Hoch überm Rhein

Wenn ich poetisch motiviert am Rhein unterwegs bin, dann zumeist anhand von Plänen, von denen ich mich jedoch am liebsten möglichst zügig und originell ablenken lasse, was dann wiederum nicht immer leicht erfüllbare Erwartungen in mir hervorruft, welche solche Pläne im Nachhinein bisweilen wiederum sinnvoll erscheinen lassen, denn fehlt die passende Ablenkung, können sie immerhin ja noch tatsächlich verfolgt und sogar in die Tat umgesetzt werden. Dabei geht es methodisch meist um Annäherungsversuche an die Seele einer Ortschaft, eines Landstrichs, einer Region. Ist die Zeit knapp bemessen, steigt das Risiko für falsches Herangehen und Fehlurteile. Das ist überall so, nicht nur in der Poesie. Ist die Zeit zum Erkunden dieses oder jenen rheinischen Seins also knapp bemessen, geht’s auf die touristisch vorgegebenen Hauptattraktionen und in mindestens eine Seitenstraße – oder auf einen Nebenpfad in der Natur. Noch in den 90ern habe ich solche Attraktionen und Aussichtspunkte gemieden – war genug Muße, einen Ort zu erkunden, erschlossen sich die allgemein anerkannten, millionenfach begafften und fotografierten Glanzlichter ohnehin wie nebenbei. Relevante Informationen und Weltein- wie -überblicke waren damals eher in Kellerbars oder beim Schlaf auf Waldboden und Parkbänken zu erhalten. Vielleicht wären auch die Häuser Gottes gute Anlaufpunkte gewesen, allein, ich mied sie, da sie mich seinerzeit eher bedrückten als inspirierten. Zumindest was die Ortschaften anlangte, gab es eigentlich fast überall öffentlich zugängliche Räume und nicht selten ließ ihre äußere Gestaltung auf die Wertigkeit der zu erwartenden Information schließen. Hier speisten und tranken die Wichtigtuer aller Stände, dort die Sonnenbankgebräunten, dort die Siffpunks, dort Athleten, dort als Cowboys verkleidete Männer, die akademischen Künstler hatten ihre Bar, die nichtakademischen hatten vier andere, in der einen trafen sich metalhörende Beamte, in der anderen tanzten Gurugläubige ekstatisch zu leise gedrehter Mainstreammusik, in einer butzenscheibengeschützten saßen die käsigen Helden des Viertels und verstummten für exakt siebzehn Sekunden, sobald ein Fremder eintrat. Alles, was nicht lieber zuhause blieb, hatte seine Bar. Und dort wurde gequatscht. Und dann gab es noch diejenigen Bars, in denen sich (fast) all diese Szenen mischten, was frühestens ab Mitternacht erlaubt war. Wer zum Beispiel in den 90ern die Seele Düsseldorfs erkunden wollte, der sollte mal im Melody gewesen sein, wo sie Nacht für Nacht austropfte – nicht, daß es immer ein schöner Anblick war. Seelen sind ja Gemische aus hübscheren und ekligeren Zutaten, das Klima, die geografische Lage, sowie der zugelassene Geist einer Region bestimmen die Häufigkeit und Beschaffenheit ihrer Ausbrüche. Dichter ist kein leichter Beruf. Der monetäre Verdienst ist mager, der ständige 24-Stundeneinsatz härtet ab und laugt zugleich aus, und von gutbezahlten Kritikern muß man sich in unregelmäßigen Abständen anhören, daß man noch nicht genug hungere, um endlich gescheite Texte abzuliefern. Aber es ist doch ein schöner Beruf: zwar können die Kritiker uns Vorschriften machen, doch niemand braucht sie einzuhalten. Wir können schöne und häßliche Dinge sehen und sie nachher so hinbiegen wie sie uns gefallen, weil das unter lyrische Freiheit fällt. Ich begebe mich auf einen Aussichtspunkt oder in eine Kirche oder sogar mal noch in eine Bar, immer noch in Nebenstraßen und hier oben, von diesem Aussichtspunkt, fasse ich einfach mal zehntausend Jahre zusammen, jene zehntausend Jahre, die es den Rhein gibt, ich halte Zwiesprache mit dem Fels, dem abgesunkenen Tal, der versickerten Zeit. Bevor es hier den Rhein gab, gab es auch etwas. Es scheint verrückt, daß er nicht schon immer da war und noch verrückter scheint, daß er wieder verschwinden könnte. So verrückt wie die menschliche Existenz.