Himmelsfänomen zu Pfingsten

Gegen Abend des jüngst vergangenen Pfingstmontags sammelte sich eine weißgraue Wolkenmasse über Mauenheim. Anders als der gewöhnliche hiesige Leichentuchhimmel besaßen diese Wolken plastische Ausprägung: ein sich ballendes, sackartiges, gen Betrachter ausgebeultes Knäuel, das seinen Schwerpunkt zu justieren und wie zufällig knapp neben das Bezirksrathaus zu zielen schien: ein Bündel Himmelsmacht mit Vorbotenfunktion, das stundenlang stumm und angespannt reglos über den Dächern wartete. Auffällig waren die Furchen, die, Strömungsrippeln vergleichbar, das zusammenhängende Massiv in fleischige Sektionen teilten, eine gewaltige umnetzte Schinkenkeule als Thorshammer auf dem Schoß eines unentschlossenen Engels, zugleich Botschaft höherer Mächte: “So etwas habt ihr noch nie gesehen, merkt euch, wir können das!” Die Vögel hüpften und huschten durch die niederen Lagen des Hinterhofs, führten aufgeregte Diskussionen. Das Gezwitscher, Gegurre und Gekecker dauerte ungefähr eine halbe Stunde und schlug schließlich in nackte Angst um. Als erste verpissten sich die Amseln, die im Hof als relative Vernunftvögel gelten. Die selbstverliebten Tauben, die großkotzigen Elstern: zeigten grad mal noch ein paar Sekunden Attitüde, nachdem die Amseln verschwunden waren, und rauschten dann ziemlich kleinlaut ab. Joseph, das Eichhörnchen (von einem verächtlichen Menschen paradoxerweise benannt nach Benedikt XVI., weil nach dessen Inauguration eine britische Zeitung geschrieben hatte, der Mann sähe aus als würde er heimlich mit Wollust Eichhörnchen verspeisen), das putzigste und klügste Tier des gesamten Hinterhofs, war bereits in der Woche zuvor abgetaucht.
Mit dem Auftreten der seltsamen Wolken war das Internet ausgefallen, viele Nachbarn standen deshalb auf ihren Balkonen. Und standen dort lange. Einzelne Profezeiungen: “Jewitter”. Zur Tagesschau schwärzte der Himmel sich wie bei einer Sonnenfinsternis, doch ohne vorauseilenden Sturm. Es wurde ganz still, sogar diejenigen Nachbarn, die sonst bei jeder Gelegenheit den Hof mit Chart-Hits beschallen, harrten schweigsam der Ereignisse wie rückwärtig erfaßte Menschen auf einem Oelze-Gemälde, die ein Oelze-Gemälde betrachten. Offensichtlich: die Nacht war zwei Stunden früher angebrochen als um diese Jahreszeit üblich; Wind kam auf und säte Sturm. Jenseits der Neusser Straße verwandelte Mauenheim sich in eine Blitzkugel. Die Engel schnippten grünliche, gelbliche Lichtscheiben über die Dächer. Ein computeranimierter Regentropfen erkundete den Hinterhof, vereinzelte echte Tropfen stürzten sich, um Eindruck zu schinden, in Kamikazemanier auf das Pflaster. Das anhaltende Blitzgeflacker über Mauenheim konnte Krieg bedeuten, es war möglich, daß einige Widerständler abgeleitete Blitze und von Silvester übriggebliebene Feuerwerksraketen in den Himmel zurückfeuerten. Doch keinerlei Detonationen, noch irgendeine verläßliche Nachricht aus dem Frontgebiet drüben im Nibelungenviertel. Ein Krachen und die Front verlagerte sich ansatzlos in den Hinterhof. Zu diesem Zeitpunkt keine Überraschung mehr. Die Bäume verneigten sich vor dem Eindringling, allen voran die Zierkirsche. Der im äußersten Blütenstand begriffene Holunder zupfte sich einzelne Blätter aus und streute sie fraternisierend dem Feind entgegen. Der einmarschierte Wind enthielt ein Gemisch aus Sand, sprühender Feuchte und fernen Feuerwehrsirenen. Die Böen: Nahkämpfer mit Spezialausbildung. Ein widerständiger Nachbar, von einer Ninja-Böe überrascht (von hinten unter den Achseln durch an Kinn und Nase gepackt, die Knie wohl eingeknickt), verschwand zappelnd hinter seiner Balkonbrüstung. Das Gewitter nahm seinen Lauf, die Blitze hatten sich mittlerweile mit dem Donner abgestimmt, der Starkregen führte Plastikmüll mit sich und triumfierte für eine Stunde. Kurz vor Sonnenuntergang endete die Nacht, die Sonne ging, die Nacht kam zurück.
Anderntags berichteten die Medien (das Internet funktionierte wieder) von sechs Todesopfern des Unwetters im Rheinland. Über Mauenheim hatte der Dämon nur kurz gelacht und den ansässigen Menschenstamm mit einer lockeren Demonstration seiner Fähigkeiten in den nachpfingstlichen Alltag entlassen.

Rheinische Tierwelt (15)

Kölns kleinster, stets herbstlich anmutender und innerhalb Kölns wohl unbekanntester Stadtteil Mauenheim bietet, so unscheinbar er auf den ersten Blick wirkt, bei längerem Verweilen kurzfristig auftauchende, irritierende und meist zügig wieder abklingende Erscheinungen, nicht selten aus dem Tierreich. So sehr beide Aufnahmen eine gemeinsame Szene nahelegen: die obere stammt aus der Neusser Straße, die untere aus der Eckewartstraße.

es ist stets herbst in mauenheim (2)

Herbst ist Erntezeit. Eigentlich müßte Mauenheim, bei seinen klimatischen Voraussetzungen, ein ewiges Erntedankfest feiern. Doch die Mauenheimer Versorgungslage ist mau. In der zentralen Nibelungensiedlung erblickten wir auf unseren Streifzügen lediglich eine klandestine, am frühen Nachmittag weitgehend ausverkauft wirkende Bäckerei und einen geschlossenen Friseursalon. Entlang der Verkehrstrassen, die Mauenheim gleich Würgeseilen umschließen, findet sich, in Mehrfamilienhausblöcke integriert, trotz einigem Ladenleerstand die überlebenswichtige Infrastruktur: Geschäfte und Amüsiermöglichkeiten. Der „Kaufsaray Megamarkt“ bietet halal Geschlachtetes und Wassermelonen, jedoch weder Milch noch Alkohol. Letzteren gibt es dafür gleich nebenan in der Merli-Schänke: Althäuser Korn, Mariacron und Kümmerling dominieren die Getränkekarte, die auch zwei Weinsorten kennt: weiß und rot. Nebst schwerzungigen Lauten dringt bromartiges Licht aus der nur tagsüber geöffneten Gaststube, eilt flugs übers Trottoir und versickert im nächsten Gulli. Um die Ecke laufen zwei Spielhallen im 19-Stundenbetrieb. Die von Wohnblocks verschattete Außenterrasse des von Senioren frequentierten Café Rademacher bietet den nachdenklich stimmenden Anblick unbesetzter Polstermöbel. Hinter der staubigen Scheibe eines typischen Kölner Büdchens grüßt ausdauernd die asiatische Winkekatze. Es ist der zweite Tag unserer Erkundungen. Die Menschen beginnen uns zu grüßen. (Wird vielleicht fortgesetzt.)

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Mainzelmännchen, Vinyl-Singles, Tabakdosen, ein Reichsbank-Sparsäckchen und im Schaufenster sich spiegelnde Wohnblöcke: Ladenkonzept in Mauenheim

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Wochenangebot des Mauenheimer Kaufsaray Megamarkts: Peynir (Käse). Von vier Angebotstafeln ist nur eine beschriftet. Die unübersetzten Zusätze kahvaltılık und böreklik besagen, daß der Käse zum Frühstück und für Blätterteigpasteten geeignet sei. Kaufsaray ist eine deutsch-türkische Wortverschmelzung, saray bedeutet Palast.

es ist stets herbst in mauenheim

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Vor wenigen Tagen erkundeten wir Mauenheim, Kölns angeblich kleinsten Stadtteil, an den der Rhein allenfalls mit Altarmen einst heranfingerte und von dem es in einem bekannten Gedicht heißt, daß er nur eine einzige Jahreszeit kenne, den Herbst. Doch so klein ist Mauenheim gar nicht. Im Osten, Süden und Westen von mehreren Verkehrsadern, im Norden von einem imposanten Friedhof begrenzt, liegt das in Köln so gut wie unbekannte Viertel “hinter dem Schall”. Vor allem entlang der Schallgrenzen bestehen noch zahlreiche, Wachstum versprechende Baulücken. Markant in Mauenheim wirkt neben dem Nordfriedhof vor allem die Nibelungensiedlung, deren Straßen und Höfe nach den vorzeitlichen Heldinnen und Helden des Nibelungenlieds benannt sind. Zentraler Treffpunkt Mauenheims scheint denn auch der – wunderbares Kompositum: - Siegfriedhof, eine klassische Vorort-Gaststätte, auf deren Speisekarte sich Gerichte wie “Seelachs-Ersatz mit Zwiebeln, Ei und Kartoffelsalat”, “Ölsardinen mit Butter und Brot”, “Restaurationsschnitte” oder “Russen-Ei” finden. Die Menschen auf den Straßen Mauenheims sahen bei unserer Erkundung nicht allzu gesund aus. Viele schleppten Habseligkeiten in Plastiktüten durch die Gegend. Eine Familie sammelte sich um ein Auto älteren Baujahrs, um es langatmig zu besprechen. Die Sonne denunzierte einige trostlose Winkel und klebte Bescheide an Autofenster. Daß sie überhaupt wirkte, gab dem Mauenheimer Dauerherbst einen Anstrich von Frühling. Wohl birgt dieser Herbst in seiner Permanenz saisonale Subkontexte, welche sich in den Vorgärten etwa per verschämtem Blütenschimmer kurz und amateurhaft äußern. Denn: blühte dort bei den Wegplatten wirklich ein Rhododendron? Oder benötigte unser Hirn in der Mauenheimer Trostlosigkeit dringend wenigstens diesen einen Rhododendron, kopierte ihn aus einer entfernten Vororterinnerung und fügte ihn selber ein? Wir können es nicht mit Sicherheit festlegen. Die Straßen Mauenheims jedenfalls strotzen vor Unscheinbarkeit. Sogar die Graffiti bezeugen extreme Einfallslosigkeit. Welche ja nicht unbedingt als herbsttypisch gilt. Typisch für die Hauswände wiederum sind verzweigte Muster, die ehemaliger Efeubewuchs auf ihnen hinterließ: Abgasfrottagen, tief im Rauhputz verankerte Grau-in-grau-Strukturen, die immerhin dem Himmel entgegenstreben. (Wird fortgesetzt.)

Eisgang bei Cölln 1784

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Eigentliche Vorstellung Zum Imerwärende Andencken Des Traurigen Schicksals der Stadt Cölln. Da im Jahr 1784 der Gewaltigen Rhein Strom Sich durch Die Zum Höchsten grad gestiegene Kält 16 Fus Dieff Zusamen Sackte, Und 47 Täg Maur Fest die Schwerste Läst Von Einem Uffer Zum Anderen Beförderte. je Tieffer nun die Zufrierung des Stroms Ware, desto Gewaltsamer Muste der Aufbruch Sein. Da am 27 Feb Wurden Durch den Gewaltsamen Drang des Eises 4 Krahnen Zugrunde gerichtet. Die Landbrück. Schiffbrück. Eisbock Seind von den Rassenden Strom Mit genohmen Worden, 16 Holländischen und Viele Oberländische Schif Zu Grunde Gegangen. Die Stadt Mauren Umgeworffen Samt den Angräntzenden Häuser, und Unzähligen Menschen Zerschmettert, das Waßer Ware bey Diesem Sturm 11 Schuhe, 3 Zoll Höher als 1740. Wodurch Dan Beynächst die Gantze Stadt in Wasser Gesetzet wurde. Auch hat Diese Entsetzliche Hohe Flut jenseit dem bayen thurm Einen ausbruch Gethan. Wovon Viele Felder über Schwemmet. Auch alle Graben Rings um die Stadt Mit Wasser Angefüllet, und der unter der Müntze Ausgebrochene Flut hat in Mauenheim Und andere Örther Viel Schaden gethan. A. Deutz Hat Etlige Häuser und allen Ihr Vieh Verlohren. B. Mülheim hat 161 Häußer und Viel Menschen Eingebüßst. C. Roden Kirchen Hat Gleiches SchicKßall Gehabt. AltenMarcK und HeumarK waren 4 bis 7 Fuß unter Wasser Gesetz

(Kupferstich von J. P. Goffart)

Durch den Kölner Norden

Wer in Mauenheim (wo es, genau wie das berühmte Gedicht behauptet, stets herbstet) wohnt, wo wir in Mauenheim wohnen, wohnt sozusagen eigentlich schon fast in Niehl und als Niehler wohnt man nahezu direkt unterm Bayerkreuz, ist also praktisch Leverkusener. Der Rhein macht in dieser Gegend sehr hübsche Schleifen, deren Schönheit nur deswegen nicht auffallen will, weil die Ufer recht vernutzt sind. Wir radeln durch das alte Fischerdorf Niehl, dessen Einwohner sich einst in Dreiplankenbooten auf den Strom hinaus wagten. Seit die Ford-Werke gebaut wurden, setzen sie lieber Autos zusammen. Die Straßen sind recht leer und werden leerer, je weiter wir nach Norden vordringen, bis plötzlich ein Aussichtspunkt erreicht ist, über dem die Industrie ihre Rachen zur Drohgebärde aufzureißen scheint: Bayer auf der rechten Seite, Ford auf der linken. Einige Schilder zeigen an, was mit Fahrradfahrern passiert, die hier noch weiter wollen. Das Ford-Gelände muß also umgegangen werden, wobei das Umgehen eine Art Queren vorstellt, immer an Werkszäunen und Gleisen entlang, über bröckelnde, von der Natur angegriffene, menschenleere Wege, nur in der Ferne tauchen kleinere Gruppen auf und verschwinden sogleich wieder – reichlich irritierend, daß diese geheimnisvollen Leute allesamt Schlangengurken mit sich führen. Ansonsten gibt es den Imbiss Zur Hexenküche zu notieren – für den großen Slum-Lookalike-Imbissbudenwettbewerb. Am Wochenende ist dort nichts los, leicht vorstellbar jedoch ein Dienstagmittag, an dem die Lackierer dort um Wurst anstehen. Die Luft weist seifige Komponenten auf, dieweil der Himmel sich selbst überlagert wie x-fach gefalteter Stahl. Direkt hinter die Ford-Werke duckt sich Merkenich, an dessen Hauptstraße hockt ein Mann in einem Kabuff, als sei er der Ortschaftspförtner, das Kinn apathisch auf ein Exemplar Cucumis sativus gestützt. Merkenich ist rheinlängs hinterfahrbar. Dort erstrecken sich Naturschutzareale, dh ungemähte Wiesen, aus denen die Kreuzkröte vor zwei Jahren aufs Esso-Gelände auswanderte, wedelnde Holderbüsche, Pappelgeflirre. Köln beginnt nun mit erstaunlicher Ländlichkeit. Pferdekoppeln über Pferdekoppeln, glückliche Pferdemädchen, Erdbeerstände, Spargelstecher, Hofläden. Wir verweilen unter einem Rheinkasseler Kirschbaum. Schwebfliegen registrieren die Bewegungen unseres Stiftes beim Notieren, reagieren auf dessen Tänzchen wie die Kobra auf die Flöte des Schlangenbeschwörers. (Damit müßte sich doch was mit pekuniärem Niederschlag anstellen lassen!) An St. Amandus prangt ein Totenschädel. Die Kirchentünche ist lachsfarben, das mag auf einstigen Salmfang verweisen. Die Langeler Fährgastronomie korrespondiert im Nadelstreifen-Outfit mit der Rheinkasseler Kirche. Langel bietet einige Badebuchten, nicht ganz so hübsch wie die in Rodenkirchen, dafür weniger stark frequentiert. In den Auen ringsumher brüten Wiesenpieper, Stieglitz, Kiebitz, Girlitz, Firzling und weitere Vögel, die auf I lauten, wir entdecken zunächst einen Fasan, der den nächsten Rain entlanggockelt. Wiesensalbei, Klatschmohn, Ackerwinde, Margeriten („sehen aus wie kleine Spiegeleier / innen gelb und an den Rändern weiß / ausgefranst am Rand aber rund in der Mitte / genauso sieht sie aus die Margerite“ – wie Harald „Sack“ Ziegler einst treffend befand). Es piept aus den Wiesen, wir kiebitzen und crossen das Worringer Schlachtfeld.

Vom Zitat zur Bestandsaufnahme

Das heute eingegangene Rheinzitat (s. letzter Eintrag) verleitete uns, sofort nachzuschauen wie es in Köln um den Rhein (und somit um Köln) steht. Anders als auf den Winter („Was sind das für weiße Substanzen, die aus dem Himmel niedersinken?“ (Schlagzeile im Kölner Stadt-Anzeiger vor wenigen Wochen)), scheint die Stadt auf den Wasseranstieg gut vorbereitet. Während die abgetauten Wege vor Fäkalien, sonstigem Dreck, Frostlöchern und Granulatadern strotzen, plankt der hochwassernde Strom an sorgfältig errichtete mobile Schutzwände. Das Hochwasser gibt dem Fluß etwas Urstromhaftes zurück. Unterm niedrigen Stand der nachmittäglichen Wintersonne fliehen des vielbesungenen Rheins teilgerippte nichtfarbene Oberflächen, drängen ineinander und speien sich wieder aus, teils das Himmelsblau und den 60erjahremintgrünen Anstrich der Zoobrücke – und was sich sonst noch so im Wasser spiegelt – kauend/verdauend. Das Eilen der Fluten wirkt nicht selbstgenügsam wie sonst, sondern vermittelt den Anschein einer zielgerichteten Flucht, als befürchte der Fluß, seine eigenen Wassermassen könnten am Ende so sehr in die Breite schlagen, daß er sich in ein stehendes Gewässer verwandle. Die Bastei-Statue (nochn Nepomuk?): nun freischwebend überm Wasser wie eine Gallionsfigur bei voller Fahrt. Mit Ringelnatz die Wunschvorstellung, die Bastei möge sich karussellartig drehen, in die Unendlichkeit kreiseln und uns mitnehmen.
Weiter auf dem Fahrrad durch eine graue, fast russisch anmutende Provinzstadt: wäre Köln Berlin, hätten wir in Mauenheim wenigstens den ein oder andern Dichternachbarn, der sich den „Ehrenfelder Chic“ nicht mehr würde leisten können oder mögen. Das Belgische Viertel entspräche dem Neuschwabenland Prenzlauer Berg. Das wunderbare A Lagosta hätte (als erste und einzige Attraktion Mauenheims) nicht dichtmachen müssen, sondern wäre eine für die Medien aufspürenswerte „authentische“ Intellektuellenklause. Die sensationellen Bierpreise und gratis bis günstig gereichten Durchfütterhäppchen (bolinhos de bacalhau) gelangten zu Weltruhm. Es kämen nicht nur zu den sporadisch stattfindenden Fußballweltmeisterschaften Reisebusse voller Angolaner (um Josés Schweinsohrensalat zu verkosten), sondern hippe Jungakademiker mit verrückten Brillen überschwemmten das staubige Veedel, um das art of living der neudeutschen Armut zu checken. „Rotten Cologne“ wär bei sich selbst angekommen, könnte sich innert fuffzig Jahren häuten und zu neuer Blüte aufsteigen. Sogar die Winter würden kreativ empfangen. Aber das alles ist nicht der Fall. Verhalten lächeln stattdessen schwerbemützte junge Mütter hinter winterharten Kinderwagen und hoffen, die allgemeine Trostlosigkeit möge nicht in den Karneval hineinwachsen. Präzisere Vorstellungen zur Zukunft der Stadt sind auch aus der Mitte ihrer Führung kaum zu vernehmen. Eine stille Hoffnung setzen manche auf den Rhein: Köln brauche das Meer, um sich geistig und wirtschaftlich zu regenerieren.

Neues aus dem Sommerloch (2)

Gewitterschnee, Peitschenknall des Donners direkt hinterm linken Ohr, als habe sich der ordnende und züchtigende Gnom des Rheinfalls persönlich auf den langen Weg nach Mauenheim begeben, erneutes Grollen, irgendwo zwischen den Häuserblocks der Neusser Straße wandelt das Unglück, schanzt sich dort ein mit Rachensperre, speit schnell alles Wasser der Welt, gemischt mit Hagel und Tod durch Blitzschlag, der Kehrseite jeder Lottogewinn-Statistik („Lottomillionär in spe auf dem Weg zur Annahmestelle von Blitz erschlagen“). Jetzt biegt das Unglück nach Mauenheim ab. Der Gnom des Rheinfalls schiebt den sinnlosen Löschschaum der Feuerwehr aus der Friedrich-Karl-Straße, genauso erfolglos, wie er seit Jahr und Tag den Rheinfall mit seinen für Gnome recht großen Händen über die Felsen zurückzuschieben trachtet. Platzende Hydranten verstärken den apokalyptischen Eindruck. Auf schaumig weißen Planken treiben Nachrichten vorbei: „Wir wissen, daß wir nur noch beschreiben.“ In dieser Stadt ist alles Installation und Kunst, wenn nicht grad Klüngel, Kirche, Karneval. „Per TV und per Springteufeltreiben.“ Die Nachrichten ordnen sich unter den Einflüssen der Natur zu immer neuen Zeichenfolgen. „Wir haben null Tiefgang.“ Es sind keine Planken, es sind driftende, beschriftete Schafe, die Herde, die noch am Sonntag blökend die Riehler Rheinwiesen abfraß. Ihr Blöken gleicht inzwischen der schrecklichst vorstellbaren Donnergewalt. „Was sollen wir schweigen?“ Wasserschwer blöken sie um ihr Leben, zumindest haben sie gewaltig Schiß, soviel steht fest. Doch wovor? „Wir müssen unsre Dumpfheit bezeugen.“ Es sind keine Blitze, es sind lediglich scharf abgefeuerte Schafsblicke, die den Nachmittag in dieses Inferno verwandeln. Der Gnom des Rheinfalls schiebt auch keinen Schaum beiseite, er packt die wolligen Tiere und trägt sie an den Straßenrand, wo sie unlesbar auf dem Gehsteig davontrotten, und das Rauschen des Autoverkehrs übernimmt routiniert das Szepter von der kurzfristig eingebrochenen Naturgewalt.

Flora

Wenn ich in Köln von meiner Wohnung zu Fuß Richtung Rhein schlendre, brauche ich, auf Schleichwegen und ein wenig querfeldein, bis ans Ufer eine knappe Stunde. Mein Viertel und die benachbarten, die ganz ähnlich heißen, muten traurig an, die Straßen sind wie zum Beleg für die allweil schwärende Stimmung nach niederrheinischen Ortschaften und Städtchen benannt. Vorbei geht’s an mal ranzigen, mal frisch und geschmacklos aufgestellten Reihenhaussiedlungen, gesichtslose Wohnschachteln für den Massenmenschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen. Seit zehn Jahren wohne ich selbst in solch einer Schachtel und nicht nur mein Äußeres, nein, mein ganzes einst so rebellisches Wesen hat sich in dieser Spanne schleichend den Vorgaben der Nachbarschaft angeglichen. Namenlos wandeln wir über die vollgeschissenen Gehsteige, manche von uns grüßen einander, andere halten das längst für überflüssig, meist erkennen wir uns nicht, weil wir eh in Belanglosigkeit aufgegangen sind. Unter feuchtkaltem Himmel bläht der Teig der Tage. Ich verschiebe meine Position, die frustriert mahnenden Wände wechseln von Block zu Block die Farbe oder blättern mit ihr rum. Hin und wieder eine Gestalt, die mittels Jogging versucht, dem persönlichen Verfall entgegenzuwirken, zu spät, zu spät, innen ist sie schon angefault, das Blut schießt in ihren angestrengten Kopf, es will hinaus in die Welt, von der es nichts weiß, die Gestalt produziert am laufenden Meter Bilder jener letzten Lächerlichkeit, die sich zum Kloß in unseren Hälsen auswächst, dort führt ein Geschichtsloser seine Kampfhunde aus, d.h., er läßt sie frei herumrennen, sieht ihnen im großen und ganzen sehr ähnlich, kontrolliert aber den eigenen Speichelfluß besser, dort ein Alter mit Zierhund, und da hinten zwei Schülerinnen mit Grauemausgesichtern, da hilft die billige Schminke auch nicht, im Gegenteil. Manche von den Alten hat man lang nicht mehr gesehen, wenn einer stirbt wird er ohne großes Aufhebens abtransportiert, ein junger neuer Nachmieter ist schnell gefunden, die Wohnschachteln recyceln ihre Inhalte selbsttätig, Individualität und schöne Wünsche spielen keine Rolle, ich schreite durch utopielose Landschaften, und erst die Flora, Kölns gepflegtester Park, deutlich jenseits der Kalkarer Straße, bricht dieses Bild mit gärtnerischer Opulenz – und dazu passend: benerzte Damen, botanisierende Pärchen, Halbwelt vor Kamelienblüte. Hier existiert einer der wenigen direkten Durchstiege in die Tropen, ein überdachter Dschungel schwitzt seine Luftfeuchtigkeit mitten in die Reihenhausseele, ringsum sprießen Stachelannone, Papaya, Vanille, Karambole, grellgelbe Kakaofrüchte leuchten durchs dichte Blattwerk, Hirschgeweihfarne tentakeln nach betongewohnten Schädeln, der Bambus rauscht und ächzt und knarzt, in den Pfützen lauern bösartige ausschleimende Welse mit nesselnden Tastschlingen, der plötzliche Ruf des Aras zerfetzt das Trommelfell, dort im Gebüsch springen zwei halbnackte Malaiinnen davon, sie sind mit giftigen Lanzen bewaffnet und tragen schicke Röckchen aus dem schlankmachenden Fächer der Loulo-Palme. Bromelien und Epifyten haben sich durch mein Ohr gefressen und geben meine verschlungenen, von Puderquastmimosen gedämpften Gedanken an die Außenwelt weiter, es ist ein sattes Grün und Rot, von Strelitzienpfeilen durchschossen, die Dreieckspalme markiert den Notausgang, raus hier, nur raus in ein anderes Grau, Geranien, das reicht doch, das ist doch genug, und ein Balkon aus Waschbeton, daran angebracht eine Satellitenschüssel mit direkter Verbindung ins Weltall, Google Maps, ein beruhigender Blick in landschaftliche Vergangenheit, dort fließt er, der Rhein, es gibt ihn noch, irgendwo da draußen, hinter anthropofagen Hausreihen mit strahlenden Geranien am Revers.