Liechtensteinwahrnehmung

Für das Kulturmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands durften wir einmal mehr eine Monatskolumne verfassen. Mit einem wunderschönen Bläuling illustriert erschien sie heute, gilt für den gesamten kommenden März und befaßt sich u.a. mit dem schwierigen Thema des Andenmannbringens von Liechtenstein-Gedichten (s. Das Lachen der Hühner) in Deutschland:

“Seit vor einem Jahr meine Liechtenstein-Gedichte erschienen, toure ich unablässig durch Deutschland, um dem Publikum in Versen und blumigen Erklärungen ein rares exotisches Fürstentümchen näherzubringen. Die Leute erscheinen in Scharen. Mal sind es auf einen Schlag fast eine ganze Handvoll Kulturmenschen, die sich lose im Raum gruppieren, die beste Hör- und/oder Ruheposition zu ergattern; dann wieder blicke ich so weit das Auge reicht auf schier endlose, militärisch geschlossene und nach Körpergröße geordnete Reihen aufrecht literaturinteressierter Millionäre – wie zuletzt in Düsseldorf. Das sah von der Bühne sehr gut und ordentlich aus. Im Vorprogramm hatte Martin Walser auftreten dürfen. Das Publikum war also be­dächtig gestimmt. Ob meines Themas «Liechtenstein» rieben sich ei­nige der Millionäre wieder wach. Ich gab mein Bestes, weiteren Schwung in die Veranstaltung zu bringen. Ich gelte ja als aus­gezeichneter Performer. Zumindest für einen Dichter. Also liess ich meine Hüften kreisen und deutete beim Skandieren die Bandbreite meiner stimmlichen Fähigkeiten an. Bestimmte Textpassagen sinnvoll zu unterstreichen, nutzte ich gestische Klassiker wie die Beckerfaust, den deutschen Zeigefinger und noch ganz andere Verrenkungen, die man erst mal gesehen haben muss. Die Düsseldorfer Millionäre schauten sich das alles schweigend an. Selten zuvor hatte ich in eine solch exponierte Stille hineingesprochen. Einige Sekunden oder Minuten, nachdem ich geendet hatte, knöchelten sie ihren Applaus auf die hölzernen Stuhllehnen – ob nun aus Anstand, militärischer Diszi­plin oder wehmütigen Liechtenstein-Erinnerungen war mir unmöglich festzustellen.

Was die Inhalte einer solchen Liechtenstein-Lesung sind? Ganz naheliegende und normale, würde ich sagen. Ich berichte von der romantischen Schwertlilienblüte im Ruggeller Riet, den Kühen auf Saasfürkle, dem Rhein in seinem Bett und dass ich noch in keinem anderen Land je so viele, so riesige private Parkgaragen zu Gesicht bekommen habe.

Manchmal, wenn ganz wenige oder gar keine Millionäre im Publikum sitzen, stellen die Leute Fragen. Sie wollen dann Wissenswertes über Liechtenstein erfahren. Die Fragen zielen in erster Linie auf die Fürstenfamilie, ob ich von denen wüsste. «Ja», sage ich, denn die Sehnsucht nach echten Adelsgeschichten ist in unserer Demokratie enorm und sie zu befriedigen, kann lohnen: «Die machen den halben Tag Goodwill und Wohlfahrt und so und die zweite Tageshälfte verbringen sie mit der Lektüre zeitgenössischer Lyrik.» (Gelingt es, diesen Satz anzubringen, werden am Lesungsende meist ein paar Gedichtbände gekauft.) «Ja, und was macht man in Liechtenstein sonst?» «Hmm, sonst, da wird es schon schwierig. Geldanlagen lohnen dort für Sie als Deutsche jedenfalls nicht mehr recht.» Bevor allzu grosse Programmlücken entstehen, wende ich mich in einer überraschenden Umkehr der Fragehoheit selbst ans Publikum: «War denn jemand von Ihnen schon mal dort?» Erst traut sich meist keiner. Dann kommts piepsig aus der vorletzten Reihe: «Ich finde den Schmetterlingspark sehr schön.» An dieser Stelle weiss ich schon seit der ersten Woche meiner Lesetournee aus Routinegründen, und das wird manchen Liechtensteiner Leser vielleicht ein wenig schmerzen, da verwechselt wieder jemand Liechtenstein mit Luxemburg. Apropos Luxemburg: Mein luxemburgischer Kollege Guy Helminger erzählt gern die Geschichte, wie er einst in Kalifornien bei einer Polizeikontrolle seinen Pass vorzeigen mußte. Der Sheriff wollte ihn gleich einbuchten, denn von einem angeblichen Land namens Luxemburg hatte er noch nie gehört. Guy Helminger aber wurde gerettet von einem zufällig anwesenden Kumpel des Sheriffs, der wusste, wo Luxemburg liegt: «That’s one of these islands in the Pacific.» Was sagt uns all das über die Liechtensteinwahrnehmung der Deutschen? Nicht viel – ausser dass sie vielleicht nicht gar sonderlich existiert. Nehmen Sie sicherheitshalber den Kumpel des Sheriffs mit, wenn Sie in die Vereinigten Staaten reisen. Und grüssen Sie Ihren Fürsten, wenn Sie ihn sehen. Ich finde es wirklich grossartig, dass er so gerne Gedichte liest.”

Das Lachen der Hühner: Lesungen

Zum Wochenende und gleichzeitig zum Saisonausklang begibt sich rheinsein zu zwei Lesungen aus Das Lachen der Hühner entlang der Rheinscheine. Die Ankündigungen der Veranstalter:

Das Karlsruher Literaturforum ist ein beliebter Austausch zwischen Autoren und dem Karlsruher Publikum. Die Literarische Gesellschaft organisiert das Forum in diesem Jahr zum 6. Mal. 2011 steht es einen Tag lang im Zeichen der zeitgenössischen Lyrik, die derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält wie lange nicht mehr. Vor allem junge Autorinnen und Autoren prägen den Schauplatz der Literatur und werden in den Feuilletons gefeiert. Die Karlsruher Lyrikerinnen und Lyriker Silke Scheuermann, Stan Lafleur und Matthias Kehle und aktuelle Autorinnen und Autoren wie Claudia Gabler, Matthias Göritz, Nadja Küchenmeister und Nora Gomringer reflektieren in Vorträgen (Wie entsteht ein Gedicht, Lyrik und Politik) über die Perspektiven der Gattung Lyrik und spiegeln in neuen Texten auch den Oberrheinraum, der viele der Autoren biografisch verbindet, wider.

Termin: 16. Dezember 2011, 17 Uhr (rheinsein-Lesung ca 18 Uhr)
Ort: Prinz-Max-Palais
Karten am Einlaß

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Heine im Sinn…
Die erste Heine-Nacht am 17. Dezember 2011 im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Feiern Sie auf der Bilker Straße am 17. Dezember zwischen 18 Uhr und der Geisterstunde die erste Heine-Nacht.

Freuen Sie sich auf:
Lesungen mit Martin Walser, Ingrid Bachér, Stan Lafleur und Jan Skudlarek,
Performances von Gerhard Stäbler, Kunsu Shim, Niklas Stiller und Marc Matter,
Führungen durch die Dauerausstellung Nähe und Ferne und die Ausstellung Der russische Heine sowie auf die Präsentation Heine und Paris.
Die Bandbreite des musikalischen Rahmenprogramms reicht von klassischen Heine-Vertonungen über Klanginstallationen bis hin zu einem Heine-Rap.
Außerdem erwarten Sie viele weitere Überraschungen und Höhepunkte.

Der Vorverkaufspreis beträgt 7 Euro (erm. 5 Euro) inklusive einem Getränk oder einem Heine-Apfeltörtchen.

Die rheinsein-Lesung steht um 22.30 Uhr zu erwarten.