Flussgeschichten – Der Rhein

ist der Titel der neuesten Rheindokumentation aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vor einer Woche erstausgestrahlt steht sie ein Jahr lang, bis Ende Mai 2016, in der ARD-Mediathek zur Verfügung. “Warum ist es am Rhein so schön?” lautet die Grundfrage des Films von Thomas Förster, der sich in kurzen Geschichten den Städten, Städtchen, Dörfern und Landschaften des Abschnitts zwischen Koblenz und Nimwegen widmet. “Was hebt diese Doku gegen ungezählte andere ab?” lautet die obligatorische Gegenfrage. Zum einen ist dies die Spielfilmlänge von knapp anderthalb Stunden. Zum anderen die Herangehensweise, die leidlich bekannten aktuellen Flußansichten mit Fotografien und Filmausschnitten früherer Jahrzehnte, vornehmlich aus Regionalsendungen der 50er und 60er zu verschneiden.

In Koblenz widmet sich der Film ganz dem Reiterstandbild am Deutschen Eck, mit knapp 40 Metern Höhe angeblich das größte seiner Art weltweit. Kurt Tucholsky hat es zureichend beschrieben. In Andernach geht es um den Geysir, der wiederum ein rekordträchtiger ist. Von Remagen sehen wir die Brücke, von der bis 1976 noch zwei Pfeiler in der Flußmitte standen und Romy Schneider, die sich in einem Remagener Synchronstudio, das seit 20 Jahren Geschichte ist, selbst synchronisiert. Für Linz steht der Schwimmer Klaus Pechstein, der 1969 als erster Mensch den Rhein komplett durchschwommen haben soll. Fotos und Bewegtbilder zeigen den Sportler im Gummianzug in schickem Barakuda-Design, wie er beim

klaus pechstein

Schwimmen kleine Raucherpausen einlegt oder ein Pils zischt. Neun Jahre vor Pechstein hatte bereits der Franzose Louis Lourmais den Rhein durchschwommen – der Film behauptet: erst ab Schaffhausen. Königswinter wird als Sehnsuchtsort attributiert. Touristen amüsieren sich bei Juxfotografen und Eselstrecks auf den Drachenfels. 1958 entgleiste die damalige Drachenfels-Dampfbahn, die Touristen auf den Berg brachte, bei einem Bremsversagen aufgrund zu geringen Dampfdrucks. Das Unglück forderte 17 Tote. Den Erzählautomaten kennen wir von

drachenfels_erzählautomat

unserem ersten Besuch. Er dürfte mittlerweile den Modernisierungen rund um die Drachenburgruine zum Opfer gefallen sein. Für Rhöndorf wärmt der Film den Streit zwischen Konrad Adenauer und Peter Profittlich auf. Letzterer wollte eine Seilbahn, die den Ort mit der Drachenburg verbinden sollte. Adenauer wollte sich nicht von Touristen in den Garten schauen lassen. Eine Seilbahn gibt es in Rhöndorf bis heute nicht, Adenauers Garten kann besichtigt werden. 1959 berichtete der Spiegel von der Auseinandersetzung. Die ehemalige Hauptstadt Bonn streift der Film nur knapp, in Form von Motorradartisten, die sich der Godesburg per Luftseil näherten. Für Köln portraitiert der Film Sigrud Knubben, mehrfache und jung verstorbene Weltrekordlerin im Motorboot. Motorbootrennen fanden an der Kölschen Riviera bei Rodenkirchen statt – der Rhein wurde für den Normalverkehr einfach gesperrt. Weiters aus Köln berichtet wird die illegale Hebung des Grabmals des Poblicius, das einen ausführlichen Wikipedia-Artikel besitzt und der Einfluß der Fließbandgeräusche der Fordwerke auf das musikalische Werk von Gavino Soro – mit seinem Lied Ju-Ju-Juliette findet sich auf Youtube ein Beispiel für den italienisch-rheinischen Werkhallenschlager. Über die Zonser Freilichtspiele und einen Abstecher ins Braunkohlerevier, dessen Grundwasser über die Erft in die Rhein abgeführt wird, was die Flußstärke der letzteren ungefähr verfünffachte, geht es auf Düsseldorf, den Querverschub der Oberkasseler Brücke, Radschläger, Altstadtoriginale und eine Performance der ZERO-Künstler. Für Duisburg stehen Rheinhausen und Ruhrort. Die Stahlschmelze in Rheinhausen war 1962 Gegenstand der ersten TV-Satelliten-Direktübertragung zwischen Deutschland und den USA, ein Stück Rundfunkgeschichte. Ruhrort zeigt der Film zu Zeiten des Niedergangs der Schleppschifffahrt, als die Schlepperbesatzungen noch mit Proviantschiffen versorgt wurden. In den Weiten des Niederrheins befinden sich Ortschaften, deren Existenz uns zuvor unbekannt war. Über Orsoy (das Anfang der 60er kurzzeitig Ideenzentrum der von den Alliierten nicht genehmigten deutschen Raketenindustrie war) und Götterswickerhamm (dessen Orderstation die Passagezeiten der Schiffe notierte und die vorüberziehenden Schiffer mit Informationen  und Musik beschallte), geht es auf Borth, die niederrheinische Salzpfanne, ein Bergwerk mit ausgeprägtem Straßennetz in 500 bis 800 Metern Tiefe, auf Mars, dessen Name für sich steht und einen Schokoriegelhersteller auf die Idee brachte, die Dorfbewohner für eine Kampagne als Marsmenschen einzuspannen, auf Elten, das nach dem Krieg vorübergehend an die Niederlande ging, als Pfand für noch zu leistende Reparationszahlungen und schließlich vorbei an Schenkenschanz nach Nimwegen.

Flussgeschichten – Der Rhein bietet eine ausgewogene Mischung aus bekannteren und randseitigen Geschichten. Insbesondere das in WDR-Archiven ausgegrabene Bildmaterial aus der jungen Bundesrepublik macht den Film, der über weite Strecken wie eine Sendung mit der Maus für Erwachsene wirkt, sehenswert.

Presserückschau (September 2014)

Dieweil die Artenvielfalt global betrachtet schrumpft, wie die BBC jüngst berichtete, scheint sie am Rhein zuzunehmen und sogar Außerirdische einzuschließen. Davon, aber auch von rheinischen Ängsten und Gefahren handeln die interessantesten Pressemeldungen des Septembers:

1
Über den oberrheinischen “Hotspot der Biologischen Vielfalt” zwischen Bingen und Iffezheim, einen recht gedehnten “Flecken”, berichtet Die Welt: “Der Große Wiesenknopf reckt seine kugeligen Blüten in die feuchte Morgenluft. Auf einem bordeauxroten Blütenblatt sitzt eine winzige, hellgrüne Krabbenspinne. “Sie nimmt allmählich die Farbe der Blüte an, damit sie schwerer zu sehen ist”, erklärt Michael Markowski. “Dann schnappt sie die Blütenbesucher.” Markowski steht auf einer Wiese zwischen Rhein und Deich. Zirpende Insekten geben den Ton an, weiter weg dröhnt der Verkehrslärm der Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden.” Im Kontroll-Fokus des Naturschutzprojekt des NABU stehen weitere klingende Namen: Pyramidenorchis, Helmknabenkraut, Blutweiderich. Außerdem soll die Artenvielfalt erhöht werden. Geplant ist die Ansiedlung von Sumpfschildkröten bei Bobenheim-Roxheim, dem Moorfrosch soll eine Mulde bei Oppenheim schmackhaft gemacht werden.

2
“Elefantenrennen in Graurheindorf” übertitelt der General-Anzeiger eine Schlagzeile. Von leibhaftigen Elefanten ist im Artikel dann allerdings keine Rede, vielmehr geht es um die rheinische Lust am Vergnügen durch Gruppenverkleiden, in diesem Fall kombiniert mit Paddeln auf dem Fluß: “Die “Black Dog Gang” macht seit Jahren beim Elefantenrennen (…) mit. (…) In diesem Jahr traten sie im Hippie-Look an. (…) Es ging um Spaß, Ruhm und Ehre sowie um Pittermännchen. Sieger waren “Die spontanen Nachbarn” (…). Mit ihrem Motto “Sonnenwelten, frei parken für alle” spielten die Nachbarn von Solarworld darauf an, dass das Unternehmen für seinen Neubau zu wenig Parkplätze geschaffen habe und deshalb viele Autofahrer wild in den Straßen parkten. Die schnellsten Frauen waren die Ex-Bonnas, die als Zenzis von der Alm mitfuhren. Der Junggesellenverein 1839 Rheinlust war (…) das langsamste Team und erhielt die Rote Laterne: Sie waren als Wikinger gefahren und hatten eine riesige Trommel dabei. Die schönste Kostümierung boten “Die charmanten Nachbarn”: Sie hatten sich als Conchita Wurst (…) verkleidet.”

3
Marsianer am Rhein gibt es seit mindestens ungefähr hundert Jahren. Im Ersten Weltkrieg tauchten Marsbewohner für den Film Die Entdeckung Deutschlands von Georg Jacoby und Richard Otto Frankfurter, den ersten deutschen Kriegspropagandafilm laut der Freitag, bei uns auf. Von der zwei Stunden langen Urfassung ist heute nur noch ein 15-minütiges Fragment erhalten: “Demnach diente der Film im Kohlrübenwinter 1916 dazu, französische und englische Presseberichte zu dementieren, nach denen in Deutschland Hunger herrsche und die Kriegsproduktion stillstehe. Drei Marsianer, zwei Männer und eine Frau, reisen auf die Erde, um die Berichte zu überprüfen, und lernen ein – wie könnte es im Propagandafilm anders sein! – blühendes Deutschland kennen. Sie genießen Bier und Klöße in München, fahren nach Berlin, wo sie die Rüstungsproduktion begutachten, und nach Kiel, wo ein deutsches U-Boot zu bestaunen ist. Schließlich reisen sie den Rhein hinunter; dort wird das Deutsche Eck besucht und mit dem bereisten Flusslauf nebenher die gegen den Erzfeind Frankreich zu verteidigende Grenzlinie markiert.”

4
Fear and loathing in Mönchengladbach: “Es ist wie das Ungeheuer von Loch Ness: Irgendwann taucht es auf. Nur dass es nicht lustig ist, sondern für Tausende von Gladbachern zu einer Lärmtortur werden kann: der Eiserne Rhein. Zur bekannten und ausführlich erörterten 555 Millionen teuren Neubau-Trasse entlang der Autobahn 52 (die das Land NRW favorisiert) gibt es nun eine Bundes-Variante. Die ist so neu, dass nicht einmal führende Mönchengladbacher Bundes- und Landespolitiker auf Anhieb wussten, was sie davon halten sollen. Bis auf dies: Die Trasse sei wegen des Lärmschutzes so teuer, dass sie im Prinzip gar nicht zu verwirklichen sei” berichtet die Rheinische Post über den Stand der Planungen zur umgestalteten Wiederaufnahme einer Güterzugstrecke von Antwerpen über die Niederlande nach Duisburg.

5
Über neue Inseln am Oberrhein mit hübschen Gemüsenamen berichtet Baden TV: “Das Regierungspräsidium Karlsruhe schafft erstmalig zwei Kies- und Sandinseln bei Au am Rhein, um Tier- und Pflanzenarten zu schützen, die auf diese Flächen angewiesen sind. (…) Zunächst wird an der Spitze der Landzunge „Kohlkopf“, die den Rhein vom Illinger Altrhein trennt, ein Verbindungsgraben angelegt. Dadurch entsteht eine große Insel, auf der sich Wasservögel ungestört aufhalten können. Das in den Illinger Altrhein fließende Rheinwasser sorgt dafür, dass überflüssiger Schlamm und Sand heraus transportiert wird. Zusätzlich entstehen stellenweise kiesige Bereiche, in denen Fische und Neunaugen ablaichen können. Zwischen Verbindungsgraben und Kohlkopfspitze wird auf einer Länge von 400 Metern die Uferbefestigung herausgenommen, sodass sich das Ufer künftig natürlich entwickeln kann. Die neu geschaffene Insel mit ihrem Naturufer bietet Wasservögeln sowohl Nahrung als auch Stellen, die nur bei Hochwasser überschwemmt werden. So besteht die Chance, dass sich der in Baden-Württemberg vermutlich ausgestorbene Flussuferläufer hier ansiedelt und die Flächen als Bruthabitat annimt. Im Innenbogen des Rheins hat sich eine große kiesige Uferbank gebildet, die sogenannten „Tomateninseln“. Aktuell wird diese von durchziehenden Wasservögeln als Rastplatz und zur Nahrungssuche genutzt. Bei Störungen fliegen die Vögel immer wieder auf und verbrauchen viel Energie, die sie eigentlich für die Überwinterung brauchen. Um dies zu vermeiden und den Lebensraum der Vögel zu verbessern, wird auf den Kiesflächen ein Gewässer gebaggert und die Buhnen in diesem Bereich umgebaut. Aus der bisherigen Uferbank wird so überhaupt erst eine richtige Insel.”

6
Reingefahren: “Ungewöhnlicher Fund im Rhein: Ein 17 Jahre alter, lilafarbener Nissan Micra (K11), wurde (…) an der ‘Natorampe’ in Niederkassel von der Feuerwehr aus dem Rhein geborgen. (…) Wie die Polizei berichtet, befand sich im Fahrzeug keine Person. Laut Feuerwehr lag das Fahrzeug ca. 6 Meter vom Ufer und in 2 Metern Tiefe. (…) Nach ersten Ermittlungen war der Nissan im Juli diesen Jahres im Landkreis Neuwied abgemeldet worden. Bislang ungeklärt sind die Umstände, wo und auf welche Art das Fahrzeug in den Rhein gelangte.” (General-Anzeiger)

7
Rheingefahren: “Eine 66-jährige Rollstuhlfahrerin ist (…) in den Rhein in Rüdesheim gestürzt. Wie die Polizei in Wiesbaden (…) bestätigte, war die Feuerwehr aber rechtzeitig vor Ort und zog die Frau aus dem Wasser. Eigentlich hatten sie und ihr Begleiter nur ein Foto schießen wollen. Dabei war der Rollstuhl offenbar die Böschung hinabgerutscht. Die Seniorin kam zur Untersuchung ins Krankenhaus.” (Hit Radio FFH)

8
Rheingefahren (2): “Mit einer spektakulären Rettungsaktion endete (…) der Schulausflug einer sechsten Klasse (…) aus Wesseling auf den Drachenfels. Sechs der 32 Kinder sowie zwei Betreuer waren (…) beim Aufstieg aus den Weinbergen wohl vom Weg abgekommen. Wie die Leitstelle der Bonner Polizei am Montagabend erklärte, war die Gruppe von Elf- und Zwölfjährigen ihrer Klasse vorausgeeilt und dabei offenbar vom Weg abgekommen. Zwei Lehrerinnen folgten den Kindern und gerieten dann in steiles und unwegsames Gelände, etwa 30 Meter unterhalb der Aussichtsplattform des Drachenfels. “Da kamen sie hinein, aber nicht mehr hinaus”, so der Leitstellenbeamte. Dass es von dort offensichtlich kein Weiterkommen mehr gab, war einem Paar aus den USA aufgefallen, das sich (…) zufällig in der Nähe befunden und gegen 13 Uhr die Feuerwehr alarmiert hatte.” (General-Anzeiger) Der Feuerwehr gelang es schließlich, die versprengte Gruppe mit Seilen auf die Aussichtsplattform zu ziehen und einen der eher seltenen Fälle von Bergnot auf Deutschlands angeblich meistbestiegenem, wenngleich mit 321 Metern nicht all zu hohen Gipfel zu einem guten Ende zu führen.

Raum – Zeit – Rhein

(I)
In seinem Buch Der Rhein. Ein europäischer Fluß und seine Geschichte faßt Horst Johannes Tümmers die geologische Entstehung des Rheins auf Höhe der frühen 90er Jahre zusammen: „Während der 80 Millionen Jahre des Tertiärs hatten sich wichtige geologische Strukturen herausgebildet, denen der Rhein später folgen sollte.“ Der deutsche Wikipedia-Eintrag zum Tertiär verlautbart im September 2012: „Das Tertiär begann vor 65 Millionen Jahren (…)“ Zwischen beiden Zitaten liegen rund 20 Jahre, die eine Erkenntniskluft bzw -verschiebung von rund 17 bis 18 Millionen Jahren aufwerfen. Und wenn genau in dieser Kluft Außerirdische die Erde entdeckt, bewohnt und lieber spurlos wieder verlassen haben? Die Richtungen der Kluftenprogression lassen sich nur schwer bestimmen, da sie dem Humanfaktor huldigen. Bis eben galt noch dies und jenes, nun wird Göbekli Tepe freigelegt. Warten wir auf den Tag, an dem Gottes handschriftliche Tagebücher auftauchen, in denen er die Flüsse als seine Pissstrahlen notiert, fein säuberlich mit Jahr, Tag und Uhrzeit versehen.

(II)
Der Urrhein sei 10 Millionen oder 20 Millionen Jahre alt und dereinst ins Mittelmeer geflossen, steht in anderen, wandernden Quellen geschrieben. Der Rhein, wie wir ihn kennen sei ca. 10.000 Jahre alt und wahlweise zw 500 und 1000 bzw 1320 oder 1233 Kilometer lang. Strabon schrieb, der Rhein verlaufe parallel zu den Pyrenäen. Strabon kannte Flüsse, die wir nicht mehr kennen, aber hatte er sie gesehen? Wenn nicht und wenn es diese Flüsse niemals gab, so gab es sie dennoch, in Schriftzeichen gebannt. Die je aktuelle Wissenschaft gibt den Diskursstand vor, der vorgibt, daß er abgelöst werden muß.

(III)
Was sehen wir heute und was sehen wir nicht? Fraglos breitet sich Wissen derzeit rasend aus, dh, es strömt von der bewußten Stelle seines Ursprungs, und muß in Zeiten von erfolgreicher Raumfahrttechnologie und Internet in den elektronischen Arealen unseres Planeten nur aus der Steckdose gekeschert werden. Doch solange der technologische Fortschritt dem spirituellen Fortschritt vorauseilt, bleiben die eigentlichen Fragen die alten.

(IV)
Wie wäre Zeit zu messen? Mit der Uhr. Mit Bäumen. Innerhalb eines Menschenlebens. Vom Auftauchen bis zum Verschwinden eines Flusses. Indem ich ein paar Millionen Jahre die Sternkonstellationen betrachte und die Erkenntnisse auf die Ewigkeit hochrechne. Parteiisch, damit die Fördermittel weiter an die richtige Stelle fließen. Wenn der Maya-Kalender endet, ist die Zeit vorbei. Die Deutungshoheit über die Zeit muß als Machtmittel verwendet werden: 40-Stunden-Woche mit Stechuhr. Als Prinzip des Werdens und Vergehens: Werdens- und Vergehenseinheiten, -zweiheiten, -piheiten; warum überhaupt Heiten? (Heute häuten!)
Geberen, enden, werden, vergehen: alles auf e, den Nivellierungsvokal, der das a und das o ins geldene Mettel petscht, zwengt, drengt.

(V)
„Der Rhein ist an einem üblichen Dienstag um Punkt 9 Uhr entsprungen. Um 12 Uhr machte er eine halbe Stunde Mittagspause, um 18 Uhr Feierabend.“

(VI)
Zeit ohne Raum, wie soll das gehen? Raumlose Vorstellungen erscheinen generell schwierig. Zeit=pure Vorstellung oder Traum? Vom Gefühl her: eher nein. Raumentbundene Zeit: das könnte etwas Schlaffes sein, etwas Qualliges. Der Oktopus ist ein weithin unterschätztes Tier.

(VII)
Toulouse, Jardin du Grand Rond, frühe 90er Jahre. Während einer lysergischen Erfahrung öffnet sich das Raum-Zeit-Verhältnis. Zwei Kubikmeter des Parks werden von einem Geleemeer lebendiger Ewigkeit durchschwappt. Alle Zeiten überlagern sich in diesem Raumausschnitt, ohne aus ihm herauszuplatzen. Bei diesem Anblick entdecke ich die vorübergehende Fähigkeit, bis zu drei Gedanken gleichzeitig-parallel zu denken. Wenn mein Gehirn, wie die Hirnforschung vermutet, nur zu zehn bis 15 Prozent seiner Kapazität nutzbar ist, wäre ich ab spätestens 20 Prozent Nutzungsabruf reif für die Klapse.

(VIII) Pelé hebt in einer alten Aufnahme die Raumgesetze im gegnerischen Strafraum auf, Günter Netzer flankt gekrümmt durchs niederrheinische Mittelfeld.

(IX)
Außerirdischer Rhein. Rover „Curiosity“ hat im September 2012 erstmals von Wasser geformte Kiesel auf dem Mars fotografiert. „Über den Mond kriecht ein Käfer hin / die Welt hat drei Beine die ziehen / ihr eines Bein ist ein Hintern / ihr anders Bein ist ein Arm / das dritte würde gern fliehen / (…)“ (Sándor Weöres, 1913 -1989)

Chinesische Wollhandkrabbe

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Die ursprünglich in China beheimatete (*) Wollhandkrabbe gehört zu den durchsetzungsfähigen und allmählich immer bekannter werdenden Neozoen im Rhein. Wikipedia weiß in einem aktuell als “lesenswert” eingestuften Artikel Erstaunliches zu berichten. So fräßen die Krabben zu Fischers Frust nicht nur Angelköder und in Reusen gefangene Fische, sondern trennten mit ihren Scheren sogar die Angelschnüre und Maschen durch, um gefahrlos an Köder und Fang zu gelangen. SpongeBob SquarePants läßt grüßen! Sicherlich spielen sich unter Wasser noch weit perfidere Abläufe ab, der entsprechende Mythenschatz ist überreich, doch scheint die Wollhandkrabbe eine potentiell hochrangige Bereicherung unseres stets sich fortschreibenden Sagenreservoirs darzustellen.

Ganz in diesem Sinne zumindest verstanden wir eine voller Schreibanlässe für Creative Writing-Kurse steckende Rechenaufgabe aus dem Wikipedia-Artikel: “Die Wandergeschwindigkeit wurde bei jungen Tieren auf etwa einen Kilometer pro Tag, bei älteren bis drei Kilometer, bestimmt, woraus sich eine Jahresleistung von etwa 200 bis 250 km pro Jahr ergibt. Wieviele Sonn- und Feiertage kennt die Chinesische Wollhandkrabbe und mit welchen Aktivitäten verbringt sie diese?” Und wenn nicht, möchten wir anmerken, wofür halten die Krabben her? (Und wenn ja, wieviele?) Der Wikipedia-Artikel ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht lesenswert, u.a. beantwortet er so ziemlich jeweils im Folgeabsatz fast jede bei der Lektüre entstandene Zwischenfrage. Die Wollhandkrabbe diene u.a. zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion (!). (Nächste Zwischenfrage: Was ist Chitosan?) “Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird.”

Besonders nachdenklich stimmte uns der Wikipedia-Satz, der Handelswert einer einzelnen guten Krabbe könne 40 Dollar erreichen. Denn falls stimmt, was insbesondere niederrheinische Fischer beklagen, daß nämlich die Wollhandkrabbe in ihren Fanggründen in unbeherrschbaren Massen auftrete, so läge (krabbele) das Rheingold doch ganz offensichtlich in Krabbenform auf dem Rheingrund. Nur eben gerade noch so in seinem (ökonomischen) Wert unerkannt, sich just aus den dauermutierenden Zerrmustern der Wasseroberfläche in klar verständliche Umsatzzahlen gießend, dabei die ungeheure, nur mit enormem Aufwand annähernd korrekt zu beschreibende Spannung, die einem erheblichen (ökonomischen) Rausch vorausgeht, bereits an den Rändern mit gedämpft-enthusiastischen Geräuschen (“kkrkr”, “bsszs”, zschsk-k”) brechend. In Dampf gegart gälten die Tiere jedenfalls als außerordentliche Delikatesse, seien sie nur versiert genug zusammengeschnürt, das Auslaufen ihres Saftes zu verhindern. Der avantgardistische Chinese mit seinen über Nacht heranwachsenden Millionenstädten züchte das vielbeinige Gold mittlerweile in Aquakulturen. Der Geschmack, heißt es an anderer Stelle im Netz, erinnere stark an Hummer, das Fleisch sei attraktiv bißfest und aus dem Sud gewonnenes Wollhandkrabbensorbet besitze alle nötigen Eigenschaften für einen ultrahippen Sommerrenner.

Das Bild stammt von Stefan Mittler, aufgenommen während einer Faltboottour auf dem Rhein, indem er seine Kamera unter Wasser hielt und aleatorisch abdrückte. Der umgebende Flußgrund (bei Bonn) erinnert ein wenig an die Marsaufnahmen des Fotoroboters Curiosity, auf denen bisher keine Wollhandkrabben identifiziert werden konnten.

(*) Ob sie wirklich “ursprünglich” in China beheimatet ist, sei dahingestellt. Was sind Ursprünge (wessen) und was wissen wir darüber? Gemeint ist wohl das letzte größere bekannte Verbreitungsgebiet der Krabbe, so wie es in 200 oder 2000 Jahren, ein kleiner Spekulationsstrang, einmal heißen wird, die Krabbe, welche dann, immer noch nahezu ihre heutige Erscheinungsform wahrend, antarktische Schmelzbäche erobert haben wird, stamme ursprünglich vom Rhein und ihr Name laute Carapax crax emmerichiensis (bzw, dem Sprachwandel und längst überschwemmten und vergessenen Gegenden besser Rechnung tragend: Cacraxe oder Cece-eh, ein Name, für den jedoch keine Buchstaben mehr zur Verfügung stehen, sondern einzig ein akustisches, alle bekannten/relevanten Informationen enthaltendes Signal, dieweil bei Sichtung eines Tieres umgehend (per nervösem Input) der geburtsimplantierte enzyklopädische Generalspeicher des künftigen Betrachters abgerufen wird, welcher ihn, einen Impulssturm auslösend, zu politisch-korrektem Verhalten gegenüber dem gesichteten Fremdobjekt zwingt).