Sommerloch-Walversprechen oder: Wels frißt Dackel (Großeweitewelt-Mix feat. Tagblatt Online)

Die Worte Wels und Waller (Waler, Weller, Wähler, Valant) in der Uferzone beim Rorschacher Hauptbahnhof: es gibt sie eben doch! Sie stammen aus der selben sprachlichen Wurzel wie Wal (Qualfisch, Quellfisch, Quallfisch, Quälfisch), welches aus dem germanischen hwalis herwallt: „Diss scheussliche Thier, zum regionalen Tierstar avanciert, könnte wegen seiner Gestalt ein teutscher Wall genennet werden.“ (Was kann, das muß.) Die wahrscheinlichste Rohrleitung, Einleitung rührt vom altpreußischen kalis, was Wels bedeutet. (Kalle, du unpaarhufer Welsmann. Komma Kippschwänze. Barteldu. Mostkompost und Mehlristfackel.) Zwar habe der Wels keine Zähne, sondern nur Platten zum Zermahlen der Beute, aber allein mit der Bucht seiner Wasse könne er böse Prelllungen ursachen. Sachen machen: Jahr um Jahr wär es Spässchen gewesen, See-unkundigen Fussballkollegen vor dem Nachtschwumm nach dem Abendmatch die Mär vom Monsterwels aufzutischen, einem 5-Meter-Kerl, der hier, nach dem Eindunkeln herumzentnert – und dann und wann als Kameramann mit seinem schwartigen bartfadenbehangenen Riesenmaul nach einem bleichen Schwimmerhoden schnappen würde. (Knappen. Altknappe Kehlkistakeln. Schwattemattacke.) In den Geschichten des Uferschnaps, der Brautbirne und des hämeligen Männleins kommen sie seit der Jahrtausendwende am Rande vor: die beiden Angler und ihre Dackel, Wackeldackel, welsgepackt am Angelhaken, auf Stunden übern See gezogen und nie wieder von einer Menschenseele erblickt. So jagen sie Schnaken auf dem Seegrund dahin, die Dackel wackeln, stöbern im Sediment, schieben sich ihre Legenden rüber, spielern schau für Kulturprogramme, Gruseldokus aus dem Sommerloch, Pokerprofis am Wasserloch, einem Strudeldudeldei. Es gibt Fotos davon im Internet, dh Facebook fordert in einem Schwall all seine guten Freunde auf, anonym mitzuteilen, ob es sich um einen echten Wels handelt oder um einen denunziablen Fakefisch. (Wäre diß nicht egall, gäbtes fast alles, was vorhanden ist.) Denken wir den Waller als Fischvogel. Düsenbartel. Ergonomisch tieffliegendes Klatschgewürm. Klappfilet. In seiner Eigenschaft als Melanderpaste. Welcher der momentane Wels in einer seitlichen Anberaumung von Zukunft begegnet, seinem entseelten kulinar-Ich, der blutgemuth-blinden Entsprechung seines Wesens, des sämtlichen Welswesens, durch die Magie der Wildheit dividiert, in einer dem Glubschauge verschwommen ahnbaren Produktionsstraße, fisselige Frequenzen „du www-Wels du ichdu schchd sch-sch-www-wahwahwahwahwah!“ Die Thesen Worthe vom Rorschacher Hauptbahnhof sind nicht einzigartig. Sie erklingen am Rheydter Schloßgraben wie über den Teichen von Mönchengladbach, dialektgefärbt säumen sie die Tümpel und Flüsse der Republik und ihrer Nachbarstaaten, mit den Passagieren der Mayflower eroberten sie die neue Welt: Catfish eyes and tales, Lagerfeuergeschichten über Pennerwelse „a tenement, a dirty street / walked and worn by shoeless feet / inside it`s long and so complete / watched by a shivering sun / old eyes in a small child`s face / watching as the shadows race / through walls and cracks and leave no trace / and daylight`s brightness shuns“ zu Zeiten Pearly Spencers, des ersten Amerikaners, der verbürgtermaßen von einem blinden Bibelfisch verschluckt wurde.

Melander (2)

melander

Wir haben über den Melander berichtet, ein Lebewesen, das in freier Natur nicht vorkommt, sondern ausschließlich in einer Oberrieter Fabrik zum Zwecke des Verzehrs gezüchtet wurde, bis die Ostschweizer Behörden dem Frankensteinismus Einhalt geboten. Mit der Geburt des Melanders begann seine Mystifizierung. Das Bild zeigt eine grafische Darstellung des extraevolutionären Fischtiers. Solche Darstellungen finden sich auf Porzellanbehältern und sind heute in Brockenhäusern zu erwerben. Das altmodische Behälterdesign sollte womöglich Beständigkeit suggerieren, i.e. optisch über die wissenschaftliche Entstehung des Melanders hinweghelfen.

St. Galler Rheintal

Im St. Galler Rheintal, dem Chancental, das (laut fündig gewordener Köpfe) Chancen auf Leben und Arbeiten zu bieten als seine Kernaussage betrachtet. Das Tal wird dominiert von schlichten langgestreckten kastenförmigen Industriebauten, auch wohnliche Ecken existieren: begrenzt. Altersheime kennzeichnen dann deren Außenkoordinaten, flankiert von im lokalen Währungsklima behutsam heranwachsenden ALDI Suisse-Märkten, jeglicher Hektik bar. Eine Gegend für Köpfe, in denen sich Ideen in die Länge und die Höhe, aber weniger in die Breite ziehen müssen, um zu einer der Gegend (Anzeichen von Wohlstand, gerade so auszuhalten) abgerungenen Zähigkeit als Voraussetzung zur Entfaltung zu gelangen. Der taleigene Grundton, ein bereits mehrfach modernisierter Kammerton A, schwingt in freien Wellenbewegungen von der Autobahn in alle Richtungen und klettert alsbald die Höhenzüge empor. Ich befinde mich auf der Suche nach dem efemeren Melander, jenem (mittlerweile wohl legendär zu nennenden) Rheinfisch, der den Rhein (binnen seiner rund zweijährigen irdischen Existenz, welche vorderhand in eine – bisher kaum dokumentierte – evolutionäre Sackgasse führte) nie zu Gesicht bekam. Hier wurde er erschaffen und in Serie hergestellt. Doch die Melanderfabrik im Oberrieter Industriegebiet scheint wie vom Erdboden verschluckt. Stattdessen finden sich zu codierten Plänen ausgelegte, melander- und axolotlfarbene, von hauchdünnen Säcklein beschwerte Bodenfolien, unter denen (arglos) neue Ungeheuerlichkeiten zu brüten/keimen scheinen. Aus frühjahrsgrünen Bünten grüßt Wiesenschaumkraut. Manch von den Anwohnern am liebsten ignorierter Rheinzufluß kämpft sich durch den Boden seinem Ziel entgegen. Die meiste Natur scheint auf simpel-seichte Weise geebnet. Es herrscht ein Versuchsklima, kommt es mir vor, das gesamte St. Galler Rheintal liest sich leichthin/aus der herrschenden Luft gegriffen als experimentelle Biosfäre für ein weitgehend störungsfreies Ableisten von Lebenszeit in einer von der Weltöffentlichkeit nicht übertrieben beachteten Provinz, einem zufällig passenden Platz am Steiß der Schweiz, wo sich dann eben Elektroautos herstellen lassen und Monsterfische, wo die Banken nach emsigen Insekten benamst werden und Schlachtbetriebe „ProRind“, wodurch eine Ästhetik ensteht, die sich jener einer gängigen Schneekugel zuschreiben ließe, welche zugleich als lebenserhaltender Tropf all diejenigen versorgt, die sie mit ihrem Gestaltungswillen so maßgeblich speisen. Das klingt fürchterlich normal und ist es auch, in einem Übermaße, daß einen die Normalität hier anspringen will, kraft allen ihr innewohnenden Wahnsinns, der nichts weiter ist als der Wahnsinn des fallenden Kalenderblatts (darauf ein Sinnspruch, der in sich zerstiebt), das aus dem Augenwinkel verschwindet, während sich vor uns der Alltag aufbaut mit seinem Baseballschläger und uns antreibt zu unsern Verhaltensweisen, kaum getätigt, schon vergessen, falls überhaupt je ernsthaft registriert. (Der Fluß, der alles fortschwemmt, ist an dieser Stelle selbstverständlich ein Kanal.)

Melander

Beim Spaziergang durch Schaans hanglagiges Villenviertel: Max Frischs Haus existiert nurmehr als restgeisterfüllte Baulücke und im Gartenteich des saarländischen Öko-Putzmittelkönigs Hans Raab tummeln sich fette dunkle flossige Gestalten, die auf eine ungeheure Geschichte weisen, die jüngst zum Erliegen gekommene Fisch-Frankensteiniade in Oberriet im St. Galler Rheintal: dort nämlich wurde unter Raabs Regie der Melander erfunden, der „perfekte Fisch“, der „Fisch der Zukunft“, unzweifelhaft ein Fisch großer Attribute und Hightechtier, Resultat aus der Kreuzung (hierzu variieren die Meldungen: zweier/dreier afrikanischer/indischer, jedenfalls:) diverser Welsarten, ein nährstoffideales Geschöpf, das weder Bächlein, Fluß, Teich, See noch Ozean je kannte, stattdessen in industriellen, biologisch gereinigten Thermalwasserbecken heranwuchs, mastbeschleuniger-, medikamente- und chemiezusatzfrei mit Soja und Mais gefüttert bis zur Schlachtreife, um darauf, seiner einzigen Bestimmung gemäß, in „Melander Filet“, „Melander geräuchert“, „Melander Wienerli“, „Melander Weisse“, „Melander Brätling weiss“ und „Melander Schnitt-Paté, mild und pikant“ verarbeitet zu werden. Die Produktion sollte 2009 auf fünf Tonnen täglich hochgefahren werden, somit pro Woche die bisherige Fisch-Jahresproduktion der Ostschweiz übertreffen und insgesamt die schweizerische, hauptsächlich aus Forellen bestehende, exotisierendst verdoppeln. Wurde, kannte, wuchs und sollte: die Melander-Fischfabrik ist seit diesem Februar amtlich geschlossen, die Produktion eingestellt, „zwei Veterinäre des Kantons bestätigten (…) nach einer über einstündigen Kontrolle (…), dass sich in der Fischfarm keinerlei lebendige oder geschlachtete Fische mehr befinden“. Zur Schließung kam es nach einigem Rechtsstreit über das Tötungsverfahren, welcher ein multiples Presseecho mit typisch schweizerisch-deutschem Nachhallali und einen Herzinfarkt beim Melander-Schöpfer auslöste. Wo aber ist seither der Melander (ein kürzestes Kapitel der Evolution?) abgeblieben? Konnten ein paar Exemplare Richtung Rhein entfleuchen, ganz ähnlich Dr. Frankensteins galvanischem Sohn? Antennen sie dort herum, axolotln gar und/oder schaffen sich in neue Sagen ein? (Die Zeit wird’s weisen, die Zeit allein.)