Zaltbommel

zaltbommel_1Der brave Bursche marokkanischer Herkunft hat gerade Brot geholt bei der Bakker Bart-Filiale in Zaltbommel. Bakker Bart ist eine (aus Nijmegen stammende) Ladenkette, die mittlerweile das ganze Land überspannt. Sich dort als marokkanische Familie das Brot zu besorgen, darunter auch ein Brot typisch niederländischer Machart, kann man getrost als Anzeichen gelungener Integration bezeichnen.

Dies ist umso bedeutungsvoller in einem Ort wie Zaltbommel. So um 2010 herum gab es da jede Menge Wirbel und Besorgnis wegen einer Truppe junger Kerle marokkanischer Herkunft, die herumrandalierten und Frauen belästigten. Sie trieben es sogar so weit, dass sie den Bürgermeister bedrohten, der sich sehr negativ über sie geäußert hatte (er verkündete sogar die nie nachgewiesene Mär, die Kerle versuchten sich als sogenannte Loverboys Grundschülerinnen gegenüber). Natürlich war ihr Verhalten nicht in Ordnung, nur war die einseitige Fokussierung auf die marokkanische Komponente das auch weniger. Polizeiangaben zufolge gab es zu jener Zeit 276 kriminell auffällige Jugendliche in der Gemeinde, davon aber nur 38 marokkanischer Herkunft. Die übergroße Mehrheit entstammte also dem alteingesessenen Klientel des Bakker Bart. Solche Kerle aber galten zum verschmitzten Vergnügen ihres Umfelds vielleicht eher als bescheidene Fortsetzung der blutrünstigen Tradition des Maarten von Rossum, der ja hier geboren wurde, und auf den die Stadt immer noch stolz ist. Mittlerweile wohl auch auf die Teilnehmer der sogenannten “Vierteleltern”-Initiative, die seit einigen Jahren jeden Samstagabend ihre Runden läuft, um jeglicher kriminellen, jugendlichen Energie zuvorzukommen. Die wichtigste, von diesen Eltern gewonnene Erkenntnis: Die Jungs brauchen mehr Fußballplätze. Bemühungen in diese Richtung haben bislang offensichtlich gereicht: Es hat sich, auf angehender Schwerverbrecher-Ebene, in den letzten Jahren kaum noch etwas getan. Die Gerüchteküche brodelt, aber nie gibt es Ernsthaftes zu berichten.
Dass die Zaltbommeler Jungmarokkaner es nicht im Entferntesten so weit treiben wie die des Amsterdamer Bandenkrieges, wobei kürzlich einer sogar geköpft wurde, den Kopf dann aufgespießt bekam, kann man nur begrüßen. Aber wie wäre es mal mit einem Bürgervater, der nicht gleich schmutzige Sexualfantasien in die Welt hineinkatapultiert, auch nicht als ein wahrhafter Maarten van Rossum “Schlagt sie zusammen!” ruft, wenn es um Ladendiebe geht? Der Herr ist immer noch im Amt.

zaltbommel_2

Das könnte vielleicht mit der Verträglichkeit neuen Stils zu tun haben, die zu erleben man am Waalufer aufgerufen wird. Aber doch eher nur in dem Sinne, dass auch der Bürgermeister hin und wieder Gast sein dürfte bei “De verdraagzaamheid”, denn so heißt das in der Stadt führende Restaurant hier. Und auch die im Pflaster versenkte Aluminiumfigur vom Künstler Marcel Smink verweist nicht auf diese Affäre, sowie auch ihre Hand nicht grapscht: Sie zeigt die Höhe der neu errichteten Wasserschutzanlage an, geschmückt mit dem hier übersetzten Gedicht von Willem van Toorn:

Zwischen Stadt und Fluß möchte das Auge eine Grenze
gezogen sehen die klar andeutet wo
Schönheit in Gefahr hinüberfließen kann.
Wer aber das Maß überschreitet entnimmt dem Menschen

seine Sicht aufs Leben selber. Beim Verlassen
der Stadt durchs Tor möchte ein Bewohner Wasser
erleben, Schiffe, Deichvorlände
und über allem das Glänzen aus der straff

gespannten neuen Brücke. Keine Mauer
die den Anschein neuer Sicherheit verspricht
wird dem Auge dieses Strömen vorenthalten:
immer gleich und immer anders – der Fluß.

zaltbommel_3

Im Deichvorland hat der Junge im Pflaster noch einen Bruder, der genau dasselbe macht wie er, wobei er auf die Brücke Ausschau hält, von der im Gedicht von Van Toorn die Rede ist. Für literarische Bezüge hätte sie dieses Gedicht nicht mal gebraucht. Nicht von ungefähr wurde sie auf den, als es um Tiel ging, schon mal erwähnten Dichter Martinus Nijhoff getauft. Der nämlich schrieb in den 1930ern einen weiteren Lyrikklassiker, oder doch wenigstens eine der allerberühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur:

DIE MUTTER DIE FRAU

Ich ging nach Bommel um die Brücke zu sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Seiten gegenüber
die einst sich zu fliehen schienen
werden wieder zu Nachbarn. Gute zehn Minuten
wo ich da lag, im Grase, mein Tee getrunken
mein Kopf von der Landschaft weit und breit erfüllt–
Da wurde mir mitten aus der Unendlichkeit heraus
eine Stimme gewahr, dass mir die Ohren ertönten.

Es war eine Frau. Das Schiff, auf dem sie fuhr kam
gemächlich stromabwärts durch die Brücke gefahren.
Sie war alleine am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie da sang, ich hörte es waren Psalmen.
Ach, dachte ich, ach, fuhr doch meine Mutter dort.
Lobe Gott sang sie. Bewahren wird Dich Seine Hand.

Die kleine alte Festungsstadt hat nebst Van Rossum und Nijhoff noch ein weiteres Wahrzeichen mit Bezug auf Sankt Martin, und das ist natürlich die Sint Maartenskerk. Ohne dessen stumpfen Turm ließe sich Zaltbommel kaum denken. Als ich klein war, war’s mir sogar, als gäbe es dort nur diesen einen Turm. Ich hatte ein Buch mit Aquarellen von niederländischen Kirchtürmen: Besonders der Zaltbommeler Turm war so dargestellt, als täte das menschliche Umfeld gar nicht zur Sache.
Das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft ist auch in Zaltbommel entschieden gekippt; auch hier, in der ehemaligen Grenzfestung der protestantischen Republik der sieben vereinigen Niederlanden, ist die Kirche in den Hintergrund gerückt.

zaltbommel_4

Die evangelische Sint Maartenskerk wird heutzutage sogar für nicht-kirchliche Eheschließungen zur Miete angeboten. Nichtgläubigen wünschen sich anscheinend doch den Anschein irgendeiner Transzendenz beim großen Lebensschritt, während Kalvinisten (nach gut niederländischer Tradition) eben auch über die Runden kommen müssen.
Ortsgerecht ist es aber auch deswegen, weil es in der Welt ohne Zaltbommel vielleicht nicht mal jenes eine Buch geben würde, das wie kaum ein anderes die gesellschaftliche Rolle des Geldes und des Kapitals unter die Lupe genommen hat: Das Kapital von Karl Marx wurde teilweise hier geschrieben, und zwar im weißen Haus im Hintergrund des Bildes.

zaltbommel_5

Da war Marx öfters zu Gast bei seiner aus Nijmegen gebürtigen Tante Sophie Presburg, die mit dem ortsprominenten Tabakhändler und -fabrikanten Lion Philips verheiratet war. Dessen Sohn Frederik sowie die Enkel Gerard und Anton Philips standen später an der Wiege des Philips-Konzerns. Die lebensfreudige Gangart der jungen Dame, die zuvor zusammen mit ihrer Familie die Plakette am Haus studiert hatte, muss also nicht unbedingt zu Ehren von Karl Marx gemeint gewesen sein. Vielleicht ist sie schlichtweg Fan vom Fußballer Luuk de Jong, der ohne die ehemalige Philips-Betriebself der PSV Eindhoven vielleicht nie seine fehlgeschlagene Auslandskarriere hätte gutmachen können.
Vielleicht schafft auch der brave junge Brötchenkäufer es irgendwann dorthin.
Oder aber er fragt sich, wieso denn gerade in einem Ort, wo Marx tätig war, Marokkaner nur über den sportlichen Weg zum Einklang mit der Gesellschaft zu bewegen sein sollten, während doch ein großer Teil der hellhäutigen Gesellschaft sich kaum beeindruckt zeigt vom ständigen Fluss neuer Jungprofis marokkanischer Herkunft, die sich auf niederländischen Fußballplätzen zu behaupten versuchen. Man könnte, nur mal eine Idee, für sie ja auch eine Lese-, ja gar Schreibegruppe gründen. Das könnte auch mal, sogar noch umso nachhaltiger, dazu beitragen, dass sie sich weniger als gesellschaftlichen Müll ins Abseits gedrängt fühlen würden.

zaltbommel_6

***

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den Waal, diesmal die Stadt Zaltbommel, ohne die es “Das Kapital” von Karl Marx vielleicht nicht gäbe.

Tiel und der Tod

Vor dem Zweiten Weltkrieg besaβ Tiel eine blühende jüdische Gemeinde; in Tiel leben jetzt keine Juden mehr. Nicht, wie man meinen dürfte, weil die Gemeinde vollends von den Nazis ausgelöscht wurde: Siebzig Prozent der Tieler Juden überlebten den Schrecken sogar, bei einem landesweiten Prozentsatz von siebenundzwanzig. Diese günstige Zahl ist dem Polizeikommandanten J.S. de Jong zu verdanken, von dem die Gemeinde 1943 rechtzeitig gewarnt wurde, es stünde eine Razzia bevor. So blieb für die meisten genügend Zeit, sich Untertauchadressen zu besorgen, aber in Tiel wollte das nicht klappen: Die nichtjüdische Bevölkerung stellte sich dem bitter und geschlossen entgegen. Beladen mit solcher Erinnerung, kehrte nach dem Kriege keiner der Überlebenden in die Stadt zurück: So verlöschte nachträglich eine jüdische Gemeinde, die im 19. Jahrhundert zu den gröβten der Provinz Gelderland gezählt hatte.
Die jener Zeit auch entstammende, ehemalige Synagoge, etwas abseits von der Straβe, beherbergt jetzt eine Moschee.

tiel_2_1

Als 1996 neben dem Eingangstor des Geländes das Holocaustmahnmal der Künstler Johan Goedhart und Willem den Ouden errichtet wurde, trat das beladene, ehemalige Verhältnis zwischen örtlichen Nichtjuden und Juden wieder ans Tageslicht. Aus den wie Tränen wirkenden Tropfen, so war vorgesehen, sollten ganz leise sämtliche Namen der Tieler Holocaustopfer ertönen. Die Tochter eines Synagoge-Vorsängers verweigerte aber der Stadt das Recht die Namen ihres Vaters und ihrer Schwester erklingen zu lassen: In Tiel hatte der Familie damals niemand Unterschlupf bieten wollen.
Damit nicht genug. Wie sich erraten lässt, wurde mein Bild in der Adventszeit aufgenommen: die gegenüberliegende Restaurantterrasse ist in vollweihnachtlicher Stimmung. Ihr Eigentümer zählt zu denjenigen, die in den letzten zehn Jahren mehrmals Beschwerden gegen das leise Ertönen der Opfer einreichten (anders übrigens als die Moschee). Schließlich geht das Alltagsleben dort vonstatten, vergnügen sich Leute, betrinken sich, sitzen abends oben auf der Balkonen, was soll da das geheimnisvolle Flüstern solcher Toten, die hier eh nicht erwünscht waren (aber nein, so hat das keiner gesagt, versteht sich). Letztendlich wurde entschlossen, dass die jüdischen Toten nur während der Bürostunden auf sich aufmerksam lassen machen durften. Ich, selber noch vor 17 Uhr da, habe nichts gehört. Früher Büroschluss wohl.

Man braucht nicht allzu lange darüber nachzudenken, was denn Menno ter Braak von der Tieler Bürgerschaft gehalten hätte, hätte er mitbekommen können, was nach seinem Tode vor sich gehen würde in der ach so liberalen Stadt, in der erstmals zu sich fand. Glücklicherweise für ihn nahm er sich das Leben nicht dort, sondern in Den Haag: Seine Grabstätte ist in Tiel also ohnehin nicht aufzufinden. Immerhin gibt es aber diese eine Reminiszenz, dass eine Frau Te Brake bestattet liegt auf dem alten Friedhof mit dem bemerkenswerten Namen “Ter navolging”, heiβt: “Zur Nachfolge”. Der sollte aber nicht als Aufruf zu einem baldigen Tode missverstanden werden, auch wenn vielleicht der Motorradfahrer, der sein Spielzeug aufs Aschestreufeld ausblicken lässt, sich da andere Vorstellungen macht.

tiel_2_2

Der Name deutet auf etwas ganz anderes hin. Der Ort ist einer der ersten niederländischen nicht-jüdischen Friedhöfe, die auβerhalb der Stadtgrenze eingerichtet wurden, in diesem Fall 1786. Gründer J.D. van Leeuwen, örtlicher Jurist, war Sprachrohr einer landesweiten Bewegung, die sich ernstlich sorgte um die verheerenden hygienischen Auswirkungen innerstädtischer Friedhöfe: Der Name bezeugt somit die Hoffnung, daß sämtliche niederländischen Kommunen diesem Beispiel Folge leisten würden. So besagt auch der sich überm Eingangstor wölbende Zweizeiler:

De menschenliefde door ´t gezond verstand verlicht
Heeft deez begraafplaats tot een voorbeeld hier gesticht

Die Menschenliebe, vom gesunden Menschenverstand verklärt
Hat diesen Friedhof zu einem Leitbild hier gegründet

Mittlerweile ist die recht romantisch wirkende Ansammlung verwitterter und eingesackter Grabstädte wieder fest von der Stadt umschlungen worden, was wohl dazu beigetragen hat, dass seit den 1980ern kaum noch bestattet werden darf. Als ich da war, fand ich ein einziges frisches und von Blumen überladenes Grab vor, in dem ein junges Hockeytalent aus bester Familie beigesetzt war, das im zarten Alter von achtzehn Jahren einer Krebserkrankung erlegen war.
Wünschen darf man ihm, er habe Zuflucht gefunden zwischen den Bewohnern der Bienenkästen in einer entfernteren Ecke des Friedhofs.

tiel_2_3

Die stehen da, als wären sie ein bewusster Verweis aufs klassische Gedicht von Martinus Nijhoff (1894-1953; von seinem Bezug auf den Waal wird später noch die Rede sein), “Het lied der dwaze bijen” (“Das Lied der törichten Bienen”). In diesem sehr streng organisierten Gedicht bewegt “ein Duft höheren Honigs” die Bienen dazu, das eigene sichere Heim hinter sich zu lassen und von ihrer transzendentalen Sehnsucht schicksalhaft immer weiter vorangetrieben zu werden, um dann, einmal gestorben, als Schneeflocken wieder auf Erden zurückzukehren. Man strebt und hinterlässt, hoffentlich, nahrhafte Spuren, noch nach dem Tode.

Ein zugespitzter Wettkampf zwischen Leben und Tod ertönt einmal die Woche in einem Tieler Proberaum. Mit einer ungeheuren, scharf stilisierten und geballten Energie bewegt sich seit elf Jahren die sechsköpfige Deathmetalband Nymeria in die tiefsten Schluchten des Todes hinein, unter Anführung des Textdichters und Sängers Marnix van Malsen, der noch im Proberaum eine charismatische Präsenz aufzeigt, und dessen Texte von der Band als “finstere Märchen” bezeichnet werden.

tiel_2_4

Bislang wurden zwei Alben in Eigenvertrieb aufgelegt, ein drittes für eine Plattenfirma steht in Kürze an; nach einer langen Zeit von Entwicklung und Ausdauer, bei einer wachsenden Fangemeinde, erhofft man sich einen internationalen Durchbruch. Von der niederländischen, auf Einsparungen bedachten Kulturpolitik der letzten Jahren hat man sich nicht zermalmen lassen: Auch wenn für Jugendzentren und Musikbühnen überhaupt immer weniger Geld vorhanden ist, hat man trotzig weitergemacht, von eigenem Können überzeugt. Da ist was dran: Im Proberaum fiel mir nebst guter Stimmung und Spielfreude die handwerkliche Ernsthaftigkeit, ja Emsigkeit, auf, von denen die klangliche Wucht – sowohl stark rhythmisiert wie auch melodisch – geprägt war. Von Malsen legt dabei ein urwüchsiges Grunting auf, das durch strenges Trainieren nach mongolischen Grundsätzen (“viele meinen, man braucht nur blindlings zu grölen, aber da zerstört man die Stimme”) in schroffem Gegensatz zu seiner gepflegten Gesprächsstimme steht. Die Groβmutter der Freundin sei erschüttert gewesen, als sie zum ersten Mal hörte, welcher Art Musik der im Alltag so liebenswürdige Mensch machte. Da sieht man: Kunstvolle Hingabe an die eigene Todesangst macht einen noch nicht zum Schlägertypen.
Im Netz hatte ich noch gelesen, die Band hätte sich von der Metallindustrievergangenheit der Stadt inspirieren lassen. Dies wurde klar verneint: Tiel sei einfach die Stadt, in der zwei der Bandmitglieder wohnen und wo man einen guten Proberaum hat.

Metallisch zum jenseitigen Ufer hinüberfahren – im Dunkeln sowie bei Tageslicht – geht in Tiel aber auch ganz materiell, und sogar ohne Musik: alle zwanzig Minuten überquert die Personenfähre nach Wamel den Fluβ – also nicht den Styx, sondern schlicht und ergreifend den Waal.

tiel_2_5

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: hier erneut die Kleinstadt Tiel. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)