Literatur als Radiokunst: Am Alpenrhein (2)

Am 06. Juni ist es soweit: das ORF-Kunstradio strahlt auf Ö1 ab 23.03 Uhr das erste auf Rheinsein basierende Hörspiel aus, gemeinsam mit einer Produktion der Wiener Zeichnerin elffriede. Interessierte, die den ORF nicht per Antenne empfangen können oder wollen, klicken auf den: Livestream.

Was zu erwarten steht: sicherlich der charismatische Pfiff des Alpenmurmels; recht eklektische Beschreibungen spezifischer Bergnahrung, paradiesischer Urlandschaften und ihrer modernen Bewohner, mit nützlichen lexikalischen Links unterfüttert, in teils äußerst seltenen Sprachen, von denen es mindestens eine nicht einmal mehr gibt; (bearbeitete) lokale Anekdoten aus Büchlis mythologischer Volkskunde; den Schrei des Murdlers und Maschinenjodeln. Auf diese Weise wird der wilde alte Hinterrhein in diesem Stück „Literatur als Radiokunst“, für das, außer dem Murmelpfiff, sämtliche Stimmen und Geräusche aus meinem körpereignenen Repertoire stammen, zum mehrschichtigen Interrhein zwischen Tälern, Flußläufen, Dörfern, Zeiten. Bereist nicht zuletzt von Superhiroshi natürlich, dem berühmten japanischen Avantgardetouristen, hier zu hören im freudigen Gespräch mit einer Alexanderklugepuppe.

Mein Dank für die Ermöglichung  dieses Hörspiels geht an die Kulturförderung Graubünden und Kuratorin Christiane Zintzen, für die Umsetzung an Tonmeister Martin Leitner.

Rheinsein an der Donau (2)

Von der Donau in Wien nur den Donaukanal gesehen. Beim versehentlichen Streifen durch die Außenbezirke blitzten ständig diese Momente auf, daß es schien, als würde der junge Hitler (aus dem Männerwohnheim) an den Hausmauern entlangschnuren, die Wahrnehmung zerfloß, es bildete sich so eine Stimmung vieler vergangener, durcheinandergeschobener, aber harmonierender Epochen, k.u.k., nachkolorierte Schwarzweißfotos, die simplen Inschriften an gekonnt verranzten Gebäuden: „Fleisch“, oder woanders, spezifischer: „Geflügel“ (dahinter: hinter verstaubten Scheiben: garnix oder wenn doch: sehr krudes Inventar). Momente kafkahaften Verfolgungswahns: unter den Passanten fände sich schon ein Wahnsinniger, der einem, weil man sie halbvoll entsorgt habe, die Flasche eines fürchterlichen Modegetränks tage- und wochenlang mit unerbittlicher, wienerisch schwadronierender Penetranz nachtrüge. Auch Adolf Kottans Kollegium ist, zivil getarnt, auf den Straßen unterwegs, die Farben jetzt: späte 70er. Die Aufnahmen für Literatur als Radiokunst dauerten drei Tage. Knapp bemessen, dennoch gelang es, klanglich da und dort ein Stück weit in die Tiefe zu gehen. Das ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße besitzt Charme, vor der Tür gehen Preßlufthämmer, das gelbbraune Licht auf den Fluren, die ganzen Apparate der Radiofrühzeit in Vitrinen ausgestellt: abenteuerliche Empfänger, Bakelit-Mikrofone, die Kantine mit ihren krummen Getränkepreisen hat etwas von einer Kneipe. Viel zu viel Text hatte ich letztlich mitgebracht (und eingesprochen), zuviele Ideen auch, die alle auszuprobieren die Zeit nicht reichte. Der Schnitt mußte gegen Ende mitten in die Schachtelsätze, um Zeitvorgabe und inhaltliche Anschlüsse zu wahren. Auf diese Art ist einiges verlorengegangen, das ich noch gern im Stück gehabt hätte. Doch der Rest läßt sich weiterhin hören. Martin Leitner, der virtuose Tonmeister, kam immer wieder mit großartigen Einfällen, und so können wir stolz sein auf den vielleicht ersten maschinellen Jodler der Radiogeschichte. Mit Pseudoromanisch und Pseudobadisch werden Sprachen anklingen, die es auch noch selten öffentlich zu bestaunen gab. Und natürlich rauschen die Alpen, überklungen vom Schrei des Murdlers. Die Sendung läßt sich auch per Livestream im Internet verfolgen, den passenden Link gebe ich noch zeitnah bekannt.