Duisburg-Marxloh (2)

Bundesweit bekannt ist die 2008 im osmanischen Stil mit mehreren Rundkuppeln erbaute DITIB-Merkez-Moschee, die zu den größten Deutschlands zählt. Von der Landespolitik wird das Gotteshaus für seine “gute Integrationsarbeit” gelobt. Beim Fotografieren der Fassade ernten wir auf unseren Gruß nur desinteressierte bis abweisende Blicke der Männer im Hof. Eine Ecke weiter springt fröhlich eine Schar kleiner mit Kopftüchern bekleideter Mädchen herum. Das Kopftuch als Ausdruck muslimischer Identität ist im Viertel deutlich präsent.

34 Meter Höhe erreicht das Minarett. Das Ensemble rundet, mit weiteren architektonischen Highlights wie den Industriegebäuden und der katholischen Kirche, erstaunlich organisch das Reihenhaus-Einerlei des Viertels. Auf dem Innenhof der Moschee steht ein Koranvers auch auf Deutsch angekachelt, der von der Notwendigkeit rechtmäßigen Glaubens handelt.

Einige Moscheefenster spiegeln variantenreich den 75 Meter hohen Turm der kaum minder beachtenswerten katholischen Pfarrkirche St. Peter. Eine enorme Brachfläche dümpelt zwischen beiden Gotteshäusern. Dieweil die Glocken von St. Peter zum Gottesdienst schlagen, verzichtet die Moschee auf den öffentlichen Gebetsruf des Muezzins.

Duisburg-Marxloh

Die Duisburger Stadtbahnlinie 903 Richtung Dinslaken verläuft vom Hauptbahnhof wenige Stationen unterirdisch. Durch den U-Bahnhof Meiderich fließt, von chemischen Lichtern beschienen, auf riesigen Fotowänden der Rhein. Über Tage zurück  geraten wir auf eine der typischen langgestreckten Ruhrgebietsstraßen, die kaum mehr als ihre Eigenschaft als Fluchten zu bieten scheinen und lauschen einem Schwarzen Sheriff ohne Fremdsprachenkenntnisse bei seiner Belehrung einer Afrikanerin, die ihn auf Englisch um eine Auskunft bittet: “In Burumba sprechen Sie doch auch kein Deutsch. Wir sind hier allerdings nicht in Burumba, weswegen hier Deutsch gesprochen wird.” Auf den vorüberziehenden Mauern erscheint uns, wohl durch die wundersamen Sätze des Sicherheitsdienstlers ausgelöst, ein ungemaltes Gemälde vor Augen, “Der Mensch in seiner Widerwärtigkeit”, eine endlose, in den Himmel, das Schienennnetz und sämtliche anderen Richtungen wuchernde Hierarchieleiter voller Gestalten, die von unkontrollierten Zwängen gesteuert sich über ihre jeweils Nächsten erhaben fühlen. Die Haltestelle Pollmann markiert als Verkehrskreuz das Zentrum von Marxloh im Norden der Stadt. Wir stoßen auf eine exorbitante Brautmodenlädendichte, von der wir später erfahren, daß sie als Alleinstellungsmerkmal des augenscheinlich türkischen Stadtteils gilt: um die vierzig Brautmodenläden sollen in Marxloh existieren, nach einem guten Dutzend hatten wir das Zählen aufgegeben. Als “romantischste Straße” Deutschlands soll die Weseler Straße, von wem auch immer, betitelt werden, von der ein gerüschter Flash aus Gleißendweiß, Waldmeistergrün und Lachsrosa unsere Erinnerung durchzuckt.

Vermutlich das höchsthängende blaugetönte Hochzeitsfotoherz Deutschlands

Miniidyll: Pommes und Pelargonien

Duisburg in Duisburg: Straßenszene mit Lokalstolzsilhouette

Da und dort kleben “Made in Marxloh”-Sticker in der Gegend. Von No-go-Areas hatten wir kürzlich gehört und gelesen, an diesem Sonntagmittag ist davon nichts zu spüren. Stattdessen bettelt uns nach wenigen Schritten auf Marxloher Terrain ein Junge im Vorschulalter an. In geöffneten Fenstern lehnende Raucher dekorieren die lange nicht mehr gestrichenen Einheitsfassaden der Arbeitersiedlung, über die Werksschlote ragen. Seit der Stahlkrise ist den Arbeitern eine Menge Arbeit ausgegangen, die proletarische Grundierung geblieben. Der seit Jahrzehnten im Larven- bis experimentellen Entpuppungsstadium befindliche Strukturwandel ändert wenig an vergilbenden Straßenzügen, deren Tristesse weder unzählige Schaufenster voller Hochzeitskleider, noch die zahlreichen türkischen Restaurants aufzuheben vermögen. In einer Seitenstraße verkauft eine Frau Lebensmittel ab Kleintransporter, eine zutiefst provinzielle Szene mitten im Ballungsgebiet. Wir entdecken die eingerissene Scheibe eines Kiosks, die als Symbolbild für den angeblichen Niedergang des Viertels, das kaum je als blühendes bekannt war, in den Medien auftauchte. Auf einem Spielplatz mit Aussichtsterrasse auf die Kokerei Schwelgern spielt ein einziges Kind. Der Tag wirkt ein wenig verheult. Rauchende Mütter machen sich mit ihren Kleinen auf den Weg zum Bürgerfest am Innenhafen.

Nördlich von Stromkilometer 781

Auf ihrem Schienenstrom
schwanentorentlassen
gleitet und ruckelt die Straßenbahn 901
entlang den relativen Blickweiten
des duisport mit seinen
Überseecontainern, die für
Weite Welt stehen mögen,
jedenfalls für viel Arbeit
und weite Strecken.
Wie viele Fahrgäste mögen schon
gefragt haben, angesichts der
Haltestellenankündigung „Tausendfensterhaus“,
ob es wirklich tausend seien?
Wohl 510.
Trinkhallen nennen sich Verkaufshallen
und die Haltestellen Thyssen Tor 30
und Kokerei, mit den verbliebenen
imposanten Industrieanlagen
zugleich Reminiszenz an vergangene Jahrzehnte.
In Beeck vorbei an der Köpi-Brauerei
und dann der Thyssenverwaltung mit
ihren gepflegten Rasenflächen,
ändert
sich
wenig
weiter nördlich
abrupt
das Bild.
Reihen geschlossener Rolladen, staubbedeckt und spanholzplattenvernagelte Türen.
Falls Häuser sterben können, dann so.
Nördlich der Wilfriedstraße ist, so augenscheint`s,
wieder Leben.
Zahlreich sitzen Menschen im Freien auf dem Bordstein
und auf Stühlen vor Cafes,
vor einem sind eine Reihe Büro-Chefsessel
herausgestellt und lässig besessen.
Fahrgäste in der Straßenbahn:
„…im schönen Maaaxloh.“
„Am Dienstag kommt die Merkel.“
„Frau Merkel, kannze deine Zigeuna ma mitnehm?“
Beim Ausstieg Höhe Pollmann
drängen energiegeladene Jugendliche
in die Bahn, ohne den
aussteigen Wollenden
den üblichen Vortritt zu lassen.
Wer sieben Jahre nicht hier war
(zuletzt Zweitausendacht anlässlich der Eröffnung
der großen Moschee, was prächtig in Erinnerung ist
eingebettet in einen interessanten Stadtteil),
dem fällt die veränderte Optik mehrerer Straßenzüge auf.
Gleichgeblieben sind die eleganten Brautmodengeschäfte
mit ihren kunstvoll gestalteten Schaufensterdekorationen;
die türkischen Geschäftsleute kümmern sich;
auch duftet es nach über Holzkohle Gegrilltem aus
gehobener Gastronomie.
Gepflegte Gebäude, beispielsweise das Haus
Kaiser-Wilhelm-Str. Nr. 306, mit Arztpraxen (Architekt Bangert).
All dies scheint leuchtkräftiger
angesichts der sich entwickelt habenden Kontraste,
je staubiger und brettervernagelter manche Häuser
in der Umgebung.
Von der ruhigbeschaulichen Ecke Am Grillopark / Elsa-Brändström-Str.
mit villenähnlichen Häusern nur zwei
oder drei Straßen weiter scheint wie das
Eintreten in eine andere Welt.
So befindet sich eine Seitenstraße
der Kaiser-Wilhelm- , zwischen Wilfried- und Weseler Straße gelegen,
augenscheinlich in der Obhut einer oder mehrerer Großfamilien.
Ob einige Vans mit bulgarischen und rumänischen Kennzeichen
dazu gehören, lässt sich nur mutmaßen.
Der Passant fühlt sich, bei 18-Uhr-Tageslicht,
mehr als üblich von zahlreichen Augenpaaren aufmerksam beobachtet,
fast als bewege er sich auf der Grenzlinie zu einer Privatstraße.
Ebenfalls eine neutrale Beschreibung eines fast wertungsfreien Gedankens
ist die innere Bewusstwerdung, dass sich mit der Vorstellung
von Privatstraßen an sich keine darin verstreuten Pizzakartons
und Zeitungsknäuel verbinden.
Wie beginnt man ein Gedicht
über eine Stadt, die man mag
und ein Viertel, das entspannter
in Erinnerung ist?
Wie beginnt sich das Gedicht
über den Duisburger Norden?
Aujourd`hui tristesse?
Maskiert sich Poesie durch Ungeschminktheit?
Oder wäre das sich vertiefende Melancholie?
Wie würde es beginnen?
So?:
mutti merkelt in marxloh
man merkt montan aber nix
So wohl nicht. Oder doch?
Montan reimt sich auf spontan.
Kommt`s auf solche Gravitation an?
Das Marxloh Center unweit
Friedrich-Engels- Ecke Karl-Marx-Straße
wirkt ein wenig wie ein vor drei, vier Jahrzehnten
vergessenes und entsprechend angeblasstes Einkaufszentrum.
Gleichwohl dürfte der darin beheimatete
Discounter unseres Vertauens, A**i-Süd,
mit zu den Lebensmittelpunkten vor allem
der altangesessenen Einwohner älteren Semesters
zählen.
In Höhe der Haltestelle Wolfstraße
ein gemaltes Plakat: Die Kanzlerin
mit gezogenem Revolver und dem Slogan:
There is no alternative.
“Wat will die Anschela denn noch machen?
Kannste nix mehr machen“,
befindet eine junge Dame, hennarot,
etwas füllig, in schwarzem Jogginganzug,
an ihre Mutter gewandt.
„Die Einwanderer verstecken sich
eh alle, wenn die Anschela kommt,“
antwortet diese.
Not und Perspektivlosigkeit sind
genauso wie Verfolgung und Vertreibung
Gründe für Emigration und Immigration.
Durch den sachlich richtigen Begriff Einwanderung
hat die Mutter
diese soziale Komplexität benannt,
ob es ihr bewusst ist oder nicht.
Flucht endet nur durch den Wegfall von Fluchtursachen.
Das geschieht erst dann, wenn jegliche Waffenlieferungen
in Krisengebiete geächtet und tatsächlich gestoppt werden
und die Lebensgrundlagen dort wieder hergestellt werden
und sicher bleiben.
(Idealisten finden in Art. 26 Abs. 2 GG dazu Wesentliches gesagt.
In einer idealen Welt halten sich auch befreundete Nationen,
große wie kleine, daran.
Tatsächlich bedarf es einer starken UNO.)
Und was ist mit der Perspektive vor Ort?
Im sozialpastoralen Zentrum Petershof, so ist zu hören,
versorgen Mediziner kostenlos
Hunderte Menschen ohne Krankenversicherung.
Zum Straßenbild indessen gesellen sich davon unabhängig
chrombreitfelgig brummmotorende Benz- und BMW-Coupes
mit Kennzeichen eher der umliegenden Städte.
Wenige Straßenbahnminuten südlich
Ruhrort Bahnhof, scheint wiederum eine andere Welt.
„Tschuldigung, wo geht`s zum Hafenfest?“
„Da gehen Sie geradeaus und dann rechts“,
antwortet mit freundlichem Lächeln
eine der beiden angesprochenen älteren Duisburgerinnen
(wohnt man im Bergischen, erfreut solch
unkomplizierte Natürlichkeit stets aufs Neue).
Auf dem Weg zum Hafen erblickt sich hinter einem Bauzaun
ein Toilettenwagen. Das tut gut,
bei Tageslicht und in Ermangelung diskreter Bäumchen.
Der Toilettenwagen gehört zu einer
sich durch diese gute Fügung erschließende Entdeckung
in Gestalt der begehbaren Kunstinstallation „Nomanslanding“
im alten Eisenbahnhafen, dort im August 2015 temporär zu Gast.
Fahnen mit dem Zitat
„The art of living in the city as a work of art […] In other words
the future of art is not artistic but urban”, Henri Lefebvre
(sich später wikipediagooglend als 1901 geborener
Résistance-Kämpfer und Miturheber der
1968er Studentenunruhen herausstellend).
Sichtbar sind zwei silberfarbige Viertelkugeln
von mehreren Metern Höhe als zwei im Hafenbecken
schwimmende Inseln (auf Unterwasserschienen),
von der einen wie von der anderen Seite durch Stege
erreichbar.
Unter sphärischen Klängen schieben sich beide Teile,
in denen jeweils mehrere Teilnehmer sitzen,
zusammen,
woraus eine geschlossene Halbkugel entsteht.
Das führt – interpretiert – zu Geschlossenheit
in mehrdeutigem Sinn, da die durchs Zusammenschieben
entstandene Kuppel von schwarzen, sie in der Länge knapp überragenden
Zaunpfählen umgeben ist,
einerseits Schutz suggerierend,
andererseits Eingeschlossensein.
In den Himmel über den Eisenbahnhafen
stoßen indessen rotierend die stählernen beweglichen Arme
der spektakulären Fahrgeschäfte der nahen Kirmes,
bunt beleuchtet in der einsetzenden Dämmerung.
Entsprechend ziehen sie wesentlich mehr Publikum an,
das vom Aufenthalt Nomanslandings kaum Notiz nimmt.
Publikum aller Generationen bewegt sich
multinational und vielethnisch erscheinend
zum Großspektakel.
So auch eine größere Familie, welche,
Irrtum möglich, doch allem politisch korrekten Anschein nach
vermutlich Sinti oder Roma sind, und die
zu beschreiben sich im bestverstandenen Sinn lohnt:
mit entspanntem Selbstbewusstsein
in eleganter Festtagskleidung nehmen sie den Fußweg
in fast protokollarischer Reihenfolge ein
vornweg die Jungs, Prinzen fast,
dann die Herren,
dahinter – in einigem Abstand – Damen in schönen Gewändern
sowie ein junger Mann um die siebzehn, im Sakko,
ein edelstein- oder jedenfalls zirkonian-verziertes Smartphone
in der Hand, der fragt:
„Entschuldigung, ich brauche 50 Cent fürs Telefonieren. Haben Sie?“
Dreist?
Nun, bei sachlicher Betrachtung…geschäftstüchtig!
Trotz und gerade wegen des Kirmesrummels
ist der Augenblick günstig
einen der bemerkenswertesten optischen Eindrücke Duisburgs
zu würdigen, den Blick vom linksrheinisch gelegenen Homberg
über den Rhein auf Ruhrort zuflanierend, auf die dortigen
beiden rechtsrheinischen Brückentürme,
Relikte der 1945 gesprengten Vorgängerbrücke.
Die jetzige, nach Friedrich Ebert benannte Brücke wurde
1954 erbaut (möglicherweise noch aus Marshallplan-Mitteln?).
Beschaulicher als die große Kirmes im Hafen
zeigt sich eine Woche darauf
(zeitgeschichtlich fünf Tage nach der
Kanzlerin-und-Entourage-Stippvisite zu Marxloh)
das tradierte Volksfest in Beeck.
Vom Köpi-Ausschank fällt der Blick
auf das Kulturzentrum
Friedrich Ebert- Ecke Lehnhofstraße
und die dort laufende Leuchtschrift
„Der Islam verabscheut den Terror.“
An den Händen ihrer Eltern begeistern sich
die Jüngsten, Jahrgänge 2010plus,
an Zuckerwatte und Luftballons,
multilingual, kulturell vielfältig.
Eine Kellnerin zur anderen, hübsche Blonde beide,
in einer Zapfpause die Blicke auf
ihre jeweiligen Smartphones gesenkt,
„Jetzt verpass ich meinen Film, mein Film fängt grad an.“
„Welcher Film?“
„Der Tatort.“
Zur Lautsprechermelodie findet sich das
Glück im Zug nach Osnabrück
(Schlager hin oder her, hundertfach gehört,
man braucht es nicht zu mögen, aber der Refrain
von Andreas Zaron und Verena Rendtorff bleibt pfiffig
und war zu recht erfolgreich).
Kirmes in Beeck laut Emblem seit 1539,
einem Jahr, in dem der Blick auf die Thyssen-Industrieanlagen
noch für einige Jahrhunderte nicht vorstellbar war.
An der roten Ampel wummert der schwere Motor
eines tief liegenden BMW, in Bulgarien zugelassen,
aus dem lautstark GangstaRap, Musik zum Dampfablassen,
es mit den Volksfestgeräuschen aufzunehmen scheint.
Dann düsen quietschende Reifen von dannen.
Auf dem Beecker Marktplatz eine Live-Band.
Mittelalte Paare, die in ihrer Jugend
offenbar Tanzschulen besucht haben,
bewegen sich in erlernten Schritten tadellos zum Rhythmus.
Ebenfalls, der Musik in freien Schritten korrespondierend
und ihrem Bewegungsdrang Lauf lassend, einige Roma-Kinder.
Und, kein Klischee, zu welchem Song? „A-tem-los“.
Genau so isses, wahrhaftig.
Könnte klappen, ein jeder nach seiner Facon.
Beim Tanzen klappt es schon.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr)