Oberrheinische Seenplatte

Der Karlsruher Autor Matthias Kehle ist dieser Tage als Hochwassertourist in der eigenen Stadt an der Alb entlanggewandert und erinnert sich dabei auf seinem Blog einfach wandern zurück an das Jahrhunderthochwasser im Mai 1978:

„Als Kind habe ich sie erlebt, die Oberrheinische Seenplatte, Ende Mai 1978. Meine uralte Großtante Martha wohnte im 9. Stock in Ettlingen, wenige Tage noch und sie würde mit 88 Jahren nach Amerika auswandern. (…) Gewaltige Wasserflächen bedeckten die Felder: Bis nach Rüppurr, bis zum Rhein, bis zum Rheinhafen, bis nach Baden-Baden, bis nach Mannheim. Die A5 war gesperrt, auf der Autobahn paddelten Schlauchboote.“

Kehle führte, im zarten Alter von elf Jahren, Tagebuch über die Ereignisse seines Lebens. Erst vor Monatsfrist erinnerten wir an die Schlauchboote auf der Autobahn bei Rüppurr. Sogar Windsurfer sollen dort gesichtet worden sein. Auch der Spiegel konstatierte seinerzeit die Überschwemmungen: „Der Bodensee nahm in zwanzig Stunden um 60 Millionen Kubikmeter Wasser zu. Die Autobahn in der Rheinebene bei Karlsruhe glich einer Seenplatte; Fahrer und Beifahrer mußten bisweilen Stunden auf den Dächern ihrer Fahrzeuge zubringen, ehe sie von Schlauchbooten abgeholt werden konnten. Auf Neckar und Rhein dagegen fuhr schon lange kein Schiff mehr.“

Die alte Kinzig-Murg-Rinne war mit Wasser vollgelaufen, die sonst wiesengrüne, weizenbleiche bzw. brachenbraune Landschaft schien sich zum Ozean zu weiten. Ein älterer Junge aus der Nachbarschaft hatte Zugriff auf ein Kajak. Damit paddelten wir Slalom durch den vollgelaufenen Wald vor unserer Haustür und übten Übers-Wasser-Gehen auf den zurückgelassenen Laubhaufen des vergangenen Herbstes, die einen fragilen Steg in die beginnenden Mangrovensümpfe boten. Die Schwereren von uns brachen ins Wasser ein, es gab dramatische Szenen: aufregende Tage für einen Viertklässler im ansonsten recht beschaulichen Rüppurr. Nur wenige Tage stand das Wasser, dann zog es sich wieder zurück.

Das diesjährige Hochwasser reichte daran nicht heran. Matthias Kehle übermittelte uns dennoch Zeugnisse von der bei Flaneuren entlang der Alb beliebten Kleinkatastrofe.

maske_rüppurr_hochwasser 2013

Das Bild zeigt überflutete Felder der Alt-Rüppurrer Landwirtschaft. Im Hintergrund die Auferstehungskirche, deren Friedhof die Alb durchfließt. Dahinter die letzten Schwarzwaldausläufer.

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Kehle schreibt auf seinem Wanderblog von Kreuch- und Fleuchtieren, die er bei seinen Erkundungen beobachten konnte wie sie sich vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen trachteten. Auch von einem Feuerwehrfahrzeug, dessen Scheinwerfer braune Brühe weinten. Diese narzißtische Mohnblüte hingegen scheint der neuen Situation willentlich zugeneigt.

(Bilder: Matthias Kehle. Mit freundlicher Genehmigung. rheinsein dankt!)

Oberrheingedicht

Dieser Tage ist der neue Gedichtband Scherbenballett von Matthias Kehle erschienen. Kehles Gedichte lesen sich als ruhige, essenzenfilternde Blicke auf seine Sujets. Hier erklimmt der Leser mit dem Autor die nördlichen Schwarzwaldausläufer, der Blick schweift gen Norden übers weite Rheintal bis zum Odenwald. Die beruhigende bis erhebende Wirkung des Innehaltens auf der Höhe schwingt in den Zeilen, aus denen gleichberechtigt mit den Türmen des Speyrer Kaiserdoms die Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg ragen, welche die ansonsten wie aus der Zeit gefallene Stimmung in die Gegenwart rücken:

Blick über die Rheinebene
(Kreuzelberg, Ettlingen)

Geh langsamer
es ist noch früh

der Huflattich kommt
mit seinen Lockstoffen

von weitem heisere
Glocken bleib stehen

von hier siehst
du die Kühltürme

den Dom und rechts
den Melibokus

aus: Matthias Kehle: Scherbenballett, Gedichte, Verlag Klöpfer&Meyer, 128 Seiten, 16 Euro.  rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Textes!
Auf der Verlags-Website finden sich weitere Textproben, das Buch kann direkt dort geordert werden.

Donald und Kohl

Ist es ein „Mitmachmuseum“, eine Art Archiv oder eine ganz neue Form des Veröffentlichens? Seit 2008 betreibt Stan Lafleur ein gewaltiges Internet-Blog, und zwar zum Thema „Rhein“, dem deutschen Fluss schlechthin. Über 1000 Artikel und somit Buchseiten, Hunderte von Fotos und Zitate hat er gesammelt, er hat Artikel, Reportagen und Gedichte selbst geschrieben und Leser kommentieren lassen. „Mein ganzes Leben lang habe ich in Rhein-Städten gewohnt“, sagt der gebürtige Karlsruher, der nun in Köln lebt. „Der Rhein ist Thema, seit es in Europa die Schrift gibt.“

Und so finden sich auf „rheinsein.de“ Texte des römischen Dichters Tacitus neben Meldungen aus Boulevard-Blättern. Vieles nimmt Stan Lafleur ironisch und kritisch aufs Korn: „Ich fand`s lustig, daß der Rheinschwimmer im Frühling bis Disentis zu Fuß marschiert ist und von einer Blasmusikkapelle empfangen wurde.“ In „Rheinsein“ tauchen viele skurrile Figuren auf wie etwa die Skulptur des „Nasentrompeters“ am Freiburger Münster, oder der Steinkleber, eine Wasserschnecke, die tatsächlich am Grunde des Rheins lebt.

„Ich habe eine Vorliebe für Fabelwesen“, sagt Lafleur und gibt schmunzelnd zu, dass er ein paar Gestalten in seinem digitalen Mammutwerk selbst erfunden hat. Spaziergänge am Karlsruher Rheinhafen oder Fahrradtouren, Gedichte über den Karlsruher Stadtteil Rüppurr, ja, sogar Frankenstein, der durchs Rheintal flieht – all das findet sich in Lafleurs Blog. „Rheinsein ist eine Art virtuelles Museum, das immer weiterwächst und nach allen Seiten ausfranst.“

Stan Lafleur ist Schriftsteller und gilt als einer der originellsten lebenden Dichter, der außerdem als einer der ersten deutsche Poetry-Slams durchgeführt hat. Das Dasein des 44-Jährigen wird immer mehr vom Rhein geprägt. Vorträge, Shows, ein Lehrauftrag an der FH Düsseldorf und immer wieder Erkundungen von Rhein-Landschaften bestimmen seinen Alltag. Bis zu 200 Leser täglich verfolgen dieses einzigartige Blog, und auch mindestens einen wissenschaftlichen Aufsatz gibt es über Lafleurs Projekt.

Es lohnt sich, immer wieder in Stan Lafleurs amüsantem, seltsamem und manchmal etwas durchgeknalltem Blog einfach mal zu stöbern und zu schmunzeln über das, was sich hinter Stichwörtern wie „Donald Duck“, „Helmut Kohl“ oder „Sowjetunion“ verbirgt.

(Badische Neueste Nachrichten, von Matthias Kehle, 18. Juli 2012. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Artikels für diese Website.)

Presserückschau (Juli 2012)

Sommerzeit ist Urlaubszeit und selbst rheinsein gönnte sich im gerade vergehenden Juli ein paar Offline-Tage hinter Felsblöcken und auf quellbachdurchzogenen Magerwiesen. Unterdessen schwemmten die Großen elektronischen Ströme reichlich artikelndes Treibgut an unser Laptop-Gatter. Darunter gar einen Beitrag von Matthias Kehle, Vorsitzender des baden-württembergischen Schriftstellerverbands, der sich in den Badischen Neuesten Nachrichten mit rheinsein beschäftigte. (Der Artikel wird nachgereicht.)

Bisher wurden durch die Linse des Sommerlochs keine exaltiert-exotischen Tiere im Rhein ausgemacht – möge der Sommer noch ein Weilchen vorhalten und etwaigen Seeelefanten, Fliegenden Fischen, Flußpferden et al. ihre Rheinchance einräumen. Wir resümmieren unterdessen die un/wichtigsten, informativsten, erstaunlichsten etc. Meldungen des Julis:

1
Der Kölner Express interviewt Bläck Fööss-Mitgründer Ernst „Erry“ Stocklosa zu seinen wilden Jahren am Rhein. Zwei Kostproben: „Schwimmen habe ich im Rhein gelernt. Später sind wir auf die stromaufwärts fahrenden Lastkähne geklettert und bis nach Wesseling mitgefahren, sind da wieder ins Wasser gesprungen und haben uns nach Porz treiben lassen. Irgendwann begannen die Kapitäne daher, die Reeling mit Teer zu beschmieren.“ „Ich weiß noch jenau als ich drückzeh wor, domols bei uns op d’r Wiss, do hammer als Pänz manche Blödsinn jemaat, wie mer als Pänz halt su es. Bei Huhwasser hammeer e Floß uns jebaut, em Sommer de Wiss avjebrannt, un hät uns einer beim Rauche erwisch, Mensch Meier wat simmer jerannt.“

2
„Frühzeitig informiert die Koblenz-Touristik: „Mit dem “Romanticum” ist von 2013 an die Rhein-Mosel-Stadt Koblenz um eine neue Attraktion reicher: Auf mehr als 750 Quadratmetern öffnet im nächsten Jahr eine spektakuläre Dauerausstellung, in der Besucher auf eine romantische wie virtuelle Rheinreise an Bord eines imaginären Dampfers gehen. Präsentiert wird unterhaltsam und kurzweilig viel Wissenswertes zu trutzigen Burgen, einmaligen Bauten, weltberühmten Felsen, grandiosen Rheinsichten und berühmten Rheinreisenden. Untergebracht wird die Schau in einem Neubau, der selbst ein Kunstobjekt ist: Das Kulturzentrum “Forum Confluentes” gilt schon vor seiner endgültigen Fertigstellung als architektonisches Meisterwerk der deutsch-niederländischen Star-Architekten Benthem-Crouwel.“

3
„Was nützt im Kampf gegen die Stechmücken?“ fragt, ein bekanntes Schreckensszenario wortmalend, der Südkurier: „Wenn die Sonne untergeht und sich die Gartenwirtschaften an Rhein und Bodensee füllen, fallen sie über uns her. Die Stechmücken, auch Schnaken genannt, bevorzugen nackte Haut, setzen sich aber auch gern auf Stoff. Sie fahren ihren Rüssel aus und stechen ihn hinein, um das Blut ihres Klienten aufzusaugen. Es sind vornehmlich Weibchen, die ihr Werkzeug so schnell und präzise einsetzen, dass die Hand meist erst viel zu spät niedersaust.“

4
„Der neue Aalkönig mag gar keinen Aal“ titelt die Kölnische Rundschau. Auf den Monarchenfrevel geht der Artikel dann nicht weiter ein: „Willi Schürheck ist neuer Wesselinger Aalkönig. Den größten Fisch hatte der 44-jährige Urfelder bereits vor zwei Wochen aus dem Rhein gezogen. Es war beim ersten gemeinsamen Aalfischen, das der Fischerverein Urfeld in der Vorbereitungsphase für die Aalnacht 2012 organisiert hatte. Stundenlang hatte Schürheck bereits am Ufer gesessen. 15 bis 20 kleine Grundeln hatte er schon gefischt und wieder ins Wasser geworfen, als seine Rute gegen 23.30 Uhr plötzlich massiv ausschlug. Mit Hilfe von Kollegen konnte er schließlich den kapitalen Aal aus dem Rhein holen. Mit gut 70 Zentimetern Länge und einem Gewicht von 830 Gramm gehörte der Aal zu den größten und schwersten Exemplaren, die Vereinsmitglieder in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Rhein fischten.“

5
„Incroyable, mais vrai“ einerseits, sowie „peut étonnant“ andrerseits findet 3-ufer.com, daß und wie der französische Nationalfeiertag im Schwarzwald begangen wird: „La Fête Nationale a traversé le Rhin et samedi, on a rendu hommage à la France et à la Révolution Française au «Bareiss» à Baiersbronn-Mitteltal dans la Forêt Noire. Si le cadre d’une maison cinq étoiles ne se prêtait pas exactement à des activités révolutionnaires, il était parfait pour y fêter l’amitié franco-allemande. Lors de la 18ème edition de sa réception franco-allemande du 14 juillet, la famille Bareiss a réservé un chaleureux accueuil aux voisins français en soulignant l’amitié entre l’Alsace et le Pays de Bade. Peut étonnant que de nombreuses personnalités de part et d’autre du Rhin avaient fait le déplacement samedi dans cette vallée magnifique pour trinquer à ce qui nous unit.“

6
Zahlreiche Medien berichteten von der Havarie bei Lorch, die von einem Matrosen ausgelöst wurde, doch nur der Berliner Kurier taufte den Unglücksraben „Hein Blöd“: „Da war wohl ein echter „Hein Blöd“ am Werk: Ein ungeschickter Matrose hat am Sonntag die Havarie eines französischen Passagierschiffs im Rhein bei Lorch ausgelöst! Der Mann war gerade dabei eine kaputte Sonnenliege zu entsorgen, als es zu dem Missgeschick kam: Als er den Müll verstauen wollte, kam er versehentlich an den Hauptschalter für die Spritzufuhr – und drehte dem Schiff so den Treibstoff ab. Kurz darauf fiel der Motor aus, das Schiff lief auf Grund. Die Folge: 143 Passagiere und 23 Besatzungsmitglieder mussten mit einer Autofähre von Bord gebracht werden.“

7
Andernach verpflegt seine Bewohner und Besucher mit kostenlosen Gemüsen aus den städtischen Grünanlagen. Von solch paradiesischen Zuständen berichtet (natürlich! möchten wir meinen) das Kölner Domradio: „Das Rheinstädtchen Andernach hat sich seit drei Jahren dem Motto „Die essbare Stadt“ verschrieben. Ganz dicht an der wuchtigen Stadtmauer aus dem zwölften Jahrhundert leuchten Gärten mit Stauden und buntem Sommerflor, dazwischen behaupten sich Brunnenkresse und Weinreben, Mandel- und Feigenbäume, Salatköpfe, Zucchini und Zwiebeln.“ „Der 800 Quadratmeter große Nutzgarten gehört der Stadt und ist offen für alle. „Statt „Betreten verboten“ heißt es bei uns ausdrücklich „Pflücken erlaubt““, sagt Barbara Vogt, Verwaltungschefin im Rathaus und eine der Initiatorinnen des Projekts.“

8
Die Internationale Rheinschutzkommission gibt bekannt: „Since the last great flood of the Rhine in 1995 the countries in the Rhine catchment have invested some 10.3 billion € into improved flood protection and have thus increased the protection of people and goods. Such is the result of the balance of the implementation of the Action Plan on Floods until 2010 presented by the International Commission on the Protection of the Rhine (ICPR) in Strasbourg. (…) According to the balance on the implementation of the Action Plan on Floods, and depending on the flood situation, retention areas along the Rhine downstream of Basel for up to 229 million m³ of water may be put into service to lower peak flows. 69 million m³ have been made available during the past 15 years. Due to the relocation of dikes and the deepening of river forelands in the Rhine delta, 55 km² of former floodplains along the Rhine have been regained. In addition, renaturing measures have been implemented along tributaries and smaller waters in the catchment.“

9
Desweiteren warnt die DLRG, es gäbe im Rhein keine sicheren Stellen zum Schwimmen, verschiedene Städte von Emmerich bis Bonn wollen als Initiative Metropolregion Rheinland den Flußgrund vertiefen, um die Betuwe zu entlasten, das „traditionsreiche Bunkerschiff“ Rheintank 4 wird in den Ruhestand versetzt und Kölner Polizeitaucher finden eine im Strom verlorene Dienstwaffe wieder.

Das Lachen der Hühner: Lesungen

Zum Wochenende und gleichzeitig zum Saisonausklang begibt sich rheinsein zu zwei Lesungen aus Das Lachen der Hühner entlang der Rheinscheine. Die Ankündigungen der Veranstalter:

Das Karlsruher Literaturforum ist ein beliebter Austausch zwischen Autoren und dem Karlsruher Publikum. Die Literarische Gesellschaft organisiert das Forum in diesem Jahr zum 6. Mal. 2011 steht es einen Tag lang im Zeichen der zeitgenössischen Lyrik, die derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält wie lange nicht mehr. Vor allem junge Autorinnen und Autoren prägen den Schauplatz der Literatur und werden in den Feuilletons gefeiert. Die Karlsruher Lyrikerinnen und Lyriker Silke Scheuermann, Stan Lafleur und Matthias Kehle und aktuelle Autorinnen und Autoren wie Claudia Gabler, Matthias Göritz, Nadja Küchenmeister und Nora Gomringer reflektieren in Vorträgen (Wie entsteht ein Gedicht, Lyrik und Politik) über die Perspektiven der Gattung Lyrik und spiegeln in neuen Texten auch den Oberrheinraum, der viele der Autoren biografisch verbindet, wider.

Termin: 16. Dezember 2011, 17 Uhr (rheinsein-Lesung ca 18 Uhr)
Ort: Prinz-Max-Palais
Karten am Einlaß

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Heine im Sinn…
Die erste Heine-Nacht am 17. Dezember 2011 im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Feiern Sie auf der Bilker Straße am 17. Dezember zwischen 18 Uhr und der Geisterstunde die erste Heine-Nacht.

Freuen Sie sich auf:
Lesungen mit Martin Walser, Ingrid Bachér, Stan Lafleur und Jan Skudlarek,
Performances von Gerhard Stäbler, Kunsu Shim, Niklas Stiller und Marc Matter,
Führungen durch die Dauerausstellung Nähe und Ferne und die Ausstellung Der russische Heine sowie auf die Präsentation Heine und Paris.
Die Bandbreite des musikalischen Rahmenprogramms reicht von klassischen Heine-Vertonungen über Klanginstallationen bis hin zu einem Heine-Rap.
Außerdem erwarten Sie viele weitere Überraschungen und Höhepunkte.

Der Vorverkaufspreis beträgt 7 Euro (erm. 5 Euro) inklusive einem Getränk oder einem Heine-Apfeltörtchen.

Die rheinsein-Lesung steht um 22.30 Uhr zu erwarten.

Zwischenbilanz (2)

„Der Rhein ist eine Mauer“, schreibt Matthias Kehle in seinem Lyrikblog und meint damit im Speziellen die literarischen Beziehungen zwischen Karlsruhe und Edenkoben, sicher etwas zu exemplarisch hochgerechnet auf die Kulturräume Badens und der Pfalz. Dennoch fällt auf, daß die einzelnen Rheinregionen eher auf kulturelle Eigenständigkeit und Abgrenzung bedacht sind (Ausnahmen bestätigen die Regel), als den gemeinsamen Strom auch zum gemeinsamen Nenner zu nehmen. Das zieht sich durch Kantone, Bundesländer, Départements und vermutlich auch niederländische Provinzen, da und dort, wohl proportional zur Breite des Betts und zur Enge des Tals, finden sinnige Schulterschlüsse mit den Bewohnern des direkt gegenüberliegenden Ufers statt, im Allgemeinen aber herrscht Nabelschau, auch im Repräsentativen, wo es nicht unangebracht ist, und so nimmt es mich immer weniger Wunder, daß dieses vorwiegend zwar in deutscher Sprache, aber in alle Richtungen durchlässig geführte Blog mittlerweile wohl, auch wenn dies anfangs garnicht beabsichtigt war, und trotz aller Lücken eines auf Notizencharakter angelegten Arbeitsjournals sowie einer recht chaotischen Linienführung, die umfassendste zusammenhängende Sammlung kultureller Zeugnisse zum Thema Rhein im Internet vorstellt. So frage ich mich nun allmählich auch nach den Interessen meiner Leser, denn es sind, entgegen aller Erwartungen, vor allem im Laufe der vergangenen zwölf Monate, etliche geworden. Ich frage mich weiter, ob es Sinn machte, die Kulturgeschichte des Rheins im Internet zu musealisieren, nach und nach auf Basis des hier Vorhandenen Lücken zu schließen, die Sache überregional/international zu institutionalisieren, eine virtuelle Rheinbibliothek zu schaffen sozusagen. Meine Archive sind voller Texte, die ein Privatmann garnicht ohne weiteres ins Netz stellen darf. Und in virtuellen wie realen Weiten weiß ich um auszuhebendes Material für mehrere Jahre.
Dann wundere ich mich, daß klassische Produktionen, Derivate aus den hier angefallenen Texten wie das Rheinsein-Kartonbuch oder das erste, die alpenrheinischen Ursprünge behandelnde Rheinsein-Hörspiel in rheinfernen Metropolen wie Berlin und Wien stattfinden, und wundere mich auch wieder nicht, weil von dort, mit passendem Abstand, der hier gepflegte Blick aufs Ganze vielleicht verständlicher erscheint. Der Rhein könnte tatsächlich zur Mauer werden, die es einzurennen gilt, sobald mir die Mittel ausgehen (was derzeit deutlichst droht), um ihn weiter zu erforschen und, auch mithilfe all der Kollegen, die es seit Jahrhunderten in modischen Anwandlungen wie über alle Moden hinweg taten und tun, zu beschreiben. Davon werde ich nicht loslassen, solang der Fluß mich nur läßt.

Stadtwandern – Der Karlsruher Rheinhafen

Der folgende Text ist ein Gastbeitrag von Matthias Kehle, zuerst erschienen in seinem Wander-Blog – Rheinsein dankt herzlich für den schönen Bericht!

Wo kann man an einem Ostermontag oder an Christi Himmelfahrt wandern gehen? Auf jeden Fall nicht im Schwarzwald, dachten wir uns vor einigen Jahren, es war an einem sonnigen, milden Ostermontag. Der Winter war früh verschwunden, die Forsythien und die Osterglocken blühten, wie sich das für Ostern gehört. Ganz einfach: Wir wandern zum Karlsruher Rheinhafen. Immer an der Alb lang, zartes Grün sprießt, ab und an begegnet uns eine Familie mit Hund oder ein paar bunte Radler, die hier wenig stören und dazu ein wenig die Enten beobachten. Oben rauscht streckenweise die B10, aber nach einer Stunde sind wir durch und marschieren an der Honsellbrücke und dem Heizkraftwerk-West vorbei, ein gewaltiger Quader, flankiert von Schornsteinen, dann geht es entlang den Hafenbecken. An der Schiffsanlegestelle des Beckens II vermissen wir das Fährschiff “MS Karlsruhe”, das wohl mit jenen alten Tanten auf Kaffeefahrt ist, die gerade nicht in der Straßenbahn nach Bad Herrenalb oder im Bus zum Mummelsee sitzen, wo sie uns auf dem Rückweg den Platz wegnehmen würden. Obwohl durchaus rüstig und standfest, blieben sie hartnäckig sitzen und machten keinen erschöpften Wanderern mittleren Alters Platz, sondern rümpften die Nase, weil wir ihre Nasen quälten. Über hundert Jahre alte Architektur, riesige Sandsteinlagerhallen, etwa das Kalag Getreidelagerhaus oder ein Hochwassersperrtor, entzücken uns, als seien es Murmeltiere, Bartgeier oder seltene Pflänzchen wie Himmelsherold, allesamt Gebäude, von denen wir bisher nicht wussten, dass es sie gibt und wofür man sie braucht.
Ein paar Kohlekähne liegen feiertäglich untätig herum, wir flanieren vorbei an den Schrotthändlern, bei denen Osteuropäer und Hartz-IV-Empfänger ihre paar Kilo Kabel abgeben, die sie beim Sperrmüll von den Kühlschränken, Toastern oder Computern abknipsen. Berge von zerquetschten Autos erfreuen uns beinharte Fußgänger, wir amüsieren uns über merkwürdige Firmennamen und haben Aha-Effekte (“Aha, hier ist also Vollack, und hier bei Carl-Spaeter-Stahlgroßhandel, da habe ich mich mal beworben.”)
Und vor allem: Hier, im Gebiet des Rheinhafens, herrscht Stille. Kein scheußliches Geräusch, keine Motorradverbrecher wie auf der Schwarzwaldhochstraße, keine durchgeknallen Mountainbiker zwischen den Verladestellen und Fabrikhallen. Österlicher Friede liegt in den leeren Bürogebäuden und den Hecken zur Nachbarfirma, der Fuhrpark ruht, die Bagger an einer Baustelle stehen schweigend, als täte sie nie ein Mensch bedienen. Niemand ist außer uns weit und breit zu sehen. Wenn nicht diese heitere Stille wäre, es wäre fast gespenstisch – ein verlassenes Industriegebiet, Karlsruhe ist ausgestorben, die Menschen sind geflohen, nur wir haben die Flucht verpasst und irren umher. Doch die Amseln singen und die Spatzen zwitschen, und kein verwaister Hund streunt vorbei und schnüffelt am Hosenbein meiner Frau. In den Fenstern der Büros stehen Ostergestecke und deuten auf weibliches Personal hin, immer wieder rote, blaue und gelbe Primeln, Tulpen und Osterglocken, ab und an ein Plastikhäschen oder ein Scherenschnitt auf’s Fenster geklebt.
Auf dem Rückweg, kreuz und quer durch Daxlanden, überqueren wir den leeren Parkplatz eines Baumarktes, steigen in ein einsames Holzpavillion und machten dort Brotzeit. Neben uns lagern große Säcke Blumenerde, eingeschlossen in einen Drahtkäfig. Hollywoodschaukeln und Gartenstühle ruhen angekettet in Sichtweite. Von Ferne ertönt ab und zu ein fröhliches Hupen, während wir Kartoffelsalat und Landjäger essen. Schade, hier wäre ein Bier nicht schlecht…