Stromkilometer 814

oder: Vesalia…est hospitalis

Durch das Zugfenster des von Süden
einfahrenden RE 5 zeigt sich
am Weseler Bahnhof
links eine Gruppe Hochhäuser, vierzehnstöckig;
rechts der Gleise der Schriftzug eines Geschäfts „Wohnen und mehr“
und beim Ausstieg ein Warteraum (ungewartet) auf dem Bahnsteig.

Würde man zur Niederrheinhalle wollen,
nähme man den östlichen Ausgang Friedensstraße,
Treppe einerseits und eine barrierefreie
buschgesäumte Serpentine andererseits,
für Fahrräder, Kinderwagen, Rollstühle und Rollatoren,
und bemerkte, einsetzende Dämmerung vorausgesetzt,
Ecke Fusternbergerstraße einen blau erleuchteten
Schriftzug „Dreams“, sich bei näherer Betrachtung
als Dönertraum herausstellend.
Daneben ein bungalowartiges Gebäude mit
Granit, Grableuchten und künstlichem Efeu im Schaufenster:
„Grabsteine & Küchenarbeitsplatten“ kündet ein
grünes Schild auf gelber Fassade, Marmor seit 1882.
Nebenan eine Heißmangel,
eine Trinkhalle mit erleuchtetem Stauder-Schild
und Wein und Wodka im Regal.
Dann ein Musikcafe „Quo Vadis“ und ein Schild
mit lorbeerbekränztem, gleichwohl nachdenklich schauenden Cäsar
in einem dreigeschossigen Backsteinziegelhaus von 1894.
Vis-à-vis der Park & Ride-platz.

Wollte man stadteinwärts (was so ist),
findet sich westlich der Bahngleise der Busbahnhof,
Bussteig 4 Richtung Sonsbeck, Kevelaer, Xanten, Alpen, Geldern, Rheinberg, Moers,
Bussteig 3 Richtung Emmerich, Hünxe, Hamminkeln, Bocholt, Schermbeck, Dorsten,
Bussteig 2 Richtung Voerde, Wittenberg,
Bussteig 1 Richtung Rees sowie innerstädtische Ziele.
Unterhalb der sich auf einer Eisenstange befindenden Bahnhofsuhr
wird geworben: “MPU-Beratung + Suchtberatung“.

Der Panoramablick über den Franz-Etzel-Platz fällt auf die
LBS, eine Tapasbar, den Eingangsbereich zur City, im Hintergrund der Fernsehturm.
Im Vordergrund, unweit des Bahnhofsgebäudes aus den 1950er Jahren
ein gepflegt wirkender Briefkasten, Leerung Mo-Fr 16.00 Uhr, Sa 10.00 Uhr
und ein (mittlerweile seltener anzutreffendes) Wetterschutz-Telekomhäuschen.
Daneben zwei Bänke, Sitzfläche aus Holz in Beton eingefasst –
Vorgeschmack auf viele weitere Sitzgelegenheiten Richtung Willibrordi-Dom.

Zum Durchbrausegeräusch eines langen Güterzugs
gesellt sich das Lachen einer Gruppe junger Damen
mit Primarkpapptüten und McDonaldsbechern.
In einem Beet des Parks bzw. der Vorbahnhofswiese
zwischen winterkahlen Pflanzenästen tatsächlich ein Büschlein Rosmarin.

Unweit eine Gedenkstele für die „Gefangenen und Vermissten“.
Gegenüber eine Metallskulptur (Edgar Gutbub) „Zwei gleich groß“ von 1991,
außen silbern, innen blau,
darin an diesem Dezembernachmittag 2015 die obere Brötchenhälfte
eines Cheese- oder Hamburgers und ein „Stop TTIP“ -Aufkleber,
die Kehrseite der Skulptur innen gelb, aktuell gefüllt mit trockener Laubverwehung.

Das Hotel Kaiserhof eingangs der Wilhelmstraße
beherbergt ein Steakhaus, darüber
vier Stockwerke, erblickbar pro Etage je sieben in sich dreiteilige Fenster
plus Treppenhaus, ca. 1950er / 60er-Jahre.
Schräg gegenüber weist das Scala-Kulturspielhaus
auf seinen Facebook-Auftritt hin.
Flyer für den Poetry Slam „The Lower Rhine“ liegen aus.
Tattoo-Shop, Smartphone-Shop. Gegenüber die Verbraucherzentrale.

Den Blickfang, das Berliner Tor,
- Relikt der alten Stadtbefestigung und
dem preußischen Barock zugerechnet, eines der Wahrzeichen der Stadt -
flankieren Wilhelm-Ecke-Friedrichstraße
südlich die Sparkasse und nördlich Deutsche und Sparda
(städteübergreifendes Phänomen, dass Banken
sich oft in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander befinden).
Im gewölbten hinteren Innenraum des Berliner Tors
ein Generator, der die im Advent dem Wahrzeichen vorgelagerte Eisbahn betreibt,
welche von Glühwein- und sonstigen Getränkeständen umgeben ist.

Auf dem Berliner-Tor-Platz die -wohl bronzene- Skulptur eines Esels.
Eine junge Dame, mit Töchterchen an der Hand, befragt,
was der Esel bedeute, sagt sie freundlich, sie sei zwar hier geboren,
wisse es aber nicht: “Der steht schon immer hier.“

Die Hohe Straße ist auch breit.
Als Fußgängerzone konzipiert und realisiert
(durch Bombenangriffe Mitte Februar 1945 waren,
so die offizielle Zahl, 97 % der Innenstadt zerstört gewesen).

Zahlreiche Holzbänke in Betonquader eingelassen und weitere
einladende Sitzgelegenheiten
(Gedankensprung:…gastfreundlich!…Weseler Protestantismus
kein reiner Leistungs-Protestantismus…sympathisch!…).

Interessanter als die Weihnachtsmarkthäuschen und -beleuchtung
sind für die Aufmerksamkeit des Besuchers die
in den Boden eingelassenen grauen Platten mit Städtenamen-Reliefs.
Mit Kuli ins Notizbuch
(und angenehmerweise frei von jedweden Argwohnfragen, was man notiere…
sonst seit der Smartphonisierung, welch Ironie!, eher übliches Phänomen…)
der Reihe nach,

- ab Poppelbaumstraße / Wallstraße:
Weliki, Ustjug, Totma, Wologda, Belozersk,
Twer, Torzhok, Tikhvin, Smolensk, Weliki (doppelt?),
Nowgorod, Vitebsk, Polozk (bei Regen sammelt sich Wasser in den O’s),
Kingissepp, Pskow, Iwangorod, Narva, Tartu,
Viljand, Koknese, Valmiera, Cesis, Straupe, Tallinn,
Limbazi, Pärnu,

- ab Am Blauen Hahn / Heuberg:
Riga, Kaunas, Turku, Kuldiga, Ventspils,
Kaliningrad, Olsztyn, Kraków, Braniewo, Frombork,
Elblag, Gdansk, Torun, Chelmno, Visby,
Strzelce, Opolskie, Lebork, Slupsk, Wroclaw,
Nyköping, Slawno, Darzowo, Kalmar, Koszalin,
Bialogard, Kolobrze (darauf weißes Fahrrad mit Bastkorb),
Stargard, Szczecinski, Goleniów, Slubice,
Frankfurt/Oder, Szczecin, Werben/Elbe, Anklam, Greifswald,
Stralsund, Demmin (leider leider Hundekacke),

- ab Kreuzung Hohe Straße / Tückingstraße:
Skanör-Falsterbo, Brandenburg/Havel, Kyritz, Pritzwalk,
Rostock, Havelberg, Merseburg, Tangermünde,
Hall[darauf Esel einer bekannten Drogeriekette]e/Saale, Stendal,
Perleberg (darauf Esel eines Schuhgeschäfts), Naumburg/Saale,
Osterburg/Altmark, Seehausen, Magdeburg,
Wismar (weißer Esel mit Weihnachtsmütze), Gordelegen,
Quedlinburg (darauf Esel einer Modekette), Salzwedel,
Helmstedt, Lübeck, Uelzen, Braunschweig, Mülhausen/Thüringen,
Goslar, Lüneburg, Duderstadt, Osterode, Kiel,
Bockenem, Hamburg, Hildesheim, Göttigen, Einbeck,
Alfeld/Leine,

- ab Viehtor:
Gronau/Leine, Buxtehude, Uslar, Stade, Höxter,
Hameln, Marienmünster, Brakel, Warburg, Nieheim,
Minden, Lemgo, Korbach, Marsberg, Bremen,
Paderborn, Mei[Notizbuch nicht leserlich],
Herford, Brilon, Geseke, Rüthen, Warstein,
Lippstadt, Melle, Rheda-Wiedenbrück, Schmallenberg, Meschede,
Soest, Arnsberg, Osnabrück, Bad Iburg, Beckum, Warendorf,

- ab Brückstraße:
Sundern, Quakenbrück, Werl, Attendorn, Ahlen,
Balve, Olpe, Hamm,Telgte, Neuenrade,
Drolshagen, Unna, Fürstenau, Kamen, Werne,
Münster, Schwerte, Lün[blauer Riesenrucksack eines Trekking-Ladens],
Haselüne, Dortmund, Breckerfeld, Rheine, Wipperfürth,
Meppen, Hattingen.

Am Leyens-Platz ist das Straßenschild untertitelt:
„Alteingesessene jüdische Kaufmannsfamilie bis 1938
Förderer der Stadt in Krieg und Frieden”.
Inmitten des Platzes eine übermannshohe Holzskulptur;
ein Zusammenhang mit dem Ort ihrer Aufstellung
mehr erahn- und interpretierbar als augenfällig.
Späteres Nachschlagen in der Stadtbroschüre „Wesel entdecken“
verweist auf Victoria Bell, Kölner Künstlerin, und dass
die Plastik eine Schutzhütte nachempfinde und
Vesalia Hospitalis benannt ist.

Dieses Attribut, gastliches Wesel, hatten 1578
Glaubensdissidenten aus dem Flämischen, die vor den Spaniern geflohen waren,
der Stadt ausgestellt – Wesel hatte sich Ostern 1540 durch Stadtratsbeschluss
der Reformation angeschlossen, wobei laut Überlieferung
das Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert wurde.

In einem nach einem Weidetier benannten
Waffen- und Jagdausrüstungsgeschäft am Leyensplatz
beantwortet eine freundliche ältere Dame
frei von jeder Ungeduld oder Ruppigkeit
(womöglich, da kein Mittelgebirge in der Nähe ist,
die Menschen vielmehr seit Jahrhunderten gemeinsam, solidarisch
und dahingehend folglich konkurrenzfreier
das Wasser von Rhein und Lippe
u.a. durch Deichbau und Hochwasserschutz zu domestizieren hatten)
mit wohlwollend-gelassener Höflichkeit
die an sich naive Frage des Ortsfremden
nach der Bedeutung der Städtenamen in der Fußgängerzone:
„Das sind die Hansestädte. Die besuchen einander ja immer.“
Ein auf dem Rückweg zum Bahnhof entdeckter Hinweis unweit des Berliner Tors
weist das Hanseband von 1407 und den Stand von Juni 2010 aus.

Richtung Westen, dem Willibrordi-Dom zu, lauten die steinernen Einlassungen
- Brückstraße weiter:
Haltern am See, Coesfeld, Solingen, Dorsten, Oldenzaal,
Vreden, Duisburg, Neuss, Wesel, Groningen,
Ommen, Kalkar/Grieth, Emmerich/Rhein, Zutphen,
Deventer, Doesburg, Zwolle, Hasselt, Hattem,
Roermond, Kampen, Elburg, Harderwijk, Bolsward,
Stavoren, Bergen, Brügge, King’s Lynn, La Rochelle,
Aberdeen, Hafnarfjördur, Stykkishólmur.

Kornmarkt und Großer Markt benachbart,
steht auf Zweitgenanntem unweit des
2011 mit Steinfassade in flämischem Stil restaurierten Rathauses
aus dem 15. Jahrhundert
ein Denkmal.
Mit dem Fingernagel an dieses schnippend
ergibt sich eine Klangharmonie zum Kirchturmgeläut.
Das Denkmal erinnert an Konrad Heresbach (1496 – 1576),
einem – die offizielle Geschichtsschreibung wird zutreffen –
auf Ausgleich zwischen den Konfessionen bedachten Humanisten.
Und damit womöglich exemplarisch wie symbolisch für die Gegend.

Wenn da nicht, Stachel in der Historie fast jeder deutschen Stadt,
ein weiteres Denkmal stünde, westlich des Doms, vom 09.11.1988.
Für die jüdische Schule und Synagoge,
“aus Hass zerstört” 09/10.11.1938.

Vis-à-vis des Marienhospitals ist
St. Mariä Himmelfahrt überraschend schlicht eingerichtet,
harmonische Konzession an die überwiegend protestantische Umgebung wohl.
Zur Messezeit kniet ein Mann am Portal,
die Innenseite seiner Baseballkappe bittend ausgestreckt.

Am evangelischen Willibrordi-Dom, Südseite,
benachbart einem Parkhaus in Gestalt eines glasgekachelten Rundbaus (ca.1950er)
eine Gedenktafel
„Dem Diakon dieser Kirche und spaeteren Gruender von New York
Peter Minuit zum Gedaechtnis“
Konrad Duden, Sohn Wesels, würde wohlwollend auf die Orthographie blicken.
Von dem Bedachten ist überliefert,
um 1626 das heutige Manhattan
für 60 Gulden von Indianern gekauft zu haben,
woraus dann Nieuw Amsterdam entstand.

Der Fußgänger betrachtet Wesel von außen
am besten von der Rheinbrücke;
links des Rheins Ruinen der 1945 zerstörten Eisenbahnstrecke von 1874,
während unter seinen Füßen z.B. ein gigantisches niederländisches Schubschiff
mehrere Etagen voll fabrikneuer Automobile stromaufwärts landeinwärts schafft.
Aufs rechte Rheinufer zuflanierend zeigt sich
ein Pegelhäuschen (angestrichen im rot-weißen Wechsel,
was davon unabhängig auch die Farben der Hanse sind)
und die Skyline von Wesel:
die Türme von Willibrordi, St. Mariä, Fernseh- und Wasserturm
stehen – tatsächlich wie symbolisch- im Hintergrund der ufernahen
großen Raiffeisen-Anlage mit Silos, Halle und Turm.

Die Lippemündung überquerend geht es
auf die Zitadelle zu
bzw. die heutigen Relikte der ab den 1680ern errichteten Festung
(ursprünglich in Form eins fünfzackigen Sterns).

Beiderseits der stadteinwärts führenden Schillstraße
Wohngebäude, häufig Doppelhäuser aus rotem Backstein
in der Tradition des niederrheinischen Ziegelhandwerks.

Zur Geschichte Preußens am Niederrhein zählt
die Erschießung der elf Schillschen Offiziere
durch Napoleon unterstellte Soldaten im September 1809,
die in Wesel zu Volkshelden wurden.
Vorausgegangen war ab Frühjahr 1809 ein
vom preußischen Königshaus nur bedingt gedeckter,
auf eigene Faust betriebener Aufstandsversuch des Korps
um den Husarenmajor Ferdinand von Schill
gegen die napoleonische Besatzung
hauptsächlich im Königreich Westfalen
und eine Reiterodyssee durch deutsche Lande.
Das Unternehmen scheiterte mit Schills Tod bei
Straßenkämpfen in Stralsund Ende Mai 1809.
Seine Leiche wurde enthauptet
und der Kopf, in hochprozentigem Alkohol eingelegt,
dem König von Westfalen, Jérome, einem Verwandten Napoleons,
überreicht.
Die Truppen mussten als Gefangene nach Frankreich.
Im Juni 1809 wurden in Braunschweig
aus den westfälischen Staatsangehörigen des Schillschen Korps
14 ausgelost (!)
und stellvertretend als Deserteure hingerichtet.
Elf Offiziere kamen als Gefangene
in die Zitadelle Wesel und wurden am 16. September 1809
nach Urteil durch ein napoleonisches Kriegsgericht
auf den Lippewiesen erschossen.
Ihr Mythos wurde später freilich auch missbraucht,
insbesondere durch die Nazis für ihre Propaganda.
Nur knapp entging deshalb die Schillstraße
nach 1945 zu Zeiten alliierter Verwaltungsaufsicht
einer Umbenennung.
Heute ist die Historie von 1809 museal kanonisiert
und im Gebäude der Zitadelle zu besichtigen.

Architektur ist häufig auch Symbol.
Die Fußgängerzonen, entstanden
im Zuge der Wirtschaftswunderjahre in den 1950er/60er Jahren
sind heute urbane Realität
ebenso wie gewissermaßen Ausdruck eines
Geschichtswogenruhens.

Dankbar in einem tieferen und vielschichtigeren Sinn
darf man daher sein auch für selbstverständlich scheinende
Annehmlichkeiten wie Sitzgelegenheiten.
Neben Bänken z.B. hier sogar
- unweit der Wegkreuzung Am blauen Hahn/Heuberg und Hohe Straße –
Wippen in Form von Wieseln (dem Wappentier)
die zum Verweil einladen.

(GrIngo Lahr mit einem Gastbeitrag zur niederrheinischen Hansestadt Wesel)

Nachmittag in Neviges

Vom Bahnhof führt Kopfsteinpflaster
zum Neanderlandsteig,
der dort von Maisstauden
in Höhe des 22. August
flankiert wird. Diese Pflanze
nährt viele Menschen vor allem
in Afrika und Lateinamerika,
während sie hierzulande
seit über vier Jahrzehnten
(ursprünglich von Kolumbus
nach Europa gebracht)
hauptsächlich Rinder füttert
oder als Energie für Biogas
gesamtpflanzenverwertet wird.

Rascheln eines Buchenwaldes
himbeerstrauchunterstanden
hummelumbrummt,
an Blüten fleißende Bienen sind
die augenblickliche
Zeitlosigkeit / Eigenzeitlichkeit der Natur.

Und ein Zitronenfalter.
Da Vinci mit seinen Flugexperimenten
hätte es sich kaum träumen lassen,
dass einmal Passagiere für 19 €
über ganz Europa fliegen.

Die menschliche Geschichte hat hier
neben vielem anderen
Reformation und Gegenreformation gesehen.
Um die evangelische Stadtkirche
kreist seit Jahrhunderten ein Ring von Fachwerkhäusern.
Nach katholischer Historie sprach 1676
die Heilige Maria zu dem Dorstener Franziskaner Antonius Schirley,
sie möchte beim Hardenberg verehrt sein,
und sie werde einen Kranken heilen.
Pater Schirley sandte das Marienbild den Nevigeser Franziskanern.
Darauf wurde ein kranker Bischof gesund und dankte mit einer Wallfahrt.
Der heutige Mariendom
architektonisch symbolreich
von Gottfried Böhm entworfen,
wurde 1968 eingeweiht.
Eine Jahreszahl, epochal vielschichtig gewichtet.

Mais, Rinder, Bäume und Bienenvölker,
haben sie eigene kollektive Erinnerungen?

(Ein Gastgedicht von GrIngo Lahr)

Leuchttürme des Rheins: die HEROLDe zu Rheinfelden

Die Törichten bezichtigen den Hochrhein als nicht schiffbar.

Doch höret des HERRN Wort: „Verdammnis und Verderbnis aller Körpersäfte, sintemalen der Fortpflanzungssubstanz, den KLEINGLÄUBIGEN…!“, ja so spricht der HERR und hat Recht – dem munteren Fahrensmann ist auf dem Hochrhein soviel Wasser unter dem Kiel wie dem Kleingeist kurz vor Rotterdam – Rheinfelden, das für Banausen, Ignoranten, Idioten, Kleingeister, Schwachköpfe und Querulanten das Ende der „Schiffbarkeit“ markiert, hin oder her – wer das Pergament und die heiligen Tätowierungen seines Kapitänspatentes auch nur für drei Groschen würdig ist, befährt ohne Schuld und Angst den Hochrhein, der Loter lotet so oder so die Wassertiefe und wer es wert ist, ein Steuerruder in seinen verschwielten Händen zu führen, der segelt dortselbst wie in der Gnadenmutter Schoß – so sicher und unangefochten wie zwischen Bingen und St. Täublein – der Rest mag sich mit Wanderungen zu Lande aufhalten –

Diffiziler als Wasserstand und Flachwassernavigation ist allerdings die Schwierigkeit der Wirklichkeit.

Die Klugen wissen es: unzählig ist die Zahl der Welten, die sich parallel zueinander schmiegen – und manchmal verwechselt es, gerade im Zuge der Bewegung, den Strang, auf dem man sich beweget, lebet – gefährliche, ja höchst verderbliche Wechsel mögen vorkommen, Verhängnis, ja Verdammnis liegt im Wesen dieses Phänomens –

Justament vor Rheinfelden gabelt sich die Wirklichkeit – ostwärts wie westwärts – und mehrere parallele Welten schmiegen sich an den noch jugendlichen Rhein …

Zu warnen den Fahrensmann und die Fahrensfrau, so wurden errichtet die stolzen Leuchttürme „HEROLD OST“ im Westen und „HEROLD WEST“ im Osten, jeweils exakt fünf dreiviertel archimedäische Meilen vom Stromkilometer Sechsundsechzig, angezeigt durch einen Monolithen aus kaschubischem Obsidian auf dem Pier des Flachwasserhafens von Rheinfelden.

Nur wer die Lichtzeichen rechtzeitig achtet, bleibt auf dem ihm angestammten Pfad durch Realität und Existenz, den schaurigen Rest holen die Flußnymphen – so ist es eingerichtet seit der Zeit vor der Zeit von unserem HERRN und der Gnadenmutter höchstselbst –

(Ein Gastbeitrag und achter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf. rheinsein dankt!)

Liechtensteiner Hirtenave

Auf den Liechtensteiner Alpen Vaduzer Malbun (Pradame), Triesenberger Malbun und Sücka wird zur Zeit des Alpbetriebes allabendlich vom Obersennen ein Ave gesungen, welches volkskundlich in mehrfacher Beziehung von Bedeutung ist. Auf den beiden Malbuneralpen wird es von einem in der Nähe der Sennhütte stehenden Kreuze, auf Sücka hingegen auf der Höhe zwischen Rhein- und Saminatal gesungen, wobei sich der Sänger gegen das Rheintal wendet. So heißt es auch in der Liechtensteinischen Volkshymne in der 3. Strophe: “So frei die Gemse springt, kühn sich der Adler schwingt, der Senn das Ave singt der H e i m a t zu.”

Das Ave wird ohne instrumentale Begleitung gesungen, mitunter wird ein Jodler angeschlossen. Ueber die Zeit der Entstehung des Hirtenave ist nichts bekannt, doch mündliche Ueberlieferung und auch der Inhalt des Textes deuten auf jahrhundertealten Brauch zurück.

Der Text, welcher ohne nähere Erläuterungen zuerst 1910 von Dr. Eugen Ripp im Liechtensteiner Volksblatt (…) mitgeteilt und schließlich im Liechtensteiner Lesebuch für Oberklassen abgedruckt ist, lautet:

Juhu!
Oho! Oho! Ave Maria!
Gott Vater, der Schöpfer von Himmel und Erd’,
Beschirm’ unsern Ring, behüt’ unsern Herd!
Unsere liebe Frau mit ihrem Kind,
Breite den Schutzmantel über Alp’ und Gesind’!
Sankt Petrus, du Wächter an der Himmelspfort’,
Schütz’ uns vor Raubtieren, sei unser Hort!
Bann’ dem Bären die Tatzen, dem Wolf den Fang,
Verschließ’ dem Luchs den Zahn, dem Stein den Gang,
Sperr’ der Leue die Bahn, dem Wurm den Schweif,
Zertritt dem Raben den Schnabel, die Kralle dem Greif!
Sankt Theodul, du heiliger Schutzpatron,
Bitte für uns bei Gott am Himmelsthron!
Sankt Sebastian, hör’ unser Bitten und Flehen,
Laß’ kein Unglück zu Holz noch zu Stein geschehen!
Sankt Cyprian, Fürbitter in aller Not,
Bewahr uns vor Unfall und jähem Tod!
Sankt Wendelin, Heiliger mit dem Hirtenstab,
Recht wende du und weise unsere Hab’!
Lieber Sankt Veit, weck’ auf uns zu rechter Zeit,
Behüt’ uns in unserm Tal
Allhie und überall!
Das geschehe im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit
Und in Gottes höchster Dreieinigkeit!
Oho, behüt’ uns Gott!
Oho, behüt’ uns Gott!
Oho, behüt’ uns Gott!
Juhu! Juhu!

Quelle: Hofrat Dr. August Mahr, Das Hirtenave von Liechtenstein, gefunden in: eliechtensteinensia

Cologne is one of the best cities in Germany

“Cologne is one of the best cities in Germany, seated upon the river Rhine; the streets are large, the houses high, the churches and monasteries great and numerous. The town-hall is a stately building; over the portal are written several Latin inscriptions, expressing the occasion of the building of this city by Agrippa, cousin to Augustus Caesar, scilicet, to hinder the incursions of the Suevi into the lower parts of Germany.
In the lower rooms are kept the courts of guards; in the first story the senate doth assemble; the second story contained a great number of Roman arms, distributed into several chambers; as also the third, scilicet, bucklers, some of which are whale-bone; cross-bows, and a great number of bolts. Amongst others there was one of those machines used by the Romans for a battery, called Ballista (…)
From the top of this house is an easy and pleasant prospect of the whole town, it being higher than any steeple there.
The cathedral is a fair church, but imperfect, neither the steeple nor body of the church being brought to their first intended height.
There they show several reliques; among others the bones of eleven thousand virgins of this country, who, for the more easy practice of their Christian religion, followed a king of England`s daughter to Cologne, and were all there martyrized with their leader, by a king of the Hunns.
The tombs of the three kings that came to worship our Saviour, first buried at Milan, and afterwards translated hither upon a certain day, which they observe as the greatest festival of the whole year. Their bodies, dried like mummy, are that day exposed to public view, the tomb being uncovered. One of them (they tell you) is much blacker than the rest, which they take to be the King of Aethopia. All the pilgrims (whose devotions lead them thither), that day, are treated and waited on at meat by the senators barefooted.
Near to this tomb lies a vast stone, which they tell you the devil threw in at the top of the church to destroy it, which heaven miraculously diverted; showing a round place in the repair of the roof, where it should enter. (…)
The next church of note is that of the Jesuits, built after the modern use: in the middle alley, going up to the choir, stand fourteen excellent statues, our Saviour`s with six of the apostles on one hand, our Lady`s with the other six, on the other side. (…)”
Der Zufall wollte, daß wir heute mit einem Kölner Stadtführer verabredet waren. Weil wir nichts von Reresbys Kölner “Jesuitenkirche” wußten, fragten wir bei derart passender Gelegenheit, ob es eine solche noch gäbe und er führte uns kurzerhand zu St. Mariä Himmelfahrt. Da wachen sie nach wie vor, die “fourteen excellent statues”. Gemeinsam klapperten wir weitere Innenstadtkirchen ab, erfuhren wo Karl Marx seine Schokolade trank, wie Georg Weerth in der Rheinischen Zeitung den Wortlaut offizieller Verlautbarungen im Feuilleton abdruckte und somit zur Satire umwertete und schlenderten durch längst verschwundene Gassen. Doch weiter im Reresby:
“The greatest part of the inhabitants of this city are Romanists, none being allowed the public practice of their religion but those; nor, by a late law, can any marry and settle amongst them, that is a protestant; which severity, with others in that kind, gives it the name of Roma Germanica.
The women here follow much the mode of Brabant, wearing upon their foreheads a round peak like unto a saucer, of black velvet; from the middle rises a black stalk of the size and length of a man`s finger, tufted with silk at the end; from the back of their heads there falls a black veil down to their heels, like widows. (…)
Here was born Bruno, the founder of that strict order of the Chartric, by the rules of which establishment the monks are never allowed to eat flesh, or to speak one to another, except at certain times, and those but few.”

(aus: The Memoirs and Travels of Sir John Reresby)

Das Kindlein von Pfäfers

Vor rund einem Monat kam die über 80-jährige Rentnerin Cecilia Giménez zu Weltruhm, indem sie in einer Kirche in Borja (Nordspanien) ein blätterndes Jesus-Fresko auf eigene Faust restaurierte, und mit dem Ergebnis, das an das Abbild einer Monchichi- oder Mecki-Puppe erinnerte, in hohem Maße Sympathien und Spott auf sich zog. Die Dreierfolge (Original, letzter Zustand vor der Restaurierung, neuer Zustand) des Bildes wurde infolge der vielbeachteten Nachricht zu einem der bekanntesten Triptychen des Internets. Während Presse und professionelle Kunstwelt von Zerstörung sprachen, fanden sich Laienstimmen sonder Zahl, welche Giménez Übermalung als Verbesserung verteidigten.

Abrupt an diese Vorfälle erinnert fühlten wir uns in der ehemaligen Klosterkirche von Pfäfers, als wir auf folgende Darstellung des Kindleins samt Gottesmutter stießen:

pfäfers_mutterkind2

Die nachlässig frisierte Perücke, der pausbackig-babyhaft-debile, gebannt sich im Szeptergold spiegelnde Ausdruck, die pompöse Kleidung samt neckisch sitzender Bombastkrone: all das schien spontan restaurierungsbedürftig bzw längst unerkannt restauriert, für eine Jesusdarstellung jedenfalls aufrüttelnd oder doch zumindest ungewöhnlich und somit in jedem Fall Kunst.

Nach dem Kirchenbesuch stießen wir in Pfäfers auf den uns unbekannten, irritierenden Begriff Störmetzger. Wohl ein Schweizer Ausdruck. Bei Störmetzgern handelt es sich um Metzger, die außer Hauses metzgen. So werden sie auf Bauernhöfe gerufen, wenn dort ein Tier zu schlachten und zerlegen ansteht. Wäre Störmetzger nicht aber auch ein passender Begriff für selbständig-mobile Einsatzkräfte in der Kunstrestaurierung und ein wunderbares Lehnwort im amerikanischen Englisch? (Aus dem amerikanischen Englisch zurück ins Deutsche geholt würde sich der Horrorfaktor, der dem Wort zweifellos innewohnt, noch subtil vervielfachen.)

Linz (2)

licht

Linz wirbt für sich als „die bunte Stadt am Rhein“. Mag sein, daß es am Rhein buntere gibt als das 5000 Einwohner-Örtchen (sie werben ja auch keinesfalls mit „die bunteste…“). Gewiß firmieren unter dem Buntheitsbegriff verschiedene Vorstellungen. Für seine Größe jedenfalls ist Linz, soweit sich das in der Dämmerung erkennen läßt, durchaus erstaunlich bunt – unter deutschem Novemberhimmel hat es jede Schönheit schwer. In Linz machts die Mischung von Hübschem mit Häßlichem, Denkmalgeschütztem mit Bausünden, Mainstream-Touristenkitsch mit plötzlichen Randklüften. Der Rheinsteig verläuft mitten durch den Ort und tatsächlich sahen wir einen Outdoorbejackten, Nordicwalkingsticksbewehrten und stellten uns vor, wie seinesgleichen im Sommer klackernd, im Gänsemarsch die Fachwerkfassaden passieren. Wir passieren hingegen die sieben Stationen der Schmerzen Mariens und geraten an ein geheimnisvolles Licht, das, anders als die Weihnachtsbeleuchtung, einen interferenten Sog entfaltet: seine Frequenzen bergen Zeichenfolgen, kryptisch, schlierig, energetisch, apokalyptisch, aber auch warm und stabil gerahmt – bald wird uns klar, daß ein Gedicht in dieser Lichtquelle mitschwingt, ein sehr sehr altes, in zeitgenössischer Fassung.