Min Mettmann

Heute ist Welttag des schlechten Gedichts. Aus diesem Anlass öffne ich zögernd die Lade meines Schreibtisches und präsentiere ein zweistrophiges Hymnenfragment auf meine langjährige Heimatstadt Mettmann. Es ist in Altmettmanner Mundart gehalten, einem Dialekt, der 1849 im Zuge der bergischen Dialektreform abgeschafft wurde – neben dem Altvelberter Platt die einzige Mundart, der solch rigorose Behandlung zuteil wurde. Hintergedanke der Obrigkeit war, diese in gesprochener Form nahezu unverständliche Sprache als Medium konspirativer Verschwörungen unbrauchbar zu machen. Mit Erfolg: Man schätzt, dass nur noch 6 bis 8 Sprecher des Altmettmannischen existieren, die meisten davon in bedenklicher gesundheitlicher Verfassung, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann dieses besondere mundartliche Artefakt endgültig dem Vergessen anheimfällt. Die Abfassung dieser Hymne strengte meinen ohnehin stetig angespannten Geist derartig an, dass ich Ende der 90er Jahre in eine Nervenkrise verfiel, die mir das Dichten auf Jahre verwehrte. Als ich jedoch erstarkt aus der Krise zurückkehrte, hatte ich plötzlich die Kenntnis des Altmettmannischen verloren, so dass dieses Werk, welches als ultimate Preisung der Kreisstadt angelegt war, als schwächliches Amputat vor seine Leser treten muss.

Min Mettmann
(Fritz Geldmacher in Verehrung)

Wu Batten on Plejsten seij tållen zem Groh,
on flücke sig drejbert en frottlige Klåh
wu dä Düssel sprillet en kwellnissem Blů
on dä Kärpe strifft horpig dèm Angebäch zů:
Då is min Geleiks, min Sprong on min Kosch,
då hult jach min stäte Wins en Jebrosch -
då wall jach mir strejgen em Mårg en em Krůh:
Min Mettmann, min Mettmann wej mooch jach di sů!

Dou bäss om dä Stirten dä grumpeste ned,
häss Worken un Zullen mäd en Hülsten jemed,
un em ůllerste Baasch kast do nämmer änglide:
Dou stiihst sulch äm Befuu jappischlech nå ter Side!
Konz äm Alfruhd näd dringe bi Moulen on Strehn,
Moox däch hälder lufrig mäd dä Biesflappen drähn.
Dou haaks king Jedräh ouver Kanz on Beschů:
Min Mettmann, min Mettmann wej mooch jach di sů!
(…)

(Ein Beitrag von Martin Knepper)

Spargelaustreibung am Niederrhein

Heute am Johannistag findet am Niederrhein traditionell die große Spargelaustreibung statt. Dorfjungfern und -älteste ziehen gemeinsam mit Blotschen (Klompen) auf die verbliebenen Spargelfelder und machen die Anhäufelungen dem Erdboden gleich. Hierbei singen sie in einer bewusst zwischentonartlich gehaltenen Melodie ein Lied, dessen Ursprünge sich im Geldern des 17. Jahrhunderts verlieren:

Spaajel! Spaajel! Bäss jewääse!
Stonz mer no bes on de Nääse!
Jonz no fott, do witte Prengel:
Diss Jor nimmer enen Stengel!

Aus getrocknetem Spargelkraut wird anschließend ein symbolischer Scheiterhaufen errichtet, auf welchem der sogenannte ‘Erzspargel’, die bis zu 5 Meter lange Nachbildung einer Spargelstange, unter symbolischen Verwünschungen verbrannt wird. Spargelbauern der Orte Emmerich, Hünxe und Walbeck verbrennen in dem Feuer zugleich traditionell ein Drittel ihrer Verkaufsbelege, was für das nächste Jahr reiche Ernte und niedrige Steuern verheißen soll. Lokale Sonderformen des Brauchtums sind in fast allen spargeltreibenden Ortschaften der Region nachweisbar, etwa die Alpener Spargelhatz, bei welcher die entkleideten Burschen des Orts bei verbundenen Augen auf dem letzten Spargelfeld die letzte Spargelstange suchen, traditionell eine Veranstaltung, bei der sich Rauheit mit Frohsinn paart. Mögen sie besonders an regnerischen Tagen hinterher auch noch so verklütert (erdbesudelt) sein; zur mitternächtlichen Spargelaussegnung in der Kirche finden sie sich wie in allen übrigen Orten nahezu vollständig ein. Denn mit Glockenschlag Mitternacht zerbricht der Priester traditionell die Asparagille und teilt das Abendmahl in Gestalt von Brot und Spargelcremesüppchen aus. (Am Niederrhein werden Portionseinheiten dieses Gerichts unabhängig von der tatsächlichen Größe niemals als ‘Suppe’, sondern stets als ‘Süppchen’ bezeichnet.) Nach der abschließenden gemeinsamen Spargelbeweinung, dem ‘Stangenplanctus’, ziehen die Gläubigen in ihre Häuser, wo in dieser Nacht stets der Spargeltopf bereit steht, ein gelblichweiß lasiertes, mit Spargelmotiven verziertes Nachtgeschirr, um den sogenannten Johannisbrodem zu sammeln. Mit dem Abklingen dieses Geruchs im Laufe des folgenden Tages gilt die Spargelsaison endgültig als beendet.

(Ein Gastbeitrag von Martin Knepper)

Rheinländer vs Badener

“Nach all den Warnmeldungen ein behutsamer Hundegang, doch in Rheinnähe von Chaos keine Spur: Kein Schnee, kein Eis, nur ein feuchtschwerer Nebel, greifbar fast, der das Atmen erschwert und sich unbehaglich auf die unimprägnierte Kleidung legt. Und gut, ganz vereinzelte Eisspiegelchen, die sich wie Fußangeln in den Weg legen, die Unachtsamen zu Fall zu bringen. So ist das oft im Rheinland, die Jahreszeiten meiden die sauberen Extreme und bieten dafür giftige Zwischenszenarien an: Die herzschwächenden Inversionswetterlagen des Sommers, die ungaren Halbwinter; in so einem Klima musste wohl die Kultur von Karneval, Klüngel und Kommerz ersprießen, im Bemühen, dem naturgegebenen Mittelmaß eine menschgemachte Selbsterhebung entgegenzusetzen. Und so stehen sie dann mit ihren Fellstiefeln im Schneematsch, bittersüße Biere umklammernd, die gepflegten faltigen Hälse hermésgewärmt, mit sauerbratengefüllten Mägen auf dem Weg zur nächsten Galerie. Während der Badenser fröhlich-fromm sein Schäufele verzehrt, von klarer Sonne durchwärmt, eine glückvolle Tierhaftigkeit, die uns hier längst der große graue Strom hinweggerissen hat.”

(Ein Gastbeitrag von Martin Knepper)

Wanderpfade am Rhein

Vor drei oder vier Tagen in Edinburgh hatte ich einen Traum, so intensiv, dass ich mich heute noch gut daran erinnere: Ich stand am Ufer des Rheins, irgendwo bei uns im Norden, Kaiserswerth, Wittlaer, eines dieser vielbewanderten Ausflugsziele. Und außer mir stand da ein recht alter, magerer Mann und schimpfte auf das Gottserbärmlichste. Ich trat zu ihm und sah den Grund für seinen Zorn: Seitlich des Wegs war ein großes Metallschild angebracht; auf der oberen Hälfte war ein unscharfes Schwarzweißfoto zu sehen, in der Art, wie man sie aus Kriegszeiten kennt, eigentlich war nichts zu erkennen, nur schwach waren Personen zu erahnen. Der Skandal lag für den Senior eindeutig im Text, denn der stellte einen Text von Hanna Krabbe dar, den sie wohl im Gefängnis in typischer Kassiber-Sprache verfasst hatte, und am Ende informierte das Schild, dass es Teil eines RAF-Wanderwegs sei. Zuerst nahm ich die Idee vor dem Greis schon aus bloßem Prinzip in Schutz, aber während ich noch sprach, ging mir plötzlich auf, dass das Pathos solcher Texte und Schilder immer das selbe sei, egal ob Bonhoeffer, Geschwister Scholl, aber auch weitergedacht, Martin Luther, der ganze deutsche Idealismus, die Romantik, Expressionismus, völlig gleich – immer geht es um eine Kultur des Todes, letztlich auch bei solchen Übersteigern wie Nietzsche oder Canetti, je mehr sie ihn verlachen oder bekämpfen, desto sichtbarer kriecht er um sie herum, kein Ausweg aus der Gruftmisere, und deshalb schlug ich dem alten Mann vor, wir könnten ja einen Todes-Wanderpfad daneben errichten, und ich glaube, er hat die Idee ganz gut gefunden.

(Ein Gastbeitrag von Martin Knepper)

Köln-Logo

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“Köln hat ein neues Markenzeichen: ein stilisierter Dom, davor der Rhein, der sich wellenartig nach oben schlängelt. Wirtschaftsdezernentin Ute Berg hat (…) das neue Erkennungszeichen gemeinsam mit den Partnern der Stadt vorgestellt. Dynamik soll diese Welle ausdrücken, sagt Berg. Und sie erinnere an die Darstellung der Herzschlagfrequenz, ergänzt Stadt-Sprecher Gregor Timmer.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Das neue Logo (…) soll künftig unter Anderem auf Briefpapier, Webseiten und Werbegeschenken für den Standort Köln werben. Nutzen dürfen das Logo dann Kölner Unternehmen, die gleich auf den ersten Blick ihren kölschen Ursprung zeigen wollen. Außerdem kann das Logo auf Plakaten und in Flyern zum Einsatz kommen, die für Köln werben. Das Logo wird allerdings nicht das bisherige Stadt-Logo (Dom-Silhouette auf rotem Grund) ersetzen – dieses wird uns weiter auf den Briefköpfen der Stadt Köln begegnen.” (Express)

Kann, soll und darf: wenn Köln, eine facettenreiche Großstadt, dieser Tage als logo-vereinheitlichte Marke auftritt, so ehrlicherweise als eine, der das Wasser bis zum Hals steht. Dabei bleibt unklar, ob der Rhein symbolisch eher bedrohlich (als Überschwemmender bzw. Strangulierender), heilend (als Äskulapnatter) oder, Drohung und Heilsversprechen auf sich vereinend, göttlich (als zum Himmel Strebender) auftritt. Dem Patienten M scheint das egal. Hinsichtlich des Wuppertaler Gewinnerentwurfs aus offenbar lediglich fünf zugelassenen Agenturen kursiert bereits das böse Wort vom Landes-SPD-Klüngel. Ästhetisch besehen mag die kinderhafte Ursprünglichkeit des Logos die Betrachter spalten, eindeutig zeigt es Köln von seiner wilden Seite: Glaube, Hoffnung, Fatalismus, Karneval.

Kaum war die Meldung vom neuen Logo gestern heraus, ließen Volk und Autorenkollegen sich von der präsentierten Kreativität inspirieren:

“Mein Vorschlag für das neue Köln-Logo: ~^^” (Thorsten Krämer)

“Man könnte in dem Logo mit einiger Verdichtungsleistung die Aufforderung an Luxemburger sehen, nicht betrunken zu fahren.” (Martin Knepper, der als erster das neue Köln-Logo als Plagiat einer Darstellung des Ebola-Virus unter dem Mikroskop aufdeckte.)

“Hatte nicht mal Madonna auch so einen BH?” (Anonymisierter Leserkommentar beim Stadt-Anzeiger)

 

Die Brennnesselschlacht von Lank-Latum – ein Zeugnis des spätantiken Attis- und Kybelekults am mittleren Niederrhein

Die wenigsten wissen, doch viele ahnen, dass neben der offiziellen Geschichtsschreibung und dem, was wir als die Grundlagen unserer Gegenwart anerkennen, auch eine sozusagen untermeerische Strömung existiert, machtvoll, aber unbemerkt, welche die Bahnen unseres Handelns bis auf den heutigen Tag prägt und gestaltet. Hierzu zählt auch der Attis- und Kybelekult, ein vorderasiatischer Mysterienkult, der alljährlich die Fruchtbarkeit der Natur feiert, indem er dem Tod des Attis gedenkt, welcher aus den abgetrennten Geschlechtsteilen des Agdistis entstand. Agdistis selbst, welcher aus dem zu Boden getropften Samen des Zeus geboren war, verwandelte sich nach der Kastration in Kybele, die ‘Magna Mater’, wie sie bereits zur Bronzezeit auf dem Gebiet des heutigen Anatolien verehrt wurde. Kybele, auf der Suche nach ihrer verlorenen Geschlechtlichkeit, erstrebte die Vereinigung mit ihrem Sohn und Geliebten Attis (der ursprünglich ihr eigener Penis war), diese Liebe erregte aber die Eifersucht der Götter, so dass Dionysos, der Gott des Rausches, den Attis mit Raserei schlug. Attis entmannte sich und verblutete darüber. Die untröstliche Kybele bekam von Zeus zugestanden, dass der Leichnam des Attis niemals verwese, und so bestattete sie ihn in einer Höhle, wo sie bis auf den heutigen Tag um ihn trauert.

Ein Kult der Zweigeschlechtlichkeit und der Fruchtbarkeit der Natur, vergleichbar den Mithras- oder Isismysterien, der, so liegt die Vermutung nahe, zusammen mit der römisch-antikischen Götterverehrung ab dem 4. nachchristlichen Jahrhundert durch die Verehrung des Christus, einer graecojudäischen Gottheit von nie gekannter Virulenz, verdrängt und schließlich ausgelöscht wurde. Doch lassen sich im Einzugsgebiet des früheren römischen Reiches noch unzählige Gebräuche und Gepflogenheiten aufzeigen, welche nach wie vor die alten Riten und Ideen in wenngleich gewissermaßen getarnter Form fortführen. Eines der machtvollsten Beispiele im deutsch-holländischen Grenzgebiet ist die Brennesselschlacht von Latum, das heute mit dem benachbarten Lank das Doppeldorf Lank-Latum bildet. Wie das unweit gelegene Oppum deutet schon der Name auf die römischen Ursprünge dieser Siedlung. Reiche Funde von Votivgaben deuten darauf hin, dass diese Region bis etwa 380 nach unserer Zeitrechnung eines der zentralen Heiligtümer des Kybelekults beherbergte. Und dessen machtvolles Fortleben lässt sich alle zwei Jahre im Juni in Lank-Latum studieren, bei einem Ereignis, das in seiner archaischen Rohheit einen unverstellten Eindruck der Riten vermittelt, mit denen unsere Ahnen die alljährliche Wiederkehr des dualen Prinzips aller Fruchtbarkeit feierten.

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Neue Besucher, die zum ersten Mal Zeuge dieses Brauchs werden, sind im Regelfalle entsetzt über das Ausmaß an Brutalität, in das ein bis zu diesem Zeitpunkt scheinbar allübliches Schützenfest umschlägt: Die Dorfstraße ist mit Barrikaden verstellt, gegen die die verschiedenen Kompanien des Dorfes anzurennen bemüht sind. Ihr Gegner ist die Freischar, eine weitere Kompanie, der im zeremonialen Rahmen die Rolle des Attis zukommt und deren Niederlage daher eine von vornherein ausgemachte Sache ist. Trotzdem werden die Barrikaden mit einer bis ans Letzte gehenden Brutalität verteidigt, und dies unter anderem mit Brennnesseln, welche eine endemische Subspezies, Urtica latumensis, darstellen: Obwohl sie in Länge und Bau der Großen Brennessel, Urtica dioica gleicht, ist es eine hybridisierte Form, die auch genetische Anteile der kleinen Brennnessel, Urtica urens, in sich trägt, nicht zuletzt den ungleich höheren Anteil an Histamin und Acetylcholin, der bei Urtica latumensis noch einmal um mehr als das Doppelte erhöht ist. Folgen eines Kontakts sind extreme Verquaddelungen der Haut, die je nach Dauer und Intensität des Kontakts schwere, ja letale anaphylaktische Schocks auslösen können.

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Nach der sogenannten ‘Fehdeansage’ beginnen die Kampfhandlungen, die sich über viele Stunden hinziehen können. Biologische Frauen sind hierbei nicht zugelassen, weshalb als symbolische Vertreter des weiblichen Prinzips jedes Jahr zehn ‘Dorfkibbeln’ gewählt werden, unbeleumdete Dorfbürger, die per Losentscheid verpflichtet wurden, während der Zeremonien in weiblicher Gewandung zu erscheinen. Dies symbolisiert die Entmannung des Agdistis, die Voraussetzung für die Geburt des Attis und der Kybele war. Wenngleich volksetymologische Erklärungen beim Wort ‘Kibbeln’ gerne auf eine Nebenbildung zum Verbum ‘kippe(l)n’ verweisen, was stürzen bedeutet und möglicherweise in Zusammenhang zu den sogenannten ‘Zaunreiterinnen’ steht, althochdeutsch hagazussa, dem Bild einer Hexe, die auf dem Zaun zwischen den Welten reitet, ist es dem historisch Geschulten nachgerade unmöglich, in den Dorfkibbeln nicht das Bild der Kybele zu erkennen. Die im Grün des Attis und der lebendigen Natur gewandete Freischar muss notwendig unterliegen, jedoch wieder auferstehen, so wie die einjährige Kleine und die hybridisierte Latumer Nessel.

Obwohl seit dem frühen Mittelalter bekämpft und als ‘gottlose Raufferey’ gebrandmarkt, hat sich dieses Brauchtum bis in die heutigen Tage gerettet. Zum Glück sind die Zeiten weitgehend vorbei, als noch fast jedes Jahr ein sogenannter ‘Nesselbock’ auf der Strecke blieb: Kämpfer mit Histaminallergie oder solche, die nach den bacchantischen Umtrünken dieser Tage in einem der überall anzutreffenden Brennesselhaufen versuchten, ihren Rausch auszuschlafen, galten doch die empfangenen Quaddeln, die sogenannten ‘Noppen’ als ein ehrenhaftes Zeichen. Die in ihnen enthaltene Wundflüssigkeit wird in vielen Haushalten in sogenannten ‘Noppenkümpkes’ gesammelt, kleine Steingutkrüge, die seit dem 14. Jahrhundert extra zu diesem Zwecke im benachbarten Bösinghoven gefertigt werden. Daher versuchen viele Latumer, die bei den Barrikadenkämpfen nicht genügend ‘genäselt’ wurden, die Zahl der empfangenen Bläschen zu vermehren, oft genug mit fatalen Konsequenzen. Der medizinische Fortschritt und die seit 2009 unweit des Kampfplatzes errichtete Nesselambulanz haben dazu beigetragen, die Zahl der Schwerverletzten auf zuletzt drei zu senken. Im 17. Jahrhundert hatte das Nesselbrauchtum einer alten Chronik zufolge solche Ausmaße angenommen, dass Latum nach der Friedensfeierschlacht von 1649, als zugleich dem Ende des 30jährigen Krieges gedacht wurde, fast ein Fünftel seiner männlichen Einwohnerschaft verloren hatte.

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Woher nun stammt die rätselvolle Verbindung zwischen dem Attiskult und der Brennnessel? Ihre sympathiezauberische und aphrodisierende Wirkung, die ihr in fast allen Kulturen zugeschrieben wird, ist der Schlüssel zur Lösung: Bis ins 6. nachchristliche Jahrhundert wurden die rituellen Kämpfe, welche die Tötung des Attis symbolisieren, unbekleidet ausgeführt. Bedingt durch die Reizungen der Haut verfielen die Teilnehmer in sexuelle Raserei, und die sich anschließenden tagelangen Orgien feierten die Vereinigung der Kybele mit ihrem Sohn und ehemaligen Geschlechtsteil. Erst eine Eingabe Luitgars, des Bischofs von Kleve, unterband diese in nachheidnischen Augen sündhafte Zurschaustellung des Körpers. Zwar wird man heute nur noch selten vollständig entkleidete Kämpfer finden, doch immer noch leeren sich die Straßen Latums nach den Spielen, und die lärmende Fröhlichkeit macht einer verdächtigen Ruhe Platz, durch die ein aufmerksamer Zuhörer aus den Häusern, Ställen und Feldern zuweilen jene unmissverständlichen Geräusche wahrzunehmen vermag, die ihm zeigen, dass der Kreislauf von Werden und Vergehen auch in diesem Jahr in Lank-Latum seinen Bogen geschlossen hat.

Ein Gastbeitrag von Martin Knepper (Text und Bilder). rheinsein dankt!