Der Rhein wird landschaftlich überschätzt

“Gar keine Wohngegend. Ne Zellstofffabrik und Raffinerien. Mehr gibts doch hier nich, oder?”
“Nein.”
“Und als Ausflugsgebiet: Sieht hier ja auch nicht gerade so aus, als wär das die schönste Rheinecke.”
“Der Rhein wird landschaftlich überschätzt. So schön ist der nirgendwo, soweit ich ihn kenne.”

(Dialog aus dem Tatort “Tödliche Wanzen” von 1974, der überwiegend an Karlsruher Schauplätzen spielt, darunter der Rheinhafen, Maxau und das Kernforschungszentrum.)

Bayerischer Rhein (2)

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Einen Blick auf das bayerische Rheinufer von Maximiliansau, inklusive dampfgetriebener Fortbewegungsmittel zu Wasser und zu Lande, offeriert diese undatierte Grußpostkarte aus dem badischen Maxau. Zur Brücke, einer kombinierten Eisenbahn-Schiffsbrücke, schreibt das Karlsruher Stadtwiki: “Am 8. Mai 1865 wurde sie eröffnet. Sie verfügte über ein einspuriges Gleis sowie über eine Fahrspur für den Individualverkehr. Mit 34 Pontons, einer Breite von 12 Metern und einer Länge 363 Metern sowie drei ausfahrbaren Jochen an jeder Uferseite wegen dem wechselnden Fahrrinnenverlauf war sie die erste Eisenbahnschiffsbrücke Deutschlands und wurde damals als Wunderwerk der Ingenieurskunst viel bestaunt. Sie ermöglichte der Maxaubahn die Verbindung und Weiterfahrt ohne Umsteigen in die bayrische Pfalz. Wegen der begrenzten Tragfähigkeit dieser Brücke wurden die normalen, für die Brücke zu schweren Dampfloks abgekoppelt und die Waggons durch eine speziell hierfür konstruierte, besonders leichte Kleinlokomotive, der sogenannte „Brückenhexe“, auf die andere Rheinseite gezogen. Bei schwerem Eisgang im Winter mußte sie allerdings ausgeschwommen und stillgelegt werden. (…) Die gefundene Lösung erwies sich bald als Engstelle für alle Verkehrsbeteiligten, da der Individualverkehr nur passieren konnte, wenn die Brücke geöffnet war und kein Zug verkehrte. Durchschnittlich war die Brücke im Jahr 1912 täglich neun Stunden geöffnet und etwa 42 Minuten pro Öffnungsvorgang. Danach durften die wartenden Rheinschiffe wieder passieren.”

Tulla, der Gepriesene

tullaJohann Gottfried Tulla als schief hängender Ritter der Ehrenlegion

“Über ganz Karlsruhe lag ein Gebet an Tulla, den gepriesenen Mann, allgegenwärtig in Straßen und Unterrichtsstunden, Tulla hier, Tulla da, als Namenspate für Schwimmbäder und Konferenzen, Tulla, der badische Herkules und Befreier des Volkes aus den Sümpfen mit ihren Fiebern und Überschwemmungskatastrofen, Tulla, der die einstige Hölle des Oberrheins in ein Paradies verwandelt hatte. Er klingt fremd, lateinisch, der Name Tulla, ich verbinde ihn mit einer römischen Büste. Tulla war in Wirklichkeit, soweit Wirklichkeit sich aus vergangenen Jahrhunderten ins Jetzt übertragen lässt, ein Ingenieur, der um bescheidenen Lohn (…), nicht ganz ohne Hilfe zahlreicher namenloser Arbeiter, den mäandernden, inselaufwerfenden, wilden Rhein von Basel abwärts weit über hundert Kilometer in eine Schnurgerade zwang. Als Gerichteter und Gefangener zieht der Fluß heute an meiner Geburtsstadt vorüber, Nacht für Tag, Tag für Nacht, ein paar dümpelnde Auwälder und Altarme als Pin ups an seine Zellenwand geklebt. Fahre ich hinaus an seine gemauerten Ufer, verläuft dieser kanalisierte Oberrhein für mich wie eine Endlossequenz meiner eingeengten Jugend. Das Meisterwerk, initiiert von Gottfried Tulla und neuverfilmt von David Lynch, lässt menschengemachtes Grauen in neugeschaffenen Idyllen lauern, bevölkert mit absonderlichen Randgestalten, die mich mit schiefen Mäulern mustern, grüßen: „Ah, der Anner!“ „Der Andere“, das bin ich, der Gegrüßte, eine badische Personalisierung für denjenigen, den man zu erkennen meint, ohne seinen Namen zu erinnern oder aussprechen zu mögen.” (Rhein-Meditation)

Daß die Tulla-Preisung zu Karlsruhe fortgesetzt geschieht, davon gibt ein vor wenigen Tagen in den Badischen Neuesten Nachrichten erschienener Artikel in der Reihe “Karlsruhe und seine Köpfe” Zeugnis. Darin wird Tulla, 1770 als Sohn eines Rüppurrer Pfarrers geboren, nicht nur als der Mann beschrieben, der den Oberrhein schiffbar machte und die Malaria eindämmte, er legt mit seiner 1807 gegründeten Karlsruher Ingenieursschule auch “einen Grundstein zum heutigen KIT*”, eine der Vorzeigeeinrichtungen der Residenzstadt. Regionaler Widerstand erwuchs Tullas Großprojekt, das von 1817 an über 70 Jahre (somit weit über den Tod des Ingenieurs im Jahr 1828 hinaus) umgesetzt wurde, vor allem aus dem heutigen Karlsruher Stadtteil Knielingen. Die Knielinger, “rebellische Untertanen”, sorgten sich aufgrund der Begradigung um ihre Fischgründe “und mussten letztlich mit Militärgewalt zum Einlenken gezwugen werden”. Nicht nur die “weit über hundert” bis Karlsruhe, wie in der Rhein-Meditation niedergelegt: ganze 266 Kilometer beträgt heute die rektifizierte Strecke von Basel bis an den Südrand Hessens. “In der Region erinnern nach ihm benannte Schulen und Straßen an den Rhein-Begradiger. Ein Denkmal wurde am Rhein bei Maxau errichtet.”

* Karlsruher Institut für Technologie

Marianne Faithfull heizt durch Karlsruhe

rheinbrücke

Die Bildeinstellung hat etwas horizontarm Seeisches, doch dürfte es sich um die Rheinbrücke bei Maxau handeln. Marianne Faithfull auf ihrer Harley ist in der Bildmitte nur als Schemen eines kopfstehenden Ts zu erkennen. Zwei Sekunden später erreicht sie die Stadt, von der im Film suggeriert wird, daß sie sich zwei

stadt

Kilometer von Heidelberg entfernt befinde. Mannheim vielleicht? Diese Luftaufnahme gibt uns zu rätseln. In den nächsten Einstellungen finden wir

ettlinger-tor

starke Hinweise auf Karlsruhe: die typische Straßenbahn am rechten Bildrand und was da über Mariannes/Rebeccas rechter Schulter aufragt, sieht verdächtig nach der Verfassungssäule auf dem Karlsruher Rondellplatz aus. Marianne

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jedenfalls scheint die Stadt zu gefallen. Und noch ein Hinweis auf Karlsruhe

zigarren-kohmtaucht über Mariannes rechter Schulter auf: Zigarren Kohm. Damit dürfte die Kulisse einwandfrei als Karlsruhe identifiziert sein. Zum Abschluß noch eine

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Haltungsstudie mit Albtalbahn und zwei Zuschauern, die vor lauter Staunen angesichts dieses historischen Moments ganz verwackelt erscheinen.

Porsche im Rhein

Beim Filtern sommerlochartiger Zeitungsmeldungen sind wir neben Loreley-Havarien (mit ihrer langen Geschichte) und Krokodilaufkommen im Rhein (mit ihrer mittellangen Geschichte) auf eine dritte bedenkliche Häufung (vergleichsweise sehr jungen Datums) gestoßen.

So berichtet das Oldtimer-Magazin meinklassiker.com von einem schmerzhaften Anblick, der am 29. Januar 2011 einen neuen Trend in der öffentlichen Rezeption eingeläutet haben mag: „Einen mit der vorderen Wagenhälfte im Wasser stehenden und erheblich beschädigten Porsche 356 C entdeckten Spaziergänger am Morgen (…) am Rheindamm unterhalb der Maxauer Brücke in Karlsruhe. Den Beamten der alarmierten Wasserschutzpolizei blutete das Herz, als sie den frisch restaurierten Oldtimer aus dem Rhein zogen. Nach (…) bisherigen Ermittlungen hatten Unbekannte den anthrazit-farbenen Wagen aus einer Garage im Rheinhafengebiet entwendet (…). Wieso die Täter das (…) Liebhaberfahrzeug dann (…) die befestigte Uferböschung hinab schoben und offenbar im Rhein versenken wollten, sollen nun die Ermittlungen der Kriminalpolizei klären.“

Etwas klarer liegt der Fall bei einem jüngst im Rhein geparkten Porsche auf Schweizer Terrain: „Wie die Kantonspolizei Zürich am Montag mitteilte, fuhr ein 24- Jähriger am Sonntag gegen 21 Uhr zum Einwasserungsplatz für Boote in Eglisau. Dort überliess er seinem 29-jährigen Kollegen das Steuer. Als dieser mit dem Wagen losfahren wollte, hatte er einen falschen Gang eingelegt: der Sportwagen machte einen Satz und landete im Rhein. Die beiden Männer konnten das Fahrzeug verlassen und ans Ufer schwimmen. Hilflos mussten sie mitansehen, wie die starke Strömung den Sportwagen in die Mitte des Rheins zog und das Auto dort schliesslich in den Fluten versank. (…)“ Soweit der Tagesanzeiger. Wie die Sache ausging, erfuhr die gesamte Schweiz aus der nationalen Tagesschau: „Der Occassionswagen ist so stark beschädigt, dass man nicht mehr damit fahren kann. An Land wird das kaputte Auto auf einen Abschleppwagen gehievt. Dieser transportiert es zum Stützpunkt der Zürcher Kantonspolizei nach Bülach. Der Eigentümer des Wagens darf das Auto dort besichtigen. Sein Kollege, der den Unfall verursacht hat, wird sich gemäss dem Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich, wegen Nichtbeherrschen des Fahrzeuges verantworten müssen und gebüsst werden. (…)“

Wer von unseren Lesern ebenfalls einen Porsche im Rhein beobachtet: rheinsein freut sich über Berichte und Bilder, um den möglichen Trend zu verifizieren.