Köln in Köln (15)

Die Kölnisierung Kölns als Autoreproduktion an den eigenen Fassaden schreitet stur, mit selbstbewusstem Schwung und unaufhörlich, fast steht zu fürchten: ins Indefinite fort. Neue Bildbeispiele der Selbstliebe einer Stadt aus dem Kwartier Latäng, Nippes, Mauenheim und vom Hauptbahnhof:

köln in köln_41_mckölnaldsMcKölnalds am Bahnhof

köln in köln_38_nippesNippeser Kranhäuser

köln in köln_38a_nippesLanggestreckte Kölnsilhouette in einem Nippeser Hinterhof

köln in köln_39_mauenheimBeliebtestes Motiv zeitgenössischer Mauenheimer Malerei und Schaufenstergestaltung

köln in köln_40_dasselstrSupermarkt-Glasfassade an der Dasselstraße

Himmelsfänomen zu Pfingsten

Gegen Abend des jüngst vergangenen Pfingstmontags sammelte sich eine weißgraue Wolkenmasse über Mauenheim. Anders als der gewöhnliche hiesige Leichentuchhimmel besaßen diese Wolken plastische Ausprägung: ein sich ballendes, sackartiges, gen Betrachter ausgebeultes Knäuel, das seinen Schwerpunkt zu justieren und wie zufällig knapp neben das Bezirksrathaus zu zielen schien: ein Bündel Himmelsmacht mit Vorbotenfunktion, das stundenlang stumm und angespannt reglos über den Dächern wartete. Auffällig waren die Furchen, die, Strömungsrippeln vergleichbar, das zusammenhängende Massiv in fleischige Sektionen teilten, eine gewaltige umnetzte Schinkenkeule als Thorshammer auf dem Schoß eines unentschlossenen Engels, zugleich Botschaft höherer Mächte: “So etwas habt ihr noch nie gesehen, merkt euch, wir können das!” Die Vögel hüpften und huschten durch die niederen Lagen des Hinterhofs, führten aufgeregte Diskussionen. Das Gezwitscher, Gegurre und Gekecker dauerte ungefähr eine halbe Stunde und schlug schließlich in nackte Angst um. Als erste verpissten sich die Amseln, die im Hof als relative Vernunftvögel gelten. Die selbstverliebten Tauben, die großkotzigen Elstern: zeigten grad mal noch ein paar Sekunden Attitüde, nachdem die Amseln verschwunden waren, und rauschten dann ziemlich kleinlaut ab. Joseph, das Eichhörnchen (von einem verächtlichen Menschen paradoxerweise benannt nach Benedikt XVI., weil nach dessen Inauguration eine britische Zeitung geschrieben hatte, der Mann sähe aus als würde er heimlich mit Wollust Eichhörnchen verspeisen), das putzigste und klügste Tier des gesamten Hinterhofs, war bereits in der Woche zuvor abgetaucht.
Mit dem Auftreten der seltsamen Wolken war das Internet ausgefallen, viele Nachbarn standen deshalb auf ihren Balkonen. Und standen dort lange. Einzelne Profezeiungen: “Jewitter”. Zur Tagesschau schwärzte der Himmel sich wie bei einer Sonnenfinsternis, doch ohne vorauseilenden Sturm. Es wurde ganz still, sogar diejenigen Nachbarn, die sonst bei jeder Gelegenheit den Hof mit Chart-Hits beschallen, harrten schweigsam der Ereignisse wie rückwärtig erfaßte Menschen auf einem Oelze-Gemälde, die ein Oelze-Gemälde betrachten. Offensichtlich: die Nacht war zwei Stunden früher angebrochen als um diese Jahreszeit üblich; Wind kam auf und säte Sturm. Jenseits der Neusser Straße verwandelte Mauenheim sich in eine Blitzkugel. Die Engel schnippten grünliche, gelbliche Lichtscheiben über die Dächer. Ein computeranimierter Regentropfen erkundete den Hinterhof, vereinzelte echte Tropfen stürzten sich, um Eindruck zu schinden, in Kamikazemanier auf das Pflaster. Das anhaltende Blitzgeflacker über Mauenheim konnte Krieg bedeuten, es war möglich, daß einige Widerständler abgeleitete Blitze und von Silvester übriggebliebene Feuerwerksraketen in den Himmel zurückfeuerten. Doch keinerlei Detonationen, noch irgendeine verläßliche Nachricht aus dem Frontgebiet drüben im Nibelungenviertel. Ein Krachen und die Front verlagerte sich ansatzlos in den Hinterhof. Zu diesem Zeitpunkt keine Überraschung mehr. Die Bäume verneigten sich vor dem Eindringling, allen voran die Zierkirsche. Der im äußersten Blütenstand begriffene Holunder zupfte sich einzelne Blätter aus und streute sie fraternisierend dem Feind entgegen. Der einmarschierte Wind enthielt ein Gemisch aus Sand, sprühender Feuchte und fernen Feuerwehrsirenen. Die Böen: Nahkämpfer mit Spezialausbildung. Ein widerständiger Nachbar, von einer Ninja-Böe überrascht (von hinten unter den Achseln durch an Kinn und Nase gepackt, die Knie wohl eingeknickt), verschwand zappelnd hinter seiner Balkonbrüstung. Das Gewitter nahm seinen Lauf, die Blitze hatten sich mittlerweile mit dem Donner abgestimmt, der Starkregen führte Plastikmüll mit sich und triumfierte für eine Stunde. Kurz vor Sonnenuntergang endete die Nacht, die Sonne ging, die Nacht kam zurück.
Anderntags berichteten die Medien (das Internet funktionierte wieder) von sechs Todesopfern des Unwetters im Rheinland. Über Mauenheim hatte der Dämon nur kurz gelacht und den ansässigen Menschenstamm mit einer lockeren Demonstration seiner Fähigkeiten in den nachpfingstlichen Alltag entlassen.

Rheinische Tierwelt (15)

Kölns kleinster, stets herbstlich anmutender und innerhalb Kölns wohl unbekanntester Stadtteil Mauenheim bietet, so unscheinbar er auf den ersten Blick wirkt, bei längerem Verweilen kurzfristig auftauchende, irritierende und meist zügig wieder abklingende Erscheinungen, nicht selten aus dem Tierreich. So sehr beide Aufnahmen eine gemeinsame Szene nahelegen: die obere stammt aus der Neusser Straße, die untere aus der Eckewartstraße.

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Herbst ist Erntezeit. Eigentlich müßte Mauenheim, bei seinen klimatischen Voraussetzungen, ein ewiges Erntedankfest feiern. Doch die Mauenheimer Versorgungslage ist mau. In der zentralen Nibelungensiedlung erblickten wir auf unseren Streifzügen lediglich eine klandestine, am frühen Nachmittag weitgehend ausverkauft wirkende Bäckerei und einen geschlossenen Friseursalon. Entlang der Verkehrstrassen, die Mauenheim gleich Würgeseilen umschließen, findet sich, in Mehrfamilienhausblöcke integriert, trotz einigem Ladenleerstand die überlebenswichtige Infrastruktur: Geschäfte und Amüsiermöglichkeiten. Der „Kaufsaray Megamarkt“ bietet halal Geschlachtetes und Wassermelonen, jedoch weder Milch noch Alkohol. Letzteren gibt es dafür gleich nebenan in der Merli-Schänke: Althäuser Korn, Mariacron und Kümmerling dominieren die Getränkekarte, die auch zwei Weinsorten kennt: weiß und rot. Nebst schwerzungigen Lauten dringt bromartiges Licht aus der nur tagsüber geöffneten Gaststube, eilt flugs übers Trottoir und versickert im nächsten Gulli. Um die Ecke laufen zwei Spielhallen im 19-Stundenbetrieb. Die von Wohnblocks verschattete Außenterrasse des von Senioren frequentierten Café Rademacher bietet den nachdenklich stimmenden Anblick unbesetzter Polstermöbel. Hinter der staubigen Scheibe eines typischen Kölner Büdchens grüßt ausdauernd die asiatische Winkekatze. Es ist der zweite Tag unserer Erkundungen. Die Menschen beginnen uns zu grüßen. (Wird vielleicht fortgesetzt.)

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Mainzelmännchen, Vinyl-Singles, Tabakdosen, ein Reichsbank-Sparsäckchen und im Schaufenster sich spiegelnde Wohnblöcke: Ladenkonzept in Mauenheim

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Wochenangebot des Mauenheimer Kaufsaray Megamarkts: Peynir (Käse). Von vier Angebotstafeln ist nur eine beschriftet. Die unübersetzten Zusätze kahvaltılık und böreklik besagen, daß der Käse zum Frühstück und für Blätterteigpasteten geeignet sei. Kaufsaray ist eine deutsch-türkische Wortverschmelzung, saray bedeutet Palast.

es ist stets herbst in mauenheim

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Vor wenigen Tagen erkundeten wir Mauenheim, Kölns angeblich kleinsten Stadtteil, an den der Rhein allenfalls mit Altarmen einst heranfingerte und von dem es in einem bekannten Gedicht heißt, daß er nur eine einzige Jahreszeit kenne, den Herbst. Doch so klein ist Mauenheim gar nicht. Im Osten, Süden und Westen von mehreren Verkehrsadern, im Norden von einem imposanten Friedhof begrenzt, liegt das in Köln so gut wie unbekannte Viertel “hinter dem Schall”. Vor allem entlang der Schallgrenzen bestehen noch zahlreiche, Wachstum versprechende Baulücken. Markant in Mauenheim wirkt neben dem Nordfriedhof vor allem die Nibelungensiedlung, deren Straßen und Höfe nach den vorzeitlichen Heldinnen und Helden des Nibelungenlieds benannt sind. Zentraler Treffpunkt Mauenheims scheint denn auch der – wunderbares Kompositum: - Siegfriedhof, eine klassische Vorort-Gaststätte, auf deren Speisekarte sich Gerichte wie “Seelachs-Ersatz mit Zwiebeln, Ei und Kartoffelsalat”, “Ölsardinen mit Butter und Brot”, “Restaurationsschnitte” oder “Russen-Ei” finden. Die Menschen auf den Straßen Mauenheims sahen bei unserer Erkundung nicht allzu gesund aus. Viele schleppten Habseligkeiten in Plastiktüten durch die Gegend. Eine Familie sammelte sich um ein Auto älteren Baujahrs, um es langatmig zu besprechen. Die Sonne denunzierte einige trostlose Winkel und klebte Bescheide an Autofenster. Daß sie überhaupt wirkte, gab dem Mauenheimer Dauerherbst einen Anstrich von Frühling. Wohl birgt dieser Herbst in seiner Permanenz saisonale Subkontexte, welche sich in den Vorgärten etwa per verschämtem Blütenschimmer kurz und amateurhaft äußern. Denn: blühte dort bei den Wegplatten wirklich ein Rhododendron? Oder benötigte unser Hirn in der Mauenheimer Trostlosigkeit dringend wenigstens diesen einen Rhododendron, kopierte ihn aus einer entfernten Vororterinnerung und fügte ihn selber ein? Wir können es nicht mit Sicherheit festlegen. Die Straßen Mauenheims jedenfalls strotzen vor Unscheinbarkeit. Sogar die Graffiti bezeugen extreme Einfallslosigkeit. Welche ja nicht unbedingt als herbsttypisch gilt. Typisch für die Hauswände wiederum sind verzweigte Muster, die ehemaliger Efeubewuchs auf ihnen hinterließ: Abgasfrottagen, tief im Rauhputz verankerte Grau-in-grau-Strukturen, die immerhin dem Himmel entgegenstreben. (Wird fortgesetzt.)

Eisgang bei Cölln 1784

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Eigentliche Vorstellung Zum Imerwärende Andencken Des Traurigen Schicksals der Stadt Cölln. Da im Jahr 1784 der Gewaltigen Rhein Strom Sich durch Die Zum Höchsten grad gestiegene Kält 16 Fus Dieff Zusamen Sackte, Und 47 Täg Maur Fest die Schwerste Läst Von Einem Uffer Zum Anderen Beförderte. je Tieffer nun die Zufrierung des Stroms Ware, desto Gewaltsamer Muste der Aufbruch Sein. Da am 27 Feb Wurden Durch den Gewaltsamen Drang des Eises 4 Krahnen Zugrunde gerichtet. Die Landbrück. Schiffbrück. Eisbock Seind von den Rassenden Strom Mit genohmen Worden, 16 Holländischen und Viele Oberländische Schif Zu Grunde Gegangen. Die Stadt Mauren Umgeworffen Samt den Angräntzenden Häuser, und Unzähligen Menschen Zerschmettert, das Waßer Ware bey Diesem Sturm 11 Schuhe, 3 Zoll Höher als 1740. Wodurch Dan Beynächst die Gantze Stadt in Wasser Gesetzet wurde. Auch hat Diese Entsetzliche Hohe Flut jenseit dem bayen thurm Einen ausbruch Gethan. Wovon Viele Felder über Schwemmet. Auch alle Graben Rings um die Stadt Mit Wasser Angefüllet, und der unter der Müntze Ausgebrochene Flut hat in Mauenheim Und andere Örther Viel Schaden gethan. A. Deutz Hat Etlige Häuser und allen Ihr Vieh Verlohren. B. Mülheim hat 161 Häußer und Viel Menschen Eingebüßst. C. Roden Kirchen Hat Gleiches SchicKßall Gehabt. AltenMarcK und HeumarK waren 4 bis 7 Fuß unter Wasser Gesetz

(Kupferstich von J. P. Goffart)

Durch den Kölner Norden

Wer in Mauenheim (wo es, genau wie das berühmte Gedicht behauptet, stets herbstet) wohnt, wo wir in Mauenheim wohnen, wohnt sozusagen eigentlich schon fast in Niehl und als Niehler wohnt man nahezu direkt unterm Bayerkreuz, ist also praktisch Leverkusener. Der Rhein macht in dieser Gegend sehr hübsche Schleifen, deren Schönheit nur deswegen nicht auffallen will, weil die Ufer recht vernutzt sind. Wir radeln durch das alte Fischerdorf Niehl, dessen Einwohner sich einst in Dreiplankenbooten auf den Strom hinaus wagten. Seit die Ford-Werke gebaut wurden, setzen sie lieber Autos zusammen. Die Straßen sind recht leer und werden leerer, je weiter wir nach Norden vordringen, bis plötzlich ein Aussichtspunkt erreicht ist, über dem die Industrie ihre Rachen zur Drohgebärde aufzureißen scheint: Bayer auf der rechten Seite, Ford auf der linken. Einige Schilder zeigen an, was mit Fahrradfahrern passiert, die hier noch weiter wollen. Das Ford-Gelände muß also umgegangen werden, wobei das Umgehen eine Art Queren vorstellt, immer an Werkszäunen und Gleisen entlang, über bröckelnde, von der Natur angegriffene, menschenleere Wege, nur in der Ferne tauchen kleinere Gruppen auf und verschwinden sogleich wieder – reichlich irritierend, daß diese geheimnisvollen Leute allesamt Schlangengurken mit sich führen. Ansonsten gibt es den Imbiss Zur Hexenküche zu notieren – für den großen Slum-Lookalike-Imbissbudenwettbewerb. Am Wochenende ist dort nichts los, leicht vorstellbar jedoch ein Dienstagmittag, an dem die Lackierer dort um Wurst anstehen. Die Luft weist seifige Komponenten auf, dieweil der Himmel sich selbst überlagert wie x-fach gefalteter Stahl. Direkt hinter die Ford-Werke duckt sich Merkenich, an dessen Hauptstraße hockt ein Mann in einem Kabuff, als sei er der Ortschaftspförtner, das Kinn apathisch auf ein Exemplar Cucumis sativus gestützt. Merkenich ist rheinlängs hinterfahrbar. Dort erstrecken sich Naturschutzareale, dh ungemähte Wiesen, aus denen die Kreuzkröte vor zwei Jahren aufs Esso-Gelände auswanderte, wedelnde Holderbüsche, Pappelgeflirre. Köln beginnt nun mit erstaunlicher Ländlichkeit. Pferdekoppeln über Pferdekoppeln, glückliche Pferdemädchen, Erdbeerstände, Spargelstecher, Hofläden. Wir verweilen unter einem Rheinkasseler Kirschbaum. Schwebfliegen registrieren die Bewegungen unseres Stiftes beim Notieren, reagieren auf dessen Tänzchen wie die Kobra auf die Flöte des Schlangenbeschwörers. (Damit müßte sich doch was mit pekuniärem Niederschlag anstellen lassen!) An St. Amandus prangt ein Totenschädel. Die Kirchentünche ist lachsfarben, das mag auf einstigen Salmfang verweisen. Die Langeler Fährgastronomie korrespondiert im Nadelstreifen-Outfit mit der Rheinkasseler Kirche. Langel bietet einige Badebuchten, nicht ganz so hübsch wie die in Rodenkirchen, dafür weniger stark frequentiert. In den Auen ringsumher brüten Wiesenpieper, Stieglitz, Kiebitz, Girlitz, Firzling und weitere Vögel, die auf I lauten, wir entdecken zunächst einen Fasan, der den nächsten Rain entlanggockelt. Wiesensalbei, Klatschmohn, Ackerwinde, Margeriten („sehen aus wie kleine Spiegeleier / innen gelb und an den Rändern weiß / ausgefranst am Rand aber rund in der Mitte / genauso sieht sie aus die Margerite“ – wie Harald „Sack“ Ziegler einst treffend befand). Es piept aus den Wiesen, wir kiebitzen und crossen das Worringer Schlachtfeld.