene, wenn auch beide Kategorien sich nicht unbedingt decken, und die Haft nicht notwendigerweise in den Niederlanden vollzogen wurde.

Zwei Fälle entgegengesetzter Schicksalsrichtung haben mit Fähren zu tun, die es beide so nicht mehr gibt. Der eher fröhliche liegt schon fast vier Jahrhunderte zurück, der finstere ist bloß dreißig Jahre her, und immer noch von Geheimnissen umwoben.gorinchem_1Dem widmen wir uns hier mal zuerst. Am linken Waal-Ufer beim Dorf Brakel sieht die heutige Fähre noch recht unschuldig aus; an der anderen Seite aber, bei Herwijnen, verlässt zwar wohlgemut eine junge Frau bei dreckigem Wetter das treuherzig Tag ein Tag aus hin und zurück fahrende Gefährt, aber genau dort gorinchem_2rollte 1985 ein Benzinfass in den Fluss, um dann an einem hervorstechenden Stein stecken zu bleiben. Bald kam man zu der Entdeckung, dass kein Benzin drin war, sondern wenig fachgerecht gemischter, somit noch körniger Beton um eine Leiche herum. Bis auf den heutigen Tag sind die genauen Umstände den Justiz-Sachkundigen entschlüpft, der Tote aber war leicht zu ermitteln, wo er doch kurz zuvor Weltmeister im Kickboxen geworden war.

Damit aber nicht genug: Auch war dieser André Brilleman zu Lebzeiten als Leibwächter des Amsterdamer Drogenbarons Klaas Bruinsma tätig. Dieser aufgrund seiner Pedanterie auch unter dem Spitznamen “Der Vikar” bekannte Herr wird allgemein als der Vater des betriebsmäßig organisierten niederländischen Drogenhandels betrachtet: Seine Bande lieferte ihren Stoff weit über die Landesgrenzen hinaus, darunter natürlich auch nach Deutschland. 1991 erlag der Vikar einer Schießerei, deren Motive bis auf den heutigen Tag unaufgeklärt geblieben sind, wäre es nur weil der Hauptverdächtige selber einige Jahre später einem weiteren Mordanschlag zu Opfer fiel. Somit wird wohl auch auf ewig im Dunkeln bleiben, wer denn genau Brilleman einzubetonieren versucht hat. Nach allgemeiner Annahme soll Bruinsma selber dahintergesteckt haben, nur bezüglich der genauen Beweggründe gehen die Meinungen aus einander. Im Netz findet sich aber ein ausführlicher Leserkommentar aus 2011, der erschreckend genau die Umstände des Mordes beschreibt, fast als wäre der Autor selber dabei gewesen. Dem zufolge soll die Tat von angehenden Drogenbaronen aus Gelderland verübt worden sein, die sich mit Bruinsma zu assoziieren vorhatten, sich von Brilleman beim unangefochtenen König des Milieus einführen ließen, von dem aber zutiefst erniedrigt und misshandelt worden sein sollen, wofür dann Brilleman den Kopf hinhalten musste. Auch sollen sie mit den zuständigen Ermittlungsbehörden verstrickt gewesen sein, die sich von ihnen gerne hätten beschenken lassen. Im Kommentar werden sie nur mit Spitznamen angedeutet: “Der Alleswisser”, “Der Zwiespaltmacher”, “Der Kommissar”, “Der Vierte Blödmeier”. Aber wenn denn die Geschichte stimmt, wird allmählich schon fraglich, ob der Autor des Kommentars selber noch unter uns weilt. Vielleicht hat man für ihn doch noch irgendwo sachkundige Betonmischer aufgetrieben.

gorinchem_3Einige Kilometer flussabwärts errichteten Ende des 14. Jahrhunderts Bauarbeiter eine Burg für den Ritter Dirk Loef van Horne. Dieses daher Loevestein genannte Schloss wird heutzutage als Schauplatz für Events zur Wiederbelebung des Mittelalters touristisch vermarktet, nur wird wohl keiner auf die Idee kommen, die blutrünstigen Vorzüge des ursprünglichen Bauherren wahrheitsgetreu nachzuempfinden. Und auch die weitere Geschichte des Baus ist nicht halbwegs so romantisch wie man sie erscheinen lässt: Ab Ende des 16. Jahrhunderts bis hin zu 1831 diente das erweiterte Schloss als niederländisches Staatsgefängnis. Der unfreundliche Steinklotz zwischen den Weihern der Munnikenland genannten idyllischen Landzunge, die aufs Zusammenfließen von Waal und Maas hinausläuft, lag, zu jener Zeit als er als Gefängnis eingerichtet wurde, noch direkt an der niederländischen Grenze, und zwar: an der Maas, von deren Seite her er hier aufgenommen worden ist. Im niederländischen Geschichtsunterricht ist Slot Loevestein aber nicht ganz umsonst ein Klassiker: Ihm vermochte ein um sein Befürworten der Religionsfreiheit Inhaftierter 1621 in einer Bücherkiste auf der damaligen Fähre zum nahegelegenen Gorinchem seiner Gefangenschaft zu entschlüpfen. Das war kein geringerer als Hugo de Groot, Urvater des modernen Völkerrechts. Weniger Aufmerksamkeit aber genießt die Tatsache, dass hier 1650 kurzweilig die Deputiertenfraktion von Johan de Witt inhaftiert wurde, die sich – wahrhaftig republikanisch – gegen die politische Vorherrschaft der adligen Oranje-Familie zu Wehr stellte. Somit ist Loevestein schon fast als Symbol niederländischer Zwiespältigkeit jeglichem demokratischen Begehren gegenüber geltend zu machen: Nur unter der Ägide der Oranjes waltet hier die politische Freiheit.
gorinchem_4Aber immerhin, De Witt und seine Männer fuhren nun mal nicht in einer Bücherkiste am Punkt des Zusammenfließens der beiden Flüsse, am Anfangspunkt der Merwede vorbei, wo gute 360 Jahre später der Kahn “Ventjager” wieder sein Bestes gab, den Fluss vor Versandung zu bewahren, bevor er sich dann, wie vom vorigen Bild bezeugt, zum Dorf Lith an der Maas auf den Weg machte, um den Sand, mit dem er erschreckend schwerbeladen ist, abzulagern, als Rohstoff mehr oder weniger sachgerechter Betonherstellung etwa. (Fortsetzung folgt.)

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stößt er in einem Zweiteiler bei Gorinchem auf Verbrechen (Teil 1) und Koreanisches (Teil 2).

Latium im Land von Maas und Waal

Einer der unangefochtenen Klassiker der Popmusik auf Niederländisch ist “Het land van Maas en Waal” von Boudewijn de Groot, aus dem Jahr 1967. In diesem Lied, das damals nahezu im Minutentakt im Radio zu erklingen schien, zieht das Zirkus Jeroen Bosch, dem König von Spanien entkommen, über Gebirge und Hügel und durch den großen Wald ins Land von Maas und Waal. Was es genau mit der Anziehungskraft dieser Gegend auf sich hatte, wird aus dem Lied nicht so richtig klar, durch die bunte Schilderung der fröhlich fliehenden Truppe festigt sich beim Hörer aber eine Vorstellung betörender Lebhaftigkeit.

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Es war in der Tat ein bewegter Tag, als ich in Alem war: Der Fischwagen war wieder da, den ganzen weiten Weg aus Werkendam her. Kaum hatten beide Damen ihr Geschäft eröffnet, da kamen die Alemer schon herangeschwärmt. Und zwar aus gutem Grund, denn im Dorf gibt es weiterhin nichts Mittelständisches mehr, auβer einer Reihe Bed and Breakfasts. Gäste werden die im Januar wohl keine gehabt haben, so wie es auch auf den nahegelegenen Bootsstegen, trotz mehrerer Jachten, betagt zuging.
Das Wasser, im dem die Boote herumplätschern, ist übrigens nicht der Waal, sondern ein abgetrennter Teil des Maas: Am nördlichsten Punkt ist dies ehemalige Flussbett nur einen einzigen Kilometer vom Waal hinter den Bäumen entfernt.

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Bis 1935 befand sich Alem, jetzt nördlich der Maas, am südlichen Maas-Ufer: Die dann durchgeführte Kanalisation setzte den über Jahrhunderte üblichen Überschwemmungen ein Ende. Auβer bei Woudrichem, wo sich die Maas mit dem Waal zur Merwede vereint, ist das Land von Maas und Waal nirgendwo sonst so eng wie hier, auf der Alemer Halbinsel, fünfzehn Kilometer nördlich von ´s-Hertogenbosch, Heimat des Jeroen Bosch.

In meiner Tramperzeit gab es mal diesen jungen Deutschen, der meinte, das Initial-s stünde für “Sankt”: Ein heiliger Herzog ist aber nicht gemeint, hier geht’s lediglich ums Kürzel des bestimmten Artikels im Genitiv. Alem hingegen, so klein wie es ist, kann sich schon mit einer Heiligen brüsten. Seit dem 13. Jahrhundert war der winzige Fleck über Jahrhunderte ein richtiger Wallfahrtsort, zur Verehrung der St. Odrada, deren Reliquien dort bis ins 17. Jahrhundert aufbewahrt wurden. Die Heilige war der Legende nach eine Adelstochter aus dem belgischen Teil der Kempen, die ihr Leben Gott widmen wollte, es von der Stiefmutter aber unterbunden bekam, auf einer Wallfahrt mitzufahren, es sei denn, sie zähme sich ein wildes Pferd zurecht. Und wie das eben so geht, nahm sich das junge Mädel einen Lindenzweig, und gleich kniete ein schneeweißes Pferd vor ihr hin, auf dessen Rücken die kleine Odrada dann die zehn Kilometer zum Wallfahrtsort Millegem noch vor den Eltern zurücklegte. Dort entspross dem herrlichen Lindenzweig eine blühende Linde, und als Odrada sagte, dass sie dürstete, offenbarte sich ein Brunnen, der später im Ruf stand Augenkrankheiten zu heilen.
Bald aber erkrankte das fromme Wundermädchen selber. Ihrem letzten Wunsch zufolge wurde ihr Leichnam in einem holen Baum von einem Ochsengespann durch die Welt gefahren, um sie dort zu bestatten, wo die Tiere halten würden. Ihre postmortale Irrfahrt ging erst im 90 Kilometer nördlicher gelegenen Alem zu Ende, wo der Vater seiner Tochter zu Ehren eine Basilika errichtete.

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Die heutige katholische Kirche (hier rechts im Bild), die so-und-so-vielte an gleicher Stelle, wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Die Kirche links ist die ehemalige evangelische, wo jetzt ein Dachziegelmuseum beherbergt ist.
Es stehen in Alem mehrere Häuser zum Kauf angeboten. Ob diese Abtrünnigen den gleichen Weg verfolgen werden, wie eine Tochter des Dorfes im 19. Jahrhundert? Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass diese Maria, in entgegengesetzter Richtung zu St. Odrada, über Rotterdam und Brüssel die letzten Jahre ihres Lebens in Monte Carlo verbrachte. Auch ihr moralischer Weg war dem des frommen Wundermädchens recht zuwider: Als brave Schneidertochter mutierte sie zuerst zur Bordellmodistin, später dann zur Bordellmadame. Ihre Tochter, sozusagen in gleicher Branche tätig, stellte sich im Verborgenen der Gestapo zur Wehr in Amsterdam. Diese wahre Begebenheit bildet die Grundlage eines eigenen Romanprojektes für die nächsten Jahre.

Wer von ´s-Hertogenbosch nach Alem gelangen möchte, muss letztendlich bei einem weiten Verkehrskreis nach rechts abbiegen. Die unmittelbar danebengelegene Ortschaft ist zwar winzig, aber immerhin der Ort, wohin alle Wege führen. Rome heißt sie nämlich, Rom also. Anzeichen eines Vatikans habe ich nicht erkennen können, aber man weiß ja nie, ob sich nicht doch der heutige Papst, der eben auf Bescheidenheit steht, im Geheimen dort niedergelassen hat (in Nachfolge der italienischen Ziegelfabrikarbeiter, die hier einst ihre Kolonie hatten). Leider fand ich erst später heraus, dass ich dann doch, zum ersten Mal in meinen Leben, in Rom gewesen war: So fehlen hier Fotos der heiligen Stadt.

Fährt man in diesem Latium geradeaus, gelangt man eineinhalb Kilometer weiter zum Dorf Rossum, wo aus einem Plaggenhüttenschornstein Rauch hervor zu qualmen scheint.

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Umso friedlicher ein solcher Anblick, wenn man bedenkt, dass der Ortsname eines der blutigsten Zeitfächer der niederländischen Geschichte heraufbeschwört: In diesem Ort befand sich das Stammschloss der Familie von Maarten van Rossum, Feldmarschall des Herzogtums Geldern im 16. Jahrhundert. Die Opferzahl seines Treibens lässt sich nicht mal annähernd beziffern: Plündern und Brandschatzen waren über gute dreißig Jahre hinweg seine bevorzugte Strategie beim verzweifelten Versuch des Herzogs, sich entgegen den Habsburgern noch als selbstständige Territorialmacht zu behaupten. Dabei umfasste das Herzogtum nicht nur die Stadt Geldern und direktes Umland, sondern auch die heutige niederländische Provinz Gelderland, zu der Rossum immer noch gehört.

Geldern ging letztendlich leer aus. Nicht nur kam das Herzogtum dann doch an die Spanischen Niederlände, beim Frieden von Münster erfolgte sogar noch die endgültige Spaltung. Trotz des unrühmlichen Ausgangs werden die verheerenden Feldzüge des Maarten van Rossum allgemein als Vorspiel des niederländischen Aufstandes gegen die Spanier im Achtzigjährigen Krieg bewertet. Niederländer meiner Generation haben den Feldmarschall wohl eher als reinen Schurken in Erinnerung, der 1969er Fernsehserie Floris zufolge (Sprungbett für Rutger Hauer und Paul Verhoeven), in der er der böse Hauptgegner des blonden holländischen Ritters Floris ist.

An sich natürlich erfreulich, dass das heutige Rossum nicht die geringste Spur eines Blutvergießens aufzeigt, man kann’s aber auch übertreiben: Bis ins letzte Detail scheint alles zum vorgeschobenen Posten Brabanter Gemütlichkeit aufpoliert. Frisch und säuberlich wirkt hier alles Nostalgiebeladene. Entsprechend betrifft es da, wo der Rauch aus dem Schornstein hervorqualmt, umso weniger eine Plaggenhütte, sondern den (vom Waal-Deich her aufgenommenen) Dachfirst eines riesigen alten Hofes, der vor in Stand gesetzter Wohlhabenheit nur so strotzt. Ihm gegenüber befindet sich eines jener Geschäfte, die sich in zunehmendem Masse über die Niederlande verbreiten: Ein Trödelladen nach französischem Muster, eine sogenannte brocante, wo noch die hässlichsten Möbel aufgefrischt als Gartenperlen von der Hand gehen.

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Etwas weiter begegnet man einer DHL-Station, so wie sie mir in den Niederlanden bislang nirgendwo auffiel: Links und rechts der Straße stehen gute zwanzig gelbe Lieferautos beisammen, wohl damit man nicht außer Auge verliert, sich im Jahrhundert der Internetbestellungen zu befinden, oder aber, als müsste das Band zu Geldern doch noch auf der Schnelle hergestellt werden. Das ginge übrigens auch mit einem der Sportwagen, die man sich beim dazugehörigen Autohändler besorgen kann. In Rossum kauft man Porsche oder MG. Irgendein Abweichler fährt in einem Auto herum, als wäre das Zirkus Jeroen Bosch gerade unterwegs. Das aber war das After Party Hotel.

Da wagen wir lieber einen Blick über den Waal, wäre es nur zum Verweis aufs Werk des schon mal erwähnten Malers Willem den Ouden, wohnhaft im nahegelegenen Dorf Varik, am anderen Flussufer.

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Auf meine Anfrage für ein Treffen wurde leider nicht reagiert, der Künstler ist aber auch nicht mehr bei bester Gesundheit, und zu Fotografen hat er sich eh schon mal negativ geäußert. Aber immerhin, gute fünfzig Jahre lang widmete er seine Kunst der Waal-Landschaft, gab er sich ausgiebig dem wechselhaften Spiel von Wolken und Sonne hin. Auch wenn seine Werke hin und wieder ins allzu Mystische abwandern, bezeugen sie, darunter besonders seine Zeichnungen, der vielgestaltigen Unermesslichkeit der Natur alle Ehren (sei es natürlich ohne Hochspannungskabel, wie im Foto).
Im Einklang damit machte er sich, zusammen mit dem Amsterdamer Dichter Willem van Toorn, einen Namen als vehementer Kritiker der Deichmodernisierungsmaßnahmen. Dies wurde ihm nicht dankend abgenommen, als die Region 1995 vom rasant angestiegenen Wasserpegel arg bedroht wurde. Der endgültige Entschluss ist noch fällig, aber es liegen schon Pläne bereit, in den nächsten Jahren genau bei Varik eine weitere Nebenrinne, wie bei Nijmegen, einzurichten. So wächst zur Sicherheit des Zirkus Jeroen Bosch ein Land von Maas und Waal und Nebenrinnen heran.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal auf den Spuren eines niederländischen Schlagers. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Rotterdam (6)

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Pyramidalpeilung: die zentrale Rotterdamansicht ist von den Boompjes, der Straße, die den alten Hafen von der Nieuwe Maas trennt, aufgenommen worden. Im linken Bildmittelgrund Bäume und Häuser der Maasinsel Noordereiland, dahinter ragt der 2013 fertiggestellte Hochhauscluster De Rotterdam von Rem Koolhaas empor. Rechts die Erasmusbrücke und dahinter der brachial-moderne, auf verfallenen Hafenflächen angelegte Stadtteil Kop van Zuid. Bild: Lucas Hüsgen.

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Die belebten, nebeneinander liegenden Brücken von Rotterdam und die stolzen Häusertürme dieser Stadt sind die Torbogen des Rheines vor seinem Ende. Bis an den großen letzten Haken, den der Strom hier schlägt, schimmert die Merwede in dem weit auseinanderklaffenden Tiefland. Schönster Sport in Europa, auf dem dröhnenden Eis dieser klaren, freien Fläche hinzusausen, einen strengen Wind im Rücken, der das Segel des Schlittens wie einen Riß durch die Luft in zwanzig Minuten bis Dordrecht treibt. Auf den Deichen des majestätischen Stromstückes stehen saubere alte Städtchen, Häuser, deren Giebel umgestülpten Kähnen ähnlich sind, Ziegeleien, die chinesischen Dörfern gleichen. Kleine Wasserflächen strahlen als Fabrikhöfe in das Land, in der Ferne kriechen die Raupen windgekrümmter Alleen. Ländliche Kähne, mit Rüben beladen, liegen vor den Aeckern; hohe Schiffsrümpfe, mennigrot, ragen mit ihren schirmartig ausgespannten Gerüsten, im Rappeln der elektrischen Hämmer, hoch über das Baumgebüsch. Gewölbte Scheunen, untersetzte Windmühlen, deren Kreuze leer wie Gräten in die Luft starren, leicht wogende Binsenwälder, Arbeiterkolonien mit leuchtend roten Dächern, mit Alteisen und halbfertigen Schiffen gefüllte Werften, begonnene Uferbauten mit Kippwagenzügen und seichten Wasserflächen hinter dem Weidendickicht. Kleine schwarze Marktdampfer mit ländlichen Reisenden eilen dem von Masten und Türmen starrenden Horizonte zu. Mathematisch gebaute Fabriken, gläserne Dächer, sägenartig abgesetzte Profile neuer Arbeitshallen reihen sich enger, dann ordnen sich die Schlote und das Takelwerk der Seeschiffe zu Bündeln. Die Fensterreihen am Stromufer von Rotterdam schauen zu den Docks hinüber, sie beobachten das Anlegen und Wegfahren der Flußdampfer und der zugedeckten Kähne. Unablässiger Verkehr der Eisenbahnzüge, der Fußgängerscharen und der Lastwagen auf den Brücken und der quer gelenkten Fähren, von denen jede eine Versammlung von Seeleuten, Werftarbeitern, Angestellten, Drehorgelspielern und Hausiererkarren zum Ufer der Docks hinüberträgt. Die verwitterten Rheinboote im Hafen tragen am Heck ihre Heimatorte, die Namen von Heilbronn und Basel, von Antwerpen, Mülheim-Ruhr, Waspik, Homberg, Okriftel, Tiel, Straßburg, Mannheim, Oberwesel. Die Hütten der Holländerkähne sind grün und weiß lackiert wie Hochzeitstruhen oder glänzen dunkelgelb wie neue Möbel. Hundert offene Schiffsgefäße liegen unter den Seilen der Ladebäume vor haushohen, salzüberzogenen Dampferwänden. Aus den steifen Schläuchen, die über die Reling lehnen und in die tiefen Räume der Südamerikadampfer hinunterreichen, strömt das Getreide. Und die geschlossenen Schachteln der Kähne, die der kleine Dampfer stromauf schleppt, bringen den Margarinefabriken des Niederrheins die Palmkerne afrikanischer Wälder, den Schokoladefabriken von Köln und von Bern die mit Kakaobohnen gefüllten Säcke, sie führen Farbholz, Tabak, Kautschuk, Erze, Pflanzenfasern in den unermeßlichen Verbrauch. Aus den Fenstern des hohen Eckhauses am Stromufer schaut der Besucher über den Hafen. Hier oben in den stillen Sälen sind die alten Stadtpläne von Rotterdam mit den spitzen Bastionen an allen Ecken, die Modelle der Kauffahrteischiffe und der Kriegsfregatten, der javanischen Hausboote, der vergoldeten Staatsbarken, der modernen Schleusen, Bagger und Schiffsmaschinen. In diesem Museum sind die heroischen Marinen, die Gallionsfiguren, die Wimpel, alle die beiseitegestellten Dinge, in denen sich die ältere Beziehung Hollands zur See ausdrückt. Und drüben, jenseits des Wassers, hinter den aus Beton gebauten, mit Nummern bemalten Kolonnaden der Dockhöfe und der geschlossenen Speicher erheben sich die nüchtern hohen, ziegelroten Häuserblocks der Arbeiterviertel. Aus der griechischen Herberge “Peiraios”, aus dem Eiscreamgeschäft mit dem amerikanisch bemalten Schaufenster schallt Grammophongesang. Neben der Wirtschaft “Germania” sind die Läden von Hop Jee, Wong Sin und Kow Yun mit verstaubten Fischkonservendosen, mit chinesischen Zigaretten, Oel- und Saucenfläschchen in der Auslage und den gelben, insekthaft beschriebenen Speisezetteln an der Tür. Proletarisch gekleidete Chinesen stehen um das Billard im Kaffeehaus und hinter der Theke des Grünkramhändlers an der Ecke; ein paar rote Blusen und hochblonde Frisuren in der verschwiegenen Opiumluft eines Hausgangs verraten das übrige. Welche Stadt, bedrängt von allen Kräften der Gegenwart, genötigt, dem Problem der großen Verkehrsabwicklungen mit den weitesten Plänen zu begegnen. An den verworrenen, von Lärm erfüllten und altgewordenen Bau ihres Innern schließen sich die Massenquartiere des Randes. Das Wachstum dieser Stadt drängt sich unbestimmbaren Zielen der Weltwirtschaft entgegen, es ist ständig in Gefahr, in ein Chaos zu entgleiten. Der Gegensatz dieser motorischen Stadt zum übrigen Holland verlangt nach Ausgleich. Wie wird sie in zwanzig Jahren aussehen? In jenen Seestädten, die um das europäische Festland den Ring bilden, ist Rotterdam zwischen Hamburg und Antwerpen eine der kräftigsten. Das ganze Rheinland ist hinter ihr. Jede dieser Städte, am Ausgang ihres Hinterlandes gelegen, alle durch die Girlande der Schiffslinien miteinander verbunden, öffnet einem Ausschnitt des europäischen Raumes das Meer. Diese Seestädte strahlen ihre gewölbten Routen zu den Häfen des Erdballes über See. Das Salzwasser trägt alle Lasten leichter, Schiffe machen die Völker auch für andere Dinge bereit, deren Träger die Meerflut ist. Alle diese Städte, Empfänger und Sender in einem, stehen als die vordersten im Zeichen jenes Sehertums, das hinter dem Wettstreit der Volkswirtschaften die Einheit kommen sieht.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Bemerkung über den wahren Lauf des Rheins, und über die physischen Ursachen seiner Dauer.

Nach Emiland Estienne’s Aufsatz im 2ten Bande der Annales de Statistique S. 14

Man ist in Frankreich ganz allgemein der Meinung, dass der Rhein am Gotthardsberge entspringt: das ist ein Irrthum. Wenn man sagt, dass man über den Gotthardsberg geht, so versteht man, wie Saussure und alle Alpenbewohner, jenen erhabenen Rücken, welcher das Thal Urseren von dem Thale Levantine, zwischen dem Dorfe l’Hopital gegen Norden, und dem Dorfe Ayrolo gegen Süden scheidet. Nun, die berge, auf welchen die Quellen des Rheins liegen, sind vom Gotthardsberge ganz unterschieden, welcher wenigstens drey Myriameter (beynahe 6 Meilen) von der nächsten Rheinquelle entfernt ist.
Der Rhein, lateìnisch Rhenus, entspringt auf den Bergen von Graubünden, wo er drey unterschiedliche Quellen hat, welche aber durch die regelmässige Schmelzung des Eises und durch die Herabsenkung der Wolken, die der Wind dahin treibt und der beeiste Gipfel dieser hohen Berge anzieht, ihre Entstehung und Dauer erhalten.
Die erste dieser Quellen , oder vielmehr jene, die am meisten gegen Norden liegt, ist unter dem deutschen Namen Vorderrhein, Nieder- und Unterrhein bekannt; diese Quelle entsteht aus vielen kleinen Bächen, welche durch ihre Vereinigung einen Gussbach formiren, in einer Spalte des Cima del Badur, welches der höchste von allen jenen Bergen ist, die zusammen das, was man Crispalta nennet, das ist, jene Gebirgskette ausmachen, welche gegen Westen Graubünden von dem Thale Urseren scheidet.
Die zweyte Quelle, welche den Namen Mittel-Rhein fUhret, kömmt vom Cadelin, der einen Theil des schrecklichen Luch- Mannier ausmacht.
Nach einem Laufe von sieben bis acht Meilen fällt diese Quelle in den Unter-Rhein, nahe bey der Abtey Disenty. Endlich die dritte Rheinquelle, oder der Hinter-Rhein (hohe Rhein), welche am meisten gegen Süden, und eben desswegen von seiner Mündung am weitesten entfernt liegt, entspringt am Vogelberge, Colme dell’Uccello, und vereiniget sich mit den andern zwey Aesten bey dem Schlosse und der Brücke Reichenau, von wo der Rhein seinen natürlichen Lauf gegen Coire nimmt, wo er anfängt schiffbar zu werden, das Rheinthal von Tyrol scheidet, und sich in den Konstanzersee ergiesst, bey Stein aus diesem See herausgeht, von hier seinen Lauf gegen Westen nimmt, dann bey den Mauern von Diessenhofen und Schaffhausen vorbeyfliesst, eine kleine Weile unterhalb dieser letzten Stadt den berühmten Wasserfall zu Lauffen bildet, wo das Wasser bey 15 metres hoch sich mit sehr grossem Geräusch zwischen Felsen hinabstürzt, Waldshut, Lauffenbourg, Seckingen und Rheinfelden bewässert, nach Basel kömmt, welches er in zwey sehr ungleiche Theile vertheilet, dann die Sçhweitz verlässt und indem er seinen Lauf nach Norden richtet, Frankreich von Deutsehland scheidet bis auf die Gränzen Bataviens, wohin er noch bis drey Kilometres über die Schenkenschanz hinausgehet.
Kaum kommt der Rhein in das Batavische Gebieth, so theilt er sich in zwey Arme , einen südlichen und einen nördlichen, mittels eines Kanals (der, neue Kanal genannt) der im Anfange des letzten Jahrhunderts bey Panderen, einem beylaufig einen Myriameter oberhalb Niwegen gelegenen Dorfe, errichtet worden ist.
Der südliche Arm, oder der Waal, nach einen Lauf von einigen Meilen über Niwegen, Thiel und Bommel, vereinigt sich bey Fort André mit der Maas, und bildet durch diese Vereinigung die Insel Bommel, unterhalb welcher der Waal und die Maas sich neuerdings vereinigen und unter dem Namen der Merwe fortfliessen, die sich nachdem sie bis unterhalb Gorcum gekommen, südlich in eine grosse Anzahl Aeste ausbreitet, welche eine Menge kleiner unter dem flamandischen Namen Waarden bekannter Inseln machen, hernach fliesst dieser Fluss nordwestlich gegen Rotterdam, wo er den Namen Maas wiederum annimmt, und gegen Briel geht, und sich da in das Meer ergiesst. Der nördliche Arm erhält den Namen Rhein. Kaum kömmt er auf die Höhe von Arnheim, dem vornehmsten Orte des batavischen Départements von Geldern, so zertheilt er sich neuerdings, um den neuen Yssel zu formiren, der seinen Lauf nördlich gegen Doesburg richtet, wo der alte Yssel, der von den westphälischen Gebirgen herabkömmt, sich mit ihm zu einem einzigen Flusse vereiniget, welcher dann in den Zuiderzée fällt.
Der zweyte Theil des Rheins aber theilet sich bey Utrecht wieder in zwey Arme, deren einer sich gegen Norden unter dem Namen Vecht wendet, und bey Veesp und Muyden vorbeyfliesst, und in den Zniderzée fällt.
Der andre Arm, der den Namen Rhein behält, geht seinen natürlichen Lauf durch Woerden, und entladet sich, ehe er nach Leiden kömmt, eines beträchtlichen Theils seines Wassers, das durch drey verschiedene Gänge iu den Harlemersee ausfliesst.
1) Durch den Heimans-Water, einen Kanal, welcher beym Dorfe Oudshorn N. Oe. von Alpher anfängt, und an den Drasemersee endet, der mit dem Harlemer durch einen eine halbe Meile langen Kanal verbunden ist.
2) Durch den Does, einen andern Kanal, der westlich eine Meile von Leyden anfängt, und gleichfalls an den Brasemersee endet.
3} Endlich durch den Kromezyl bey Leyden, der in das Kager-Meer, oder in den Kagersee fällt, welcher ein Busen oder eine Ausdehnung des Leydnersees ist, der einen Theil des grossen Harlemersees ausmacht.
Also geht der Rhein, nachdem er 0,900 seines Wassers vertheilet, nach Leyden, und verliert fich in den Catwykschen Sandhügeln, deren Entstehung im Jahre 860 den Aussluss dieses Flusses ins Meer zerstöret hat.

(Archiv für Geographie und Statistik, ihre Hülfswissenschaften und Litteratur mit vorzüglicher Rücksicht auf die österreichischen Staaten: Verfasset von einer Gesellschaft Gelehrten u. Hrsg. Von Joseph Marx Freiherrn von Liechtenstern, Wien 1802)

Rijndoorst: Sonderausgabe der DW B über den Rhein aus flämisch-niederländischer Sicht

Die Dietsche Warande & Belfort (DW B) erscheint heuer im 158. (!) Jahrgang und ist somit die älteste noch existierende Literaturzeitschrift in niederländischer Sprache. Ob die DW B sich in ihrer langen Geschichte bereits gesondert dem Rhein gewidmet hat, ist uns nicht bekannt. Diesen Oktober erschien mit “Rijndorst” eine Themenausgabe, in der sich belgische, britische und niederländische AutorInnen (sowie rheinsein als deutscher Beiträger) mit rheinischer Geschichte und Gegenwart beschäftigen.

Herausgeber Bas Groes analysiert im Vorwort „Mythologieën van verlies: de Rijn in de eenentwintigste eeuw“ die Rolle des Stroms als europäisches Symbol in Zeiten der „Ökonomisierung, Banalisierung, Balkanisierung und Trivialisierung des kulturellen Erbguts“, stellt Vergleiche mit der Themse an und zieht, mit den AutorInnen der Ausgabe, den Bogen von der rheinischen Sagenwelt um Wagners Rheintöchter bis in die heutige, auf neoliberalistischem Dung gedeihende Gesellschaft.

B. Zwaal schickt einen Wassertropfen aus dem Reno di Lei auf lyrisch-lakonische Reisen. Der „druppel“ „loreleyt niet“, „nibelingt niet“ und verliert sich schließlich Richtung Themse in einem Deltageäder, das bis Calais im nördlichen Süden und in ein Wolgalied im tiefen Osten reicht.

Den Wasserwegen auf Höhe der Merwede widmet Jan van Mersbergen zusammenhängende Miniaturen: „Met de kano peddelde ik over hele grote bladeren die als eilanden in het water lagen. Ik dacht aan de poster die vroeger in mijn kamer an de muur hing. Er stond en doorsnede op van een Hollandse sloot. Met vissen, planten, kleine beestjes. De sloot op de poster leek helemaal vol leven te zitten. Dat kende ik niet, want in de sloten bij ons in de polder leek vooral kroos te groeien. Er zat wel wat vis, kleine visjes, maar dat was het wel. Ik voer ook langs mooie wite waterbloemen. Later heb ik opgezocht hoe ze heten. Ik voer naar het kanaal. Daar tilde ik de kano van het riviertje in het kanaal, bij het betonnen aquaduct. Ik peddelde het recht uitgegraven kanaal uit. Gegraven door machines, hoopte ik, want ik had wel eens gehoord dat werklozen ingezet werden om kanalen te graven en de klei is hier zwaar en na een paar steken zit je hier op het grondwater en dan loopt ieder gat vol en wordt het noog zwaarder. De bruggen hebben gele relingen hier. Betonnen bruggen met asfalt erop. Het geel steekt af tegen de lucht, vanaf het water gezien, en tegen het gras en het water als je op de weg staat. Ik rookte een sjekkie, zittend op die reling.“

Atte Jongstra schickt, frei nach Jan Frederik Helmers, ein Selbstportrait des Rheins „vol liefde“ auf den Weg, verknüpft in seinen Zeilen die Vatereigenschaften des Stroms mit der Loreley mit der Unbefleckten von Lobith mit den schönen Dünen Katwijks, um hernach Joep Leerssens kurze Geschichte der niederländisch-belgischen Rheindichtung (und worin sie sich von der deutschen abhebt) zu skizzieren.

In „Drijfijs“ treibt Miek Zwamborn auf Zeitreise durch Europa, meist entlang des Rheins, läßt sich von getrockneten Blüten und alten Burgen leiten, schlägt mit Franz Reichelt und seinem unzureichenden Fallschirm bei seinem Todessprung vom Eiffelturm ein 14 Zentimeter tiefes Loch in den gefrorenen Boden von Paris und läßt uns am Konstanzer Wasserwunder teilhaben, als der Rhein eines Vormittags rückwärts floss.

In Düsseldorfer Rheinszenarien versetzt uns John Worthen, der Robert Schumanns letzte Tage auf Erden beschreibt, inklusive seines gescheiterten Selbsttötungsversuchs im eiskalten Strom, bevor sechs unserer Liechtenstein-Sonette aus Das Lachen der Hühner, in niederländischer Übertragung von Lucas Hüsgen, den Rheinschwerpunkt beschließen.

Die DW B hat eine schöne Website, die nebst Leseproben aus “Rijndorst” auch die üblichen Bestellmöglichkeiten bietet.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.

Der Rhein für die gebildeten Stände (2)

Vom Bodensee bis Basel, wo der Rhein schon eine Breite von 750 F. erhält, hat er ein felsenreiches Bett. Von Basel aus wird sein Bett von vielen Inseln durchschnitten, die jedoch zum größten Theil blos aus Sand- und Kiesbänken bestehen, welche häufig von einer Seite weggerissen und an der andern wieder angesetzt werden. Von Breisach herab trifft man schon mehre bestaudete und selbst angebaute Inseln. Zwischen Strasburg und Germersheim ist das Bett immer noch sehr inselreich, aber der größte Theil dieser Inseln ist mit Gebüsch bewachsen. Zwischen Strasburg und Speier ist der Rhein 1000—1200 F., bei Mainz 1500—1700 F., und bei Schenkenschanz, wo er in die Niederlande eintritt, 2150 F. breit. Die Tiefe des Rheins beträgt 5—28, bei Düsseldorf sogar 50 F. Bei Schenkenschanz theilt er sich in zwei Arme, wovon der südl. die Waal heißt, zwei Drittheile seines Gewässers nimmt, sich hernach zweimal mit der Maas vereinigt und unter dem Namen Merwe in das deutsche Meer fließt. Der nördl. Arm des Rheins hatte vormals in seinem Laufe nach Arnheim zu mehre Windungen; seit 1720 aber hat man von der Waal aus bei dem Dorfe Pannerden einen Kanal gegraben, wodurch das alte Bett des Stroms nun größtentheils vertrocknet ist. Durch diesen pannerdenschen Kanal fließen jetzt die Gewässer des Rheins fort, nachdem sie sich unterhalb Millingen von der Waal getrennt haben. Ehe dieser Arm des Rheins nach Arnheim kommt, theilt derselbe sich wieder oberhalb Westervoort und bildet die sogenannte neue Yssel. Diese Abtheilung des Stroms ist eigentlich der Kanal, den Drusus graben ließ, indem die Gewässer sich bei Doesburg mit der alten Yssel vereinigen und zuletzt sich in die Zuydersee ergießen. Von da, wo sich der Drusische Kanal von dem Rheine trennt, wendet dieser letztere sich nach Arnheim und behält seinen Namen, bis er bei Wageningen und Rhenen vorbei ist, wo er Lech heißt und auf Wyk bei Durstede fließt. Von hier floß sonst der Rhein mit vollem Strome nach Utrecht, jetzt ist aber nur noch ein sehr schwacher Arm übrig, der krumme Rhein genannt. Weiterhin, Vianen gegenüber, ist schon vor mehren Jahren aus dem Lech ein Kanal gegraben worden, welcher nach Utrecht geht und gewöhnlich die Vaart genannt wird. Da derselbe mit Schleusen versehen ist, so kommen auf demselben sehr beträchtliche Schiffe nach Utrecht und von da weiter nach Amsterdam. Unterhalb Vianen sondert sich ein kleiner Arm vom Lech ab, den man die Yssel nennt, und der sich eine Meile oberhalb Rotterdam in die Merwe ergießt. Der Lech fließt von Vianen nach Schoonhofen und geht oberhalb Crimpen op de Lek in die Maas. Von den Gewässern des Rheins, die nach Utrecht fließen, geht abermals ein Arm ab, welcher die Vecht genannt wird und sich nach einem achtstündigen Laufe bei Muyden in die Zuydersee ergießt. Der übrige Rhein fließt von Utrecht nach Leyden, wo er beinahe einem Graben ähnlich sieht. Bei Rhynsburg vorbei kommt endlich dessen kleines Gewässer, drei Stunden von Leyden, nach Katwyk op Rhyn, wo derselbe eine halbe Stunde davon sich noch zu Anfange dieses Jahrh. in den Sand verlor. Sonst hatte der Rhein da einen Ausfluß in die See bei Katwyk op Zee. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die alte Mündung wieder zu öffnen, welche durch die entstandenen Dünen verschwunden war, hat man erst seit wenigen Jahren die Schwierigkeiten völlig überwunden, indem man in einem Kanale die in den Sand sich verlierenden Gewässer des Rheins gesammelt hat. Am äußersten Ende desselben befindet sich eine Hauptschleuse, eine zweite inmitten, beim Anfange der Seedünen, eine dritte kleinere beim Ausgang des Kanals aus dem Rhein, und so ist durch Hülfe der Kunst der Ausfluß des Rheins wiederhergestellt worden. Hierbei hatte man den Hauptzweck, die niedrigen Gegenden der Provinz Holland von dem überflüssigen Wasser zu entledigen und dadurch deren Werth zu erhöhen, welcher Zweck auch in hohem Grade erreicht worden ist.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)