Gefährte und Gefahr

Blind gegriffen drei Texte aus Hansjörg Quaderers wunderbar klar verdichtetem Buchkunst-Band „Stromschwärzen der Landschaft. Ein Libretto“ über den liechtensteinischen Rhein, anläßlich eines dort geplanten, nicht zustandegekommenen Kraftwerkbaus, mit freundlicher Genehmigung des Autors:

Eine Hommage an die Kiesbanknomaden
Die Kiesbänke schaffen Lebensraum für scheue Kreaturen, Kieselalgen und Organismen. Auf einer Sand- und Kiesbank finden Pantomimen ein sensibles Feld, eine gegebene Fläche für eine Inszenierung: Idee einer Sequenz sehr langsamer Bewegungen bestimmter Reiher…, die tauchenden Bewegungen dem Ursprung zu: Gleichsam eine Hommage an alle Minderheiten, Zugvögel und Zaungäste, die ohne Kiesbänke auf der Strecke bleiben.

Wem gehört der Rhein?
Der adäquaten Idee.

Plädoyer für den Rhein
Der Rhein ist als Aorta des Tales von jeher Wahrzeichen dieser Landschaft und darf als solche nicht unterbunden werden. Der Rhein und sein Stiefbruder Föhn prägen das Tal. Der Rhein war früher ein Fluch, das Tal war ihm unterworfen. Die Heimsuchung durch ihn brachte Not und Schrecken: Man fesselte ihn aus existentieller Notwendigkeit in ein festes Dammbett, um das Land sicher und verlässlich zu bestellen. Das Gesicht des Rheins wandelte sich. Aus dem ungestümen Landvogt Rhein wurde ein der Landschaft gewährter Schlichter. Der Rhein, in seiner gelenkten Fassung, der verhaltene, nur bisweilen sich noch aufbäumende Fluss, bleibt eine unberechenbare, die unbekannte Grösse im Tal. Er begleitet uns als Gefährte und Gefahr, anziehend und abweisend zugleich. Die Ambivalenz der grossen Dinge durchzieht den Fluss: Fluch ist er nicht mehr, Segen lässt man ihn nicht sein. Was ist seine Bestimmung? Fest steht, dass der Rhein Grundwasser bildet. Die Stimme des freigebornen Rheins aber lehrt manche, schlicht und rein zu werden. Die Rheinkraftwerke siedeln im arglosen, banal-verschütteten Bewusstsein. Die geplanten Kraftwerke bedrohen das Rheintal, ungeachtet der ungelösten Grundwasserfrage, in seiner Identität. Der Fluss, seine Mäander, Sedimente und Strömung weisen in eine verborgene Topographie. Der Rhein berührt uns in unverfügbaren Schichten. Der innere Rhein verpflichtet, ist verbindlich aufzufassen: Seien wir einfach und loyal, lassen wir den Rhein Lebensfluss sein! Der zentralen Flussfigur unserer Landschaft gebührt ein unveräusserliches, konstitutionelles Flussrecht. Die den Rhein verraten, den Verbau des Rheins ins Kraftwerk zulassen, den Rhein stauen, stillegen und vivisezieren wollen, geben damit preis, was sie mit ihrem Ursprung verbindet. Lässt der Liechtensteiner die Kraftwerke zu, verachtet und verleugnet er seine Zugehörigkeit zum Rheintal: Er wird unrettbar sein Gesicht verlieren.

Quaderer zitiert dazu fußnötig Martin Heidegger aus Die Technik und die Kehre, Pfullingen 1962: „Das Wasserkraftwerk ist nicht in den Rheinstrom gebaut wie die alte Holzbrücke, die seit Jahrhunderten Ufer mit Ufer verbindet. Vielmehr ist der Strom in das Kraftwerk verbaut. Er ist, was er jetzt als Strom ist, nämlich Wasserdrucklieferant, aus dem Wesen des Kraftwerks. Achten wir doch, um das Ungeheuere, das hier waltet, auch nur entfernt zu ermessen, für einen Augenblick auf den Gegensatz, der sich in den beiden Titeln ausspricht: Der Rhein, verbaut in das Kraftwerk, und „Der Rhein“, gesagt aus dem Kunstwerk der gleichnamigen Hymne Hölderlins.“

Weitere Texte des Autors zum Rhein und Bestellmöglichkeiten auf der Website der edition eupalinos

Freiburger Notizen

Über Freiburg wacht der Windbohrer, ein Eichenmann von Thomas Rees, mit seinem forsch in den Himmel gerichteten Handwerkzeug, droben aufm Schauinsland, wo ich in Bdolfs, des dunkelsten Denkers, Begleitung ein wenig rumheideggerte, wacht also dort, dh steht vielmehr da, als Symbol für sinnlose Verschwendung, beobachtet von Weißtannenwesen, beglotzt von Touristen, selten sogar be(gegen)heideggert von Semi- über Anti- bis Nonheideggerianern. Mit den Skulpturen hats Freiburg. Inmitten der sozialen Brennpunkte Freiburg-West tun sich einladende (und nicht etwa versengte, zerkraterte bzw vermüllte) Rasenflächen auf und bieten Grundfläche wie Sichtschneise für Kunst im Freien, die aufgrund ihrer friedfertigen Mächtigkeit den Passanten zum Nichtstun verleitet: ein gewaltiger skulpturaler Wasserhahn speist einen noch gewaltigeren skulpturalen Schlauch von gewiß 100 Metern Länge, aus dessen Ende es in ein kleines Bassin tröpfelt; ein Graffito auf dem Metallschlauch behauptet: „Jules, den spülts“. Gegenüber parkt Chicken Man`s verbarrikadiertes Imbißkabuff, ein Pkw-Anhänger, der schon zigtausende halber Hähnchen beherbergt haben mag. (Doch wer ist Chicken Man? Ein Juju-Priester?) Nächst St. Albert vom Sozialen Brennpunkt und der Heiligen Esso-Nachttanke ein Wegkreuz: „Dieses Kreuz wurde errichtet zur Sühne für den Tod des Bischofs von Strassburg Konrad von Lichtenberg. Er fiel hier im Kampf gegen die Stadt durch die Hand eines Freiburger Metzgers 29. Juli 1299“ Christenfetische, getränkt mit Blut, verklärt zu Überwesen. St. Albert sieht denn auch aus, als würden dort in 20 Jahren einige Punksenioren als (wegen Altersmilde bzw -schwachsinn) zurückgewonnene Schäflein trillernde/n a capella-Versionen (im 20er Jahre-Stil) von God save the Queen von den Sex Pistols wahlweise zu Gehör bringen oder lauschen. Menschentreffs an Straßenbahnhaltestellen. Die sich der Innenstadt zustülpen, wo zyklopische grüne Kugelmonster unter einem säulengestützten Hofdurchgang graue Hochhauswälder erklimmen, Brücken im braunen Himmel enden, gesichtslose Menschen auf leeren Autobahnen Parcours laufen, der Rap-Dämon STN hat seinen Namen zwischen quallöse Geschöpfe in Silber und Grau gesetzt, doch über den apokalyptischen Himmeln aus Spraylackdosen schlumpft der echte über der Alternativspießermetropole mit ihren Multikultibrillenträgern und intellektuellen Bettlern, die lässig auf dem Pflasterboden hocken („Freiburger Schneidersitz“): „Du, ich brauch noch e bissle Kleingeld für de neue Pschyrembel.“