Bedeutungsverschiebung, rheinisch-türkisch

Severin war lt Wikipedia der dritte bekannte Bischof von Köln, und weiter: “Im Jahr 397 soll er, Gregor von Tours zufolge, in der Todesstunde des hl. Bischofs Martin von Tours, mit dem er befreundet war, den himmlischen Chorgesang der Engel vernommen haben.” Noch weiter: seine Gebeine sind in der Kirche St. Severin in einem Goldschrein verwahrt, dessen innerer Holzschrein mit einem Stoff “von wohl byzantinischer Herkunft” ausgekleidet sein soll. Wie auch immer die Byzantiner, im Falle, daß sie überhaupt auf ihn trafen, Severin an- bzw ausgesprochen haben mochten: ihre Nachfahren, die kölschen Türken halten es lt Stadt-Anzeiger wie folgt: “Der heilige Severin war den ersten Einwanderern völlig unbekannt und so bekam die Straße zwischen Severinstorburg und Waidmarkt (mit “Sevenin Straße”, Anm.: rheinsein) den wunderbar übersetzten Namen „Straße der Liebenden“. Folgerichtig müsste ein türkeistämmiger Kölner sein Liebesschloss nicht dort aufhängen, wo es Tausende andere tun. Nicht die Hohenzollernbrücke sondern die „Sevenin Brücke“ ist in Köln die „Brücke der Liebenden“.”

Randnotiz (3)

Vor gut einem Jahr ist Rheinsein, dank großartiger Unterstützung aus dem litblogs.net-Umfeld, aus Googlelanden auf die jetzige .de-Domain umgezogen. Die alte blogspot-Adresse lief bisher nebenbei weiter, gestern habe ich sie vom Netz genommen. Obwohl dort seit einem Jahr nichts mehr passierte, fand die Seite weiterhin ein zwei Handvoll Besucher pro Tag. Mag es an Google liegen: die Besucher der alten, nun abgeschalteten Seite interessierten sich vornehmlich für Tierartikel, die (wie alle anderen alten Einträge auch hier erhältliche) Liste mit Rheinfischen wurde an die 2000 Mal angesteuert, die Artikel über Moby Dick, den Beluga im Rhein und den Ochsenfrosch, das Monster vom Oberrhein erreichten ebenfalls die Besucher-Top Ten, in denen auf der aktuellen Seite Textstellen von/über James Fenimore Cooper, Martin von Tours und Hanns Martin Schleyer stehen.

Zillis (2)

Im Winter bleibt die St. Martinskirche von Zillis unbeheizt, um die mittelalterlichen Deckengemälde zu schützen – die Gemeinde versieht ihre beheizten Gottesdienste an einem Ausweichort. Schiffmittig finden sich zwei Kisten mit Handspiegeln aus der Zeit der Erfindung der Kunststoffeinfassung. Die Spiegel sollen dazu dienen, die Decke ohne Nackenstarre bestaunen zu können. Eine schöne, schlichte Idee mit dem sanften Effekt der Spiegelverkehrtheit. Die Zilliser Decke umfaßt 153 (in Reihen angeordnete) Tafeln, unterspurt von einem labyrinthischen Mäanderfries mit darin eingekästelten Sibyllen. Die 48 Randfelder zeigen vornehmlich Fischmischwesen, stets solche mit gespaltenen Schwänzen, stets wellenentstiegene. Die Wellenlinien sollen angeblich das ferne Meer symbolisieren – warum eigentlich nicht den nahen Rhein? Als Heim und Herberge für die krudesten, gazellösen, elefantösen, gefiederten, beschnäuzerten und gehörnten, bisweilen einfach nur blödsinnig in den Tag blickenden Chimären taugt der mindestens ebenso gut. Die Innentafeln zeigen die Geschichte Jesu, mit derart verknappter Passion, daß der Eindruck entsteht, die Meister-Kalkulation des zur Verfügung stehenden Platzes könnte nach hinten hinaus einige Patzer aufgewiesen haben. Die sieben letzten Binnentafeln schließlich schildern Episoden aus der Mantelteiler-Vita des Namenspatrons, des Heiligen Martin von Tours. Insgesamt liest sich der Zyklus von Zillis wie ein monumentaler, rundum gelungener, mit feinen Irritationen reichlich versehener Comic mit einzeln herausragenden Szenenbildern: so fahren dem Besesssenen von Gerasa in einer Zweibilderszene als Zeichen seiner Heilung kleine Rauchteufelchen aus dem Mund. Das nächste Bild zeigt sechs Schweine am (Rhein?)Strand, vier davon übereinanderstehend wie die Bremer Stadtmusikanten, ein fünftes springt, ein ockerfarbenes Teufelchen im Maul, per elegantem Köpper in die Fluten. Entgegen der Überlieferung scheinen die Teufel hier jedoch nicht in die Schweine einzufahren, sondern vielmehr umgekehrt die Schweine mit den Teufelchen zu spielen, sie ins Maul zu fassen, mit ihnen Witze auszutauschen. Eins der Schweine wandelt gar übers Wasser, überhaupt drängt sich die lehrferne Interpretation auf, Schweine und Teufel hätten auf Tafel 108 einen Heiden(bade)spaß, anstatt auf Jesu Machtwort im See/Meer(?) Suizid zu begehen. Mit wenigen Strichen setzt der Meister seinen Gesichtern ausdrucksvolle Mienen auf, und erinnert auch hierin an die hohe Kunst des Comics. Beheizt, im Gegensatz zur Kirche, erweist sich die Gaststube zur Alten Post, überm Stammtisch hängt dominant menetekelnd das Schwarzweißportrait einer wohlgestalten Kuh, hinterm Tresen äugt aufmerksam die schweigsame Wirtin bei einem Glas feuerfarbenen Weins, in den Ecken stapeln sich die berühmten Bündner Nußtorten, darüber episch angeschlagen die „Zehn Gebote“, beginnend mit: „Du sollst Deiner Wirtin nicht widersprechen, Du sollst sie nicht schänden…“