Die Insel der heiligen Verena

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Den Abschluß von Marianne Büttikers Serie zum Zusammenfluß von Rhein und Aare macht ein doppelter Inselblick (Foto und Gouache auf Papier). Die namenlose Rheininsel läßt sich mit der heiligen Verena in Verbindung bringen, die, nach schwankender Quellenlage, um 320 bzw um 350 n. Chr. in Zurzach gestorben sein soll, wo sich einer ihrer Arme bis heute im nach ihr benannten Verenamünster befinden soll. Die Rheininsel nahe der Aaremündung bei Koblenz, seinerzeit eine römische Siedlung, erreichte Verena, die zuvor einige Zeit als Krankenpflegerin in Solothurn tätig gewesen war, indem sie auf einem Mühlstein (oder sonstigen flachen Stein) die Aare hinabreiste. Die Insel soll damals von gefährlichen Schlangen bewohnt gewesen sein. Verena löste das Schlangenproblem, indem sie ein Segensgebet über das Eiland sprach: die Schlangen stürzten sich daraufhin in den Rhein, um sich zu ersäufen. Auf der gesäuberten Insel widmete Verena sich erneut der Krankenpflege.

Aaremündung: Es verliert sich nichts (6)

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Wo die Aare zum Rhein wird bleibt Wasser Wasser und Spiegelungen ein Schimmer Grün im silbernen Glanz begegnen sich zwei Sprachen

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Marianne Büttiker: Blick vom Ufer Koblenz AG Richtung Rheininsel der heiligen Verena; “Strömung”: Gouache auf Papier.

Aaremündung: Es verliert sich nichts (5)

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Einen Augenblick lang schweigt selbst das Rauschen und hält inne bevor es den Sog des anderen Wassers passiert

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Marianne Büttiker: Blick vom Ufer Koblenz AG Richtung Waldshut; “Farbpartitur Rhein-Aare-Mündung”: Gouache auf Papier.

Aaremündung: Es verliert sich nichts (4)

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Von Ufer zu Ufer ein Aufsteigen ein Abtauchen Wirbel um Wirbel bilden eine Naht im Dreieck eine stille Stelle

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Marianne Büttiker: Blick vom Ufer Koblenz AG auf den Zusammenfluß von Aare und Rhein; “Kartographie der Strömung”: Gouache auf Papier.

Aaremündung: Es verliert sich nichts (3)

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Wo zwei Flüsse Inseln umströmen ihre Wasser einem Beet zutragen Windböen kleine Wellen über die Fläche schicken das Entenvolk sich mit ihnen verbündet und dem Blick entschwindet

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Marianne Büttiker: Blick vom Ufer Koblenz AG Richtung Waldshut; “Mündung”: Gouache auf Papier.

Aaremündung: Es verliert sich nichts (2)

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Im Strom der Zeit in die Jahre gekommen eine ordnende Kraft ein Zufluss eingebettet

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Marianne Büttiker: Blick vom Ufer Felsenau Richtung Koblenz AG und Waldshut; “Im Strom”: Gouache auf Papier.

Aaremündung: Es verliert sich nichts

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Im Rauschen ein Flimmern die Spiegelung die Zeit das Ufer der Wind in den Ästen

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Marianne Büttikers Arbeiten zum Basler Rhein hatten wir bereits vorgestellt. Nun schickt sie uns, passend zum Übergang zwischen den Jahren, eine neu entstandene Text-Bild-Serie über die Aaremündung, oder besser gesagt: zum Zusammenfluß von Rhein und Aare. Denn die Aare gilt als der wasserreichere Fluß, in der Regel ein Indikator für den Vorrang bei der Namensgebung. Daß der Rhein hinter Koblenz AG weiterhin Rhein und nicht Aare heißt, kann als geschichtliche Fügung oder Willkür aufgefaßt werden und wird als Tatsache allgemein hingenommen. Marianne Büttiker spricht in diesem Zusammenhang lieber von “Begegnung”: ihre Beobachtungen gelten den poetischen Momenten des Ineinanderfließens beider Ströme. rheinsein freut sich, die unter dem Sammeltitel “Es verliert sich nichts” entstandenen Gouachen und Zeilen in einer kleinen Serie präsentieren zu dürfen.
Den Auftakt macht ein Blick von Felsenau auf Konstanz AG, die zugehörige Gouache ist betitelt: “Es verliert sich nicht”.

Paarweise die Ufer

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Eine Geste bewegt die Fähre zu der ein oder anderen Einsamkeit wo ich ihr entsteige ein Abschied in der Zeit eine leere Stelle

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, eine Ausstellung, die sich mit dem Erfassen des urbanen Geschehens in Basel, insbesondere entlang seiner fluvialen Trennlinie, dem Rhein beschäftigte: die Stadt als unmittelbarer Erlebnisraum. Eine Reise durch die Alltagszustände der Schöpfung, ihre Erhabenheit im Kleinen, selten Beachteten. Gestern endete die Ausstellung. Im oberen Bild die Basler Münsterfähre (10 x 10 cm, Öl und Grafit auf Leinwand), im unteren das Gierseilsystem (das bewimpelte Seil verbindet die Fähre mit einem von Ufer zu Ufer gespannten Hochseil – auf diese Weise wird das Fährboot vom Fluß angetrieben, eine überaus energieeffiziente Fortbewegungsmethode).

Zwischen zwei Augenblicken eine Landung

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Das nahe und das ferne Land unter dem Himmel eine Brücke über diese die Wolken gespannt die Lichter im Wind zeichnen Wirbel im Strom diesseits und jenseits der dämmernden Zeit, fern der Heimat, fern, wo Schwäne landen.

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Das aktuelle Bildpaar zeigt den Blick von der Dreiländereck-Insel Richtung Frankreich mit der Brücke von Huningue nach Weil am Rhein als verwirbelte Stimmung. Die Zeichnung (Enkaustik und Grafit auf Papier) mißt im Original 21 x 23 cm. Marianne Büttiker schreibt dazu: “Wir befinden uns in einer Niemandslandzone, aber auch an einem Ort an dem sich drei Länder berühren, das heisst, zwischen der Landesgrenze befindet sich ein kleiner Streifen Freihandelszone mitten im Rheinkanal, über die sich die Möwen und Tauben erhaben hinwegsetzen und allerlei Brot und sonstige Leckerbissen über die Grenze fliegen. Das Strömen des Rheinwassers ist hier sehr träge. Es scheint stillstehend einen Augenblick im Becken zu warten, bis es sich ausdehnt, sich dem Himmel zuneigt und als Oberrhein zu seiner Weiterreise nach Frankreich ansetzt. Ein Hauch Süden weht hier. Eine Ahnung wilder Flora. Es ist, als hätte der Rhein in seiner Passage durch Basel seiner Farbe, ein mit einem schweren rötlich-gelben Schimmer durchzogenes Phthaloblaugrün, eine Nuance Olivgrün hinzugezogen.Viellicht aber auch ein kleines Stück Freude über die kommende Weite, aus der Himmel das Fliessen ein leichtes flirrendes Türkis spiegelt.”

Spiegelung

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Ein Flussblau im gelben Schimmer mehrere Zeichen aus dem Nichts in den Fluss gegossen eine Farbigkeit von Ufer zu Ufer gehen wir über Wolken

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Das vierte Text-Bild-Paar unserer kleinen Serie beschäftigt sich mit dem Blick über den Rhein vom Großbaseler zum Kleinbaseler Ufer. Marianne Büttikers ”Plan der Formen” (30 x 30 cm, Enkaustik, Farbstift und Gouache auf Papier) entnimmt der flußdominierten Landschaft efemere Flächen, die sich aus Licht, Himmel, Wasseroberfläche und Menschenbauten zu ergeben scheinen und hält sie als Landkarte des Vorübergehenden/Vorübergegangenen fest.

Von Ufer zu Ufer

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Das nahe und das ferne Jetzt ein Augenblick lang ein Augenblick im Strom der Zeit die Unendlichkeit befahren sage ich dir während ich versuche das Quellwasser im Fluss zu erkennen

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Eine Eigenheit Basels sind die Gierseilfähren, vom Rhein angetriebene Übersetzboote zwischen Großbasel und Kleinbasel. Das Bildpaar zeigt einen “Fährmann am Rhein” (12 x 9 cm, Öl auf Karton) und einen Blick aus der Münsterfähre “Leu”.

Wo ich lande fliegst du auf

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Das nahe und das ferne Dort ein stetes Fliessen in seiner Mitte ein Wiederkehren und Abschiednehmen im Flug das Überbrücken zweier Zeiten im Hier der Fluss und seine Ufer sage ich dir berühren sich nie wo du landest

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Auf dem zweiten Bildpaar unserer kleinen Serie mutiert ein den Rhein überblickender Sperling auf der Basler Mittleren Brücke, dem “ältesten noch existierenden Rheinübergang zwischen Bodensee und Nordsee” (Wikipedia), zu einer dahinjagenden Schwalbe (ihrem Schatten, einem Schwalbengedanken) bzw. zu einem Symbol über Flüchtigkeit, Kommen und Gehen. Marianne Büttikers Miniatur (Öl auf Karton) mißt im Original ganze 6 x 5 cm.

Der Fluss berührt
 das Naheliegende

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Das nahe und das ferne Hier an diesem Ort der Verlassenheit ein Blühen im Niemandsland das keiner sucht und doch findet ab und an der lichte Schein zwischen dreier Länder eine Farbigkeit im Betrieb der Alltäglichkeit auf einem Fleckchen Stille.

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Marianne Büttiker unternahm dieses Jahr zahlreiche Streifzüge entlang des Rheins in Basel. Ihre Erkundungsgänge dokumentierte sie mit der Handykamera. Später, im Atelier, komponierte sie aus ihren Erinnerungen verdichtete kleinformatige Bilder. Wir zeigen in loser Folge einige der Bildkompositionen und ihre Ursprungsorte; dazwischen, flußgleich, Marianne Büttikers kurze situative Texte.
Diesmal gilt die Aufmerksamkeit einer Nachtkerze am Westquai des Basler Rheinhafens im Dreiländereck Schweiz – Frankreich – Deutschland: das Abseitige, Randständige, Verwilderte, vom Fluß als das Naheliegende berührt und in einer Mischtechnik aus Enkaustik, Farbstift und Gouache auf Papier sortiert.

Une Traversée de Bâle

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Partitur mit Taube, Möwe, Rhein- und Münsterfragment, 2014 (Öl auf Karton, je ca. 5 x 5 cm)

Seit 2007 arbeitet Marianne Büttiker am Archiv „tempo.fugato“: Städte, Orte und ihre Farbklänge. Die Sammlung aus hunderten Zeichnungen, Bildern, Fotografien und Textfragmenten bildet das Kernstück ihres Schaffens und ist die Ausgangslage für Installationen und Ausstellungen. Mit Zeichen, Strukturen, Formen und Farben kartografiert sie die Ordnung eines Ortes und seine akustischen Geschehnisse zu poetisch visuellen Partituren. Ein Forschungsprojekt über Wahrnehmung und in dieser Hinsicht rheinsein verwandt.

Am heutigen Samstag eröffnet Marianne Büttikers Ausstellung Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve in der Basler Galerie Hilt. Zu sehen sind Momentaufnahmen von Spaziergängen entlang des Rheins in Basel, umgesetzt in Bildpartituren mit Miniaturtexten. In loser Folge werden wir im Laufe der Ausstellung ausgewählte Bildtextkombinationen präsentieren.

Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle (20. September bis 8. Novemer 2014)

Vernissage: Samstag, 20. September 2014, 13 – 16 Uhr
Begrüßung durch Christian R. Ragni, Galerist; anschließend Führung durch die Ausstellung mit Marianne Büttiker
Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel