Das Lachen der Hühner – Sonderedition (4)

z'Planka_sonderedition

z` Planka

die Hänge: total verhanniwenzelt; aus Märzenbechern
mit ihrem hellgrünen Geruch schwappt Bärlauchsuppe
über die Waldpfade. im Hirschen hockt der Smyrk bei
Chäsröschti und Bier, hockt dött im kühlen Mittagslicht

hockt zwischen den Stunden, versonnen, versunken
im Keller seiner Heiligkeit, hockt dött und nimmts
nicht zu schwer, nimmt den Menschen ihre Sorgen ab
die in seinem Kopf fortklingen als stille Gedichte

voll Munkenfett, Rüfengang, Zauberstaben. durch die
Allradgetriebene jagen. ein Zentaur der Smyrk hockt er
dött an den Tresen genagelt, hängt von der Wand mit

seinem Feiertagsgeweih, der Smyrk, der ausm Osten
übern Grat kam. dessen Gebete sie murmeln. der aus
dem Internet kam mit seinen unerklärlichen Geschichten

***

z`Planka hatten wir auf diesen Seiten einst in einer Vorversion des Textes, der später in Das Lachen der Hühner erscheinen sollte, eingestellt. Die obige ist nun die dritte veröffentlichte Version, so wie in der aktuellen Sonderedition von Das Lachen der Hühner zu finden.
Auf Helena Beckers neuem Papierschnitt zum Gedicht ist unter anderem der Smyrk zu sehen: mit hoher Wahrscheinlichkeit das weltweit erste Bildzeugnis dieses Wesens.

Die halbe Wahrheit über Martin Smyrk

“Der esotherische Poet Martin Smyrk lebte im 19. Jahrhundert in Planken.”
Dieser Satz steht seit dem 27. September 2007 im nach wie vor eher spärlichen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag zur liechtensteinischen Ortschaft Planken. Nur daß Martin Smyrk in der Zwischenzeit, genauer: im Februar 2008, von den Wikipedianern das altbackene h aus seinem vielsagenden Poeten-Attribut “esotherisch” herausgekürzt wurde. Im Kanon der liechtensteinischen Lyrik ist Martin Smyrk nicht anzutreffen. Überhaupt trafen wir im ganzen Fürstentum bisher noch niemanden, der zugeben wollte, Smyrks Namen zu kennen. Diese Diskrepanzen ließen uns aufmerken. Wer mochte dieser zwar namentlich exponierte, doch ansonsten offenbar höchst unbe- bzw verkannte Dichter gewesen sein, der im 19. Jahrhundert in Planken lebte? (Fremdsprachliche Übersetzungen der Wikipedia-Quelle behaupten inzwischen sogar: geboren wurde.)

Womöglich ist es an dieser Stelle angebracht, die Ortschaft Planken etwas näher zu charakterisieren. Wo Liechtenstein insgesamt recht nah beieinander liegt, befindet sich Planken relativ abseits auf einer Anhöhe im nördlichen Landesteil. Eine Straße führt von Schaan durch den Wald bergan. Eine einsame Raserstrecke. Die Busanbindung ist der geringen Einwohnerzahl Plankens gemäß: ab 18 Uhr ist Sense. Auf rund 800 Metern Höhe verteilen sich die Häuser Plankens auf nicht viel mehr als zwei drei Straßen. Das Dorf dünstet Wohlstand aus und besteht aus extremer Stille. Weiter oberhalb rauscht ein kleiner Wasserfall. Die Talbewohner sagen, die Plankner bekämen häufig ungesunde Lüfte ab.

Im 19. Jahrhundert war Planken “nur über Trampelpfade zu erreichen”. So haben wir es zumindest gelesen und es ist auch leicht vorstellbar, denn diese Trampelpfade existieren teilweise heute noch und wir haben uns Planken mehrfach über genau diese Trampelpfade genähert. Bei schwieriger Witterung geht man diese Pfade nur ungern. Sie führen über knackige kurze Anstiege, durch brombeergesäumte Hohlwege und vorbei an Holzfäller-Mahnmalen, denn nicht nur die Holzfäller fällen Bäume, sondern die Bäume fällen bisweilen auch Holzfäller. Aus dem Tal ist Planken bei gutem Wetter deutlich sichtbar, in der Dunkelheit leuchten die Lichter der nurmehr bescheiden abgeschiedenen Ortschaft am Berg, doch im 19. Jahrhundert dürfte das deutlich anders ausgesehen und Planken viel weiter im Hinterland gelegen haben. Wer dort wohnte, hauste sozusagen in einem dunklen Hinterzimmer eines anstrengenden Waldmärchens.

Was hatte ein “esotherischer Dichter” in diesem Szenario zu suchen? Wie konnte er überhaupt dort überleben? Smyrk klingt eher wie ein slawischer, denn wie ein liechtensteinischer Name. Und: die Xenofobie der heutigen Liechtensteiner läßt eine gewisse Tradition vermuten. Zugleich wird den Liechtensteinern traditionell Verbrecherfreundlichkeit attestiert; und die Zahl der Dichterverbrecher ist schließlich Legion. Als wir uns bei einer slawischen Expertin nach möglichen Namensbedeutungen erkundigten, erhielten wir die vage Antwort, daß smyrk, dann ganz sicher aber in einer anderen Schreibweise, auf Tschechisch einen seltenen Waldpilz bzw ein Hutzelmännchen bezeichnen könne. Der Name habe gewiß mit Feuchtigkeit, Moor, Dämmerung zu tun, auch sei das russische “smorkajutsa” zu bedenken, ein Niesen und Schneuzen. Tests mit dem Google Übersetzer wiederum erbrachten das Resultat “grinsen” für “smirk” in mehreren slawischen Sprachen.

Martin Smyrk – ein grinsender Pilz? Ein Moormensch? Oder vielleicht eine elektronische Geburt, unversehens zwischen zwei Zeilen gerutschter Appendix, eine pure Erfindung für die ständig sich umwälzenden Enzyklopädien des digitalen Zeitalters, von denen ausgehend der Delinquent, eigentlich nur ein Avatar, ein Scherz, über den Umweg eines entlegenen Bergdorfs des 19. Jahrhunderts Gestalt und Geschichte annimmt, um endlich dem heutigen Planken als illuster geschilderte Gestalt zu Dichter- und Denkerehren, am Ende gar zu Tourismus zu verhelfen?

Das Lachen der Hühner: Rezension (3)

Unter dem Titel „Anreden an Kühe und andere Liechtensteinerinnen oder Ist die Sonett-Form eigentlich eine Untote?“ nimmt Rainer Stöckli im gerade präsentierten jahrbuch 6/2011 schnitt des Liechtensteinischen Literaturhauses Das Lachen der Hühner zum Anlaß, fünf Seiten lang über die Sonett-Form nachzudenken und kommt u.a. zum Schluß, es gebe für diese „uutöödige“ (Dialekt für „nicht zu tötende“) Form mit unserm Band nun über einen Zeitraum von genau 100 Jahren einen eigentümlichen Schulterschluß fürstentümlicher bzw. Liechtenstein-Sonette zwischen „Du mein Liechtenstein“-Anreden seinerzeit und unsrer „o Kühe“-Anrede heutigentags. Dem ist nicht zu widersprechen. Doch während Stöckli eine Sonderform des fürstentümlichen bzw Liechtenstein-Sonetts beschwört, was uns garnicht unlieb ist, begreifen wir unsere Liechtenstein-Texte eher als Fusion (globaler) Heimat- mit Punkdichtung im postmodern geflashten Retro-Sonettkorsett. rheinsein hat Stöcklis Text zur Verfügung. Wir zitieren zwei kurze Ausschnitte und empfehlen zur Vertiefung den Erwerb des Jahbuchs (s.u.):

“Viel Schelte und viel Spott stecken im Heftlein (…). Die Papierschnitte von Helena Becker machen einiges wieder gut (…). Ein Übriges leistet die Form der Gedichte, die Sonett-Form. Wer seine Sprachkunst unter anderem der Fauna, Flora und Topografie eines Fürstentums widmet und das in Quartetten und Terzetten kundtut, die weiss Gott listenreich verreimt, verassonanziert oder anders verbandelt sind, dem ist die halbe Schuld, dass er das Ländchen zwischen Flussbett und Bergköpfen verruft, erlassen.”

Oha! Mit der andern uns freimütig zugewiesenen bzw zurückgespielten Schuldhälfte (der Schuldbegriff taucht in einigen der angesprochenen Sonette in unterschiedlicher Prägung auf) werden wir uns in Liechtenstein vermutlich noch auseinanderzusetzen haben:

“Helena Beckers Schnitte in/aus Papierbogen mittels Schere und Skalpell – sie treffen ins Schwarze (so wie Schnitte mit Messer in Linoleum oder, jahrhundertelang schon, in Lindenholzplatten oder „Stöcke“ von der Weymuthskiefer ins Schwarze treffen). Beckers Arbeiten stellen zu Lafleurs Lachen der Hühner ein prächtiges Komplement dar: Sie beheimaten die Leserschaft des Sprachvirtuosen wieder – uns, die angesichts der artistischen Texte „befremdet“ dasassen bzw. (wie der Smyrk im Sonett „z`Planka“) doo oder dött hockten, „an (unseren) Stuhl genagelt“, und uns Sorgen gemacht haben über allzu kecke Liechtenstein-Dichtung.”

Eine wunderbare Vorstellung: daß ein Leser bei der Lektüre bemerkt, wie er sich für einen Moment einer im Gedicht auftretenden Kunstfigur angleicht, vielleicht sogar überlagert, um sich sogleich wieder der Realität zuzuwenden, in die das Gedicht jedoch (auf welche Weise auch immer) nun hineinfärbt.

Der vollständige Text ist nebst vielen weiteren von vorwiegend lokalen Autoren enthalten in:

Jahrbuch 6|2011 schnitt (Hrsg.: Literaturhaus Liechtenstein)
160 Seiten Inhalt, Broschur mit Schutzumschlag, zwei Laserschnitte und zahlreiche Abbildungen, Format 17 x 27 cm.
ISBN 978-3-9523379-5-0, CHF 30.– (bei Versand plus CHF 6.– Spesen)
Zu bestellen über den Buchhandel.

Challenge League Match im Rheinpark-Stadion zu Vaduz

Gestern mit Martin Smyrk im Rheinpark-Stadion, das Match zwischen den rheinischen Giganten der Schweizer Challenge League, FC Vaduz und FC Schaffhausen, zu verfolgen. Smyrk besorgte Freikarten für die Haupttribüne, sagte fatalistisch, die würden im ganzen Land verteilt, damit überhaupt noch jemand zu den Spielen gehe, und so genossen wir wahlweise einen prächtigen Blick aufs Spielfeld (durch Pierre „Litti“ Littbarskis exemplarische O-Beine – Litti, der momentan den Gentleman-Trainer des FC Vaduz abgibt) oder, wenn auf dem Feld nicht so viel los war, auf das romantisch-postkartinöse Schweizpanorama oberhalb der Gegentribüne mit seinen schneebekuppt-frühlingsgrünen Höhenzügen unter babyblauen Himmeln – soweit vorhanden zumindest, denn im Laufe des Matches zog sich die Schweiz hinter eine schwere schwarze Leere aus fortgeschrittener, aber verregneter Lichtlosigkeit zurück, wahrscheinlich auf irgendeine Konferenz. Auf der Südtribüne verlor sich unterdessen (inkl Kindern) ein knappes Dutzend Gästefans, ein fähnleinschwingender Haufe, der sich auf mitgeführtem Banner artig „Abarticus“ nannte und im Spielverlauf (evtl mittels Bierkonsum) sowohl eine wundersame Vermehrung an Fähnlein wie Personal voll- (es war grad noch so zu fassen), als auch, auf der blechernen Bandenwerbung, eine veritable Guggenmusik abzog, nebst Gesang, während die apathischen Heimfans bis ca zur sechzigsten Spielminute brauchten, um sich ein „uusse mit Schaffhuuse“ zurechtzudichten und hinauszushouten, da war der Fanslam jedoch längst zugunsten der Gästegruppe mit dem lustigen Namen entschieden, wenngleich auch jener der heimischen Supportertruppe, nämlich „Vaduz Nord“, nicht eines gewissen, nämlich subtilen Humors entbehrte. Zum Spiel bleibt nicht viel zu sagen: Smyrk erklärte mir emotionslos das schweizerisch-liechtensteinische Abseits, Littis rechter Zeigefinger kreiste und markierte oldschoolne Fußballgeheimzeichen in den flutlichtnen Dauerregen, Codes, die seine langaufgeschossenen Spieler aber nicht zu lesen vermochten, weshalb sie denn auch sang- und klangarm mit 1 zu 3 untergingen; auf der Gegentribüne immerhin schrie ein einzelner Irrer sich die Lunge aus dem Leib und fuchtelte mit den Armen, als setze er zum Rundflug an (kurz darauf war er tatsächlich verschwunden) und die lasche Fünffrankenservela ward mit noch lascherem Senf, dafür einer straffen Scheibe Brot serviert. 605 Zuschauer, für deren Besuch man sich bedanke, waren, kündete die Anzeigetafel irgendwann Mitte zweiter Halbzeit, im Stadion, und Martin Smyrk und ich zwei davon, wie uns klar wurde, als ebenjene Zuschauermassen auf der Anzeigetafel mittels simpsonesken Comicvisagen dargestellt wurden: Teil der Geschichte waren wir, jaha, jener großartigen, stets sich fortschreibenden rheinischen, allzu häufig parallel verlaufenden Geschichte der Siege, Unentschieden und Niederlagen, die auf dem gepflegten Rasen vor und im Stadionrund um uns derart symbolisch wie leibhaftig Entsprechung fand, daß wir uns beinahe küssten, so licht war dieser Erkenntnismoment, so klar und so erhaben. Der große Litti analysierte abschließend nach dem Match und durch die zunehmende Entfernung zu uns und/oder sich selbst immer kleiner werdend im Niesel das Geschehene fürs liechtensteinische Fernsehen, das es mittlerweile gibt und stattdessen aber lieber noch einmal das beliebte Portrait über den Schaaner Handorgelverein brachte, der dringend neue Mitglieder sucht.

z` Planka

die Hänge: total verhanniwenzelt; aus Märzenbechern
mit ihrem hellgrünen Geruch: Bärlauchsuppe, die rare
Waldpfade beschwappt. Wanderers Asthma besagt:
nach Planken mußtu wahrlich wollen, sons wirttas nix

denn im Hirschen hockt dött der langzahnige Smyrk
bei Chäsröschti & Bier, hockt dött in all seiner familiär
bedingten Heiligkeit (als letzter eingeborner Vetter
zigsten Grads der alten Muttergottes) & nimmts nicht

zu schwer, nimmt den Menschen ihre Sorgen ab am
Berg: mittels selbstverfaßter esoterischer Gedichte
voll Munkenfett & Zauberstaben (über jeden faden
Sprachgebrauch erhaben) – & wie sies ihm danken!

(anstatt ihn ans Bett zu nageln ham sie ihn per Rats-
beschluß ins Internet gestellt, den Smyrk & hoffen
seither auf Touristen & murmeln bei Föhn seine
Verse & behaupten bis heute fest, daß das wirkt)