Marcel Crépon über Franz Liszts Platane (3)

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(…) Zwei Metro-Stationen entfernt von der Kirche befand sich seine Wohnung, eigentlich ein ehemaliges Zofenzimmer, im fünften Stock gelegen, mit genügend Platz, um keinen wirklichen Platz zu haben, welcher jedoch ausreichte, um sich im Kreis zu drehen. Das eingerahmte Blatt hing über dem Bett, es stammte eindeutig von einer Platane ab. Obwohl die Lichtverhältnisse miserabel waren, sah ich wie der Mann ein Profil von Liszt mit Tusche und Wasserfarbe darauf gezeichnet hatte. Es sah nicht schlecht aus, wenn auch nicht besonders schön. Während wir uns darüber unterhielten, blieb die Frau stumm auf dem Bett sitzen. Dann stand sie auf, näherte sich dem Rahmen, riss ihn plötzlich vom Wand ab und schlug mit der Hand darauf, wobei ihre Ringe als eine Art poing américain dienten und das Glas zerbrachen. Überrascht (ich) und entsetzt (der Mann) blieben wir still und starrten sie an. Sie schaute mit einer Art pathologischem Vergnügen zurück, so als ob sie die Absicht hätte, das braune, getrocknete Blatt zu zerreißen, oder es vielleicht zu verschlucken, um sich dessen Zauber einzuverleiben. Doch weder das eine noch das andere tat sie, sondern sie nahm es an ihren Mund und küsste es. Dann legte sie es auf das Bett und ging. Nun lag es da, von verstaubtem Glas befreit. Vorsichtig, doch fest entschlossen fragte ich um Erlaubnis, es photographieren zu dürfen. Der noch regungslose Mann bejahte mit den Augenlidern. Ich machte einen Aufnahme, und hörte wie er in meinen Rücken flüsterte:

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Dies, das letzte meiner Lieder
ruft dir. Komme wieder, wieder!

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon

***

Direkt oder indirekt zitiert :

- Felix Lichnowsky, Die Nonnenzelle
- Franz Liszt, Die Nonnenzelle, S.274/1 (Eck, Köln 1843)
- Jean Cras, Poèmes intimes, Nr. 5: La maison du matin (Eschig, Paris 1912)
- Antoine Mariotte, Kakémonos op. 20, 4 pièces japonaises pour piano, III – Temple au crépuscule (Enoch, Paris 1925)
- Wind des Rheines – “Le Vent du Rhin”: unter diesem Titel wurde Alcools von Apollinaire in dessen Revue Immorale 1905 angekündigt.

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- Jacques Trochet (Nonenwerth, 9. August 1794), Baptiste Toulié (Nonenwerth, 26. August 1794). In: Charles-Louis Chassin & Léon Hennet, Les volontaires nationaux pendant la Révolution. Historique militaire et états de services des huit premiers bataillons de Paris, levés en 1791 et 1792 (Paris, 1899-1906)
- Günther Prötzies, Studien zur Biographie Franz Liszts und zu ausgewählten seiner Klavierwerke in der Zeit der Jahre 1828-1846 (Bochum, 2004)
- ”Der nach dem mittleren Rheinarm gelegene Rand der Insel trug den stolzen Namen ”Die Schweiz”. Woher der Name kam, ist schwer zu begreifen, denn es war der häßlichste Theil des ganzen Besitzthums: ein sandiges, unebenes Terrain mit ruppigen Birken und Hollergebüsch, das im Sommer stets klebrig und voll Insekten war, und das die Aussicht auf den Rhein und das Gebirge versperrte. Auf der anderen Langseite der Insel, Rolandseck gegenüber, zog sich eine alte Pappelallee hin. Ringsum aber rauschte der Strom, und von den Ufern winkten die Berge mit ihren Ruinen und ihren Landhäusern zu uns herüber.”
Christine von Hoiningen-Huene, Nonnenwerth. Eine rheinische Klosterschule. In: Deutsche Rundschau, Bd. 100, Juli-August-September 1899.
- Franz Liszt und die Gräfin d’Agoult in Nonnenwerth 1841-1842. Aus dem Nachlass Varnhagens von Ense mitgeteilt von Emil Jakobs. In: Die Musik, Halbmonatsschrift mit Bildern und Noten, hrg. von Kapellmeister Bernhard Schuster, October (Berlin und Leipzig 1911-1912).

Marcel Crépon über Franz Liszts Platane (2)

(…) Ich muss gestehen, liebes rheinsein, dass ich recht erstaunt, ja etwas dumm da stand, fasziniert zu sehen wie der Disput sich entflammte, so als ob die jeweilig vertretenen Ansichten aus reinem Schießpulver bestünden. Ich sah beide Liszt-Anhänger, kurz zuvor in der Kirche noch von Harmonien und Melodien durchtränkt tief in sich versunken, nun zwei Frachtern gleich mit voller Kraft voraus und bereit zum Aufprall. Wer zuerst Gewalt anwandte, vermag ich heute nicht mehr zu erinnern. Auf einmal standen sie in der wenig beleuchteten Außenseite der Kirche, und während der Mann sich seine errötete Wange mit der linken Hand rieb, ergriff die rechte das Haar der Frau, die sofort mit geballter Faust in des Gegners Magen zurückzuschlagen versuchte, doch nur die Rippen traf, jedoch nicht kräftig genug, um den Mann daran zu hindern sie an den Schulter zu packen und heftig zu schütteln, wobei er seine Deckung aufhob und den Weg frei gab für ein feindliches Knie, das zwischen seinen Beinen einen Totalschaden angerichtet hätte, wäre nicht der Wintermantel vorhanden gewesen, der auch dafür verantwortlich war, dass die Frau leicht ihr Gleichgewicht verlor, was sie jedoch zu ihrem Vorteil nutzte, um dem Mann einen Kinnhaken zu verpassen, der ihn einen Augenblick verunsicherte, doch ließ die Parade nicht auf sich warten, indem er, sich daran erinnernd, dass auch Frauen einen sensiblen Genitalbereich vorweisen, hinterlistig einen Fuß in die erwähnte Region erhob, was die Frau geahnt haben musste, denn sie schritt instinktiv und flink beiseite, und umschlang ihn, um weitere Angriff zu vereiteln, eine Taktik, die von ihm sofort imitiert wurde, und zwar so kräftig, dass beide zu Boden fielen, die Umarmung mit den Beinen erweiterten, was den Kampf als einen leidenschaftlichen, furiosen Liebesakt erscheinen ließ, in dem die von Eros und Thanatos freigesetzten Energien beide Liebenden im besten Fall annihilieren. So weit kam es jedoch nicht. Die Bellizisten honorierten einander mit weiteren Schlägen, Strangulationsversuchen, Rupfen, Beschimpfungen, wie eben nur der selbstlose Egoismus der Liebenden es zustande zu bringen vermag. Sollte ich eingreifen, oder dem Kampf seinen Lauf lassen? Ich erinnerte mich wie in Alice im Wunderland der Siebenschläfer die Aufmerksamkeit des irrsinnigen Teetrinkers zu sehr auf sich lenkte, und in eine Teekanne gestopft wurde. Das gleiche Schicksal hätte mir drohen können, in einer herumstehenden Mülltonne. Also schwieg ich, und schaute weiter. Bald ließen sowieso Heftigkeit und Präzision der Angriffe nach, bald lagen die Kontrahenten erschöpft, wie zwei von der Ebbe zurückgelassene Strandgüter. Es röchelte, sabberte, stöhnte, wimmerte, spuckte. “Eine Platane war es…”, seufzte dann der Mann, “ich weiß es, ich war dort”. Die Frau drehte ihm langsam den Kopf zu. “Ja, ich bin auf der Insel gewesen. Um auf die Insel zu gelangen, nutzte man damals eine Fähre mit Seilen. Den Betreiber fragte ich halb auf Englisch, halb mit Zeichensprache, ob er mich übersetzen könnte. Er verneinte, es sei denn, ich wolle zum Friedhof. Meine Absicht war es gewiss nicht, d.h. nicht wie dieser Charon es vielleicht meinte. Doch so war es: auf die Insel kam man nur, um die Toten zu besuchen (vielleicht hätte mich als Nachfahre der arme Trochet, oder der arme Toulié, die 1794 auf der Insel verstarben), zu beten oder wenn man im Mädcheninternat eingeschult ist. Damals war es auf jeden Fall so.” – “Und was geschah dann?” wollte die Frau wissen. “Den Rest des Nachmittags verbrachte ich in einer Gaststätte, beobachtete die Aktivität auf dem Fluss, machte Fotos.

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Nachts wagte ich mich zur Insel. Zwischen ihr und dem Ufer ist der Rhein wirklich nicht breit, kaum 100 Meter und so gut wie ohne Strömung. Ich hatte also leichtes Spiel. Am Ufer angekommen waren es nur ein paar Schritte bis zur Plat…” – “Pap…” – “Sagen wir bis zum Baum”, unterbrach ich. “Und danach? Haben Sie sich wie ein billiger Verführer zu den Mädels geschlichen?” – “… ??????? Nein, ich kniete am Fuß des hoch ragenden Stammes, schloss die Augen, berührte die Rinde, die einst von Liszts Fingern angefasst wurde, und weinte. Nach einer Weile schwamm ich dann zurück, als fast das Blatt, das ich mitgenommen hatte, als ich kurz Luft schnappen wollte, vom Wasser weggespült worden wäre.” Die Unbekannte hörte schweigend zu, nickte mit dem Kopf, hielt dennoch an ihrer Pappel fest, bezeichnete sie als Todessymbol. Die Rheininselidylle verdüsterte sich allmählich, bis sie von “Nonnenwerth suicide”, von Vorahnung sprach und versicherte, dass Liszt, als er den mit bunten Bändern geschmückten Baum zu pflanzen gebeten wurde, eine Pappel sah, ähnlich denjenigen, die den Kenotaphen Rousseaus umstehen auf der Île des Peupliers, und er nicht den Kenotaphen sah, sondern, statt seines ersehnten Refugiums, das Grab seiner Liebe für Marie d‘Agoult. Es sei ja bei einer Pappel geblieben. Mit Volldampf habe Liszt vor seinem Geburtstag links und rechts die Rheinufer mit Konzerten bombardiert, seinen musikalischen Feldzug danach fortgesetzt, Berlin, Sankt Petersburg und wo sonst noch – und mit wem… Doch sei ein Wunder geschehen: aus der einen Pappel sei schließlich eine ganze Allee geworden, wie sie Christine von Hoiningen-Huene in ihren Erinnerungen… Der Mann stoppte die Lawine: “35, 40 Jahre später niedergeschrieben… Wer mag da zwischen Platane und Pappel unterscheiden? Die Beschreibungen eines Augenzeugen sind da zuverlässiger; Marie von Czettritz und Neuhauß spr…” – “Ja, von Austern, Leberpastete, Torten, Ananas, Wildschweinkopf kann diese Frau in ihren Briefen reden, von Thermometern, Medaillen, von bemalten Inseln, von in Drachen verwandelten Inseln oder was weiß ich? Sie mag das Äußerliche, das Unwichtige detailgetreu wiedergeben, was aber ist mit dem Innerlichen?” – “Meinen Sie, der Baum wäre äußerlich ein Populus gewesen, und im Inneren ein Platanus? Oder verstehe ich falsch? Welch Unding! Was zählt ist das Blatt, das ich gegen den Strom zurückeroberte und mit nach Hause nahm.” Um eine Fortsetzung des Kampfes zu unterbinden, schlug ich vor, wenn es dem Mann recht wäre, das Blatt anschauen zu dürfen. (…)

Fortsetzung folgt.

***

Marcel Crépon für rheinsein aus Paris. Im folgenden und abschließenden dritten Teil seines Berichts wird die Frage, ob es sich bei Liszts auf der Insel Nonnenwerth eigenhändig gepflanzten Baum um eine Platane oder Pappel handelt, endgültig entschieden.

Marcel Crépon über Franz Liszts Platane

Liebes rheinsein,

wie ein schlafgestörter Siebenschläfer durchstreifte ich die kalte, nasse Misere eines winterlichen Pariser Abends, und “blätterte”, in Erwartung den Müdigkeitsprozess in Gang zu setzen, im offenen Buch des Straßengeschehens: Wände, Fenster, Schaufenster, Stadtmöbel, bis ich vor einer Ladentür stehen blieb. Mehr als der programmatische Inhalt war es das Flattern eines fahlen grünen Plakats gewesen, welches meine Aufmerksamkeit erweckte hatte. Eine bescheidene Schwarz-Weiß-Fotokopie, mit Tesafilm auf der Scheibe befestigt, die mit anderen, auf Glanzpapier gedruckten vierfarbigen Ankündigungen, um die Gunst der Passanten konkurrierte. Ich beobachtete die Reaktion einer abgerissenen Ecke auf jeden Luftzug, die manchmal mit hektischen, manchmal mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen ausfiel, als in meinen Rücken eine weibliche Stimme erklang: “Mögen sie Liszt?”. Darüber nachgedacht hatte ich noch nie. Lausche ich Musik, ist das mehr zufällig als infolge irgendeiner Präferenz. Ich drehte mich um, bewegte die Gesichtsmuskel so, dass keine interpretierbare Äußerung möglich war, und skizzierte mit den Händen in der Luft geschickte, bedeutungslose Gebärden. Kurz: ich legte mich nicht fest, lenkte lieber auf die Programmgestaltung ab, laut der neben Liszt Stücke von Jean Cras und Antoine Mariotte musiziert werden sollten. Die Frau zog einen subtilen Bogen von „Die Nonnenzelle“ über „La Maison du Matin“ hin zu „Le Temple au Crépuscule“, irdische Einrichtungen, die den weltlichen Rumor einzudämmen wüssten, allein um der Welt einen würdigen Eintritt in den Geist zu gewähren. Es fiel mir aufrichtig schwer, ihren Gedanken zu folgen. Es reichte ja, wenn ich sie zum Konzert begleiten würde, neugierig zu hören was erklingen würde. Denn wie das Morgenhaus am Meer lachte und der Tempel sich vielleicht in einem Tümpel spiegelte, so war gewiss die Nonnenzelle vom Wind des Rheins belüftet. So stellte ich sie mir vor: karg eingerichtet und voller Demut, still, doch von erhabener Idiotie vibrierend, feucht vom Gebetsschweiss, eng, doch majestätisch wie die Kuppel des Panthéons, welche hinter den Dächern aufragte und der wir uns näherten. Fast am Ende der rue des Carmes angekommen, machte die Unbekannte ein Zeichen und wir gingen durch einen kleinen Hof bis zum Eingang einer Kirche, erbaut im XIV. Jahrhundert, umgebaut im XVII., und zuletzt 1733 im Barockstil neu errichtet. Darauf hatte die Revolution die Wappen ihrer letzten Gönner vom Portal gehämmert, und sie mal als Gefängnis, mal als Lager genutzt; 1925 wurde sie der syrisch-katholischen Kirche übergeben; aufgrund ihrer ausgezeichneten Akustik werden dort heute regelmäßig Konzerte veranstaltet, wie ich einem Informationsblatt entnehmen konnte, während die Unbekannte die Karten zahlte. Wir traten ein. Als wir wieder herauskamen, schwebte sie wortwörtlich. Ihre Bewunderung für Liszts Opus war in eine Art Verzückung übergegangen. Körperlos schien sie über das Pflaster zu gleiten. Lächelnd beschrieb sie, wie jeder Akkord, jede Note sie an das sanfte, zarte Geraschel von Blattwerk im Sommerwind erinnerte.
- So ist es, fügte ein uns folgender Melomane hinzu. Man könnte glauben, man säße unter Liszts Platane, deren Blätter von der Flussbrise gestreichelt werden und friedlich säuseln, und siehe da: aus des Wassers Welle taucht einsam die Klosterzelle auf, wie es im Gedicht Felix Lichnowskys so schön dargestellt wird.
- Welche Platane? fragte ich.
- Liszts Platane, sagte ich bereits, die er vor fast 200 Jahren auf der Insel Nonnenwerth…
- Es war aber eine Pappel, erwiderte die Unbekannte, die blitzartig auf den Boden der Realität zurückgefunden hatte.
- Eine Platane, Madame, 1841 vom Maestro eigenhändig, am Tag seines 30. Geburtstags gepflanzt.
- Warum nicht eine Kokospalme oder ein Gummibaum?!
- Liszt war ein Poet, kein Plantagenaufseher. (…)

Fortsetzung folgt.

***

Offenbar hielt sich Marcel Crépon vor kurzem in Paris auf. Das entnehmen wir einer ausführlichen, mit Fotos illustrierten Mail unseres treuen Leserreporters, die, einer großstädtischen Laune zufolge, den Aufenthalt Franz Liszts auf der Rheininsel Nonnenwerth zum Thema hat. Wir stellen Monsieur Crépons rheinisches Erlebnis zu Paris in drei Teilen vor. Soviel vorweg: Teil 2 wird eine furiose Kampfszene enthalten.

Marcel Crépon vom Rheinfall (3)

Den Bodensee stellte ich mir als ein riesiges Waschbecken vor, dessen Stöpsel eine mächtige Hand gezogen hätte. Das Wasser warf sich rücksichtslos in die Tiefe. Weiß sah es aus, wie von einen Mixer geschlagen, schaumige, reine Milch. Meine Begleiterin, trunken von Bier, Sonnenstrahlen, Wasserspiegelungen und Litaneien, nickte stumpfsinnig, schaute jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Unter großen weißen Sonnenschirmen hechelten Wanderer. Müde kommentierten sie zahlreiche Reisen, mit dem Fahrrad bezwungene Bergketten, im Eiltempo verschlungene Wälder, durchkreuzte Seen, sehnten sich nach hoch verdienten Getränken und Speisen. Abwesend blickte die Frau auf eine andere Gruppe hinter dem Heldenrund. Der Hitze mit erstaunlicher Lebhaftigkeit trotzend, fotografierten sich gegenseitig neben einer naturgetreu reproduzierten Alpenkuh, die dort ausgestellt war, Inder: Kinder Eltern und Eltern Kinder. Zart gestreichelt wurden die Flanken, liebevoll gehalten die Ohren der Kuh, man mimte ernst das Melken.

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So muss es sich wohl beim Mahashivarati-Fest abspielen, nur mit hunderttausenden Anbetern mehr. Wie hypnotisiert näherte sich die Frau langsam der Skulptur und wurde von den Indern quasi einverleibt. Sie verschwand, tauchte wieder auf. (Wie lange blieb sie dort? Was war unterdessen geschehen?) Unwiderruflich der Schaden: sie sah verstrahlt aus, ihre Augen glänzten wie die Oberfläche eines gomphide glutineux (2). Sie hätte, so erzählte sie, den Eimer unter den Schwanz der Kuh gestellt, wie ihr befohlen worden war. Ida und Aditi hätten ihr das Geheimnis des Emmericher Wappeneimers zugeflüstert: Kuhfladen wurden mit dem Eimer gesammelt, die getrocknet als Brennstoff Verwendung fanden. Die Theorie wäre gewagt, aber nicht uninteressant, kommentierte ich, um etwas zu sagen, dabei höflich zu bleiben, nicht sofort in Lachen auszubrechen. Von reinigendem Urin und Dung, von befreiten kosmischen Kühen lallte die Frau weiter, in höchster ekstatischer Erregung: sie wolle sich nun mit den muhenden Gewässern vereinigen, denn wer im Yama-Reich den Ahnen einen Besuch abstatten möchte, dem würde die Kuh bei der Überquerung helfen. Dass sie ernst machte, merkte ich, als sie ein paar Selfisten liebevoll, doch entschlossen beiseite schob und über das Geländer zu klettern begann. Der Wissenschaft zu Liebe hätte ich sie machen lassen müssen, doch griff ich nach ihrer Bluse und hielt sie ab, zeigte auf das Wasserrad. Dessen gleichmäßige Drehungen, die von Moosen bedeckten, immer wieder ein- und auftauchenden Schaufeln funktionierten fabelhaft als Ablenkung. Sie pflanzte sich davor, ich entfernte mich geschickt Richtung Schlössli Wörth.

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Im Becken am Fuß der Felsen, die stichsägengleich das Wasser zu zerteilen schienen, taumelten und schaukelten gelbe, blaue, rote Schiffe, beladen mit mutigen und aufgeregten Naturfreunden. Auf der Uferpromenade abseits der menschlichen Ströme saß ein Mann auf einer Bank. Einer, der mehr in seinen Kleidern zu geistern schien als von ihnen bekleidet zu werden. Neben ihm waren drei mit Wasser gefüllte Fläschchen aufgestellt. Am Boden der mittleren lagen Sandkörner und Steinchen. “Die erste Flasche ist gefüllt mit Rheinwasser vor dem Fall, die zweite mit Wasser nach dem Fall, die dritte beinhaltet eine Mischung aus beiden”, erklärte der Mann.

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Verkaufte er Rheinwasser an Touristen? Versprach er ihnen Wunder? Zeit böte er an, nichts als Zeit, flüssige Zeit. Konnte er damit Kunden gewinnen? Viele wäre übertrieben gewesen, aber es waren erheblich mehr als damals, als er versuchte hatte mit Rheinwassereis Geld zu machen. Die Kügelchen, die wie Schneebälle aussahen, hatte er eigenhändig hergestellt, ehe sie schmolzen, was recht schnell geschah. Mit genügend Mitteln hätte er in einen Kleinwagen investiert gehabt. Sorbets, Speiseeis vorbereitet, richtige Kugeln, wie aus dem Schnee der Bergeshöhen. “Und was kostet sie, diese Zeit?” – “10 CHF die Flasche, Euros nehme ich auch an.” – “Nicht alle drei zusammen?” Der Mann beugte sich beiseite, nahm aus seinem Rucksack eine leere Mineralwasserflasche, füllte sie mit dem Wasser der Fläschchen. “Das ist Zeit, 10 CHF…”

Erst zurück am Rad fühlte ich mich beruhigt: Kein Eklat, keine aufgeregte Menschenansammlung, weder Polizei noch Rettungsdienst. Die Inder waren weg. Die Frau ebenso, deren Name ich nicht in Erfahrung bringen konnte. Nur das Braunvieh stand da, blickte verträumt in Richtung Fluß, wohin ich ebenfalls zurückkehrte. An der Oberfläche schrieb Gischt in stetigem Schlängeln Texte, die nur von Forellen zu entschlüsseln sind.

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Fast hätte ich vergessen die “Baum-Hieroglyphen” (3) von Mr. Pyeux zu erwähnen. Erinnern Sie sich?

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Andere gesehene und gehörte Dinge verschweige ich hier zunächst.

Im Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,

Ihr Marcel Crépon

***

(2) Dt.: Großer Schmierling
(3) Fußnoten und Hyperlinks stammen von der Redaktion

Marcel Crépon vom Rheinfall (2)

Mein Begleiter kannte das Panorama auswendig und legte sich im Schatten der Station zum Schlafen nieder; was also tun, außer die 360°-Einladung anzunehmen? Herrlich war es! Wenn nicht gerade von Wolken retuschiert. Berge, überall Berge, ein Meer von Bergen… graue, blaue, grüne Gesteinswellen, aufgestapelte Sedimente, geschrumpfte Gletscher, in nördlicher nebeliger Ferne kreisten Zeppeline und ich sah: den Bodensee. Ahnte zu sehen, wäre richtiger. Denn soweit sehen meinen Augen längst nicht mehr. Immerhin stimmte die Richtung! Nun, ich besuche oft genug Ihre Seiten, um zu wissen, dass der Rhein in den Bodensee fließt, und aus dem See heraus. Was dazwischen mit ihm geschieht, wissen Sie besser als ich. Doch vielleicht auch nicht ganz genau? Ich entschied mich, der Sache auf den Grund zu gehen, obwohl ich weder des Schwimmens noch Tauchens mächtig bin. Ob das eine Rolle spielen würde? Velle parum est; cupias, ut re potiaris, oportet. (1) Mein Begleiter schlief, ich träumte weiter, und ging. Kam irgendwann auch an, bereit für den nächsten Anschluss. Auf den Gleisen fiel mir eine Frau auf. In der rechten Hand hielt sie einen Eimer, in der linken nichts. Beide, Eimer und Nichts, mussten sehr schwer gewogen haben, denn sie schien erschöpft, schleppte sich gebeugt und seufzend dem Wagen zu. Sie war wie die Uhr am Bahnhof: zeigerlos.

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Auf “Visionssuche” war sie in den Bergen gewesen, hatte nichts gefunden und sogar ihre Begleitung aus den Augen verloren. Mit unauffälliger, doch fester Dialektik lenkte ich die Unterhaltung auf etwas mir Vertrauteres: den Eimer, den sie auf ihrem Schoß festhielt, während der Zug um den Bodensee baumelte.
Von weit her hatte sie ihn herbeigetragen: von Emmerich. Schaffhausen war ihre nächste Etappe. Auf dem Berg war das visionäre Versprechen fehlgeschlagen, doch vermochte sie dort etwas wahrzunehmen wie: “Schaffhausen, Schaffhausen, schaff es nach Hause, Schaffhausen, wo alles sich offenbaren wird”. Ich verstand kein einziges Wort, außer Schaffhausen, also Rheinfall. Die Frau stotterte etwas über die nur vermutete Herkunft des Eimers auf dem niederrheinischen Stadtwappen, und wie sie in der Turbulenz der Fälle genaueres erfahren sollte. Ich erwiderte nichts, doch war natürlich sofort dabei, und schon marschierten wir den Fluß entlang. Die Hitze. Das brueghelgrüne Wasser. Die Frau. Sie psalmodierte vor sich hin, als ob sie die Wand der Wirklichkeit durchbrechen wollte, sich in Trance versetzen… Warum? Bald kamen wir auf die Höhe eines Holzbaus… “Was ist das?”, fragte sie. Ich: “Da drin werden die todessüchtigen Romantiker aufgesammelt, damit sie nicht am Wasserfall als aufgedunsene Leichen auftauchen und den Anblick zerstören…” Das bis jetzt recht langsam fließende Wasser schien auf einmal in Eile zu geraten, die Oberfläche bewegte sich auf und ab in kleinen sich multiplizierenden Wellen. Sterne funkelten. Darunter ondulierten Algen (wenn Ihnen der Film Die Nacht des Jägers in Erinnerung geblieben ist, können Sie das Bild vervollständigen – schon hallte die Stimme Robert Mitchums über uns hinweg: leaning… leaning…), vielleicht war es das Haar der erwähnten Romantiker? Oder Süßwasserjungfrauen? Meine Fragen ließ die Frau unbeantwortet, sie erhöhte das Tempo ihrer Mantras und Schritte unter nicht zu übersehendem Schweißverlust, den sie mit dem Leeren von Falkenbier-Dosen auszugleichen wusste. Abgesehen von tanzenden Wellen war nichts zu sehen, doch kündigten sich die baldigen Fälle an.

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Plötzlich schien das Wasser vor sich selbst zu fliehen, oder von unsichtbaren Kräften angezogen zu werden. Der Weg, den wir bis jetzt allein gegangen waren, wurde lebendiger, einzeln oder in Gruppen vermehrten sich die Spaziergänger in sich steigernder Polyphonie. Manche folgten hoch gehaltenenen Wimpeln, manchen bevölkerten die Bahnbrücke. Das Getöse wurde lauter, mit zunehmender Nervosität klatschte das Wasser gegen die Pfeiler, dann die Felsen und man bekam den Eindruck, es höre einfach auf. Wo es hätte weiterfließen müssen, war nichts außer einer breiten Öffnung, dann entdeckte man es wieder, seinen Lauf fortsetzend. Da waren wir also. Besucher selfierten, mit Stab, ohne, als hormonell gedopte junge Paare oder halb mumifizierte Greise und alles, was noch dazwischen lebte. (Fortsetzung folgt)

***

(1) Dt.: Wollen reicht nicht. Man muß begehren, damit eine Sache gelingt.

Marcel Crépon vom Rheinfall

Liebes rheinsein,

Eine Wand des Zimmers, das ich zum Sommerende bewohnte, schmückte ein Ölgemälde. Wenn das Motiv (ein Stillleben mit Weintrauben, Apfel, Birne, einem Krug) der klassischen Tradition entspricht, so ist die Darstellung ungewöhnlich, indem der Maler die Vergänglichkeit der Dinge durch einen Schnipser angedeutet hat. Unsichtbar die dafür verantwortliche Hand, umso effektiver das Umkippen der mit verblassten Weintrauben gefüllten Schale. Durchs Fenster ließ sich auf der gegenüberliegenden Wand die Welt erblicken. Felder mit hochgewachsenem Hopfen im Vordergrund, der Bodensee, und im Hintergrund je nach Wetterlage die Voralpen. Berge. Everest, Ventoux, Kilimandscharo, Säntis, Berge sind da, damit wir hinauf gehen können, um, ist der Gipfel erreicht, auf andere Berge Ausschau zu halten. Aber nicht nur, wie ich ihnen nun berichten werde.

Mit dem Namen Agaric werden Sie wenig anzufangen wissen. Nach Pferdeschweiß, rostiger Rüstung und klirrenden Waffen klingt er – tatsächlich handelt es sich um einen Pilz. “Sebastian Münster”, erzählte mir mein Begleiter als wir eine Pause im Schatten einer Lärche einlegten, “erwähnt ihn in seiner “Cosmographie”, zitierte eine, benutzte jedoch zwei Schilderungen Plinius des Älteren, und brachte ein bisschen alles durcheinander. Da wo der Ingelheimer versicherte, der Pilz sei ein ausgezeichnetes Mittel gegen Kopfschmerz, sagte der Römer, er würde Cephalgie verursachen. Eigentlich beschrieb der Gelehrte den Lärchenschwamm (Polyporus officinalis. Bei Plinius: Agaricus officinalis), doch verwendete er dafür eine Zeichnung von Agaricus arvensis.” Mein Begleiter skizzierte die Holzradierung nach. Schnell jedoch bekam ich den Eindruck, dass dieser Agaric mehr einem Atompilz glich als einem Aspirin, oder dem Blatt einer Kreissäge, und nicht nur Migräne, sondern eine Menge anderes verschwinden zu lassen in der Lage war. “Irrtum, im Gegensatz zum Agaric Amanita muscaria ist Agaricus arvensis ganz harmlos, lässt sich ohne Gefahr fürs Kochen verwenden.” Was mich jedoch interessierte waren weniger die medizinischen oder kulinarischen oder sonstigen Eigenschaften des Pilzes, als vielmehr der Beiname, welchen mein Begleiter irgendwann fallen ließ: Schneeball.

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Ich hatte mal von einen Ritter gehört, der statt der üblichen Menagerie, Pflanzen und abstrusen Symbolen, etwas ähnliches als Wappen führte. Stellen Sie sich nur vor wie dieser Ritter einer Lawine gleich in die Schlacht galoppierte und mit Geschrei seinen Feinden drohte: “Ihr verfluchten feigen Säue! Eure Glieder werde ich zerhacken, eure Gedärme aufsaugen, eure Hirne wie Schneebällchen schmelzen lassen!” Schließlich erreichten wir unser Ziel, die Wetterstation auf der Säntisspitze. Unser Ziel war natürlich nicht eigentlich sie, sie stand nun aber da und konnte als solche wahrgenommen werden – und wurde es in der Tat, betrachtete man das bunt bekleidete Volk, das ebenfalls den Gipfel erobert hatte. Manche kamen noch zu Fuß. Einige hielten beim Gehen einen Stab vor sich hoch. Pilger vielleicht, die sich eine besondere Form der Buße ausgedacht hatten? So war es nicht. Keine Jakobsmuschel hing am Ende des Stabs befestigt, sondern: eine Kamera. Andere bevorzugten die Schwebebahn, darunter zwei eifrige alte Damen. Immer wieder ein Stück Zeitung nachlesend, untersuchten sie akribisch den Boden.

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(Fortsetzung folgt)

Die Rheinkiesel-Kultur

“Liebes rheinsein,

der Weg ist das Rad, das seine Kreise absolviert, solang der Pedaltritt kräftig genug ist – lernt man auf dem über 1000 Kilometer langen EV15 (1). Droht jedoch die Symbiose zwischen Wille und Muskeln zum Stellungskrieg zu werden, in dem dem “Ich will” das “Ich kann nicht mehr” gegenübersteht, bleibt nichts anderes übrig als den Sattel würdevoll zu verlassen, und anstatt den Ehrgeiz auf dem heißen Asphalt sinnlos schmelzen zu lassen, den strapazierten Muskeln und dem stumpfsinnig geworden Hirn eine Pause zu gönnen. So lernten wir auf einer Etappe Mr. Airon kennen. Mr. Airon ist der stolze, doch recht zurückgezogen lebende, kamerascheue Besitzer des “Musée régional” in einer Ortschaft im Département Bas-Rhin.

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Ihn ausfindig zu machen fordert Geschick und Ausdauer. Leicht zu verfehlen sind die geschlossenen Fensterladen mit der verwischten und abgeblätterten Inschrift, die auf das Museum hinweist, doch keinen Eingang erwähnt. Nach mehreren Versuchen gelangten wir tatsächlich ins einräumige Sanctum sanctorum. In Kisten, Kartons, Schubladen aufbewahrt, auf Regalen gestapelt, dicht nebeneinander an die Wände genagelt, geschraubt, geklebt, zusammengeschnürt, am Boden liegend oder von der Decke hängend warten Mr. Airons Sammelstücke (erworben oder gefunden), wenn nicht unbedingt auf den Besucher, dann auf die Verdichtung der Staubschichten, oder wie der Besitzer halb ironisch mitteilt: die nächsten Flügelschläge eines Engels. Langsam ans Halbdunkel gewöhnt, entdeckt das Auge dem Rost ergebenes Eisen, von Würmern befallenes Holz, von Schimmel überzogenes Leder, primitive agrarische Geräte, post-industrielle Werkzeuge, Postkarten, Fotos, Jagd- und Angeltrophäen, ausgestopfte Nagetiere und Vögel, in Formalin schwebende Reptilien, mit Nadeln befestigte Insekten, Flußkrebse, Knochen, Federn, getrocknete Pflanzen, und zuletzt Gesteine verschiedenen Ursprungs.

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Unermüdlich durchkreuzt Mr. Airon die Umgebung beider Rheinufer mit seinem Dreirad, besucht Kiesgruben, Sümpfe, Felder, Antiquariate. Sorgfältig gräbt er in Sand und Erde, erkundigt Flohmärkte, erforscht Wälder, verhandelt, tauscht mit Gleichgesinnten. Seine Sammlung führt den Besucher tief durch die Zeiten, von der modernen Antiquität bis hin zum Objekt “von vor sehr langer Zeit”, versichert uns der Inhaber, auch wenn er für die Datierung stärker seinem Instinkt vertraut als irgendwelchen wissenschaftlichen Verfahren, und seine Funde mittels einer großzügigen “Plus-Minus”-Bandbreite einschätzt. Man mag sich schnell über die Echtheit diverser Fossilien seine Gedanken machen, wie auch über manchen Kieselstein, welchen Mr. Airon zwischen Jungpaläolithikum und Neolithikum einordnet. Darunter dieses Exemplar, das er, mutig auf eine morsche Leiter kletternd aus einer Schachtel zog, und auf dessen Oberfläche er das Sternzeichen Lyra zu erkennen meinte, wenngleich ungenau dargestellt.

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Natürlich hatte der prähistorische Mensch nicht an Lyra gedacht. Was er tatsächlich sah oder sich vorstellte, wird uns für immer verborgen bleiben. Vielleicht korrespondierte einfach das Erscheinen der Konstellation bzw. seines Hauptsterns im April mit bestimmten Veränderungen am und im Fluß, vielleicht schmeckte das Wasser (angereichert mit Mineralien aus der Schneeschmelze) besser als sonst und hatte sogar positive Wirkungen auf die Gesundheit. Vielleicht tauchten bestimmte Fischarten auf? Auch wäre zu berücksichtigen, daß Lyra im Sommer kulminiert: schön sind die Tage, warm und hell, gemeinhin Zeit für Schöpferisches – warum also nicht den Fluß, an dessen Ufer man lebt, nachahmen? Wer sonst als ein begabter früher Rheinanwohner könnte diese magischen Motive auf den Stein gezaubert haben? Auf diese Weise hätte entstehen können, was Mr. Airon “so etwas wie eine “Rheinkiesel-Kultur”" zu nennen pflegte, die später mit der Michelsberger Keramik ihren Höhepunkt fand.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon”

***

(1) EV15: EuroVelo 15 (Rheinradweg)

Elektronische Postkarte aus Koblenz

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Liebes Rheinsein,

“Coblence est jolie, vue de l’extérieur je ne puis parler de l’intérieur, car nous n’y sommes pas entrés… (*)”. Das gleiche könnte ich Ihnen berichten, denn es fehlte mir die Zeit um die Stadt genauer anzuschauen. Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich gelesen zu haben wie Chateaubriand (**) dorthin fuhr, um sich der “Armee der Prinzen” anzuschließen und bei der Gelegenheit große Taten vollbringen zu können. Als er jedoch eintraf, war die Armee weg. Meinerseits landete ich in der Festung Ehrenbreitstein, wo ich auf Mammute stieß. Es fiel mir schwer, mein Staunen zu verbergen. Ein alter Mann näherte sich mir an und wies mich darauf hin, daß die Elephantidae selbstverständlich unecht waren, doch keineswegs fehl am Platz, denn wie ich vielleicht wüßte (was nicht der Fall war), liefen Gerüchte, welche aufgrund einer von Astronomen festgestellten verminderten Sonnenaktivität das Eintreten des Maunderminimum als so gut wie sicher prognostizierten und damit eine unvermeidliche Eiszeit, klein aber kalt.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Marcel Crépon

(*) Antonio De Beatis, Voyage du cardinal d’Aragon en Allemagne, Hollande, Belgique, France et Italie (1517-1518) – (Paris 1913)
(**) Châteaubriand, Mémoires d’Outre-Tombe, Tome II (Paris, 1975)

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (5)

Die Session war zu Ende. Meine Doppelfrage, weshalb Mr. Prason vermittels seiner Reise davon überzeugt werden konnte, daß er mit seinen Thesen richtig lag, weswegen ich jedoch nichts Ungewöhnliches zu sehen bekommen hatte, beantwortete Mme Sénèth dergestalt, daß ich ja schließlich nicht danach gefragt bzw. dafür bezahlt hätte. Was ich gesehen hatte war lediglich der Standardablauf. Während ihrer Unterredung mit Mr. Prason hatte sie ein Zeichen, das er ihr gezeigt hatte, so interpretiert, daß es sich um einen Zirkel handeln und auf das gleichnamige Sternbild (Circinus) verweisen müsse, welches nah bei einem alten Sternbild namens Schiff Argo stünde, womit feststand, daß Victor Hugo mit seiner Rhein-Reise in Wirklichkeit auf der Suche nach dem Goldenen Vlies gewesen war, was nicht weiter verwunderlich sei, denn laut Isaac Newton (24) ist eine große Zahl der Konstellationen eben von der Argonautensage abgeleitet.

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Le Rhin, manuscript – BnF [NAF 13387]

Mr. Prason widersprach dieser Interpretation natürlich vehement: Le Rhin beschreibe die Reise Hugos im Totenreich, und zwar vor dem Tod bzw. vor seinem Tode. Denn gestorben war Hugo zweimal (25), und seine Reise als Mensch und als Dichter folgte einem Motto: Vom Gestern zum Morgen: “On n’a qu’à ouvrir sa fenêtre sur le Rhin, on voit le passé; pour voir l’avenir, il faut [...] ouvrir une fenêtre en soi.” (26)

Mme Sénèth machte Mr. Prason darauf aufmerksam, daß das ägyptische Totenbuch 190 Kapitel zählte, Le Rhin jedoch nur 39 Briefe und den Schlußteil beinhaltete. Wo war der Rest geblieben?
“Auf dem Tisch liegt es, wie immer. Es liegt auf dem Tisch und spricht mit ihm” (27), war die Antwort Mr. Prasons.
- Aber die Fotos, die ich im Buch gesehen habe?
- Der technische Fortschritt wird zum Teil vom Irrationalen erzeugt. Es ist nur logisch, das Irrationale mit Hilfe von technischen Mitteln faßbar zu machen…
- Wieso aber tauchten die ägyptischen Intuitionen Mr. Prasons nicht auf den Fotos auf?

Es war nicht schwer gewesen, ihn zu überzeugen, daß die Geisterwelt in Hugos Wohnung wertvoller war als die pharaonischen, fluchenden Mumien. Jede (von uns suggerierte) Wunschäußerung läßt sich problemlos auf Papier ausdrucken. Unsere Software ist einfach, aber effektiv, die Kunden stets zufrieden. Schauen Sie:

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Das in ein Grafito verwandelte Reiterstandbild

- Das erinnert mich an den Fall Buguet (28): der Gutgläubige porträtierte samt gespenstischer Erscheinungen seine geliebten Toten, wobei er zunächst eine vorgefertigte Puppe mit kurzer Belichtungszeit fotografierte. Von Polizeibeamten auf frischer Tat ertappt, wurde er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ob nun als Artikel 405 im alten oder als Artikel 313-1 im neuen Gesetzbuch: Betrug bleibt Betrug.
- Was, erwiderte Mme Sénèth, auf meine Dienstleistung nicht zutrifft. Ich verspreche weder dies noch das gegen Geld, sondern komme den Wünschen meiner Kunden entgegen.
Ich überließ Mme Sénèth ihren Spielchen und ging.

Meiner Natur mehr als nur fern sind übertriebene Jubelarien; die nüchtern betrachtet jedoch ausnahmslos positiven Bemerkungen (ich vermied es geschickt, vom Hugoschen Rhein-Syndrom (29) zu sprechen), die ich Mr. und Mme Prason über mein Erlebnis bei Mme Sénèth berichtete, wurden belohnt: ich dürfte das Buch abfotografieren (30). Sie werden es durchblättern und vielleicht darin finden, was sich finden läßt oder eben nicht. Das überlasse ich Ihnen.

Beim Verlassen des Wohnwagens blickte ich mich ein letztes Mal um. Das Aquarium war leer. Was war mit der Kaulquappe geschehen? Mr. Prason zwinkerte verschwörisch und murmelte : “Nguyệt Tâm (31) ist nun sein Name; mit schwarzem Bart ist er in Saigon, in Tây Ninh mit weißem; sein Geist formuliert die Gebete: Taufgebet, Gebet im letzten Augenblick des irdischen Lebens, Gebet nach dem Tod, Gebet des Eingesargten (32)…, die vom Gläubigen in Weiß, in Rot, in Blau und Gelb gewandet beim passenden Anlass psalmodiert werden. Verstehen Sie? Der Rhein war der Eingang des Tunnels, welcher via Jersey in Vietnam wiederauftauchte…”

Die Gebetstitel erinnerten (wenngleich noch radikaler) an das oben erwähnte Ladenschild. Alles verwandelte sich, blieb dennoch irgendwie gleich. Außer das Buch-Antiquariat. Als ich dorthin zurückkehrte, sah ich den “Ägypter” ruhig vor einem Schutthaufen stehen. Wegen Einsturzgefahr hatte die Stadtverwaltung das Haus prophylaktisch abgerissen. Für den Buchhändler war der Grund für die marode gewordene Mauer einfach zu erklären: der Fäulnisprozeß der MILP hatte die Bausubstanz attackiert, unwiderruflich zersetzt. Er nahm es gelassen und vermied es, Zukunftspläne zu fantasieren, lieber beabsichtigte er, sich der Eudiobiotik zu widmen, was immer das auch sein mochte.

Das war auch alles. Und das genügt.

Im Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,

Ihr Marcel Crépon

***

(24) s. I. Newton : The Chronology of Ancient Kingdoms Amended (1728).
(25) s. E. Launet, Hugo es-tu là? (Libération, 11 décembre 2008).
(26) “Öffnet man nur sein Fenster auf den Rhein, sieht man die Vergangenheit; um die Zukunft zu erblicken […] muß man ein Fenster in sich öffnen“. ibid., Einführung.
(27) in V. Hugo, Le livre des tables (Paris, 2014), sind 161 Sitzungen (datiert und nicht datiert) protokolliert.
(28) s. G. de la Tourette, L’hypnotisme et les états analogues au point de vue médical (Paris, 1889).
(29) Welches man an das Jerusalem- oder Stendhal-Syndrom problemlos angliedern könnte.
(30) s. Le Rhin d‘Hugo
(31) “Cœur de Lune” [Mondherz]. Der vollständige Name lautet : Nguyet Tâm Chon Nhon. Im Caodai-Pantheon hat V. Hugo die Stellung eines Heiligen. Er ist auch der Dao-Gouverneur der caodaistischen Auslandsmission in Phnom Penh (s.: Anthologie des saintes paroles caodaïstes, T. II (Quach-Hiep Long, Alfortville, 2011).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (4)

“Und?” Die Spinne war auf beiden Bildern zu sehen und diente dem Fischfang, nahm ich an. Auf dem Manuskript bedeckte tatsächlich eine weiße Form den Baum. “Erkennen Sie was?” drängte Mr. Prason. Tat ich nicht. “Ein L ist das, nichts anderes.” So betrachtet konnte es ebenso gut ein V sein; ein L gab es, auch wenn darüber spekuliert wurde (18), soweit ich wußte, im hieroglyphischen Alphabet nicht. “Ja, ein L”, fuhr Mr. Prason fort, “und für was steht es?” – “Der zwölfte Buchstabe des Alphabets, und der neunte Konsonant.” – “Nicht nur; als römische Zahl steht L für 50.” Ich ahnte, daß es ein passendes Kapitel hierzu geben mußte, und die entsprechende Erklärung, von der ich mir sicher war, daß ich sie umgehend erhalten würde, kam schneller, als mein Gedanke ausgesprochen werden konnte. “Der Titel des Kapitels L des ägyptischen Totenbuchs lautet: Um der Strafe zu entgehen. (19) Das Kapitel beginnt mit: Meines Halses Wirbel / Hab ich im Himmel sowie auf Erden zusammengefügt (20) und endet mit: Wo bin ich jetzt? Vor den Götterordnungen steh ich. Verstehen Sie jetzt?” – “Nicht wirklich.” Mr. Prason blickte mitleidig auf mich herab, während er einen Zettel bekritzelte.

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“Die Wohnung Hugos, Place des Vosges, wo er Le Rhin niederschrieb und seinen ersten Tod fand.” – “Seinen ersten Tod?” – “Fällt ihnen nun was ein?” Die Grundrißform war leicht zu erkennen. “Wieder L, Anfangsbuchstabe des Vornamens seiner in der Seine verstorbenen Tochter. Le Rhin erschien 1842, sie starb 1843, 1845 kam schon die zweite Auflage, obwohl die Reaktionen auf die erste trotz geschickter Werbung recht negativ ausgefallen waren (21). Warum dieses zweite Auflage?” Für Mr. Prason bestand kein Zweifel: was zusammen gehörte, passte auch zusammen, jedes Element seiner Überlegungen fügte sich perfekt in eine Art Mosaik, dessen Einzelteile wie Glimmer in der Sonne reflektierten und mich erblinden ließen; ganz zu schweigen von den Kanten, die meinen Verstand in dünne durchsichtige Scheiben schnitten. Was davon übrig blieb, rieselte wie Schneeflocken gemächlich zu Boden. Mme Prason legte schließlich eine Visitenkarte auf den Tisch: “Haben wir beim “Ägypter” gefunden. Alles wurde von dieser Dame bestätigt: die Reise, die Zeichnungen. Schauen sie sich die Fotos an.” Letztere hatte ich noch nicht erwähnt. Am Ende des Buchs waren sie eingeklebt. Verwackelte, unscharfe Aufnahmen, die alles bedeuten und beweisen konnten – ebenso gut wie das Gegenteil. So kam ich auf Mme Sénèth.

Es ist schon viel geschrieben worden, liebes rheinsein, doch wissen wir beide, daß ein vollkommenes Bild nur zu schaffen ist, indem alle Faktoren methodisch, ohne Vorurteil betrachtet und sachlich zusammengefaßt werden. Ich klopfte also auch bei dieser Mme Sénèth – und staunte nicht wenig. Statt einer geheimnisvollen Person (ich hatte an Maria Casarès in ihrer Rolle als Mary Tudor gedacht), hieß mich eine hellhaarige Frau im Chanel-Ensemble willkommen. Wo war die Zigeunerin mit Kopftuch und schwerem Schmuck abgeblieben? Wo die Kristallkugel, die Tarotkarten? Wo Kaffeesatz, ausgestopfter Uhu, blanke Schädel? Wo die Brokatgardinen? Der Raum ähnelte einem Verwaltungsbüro mit Leere erzeugender Innenarchitektur. An der Wand hinter ihrem Rücken hing zwar ein Horoskop, das jedoch wie ein Excel-Tabelle aussah. Eine Kristallkugel entdeckte ich ebenfalls. Sie diente als Briefbeschwerer und die einzige Zukunft, die darin abzulesen war, gehörte der Fratze eines grinsenden Alfred Hitchcock. Ich erklärte wer ich war, wer mich schickte und worüber ich sprechen wollte. Mr. Prason hatte in der Tat bei ihr eine spirituelle Rhein-Reise unternommen, bzw. an der Place Royale (22), wo Victor Hugo sein Werk niedergeschrieben hatte. Diese Reise könnte ich auch machen, und sehen. “Jedermann kann das heute”, sagte sie und setzte mir eine Art Nachtsichtgerät auf den Kopf. “Kommen Sie, gehen Sie…”, flüsterte Madame Sénèth. Schon schritt ich über einen Platz, stieß leicht gegen das Gitter, welches ein Reiterstandbild umrundete, ging unter Arkaden bis an ein großes Tor, das ich aufschob. Rechts im Hauseingang befand sich ein kleiner Flur, möbliert mit einer Theke, auf der Broschüren, Prospekte, Bücher, usw. lagen. Am Ende des Flurs eine zweite Theke, eine leere Garderobe zwischen beiden Theken, Postkarten. Wünschte man zwei davon, kostete es zwei Euro, kaufte man zwei, durfte man zehn Stück mitnehmen – reine Magie. Ich kehrte zum Hauseingang zurück, ging an mit Glasmalerei versehenen Fenstern vorüber braungelblich beleuchtete Treppen hinauf, ein Relief, aus welchem Pegasus entflog, besaß stark dreidimensionale Wirkung. Im zweiten Stock angekommen trat ich in eine Wohnung ein und sah nichts als unstabile Konturen von Möbeln, sfumatöse Gemälde, flüchtige Objekte, Skulpturen, erkannte mit orientalischen Motiven bemalte Holzwanddekorationen, Tellersammlungen, einen Tisch mit vier Tintenbehältern. So ging es weiter, bis ich in einen Raum eintrat und eine Stimme hörte : “Hier wurde es geschrieben.” – “Was?” – “Der Fluß.” – “Ist es möglich einen Fluß zu schreiben?” – “Und wie…”. Ob ich nun im nächsten Zimmer oder noch im gleichen mich befand, kann ich heute nicht mehr sagen. Die Dunkelheit hellte ein wenig auf, ich nahm eine Silhouette wahr, welche über einen hochgebauten Tisch gebeugt war und zu schreiben schien. “Wer sind Sie?” fragte ich vorsichtig. – “Der Größte.”

- Muhammad Ali?
- …
- De Gaulle? Sesostris? Goethe? Bonaparte?
- …
- Der Mount Everest?
- Berge sind Götter, nicht bloße Geister!
- Manitu?
- Warum nicht der letzte Mohikaner? Ich helfe dir: die Kaulquappe eines Erzengels bin ich…
- Sag nichts – Voltaire?
- Dieser teuflische Affe? (23) Sie armer Kretin… Ich bin der, der nachkommt und aufgeht, wenn die anderen in namenlose Konstellationen verschwinden. Ich bin der Gesprächspartner der Weißen Dame und die Rutschbahn der Schwarzen Dame. Ich bin das Eins in Vier, ich bin das Wort und die Tat, der Sonnenstrahl und seine Schatten.
- Hunahpú?
- Ich bin der Fluß und seine vier Ufer.
- Vier Ufer? Wie geht das?
- Zwei habe ich, wenn ich dem Ursprung entgegen blicke, zwei Richtung Mündung.
- Hätte ich mir denken können. Aber wer sind Sie tatsächlich?
- Der, der durch die Luft fließt und schäumt, durchs Wasser weht…
Ich spare Ihnen den Rest des Spielchens und komme direkt auf das Ende. Zermürbt von den Wortfällen fragte ich:
- Wer sind Sie wirklich?
- Das große Krokodil.
- Na also. Kennen Sie Mr. Prason?
- Uirjgrj…

Ich drehte mich um und befand mich erneut bei dem Reiterstandbild, welches sich prompt in ein ausdrucksstarkes Grafito verwandelte. (Fortsetzung folgt)

***

(18) V. Loret, La lettre L dans l’alphabet hiéroglyphique. In : Compte rendus des séances de l’Académie des inscriptions et Belles-Lettres (n°2, 1945)
(19) Auf frz.: “Pour ne pas subir le châtiment.” 1853 publizierte Hugo den Gedichtzyklus “Les Châtiments”, welcher mit der Interpretation Mr. Prasons kaum etwas zu tun hat, worauf mich der “Ägypter” später hinwies.
(20) Davon konnte der kopflose Ritter von Reichenstein nur träumen.
(21) L. Veuillot. Etudes sur Victor Hugo, Le Rhin (février 1842).
(22) Die heutige Place des Vosges.
(23) s. V. Hugo, Regard jeté dans une mansarde (Les rayons et les ombres, 1840).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (3)

Stets nach der Kaulquappe schielend, welche sorglos durchs Wasser zu fliegen schien, merkte der Mann nicht wie ich ab und an diskret meine Augen schloss. Und so hörte ich im Halbschlaf wie er das Geheimnis des hugoschen Rheins entschlüsselt hatte. “… kurz nach der Reise.” – “Die Reise? Welche Reise?” Er und Henriette (seine Frau) waren die Strecke der Schriftsteller nachgefahren. Sie am Steuer, er hinten im Wohnwagen. Sie erinnern sich wie es um die Augen der Gemahlin bestellt war und werden mir zustimmen, wenn ich behaupte, daß diese Reise das reinste Kamikaze-Unternehmen gewesen sein muß. Doch hatten sie es überlebt. Während sie mit dem Verkehr kämpfte, saß er bei heruntergelassenen Gardinen im Wohnbereich. So konnte er sich ungestört über Kopfhörer Hugos Prosa als mp3-Aufnahme ins Gehör träufeln lassen, sich vom Text (von Henriette gelesen) mitreißen lassen, sich in hugoeske Emphase steigern, sehen was der berühmte Reisende damals sah, schilderte, beschrieb, träumte, witzelte. Was hätte er auch sonst anfangen können? Fotografieren? War denn noch etwas zu fotografieren übrig? Vorbei die Zeiten, in denen August Sander leere Rheinlandschaften festhalten konnte (8). Wie wahr die Bemerkung: “Fest steht, daß, als sie den Rhein schuf, die Natur eine Wüste geplant hatte; daraus machte der Mensch eine Straße.” (9) Wer nicht auf einem Kreuzfahrtschiff tanzte, tüftelte auf einem Tanker, joggte den Fluß entlang, raste zwei- oder vierrädrig über die Straße, leckte auf Wasserskiern an der Gefahr, prahlte mit Bikini und Motorboot, kämpfte sich im Kanu voran… Er aber wollte anderes, erhabeneres. Nur von der Stimme seiner Frau inspiriert hatte er das Buch gefühlt; diese Stimme und die geistige Energie Hugos waren die Kräfte gewesen, die seine Hände übers Papier geführt hatten. Um diese etwas diffuse Darstellung in die reale Welt zurück zu verfrachten, fragte ich, ob während der Fahrt nicht vielleicht etwas besonderes geschehen wäre. Beide blickten mich verständnislos an. “Nichts war geschehen.” Dann die Frau: “Außer vielleicht dieser Mann in Reichenstein?” Abends hatten sie auf dem Campingplatz gesessen und Mr. Prason darüber gegrübelt, ob die drei Mädchen aus Brief XX die Rheintöchter (10) symbolisieren könnten. Trotz widriger linguistischer Umstände hatten sie den Besitzer des Campings darüber befragt. Der hatte von Richard Wagner nichts weiter gehört, doch wußte er einen Mann, der Rheintöchter bastelte. Es wäre für ihn kein Umstand, sie zu ihm zu führen. Auf einem Regal standen sie in Reih und Glied gestellt: Flugabwehrraketenmodelle…, aus Kunststoff, Holz, Metall, aus Pappkarton sogar. Alle schön bunt bemalt, nicht wirklich vorschriftsmäßig, eher psychedelisch, sodaß sie wie Totems aussahen. “Rheinboote habe ich auch!” kündete der Mann fröhlich-höhnisch, mit eindrucksvollen Gebärden und Mundgeräuschen, die wohl auf die Testabschüsse und deren bescheidene, wenn nicht lächerliche Ergebnisse hinweisen sollten. (11) Mein vorsichtiger Versuch, die drei Mädchen vielleicht als eine Reminiszenz an Macbeths weird sisters zu interpretieren, wurde kommentarlos ignoriert und man gelangte zum Hauptgericht, welches zuvor dem Antiquar in großer Aufregung, wie Sie wissen, offenbart worden war. Von Konkordanzen war die Rede, von Schmetterlingen, Skarabäen, Spinnen, verschlüsselten Buchstaben, Analogien, verschleierten Inhalten, Visionen, Zahlenkombinationen; verborgene Botschaften lauerten zwischen den Zeilen, die ungeduldig darauf warteten ans Licht zu sprühen. Kurz: Mr. Prason hatte ein Gestell zusammengeschraubt und das passende Gebäude dazu kam schnell zum Vorschein. Als Eckstein diente das Zitat “Quo versu dicere non est / Signis perfacile est” (12), aus dem erwähnten Brief XX. Zeichen gab es schließlich zur Genüge, man mußte sie nur aufspüren und adäquat befragen. Der mit ägyptischen Hieroglyphen verglichene geflügelte Drache (13); die Suche des Autors im Wallraf-Richartz-Museum nach einer “ägyptischen Mumie”; die Erwähnung der Isis; das humoreske Auftauchen von Ptah, Osiris, Memnon, Merenptah, Ramses II. und die Beschreibung – mit Skizzen – des Grabes Ramses V.; weiterhin das Antlitz des Sarkophags im Mainzer Dom, das einen mumienartigen Blick aufwies, usw., usw. Meinen Zustand nach diesem karussellartigen Diskurs als Schwindelanfall zu bezeichnen wäre weit untertrieben, ich taumelte buchstäblich zwischen Faszination und Übelkeit, schaute auf Mr. Prason, der von seinen Entdeckungen und deren Deutungen ins Schwitzen geraten war. Ich fragte ihn, ob Le Rhin nicht als politisches Buch konzipiert und angekündigt worden war. “Die Politik Hugos habe ich in zwei Pinselstrichen erfaßt: preußisches und Pariser Blau mischen sich im Rhein, das ist alles. Le Rhin, Monsieur, hat genauso viel mit Politik zu tun wie ich mit der Vermessung von Böschungswinkeln. Hugo ist ein Bote, ein Visionär gewesen, kein Politiker.” – “Und sein Engagement gegen die Todesstrafe?” – “Wo kein Kopf ist, kann das so wichtige Mundöffnungsritual nicht vollgezogen werden, darum geht es.” Mr. Prason witterte meine Skepsis; den Gnadenschuß erhielt ich, bevor ich seiner Behauptung zustimmen oder sie widerlegen konnte. Aufgestanden war er, und setzte seinen Monolog weiter fort: “Und die Schmetterlinge auf dem Friedhof?! (14) Wenn die moderne Forschung weiterhin über die Symbolik der auf Särge gemalten Lepidopteren rätselt, so wußte Kant eines: “Das Sinnbild der alten Ägypter für die Seele war ein Papillon, und die griechische Benennung bedeutete eben dasselbe. Man sieht leicht, daß die Hoffnung, welche aus dem Tod nur eine Verwandlung macht, eine solche Idee samt ihren Zeichen veranlaßt habe.” (15) Bei Hugo sind Elsaß bzw. Schwarzwald Flügelhauben eines “großen schwarzen Schmetterlings” (16), eindeutige Vorboten.” Über den Inhalt der Botschaft erkundigte ich mich lieber nicht, bekam aber dennoch eine Antwort: “Sie gibt uns erneut Bescheid über die visionäre Gabe Hugos. Und so geht es das gesamte Buch über, die ganze Zeit, vom Gestern zum Morgen.” – “Hugo reiste aber flußaufwärts, also eigentlich umgekehrt.” – “Was wissen Sie schon?” Wenig, fürchtete ich, und ließ Mr. Prason sein “großes Finale” weiter erzählen. Er beschrieb die Ekstase Hugos am Rheinfall, wie das gewaltige Getöse sein Hirn zu füllen schien, wie er aus der Zeit trat, wie die Stunden durch seinen Geist, dem Wasser im Abgrund gleich, ohne Spuren oder Erinnerungen hinterlassend vorüberzogen. Da war der Dichter, meinte Mr. Prason, ins Licht hineingetreten und hatte alles verstanden, einfach alles. Denn wie sagte Paracelsus: “La vraie philosophie est aussi facile à distinguer que le bruit du Rhin ou que celui des tempêtes. Car enfin ce que les yeux voient, ce que nos mains touchent, notre tête le perçoit et le comprend.” (17) Er aber, Mr. Prason, hatte weitergeforscht und auf einer Abbildung des Rhein-Manuskripts den endgültigen, alles erklärenden Schlüssel des Ganzen entdeckt. Eine Passage des Briefs XVII war von einer Zeichnung begleitet. Zwei lange, flexible, sich kreuzende Stangen erinnerten an eine riesige Spinne, deren Beine in den Rhein tauchten. Die im Buch gedruckte Zeichnung unterscheidet sich vom Original. Wo in ersterem ein Baum zu erkennen ist, zeigte sich auf dem Manuskript eine in weißer Farbe aufgetragene Korrektur. Mr. Prason zog einen Briefumschlag aus seinem Buch, und zeigte mir beide Illustrationen.

hugo_08 spinnenLe Rhin, manuscript – BnF [NAF 13387] – Le Rhin (Paris, 1906)

(Fortsetzung folgt)

***

(8) s. August Sander, Rheinlandschaften 1929-1946 (München, 1975).
(9) “Il est évident qu’en faisant le Rhin la nature avait prémédité un désert ; l’homme en a fait une rue.” V. Hugo, Le Rhin, lettre XXV (Paris, 1842).
(10) Die Rheingold-Premiere fand erst 1869 statt!
(11) s. W. Dornberger, Peenemünde (Esslingen/München, 1984).
(12) Horaz, Satiren.
(13) ibid. Lettres VII, XII, XIV, XX, XXIII.
(14) ibid. Lettre XVIII.
(15) Vorkritische Schriften, B. I.: Träume eines Geistersehers, erläutert duch Träume der Metaphysik.
(16) ibid. Lettre XXXI.
(17) in: J.-A. Bordes-Pagès, Paracelse : vie, travaux et doctrines (Foix, 1878).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (2)

Grinsend erzählte der Buchhändler von einem Mann, auf dessen Hirn meine Spekulationen zutreffen würden, und der, im Gegensatz zu mir, bestens mit Hugo vertraut sei. Seine Frau war eines Tages in den Laden gekommen. Sie hatte nach einer Schallplatte für ihren Mann gesucht. “So was verkaufe ich leider nicht”, hatte der “Ägypter” klargestellt. “La chanson de Maglia (5), Sie wissen schon, der Text ist von Hugo.” – “Mag sein, dennoch führe ich sowas nicht; ich bin Buchhändler und kein Plattenverkäufer. Wenn Ihr Mann ein Bewunderer Hugos ist, kann ich mit Einzelstücken bis hin zum Gesamtwerk in 45 Bänden dienlich sein, je nach Geschmack. Die Edition Nationale (6) war der Dame leider zu extravagant (sic!), sie entschied sich für eine Sonderedition von Le Rhin in einem Band. Einige Wochen später tauchte der Mann auf und teilte mir gestikulierend mit, Le Rhin könnte nur als Reise seines Verfassers durch das Totenreich interpretiert werden, wäre damit so eine Art Totenbuch gewesen… Wie auch immer… So lang er nicht die Zurückerstattung des Geldes verlangte, hätte er behaupten können, es sei eine Reise auf den Mond gewesen.”

Konnte ich, liebes rheinsein, anders, als diesem Mann meinen Besuch abzustatten?

Ich gönnte mir einen Spaziergang. Nach 20 Minuten stand ich vor seiner Tür, staunte nicht wenig, und verstand einiges. Gegenüber dem “Pavillon des Paares” kündigte ein Ladenschild an: “Blumen-Komposition. Geburt – Hochzeit – Beerdigung”. Ich klopfte. Nach langen, stillen, ereignislosen Minuten öffnete eine Frau die Tür, so als ob sie sie sofort wieder schließen wollte. Sie trug eine Brille mit derartig dicken Gläsern, daß sie geeignet schienen, den Kugeln der Realität perfekten Widerstand zu bieten. Von Nahem betrachtet fiel mir ihr Blick auf, geprägt von einem außergewöhnlichen Strabismus, der sich nicht wirklich entscheiden konnte, ob er convergens oder divergens wirken sollte. Ich erklärte, wer ich sei, wer mich schickte und was ich wünschte. Sie bat mich ihr zu folgen, wir liefen über einen Flur und traten in einen Garten, dicht an der Hauswand parkte ein Wohnwagen.

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Im überhitzem Raum saß ein übergewichtiger Mann. Er trug ein T-Shirt mit goldenem, zerblätterten Logo, eine Bermuda aus verwaschenem Drill und schneeweiße Handschuhe aus Baumwolle. Sein Blick war auf ein zum Aquarium umgewandeltes Fernsehgehäuse gerichtet. Im trübe-uringelben Wasser (Rheinwasser, wie ich später erfuhr) schwamm eine Kaulquappe. Mich über Larven zu unterhalten fiel mir schwer, also schwieg ich. Ein Fehler. Jules Bois hatte recht: „L’âme humaine est plus profonde que ne l’imaginent les incrédules et les croyants”. (7) Es verging eine halbe Stunde, der Mann starrte weiter auf die Kaulquappe. Warum?
Die Frau brach schließlich den Bann, indem sie von meinem Anliegen erzählte. Auf das Stichwort “Buch” hin lächelte er, wandte sich uns zu, stand langsam auf, drehte sich. Aus einen kleinen Wandschrank über seinem Kopf holte er ein Buch, um es behutsam auf dem Tisch zu legen, und lud mich zugleich ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Er klappte den grauen Deckel langsam auf, drehte vorsichtig eine, zwei, drei Seiten. Ich fürchtete schon, den Inhalt falsch herum bewundern zu müssen, als er es endlich umdrehte. Ein Unterschied war kaum wahrnehmbar: so oder so ließen Farbflecken, epileptisches Gekritzel, abenteuerliche Linien und nach dem Zufallsprinzip verteilte Striche kaum etwas erkennen. Doch bei konzentrierter Betrachtung wurde einiges präziser, Landschaften nahmen Konturen an, Figuren erschienen, einzelne Wörter, ganze Sätze wurden ablesbar. Das also war Hugos Rhein, bzw. was Mr. Prason darin gelesen und gesehen hatte. Hatte er aber nicht. Denn, wie er mir ausführlich erklärte, nachdem ich meine ersten Eindrücke bescheiden geäußert hatte: als er das Geschenk seiner Frau in die Hände genommen hatte, hatte er außergewöhnliches gespürt, so als ob die Haut seiner Finger und das Leder der Buchdeckel eines gewesen wären, oder ähnliches. Er fragte mich, ob ich von Psychometrie gehört hätte. Ich verneinte. Er schilderte, wovon Psychometrie handelte, was wiederum Zeit in Anspruch nahm, auch wegen eines leichten Stotterns, welches die Silben wie Steinchen auf seiner Zunge chaotisch hüpfen und die Sätze unruhig aus seinem Mund heraussprudeln ließ. Als er zur Hellseherei mit angezündeten Kerzen, Nadel- oder Wasser-Orakeln überging, sank meine Aufmerksamkeit, und tiefer noch, als er beschrieb wie er das Fluidum, welches aus dem Buch eindeutig hervorging, zu fotografieren versuchte. Es folgte ein endloses Referat, von Skizzen begleitet, über die zahlreichen und erstaunlichen Experimente, welche er nach Dr. Baraduc vollbracht hatte.

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hugo_06 zeichnung2

hugo_07 emanationFluidische Emanationen, erzeugt von Victor Hugos Le Rhin, nachdem das Buch 15 Minuten lang in Dunkelheit vor eine voreingestellte Kamera plaziert wurde.

(Fortsetzung folgt)

***

(5) In: L’étonnant Serge Gainsbourg, 1961.
(6) V. Hugo, Oeuvres, Ed. Nat., Émile Testard éditeur (Paris, 1885-1895)
(7) “Die menschliche Seele ist tiefgründiger als die Ungläubigen und Gläubigen es sich vorstellen.” J. Bois, Le miracle moderne (Paris, 1907)

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo

Es sind die schweren letzten Tage des Winters, die uns melancholisch stimmen, in denen die stetig wachsende Zahl unserer Toten im Bewußtsein rumort und wir uns fragen, wo die eine oder der andere Weggefährtin/Weggefährte abgeblieben sein mag. Mit den Februarblumen, die nichts als den März im Sinn haben, brechen zugleich die Pioniere des Frühlings aus der Erde, entstehen über Nacht verletzliche Krokuskolonien in den Parks, entlang grauer Hauptstraßen prozessieren bündelweise Osterglocken und künden Jesu Passion, die Bäume bilden baumelnde Primeln, ein fragiler Aufbruch, in den hinein datenstarke Post von Marcel Crépon uns erreicht, der zuletzt im elsässischen Rhinau für rheinsein auf Spurensuche sich begeben hatte, dann undercover ging, und nun mitten aus Paris sich mit erstaunlichen Erkenntnissen zurückmeldet, die wir in fünf Teilen voller Wunder und gelüfteter Geheimnisse präsentieren dürfen:

Liebes rheinsein,

“… mein Arm war sozusagen gelähmt, und mein Wille ohnmächtig, weder ihn, noch meine Hand oder einen Finger zu bewegen; dann bekam ich den Eindruck, jemand würde meinen Arm in Bewegung setzen, und gleich mit welcher Geschwindigkeit er agierte, konnte ich ihn daran nicht hindern. [...] Da diese Bewegungen denen des Schreibens ähnelten, holte meine Frau Papier und Stift [...], dann beruhigte sich meine Hand und zu unserem Erstaunen fing sie mit Schreibübungen an [...], erst waren es Striche, dann Pfosten… usw.” So in etwa schilderte einer Ihrer Landsleute (1) seine erste Erfahrung mit seiner Mediumnität, so beschrieb Mr. Prason fast mit den gleichen Worten seine Begegnung mit dem Rhein Hugos. Wie ich Mr. Prason traf, und was dann geschah, erzähle ich Ihnen nun.

Es fing beim “Ägypter” an, ein Buchantiquariat mitten in einer Betonwüste. Die Kundschaft ließe sich als “äußerst zurückhaltend” bezeichen. Wie konnte der “Ägypter” da überleben? Wie kam er, bzw. wie kamen die Einwohner auf seinen Spitznamen? Mit Edmund Purdom hatte er kaum Ähnlichkeit, eher sah er wie Georges Moustaki aus, vielleicht deshalb? Vielleicht waren es die Bücher, die die Wände tapezierten und dem Laden das Aussehen einen Grabkammer verliehen? Lange dachte ich, die Leute würden Regale mit Büchern füllen, um ihre Wohnzimmer zu isolieren, doch stellte ich beim “Ägypter” fest, daß dies nicht immer der Fall ist. Die kalorische Eigenschaft der Meisterwerke glich Null, es herrschte dort Winter wie Sommer eisige Kälte. Ein zweites Zimmer gab es im Keller, MILP (2) genannt. Dort stapelte sich in Kartons, Kisten, auf verstaubten Regalen ein Durcheinander an Gedrucktem. Das Chaos vor dem Chaos nach dem Chaos. Bloße, zusammengebundene geistige Papiertücher, wie der “Ägypter” giftete: kaum gelesen, schon weggeworfen und vergessen. Oder, betrachtete man das Hirn als Ausscheidungsorgan: reines, mehrlagiges, beschmiertes Klopapier. Nach Fäulnis leicht duftend verschwanden dort langsam die Früchte des Schreibens im Zeitalter seiner krebsartigen, endlosen Ausbreitung. In dieser Welt gab es nichts, worüber kein Wort verloren wurde, und nichts wurde niedergeschrieben, ohne ausgiebig schriftlich kommentiert zu werden.

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Vom gleichgültigen Blick des “Ägypters” verfolgt besuchte ich ab und an diesen Unort. In einer Ecke wußte ich einen Turm aus alten Ausgaben des JORF (3), den ich all zu gern durchblätterte, auf der Suche nach Perlen wie dieser:

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Die Zeiten in Rhinau sind mir unvergesslich geblieben, doch einen Ort, an dem ich schon einmal war, kann ich unmöglich ein zweites Mal besuchen. Ob es mit Instinkt oder mit mir unbekannten geomagnetischen Kräften zu tun hat? Auf jeden Fall ist es eine Art Fluch. Die Wahrscheinlichkeit, daß das Rheinwasser, welches in der Nordsee verschwindet, irgendwann erneut im Tomasee fließen wird, ist zweifellos höher als die Wahrscheinlichkeit, daß ich Rhinau je wiedersehen werde. Aber die gute Frau Graff, wie hätte sie der Forderung gerecht werden können? Sie hätte ja eine Zeitreise vollbringen müssen, um vor Gericht erscheinen zu können und somit zu beweisen, daß sie zwar verschwunden, doch nicht verstorben war. Vor allem hätte sie erst die Anzeige lesen müssen… Meine Entdeckung ließ den “Ägypter” unberührt. Aus einem Lautsprecher mit parkinsonschem Innenleben zitterte und vibrierte eine Stimme mit viel Pathos und genauso vielen Aussetzern: “… silence du soir, … noir, … pour l’oreille … l’âme … de cette ombre disant … les eaux, … plaines … pleines …, dès que tout se tait, tout commence à parler.” (4)

- Meine Lieblingssendung: 7 um 11, also 7 Gedichte um 11 Uhr. Was Sie gerade hören, auch das was von Parasiten gefressen wird, stammt von Hugo, Victor.
- Hätte ich nicht erkannt, habe ihn auch kaum praktiziert.
- Kann man, muß man nicht, wie eine Nachbarin sagt. Er ist aber schwer zu vermeiden.
- Ich kann es. Was Poesie angeht, komme ich ganz gut damit (ich ließ die JORF-Seiten flattern) aus, dazu eine kleine wissenschaftliche Abhandlung und dabei versuchen, das Vornehmste zu begreifen, das übrige respektvoll beiseite zu lassen und über das restliche wohlwollend zu lächeln. Zur Zeit befasse ich mich mit Alfred Wegener, denn mich interessiert die Frage, ob die Kontinentaldrift auf den Gedanken zu übertragen wäre. (Fortsetzung folgt)

***

(1) B. Cyriax, Wie ich ein Spiritualist geworden bin (Leipzig 1893). In: Gabriel Delanne, Le phénomène spirite (Paris, 1897).
(2) Mein Index librorum prohibitorum.
(3) Journal Officiel de la République Française.
(4) V. Hugo, Oeuvres complètes: Océan – Tas de pierres (Posth.)

Da wo nichts zu sehen ist, da ist der Fluß

Zum Sommerende erreicht uns Post von Marcel Crépon, den unsere regelmäßigen Leser kennen und wertschätzen. Wieder hatte es den französischen Brieffreund, der sich intensiv mit kaum beachteten Aspekten der deutsch-französischen Geschichte beschäftigt, an den Rhein verschlagen, ohne daß ein Treffen zustande kommen konnte. Hier sein Bericht:

“Liebes Rheinsein!

wir haben uns verpaßt. Als ich in der Nähe ihres Wohnortes weilte, waren Sie zu den Mayas verreist. Irgendwann wird sich bestimmt eine Gelegenheit finden, zu der wir uns doch werden treffen können. Viel habe ich Ihnen nicht mitzuteilen, außer dieser kleine Anekdote:

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Wenn Hugo, unter anderem, die Burg Olbrück besucht hat, so verliert er darüber keine Worte. So kam ich auf die Idee, mir selbst ein Bild zu machen. „Von oben sieht man den Rhein“, versprach mein Begleiter, als wir noch am Fuß des Hauptturms der Olbrück standen. Dann verschwand er durchs Eingangstor und nahm sich sportlich der engen Wendeltreppe an – ich, eine Belastungsdyspnoe fürchtend, in gemäßigterem Tempo. Auf der Plattform angelangt suchte ich vergeblich nach dem Fluß.

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Siedlungen, Felder, Wälder, Hügel, Vulkane, Golfplatz, Straßen und Autobahnbrücke rund um den Phonolithkegel waren leicht zu erkennen, doch ein Fluß? „Sehen Sie die Brücke?“ fragte mein Begleiter. Natürlich sah ich bis dort, blind war ich gewiß nicht, doch zu wissen wonach man sucht, bedeutet lange nicht, daß man es auch findet. „Da wo nichts zu sehen ist, da ist der Fluß.“ Und schon liefen wir die Treppe hinunter, deren Kurven mir eine Gleichgewichtsstörung verursachten, welche mich annehmen ließ, daß, was ich beim Blick in die Räume wahrnahm, dem Schwindelanfall zuzurechnen und als bloße optische Täuschung zu verzeichnen war: eine grün leuchtende Tischplatte, bewacht von zwei Rittern. Und stellen Sie sich vor:

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Der linke war ein Templer, an dessen Speer die Trikolore hing… Ich schloß kurz die Augen, schaute erneut: die französische Flagge hing immer noch am Speer. Hatten die Templer auch die Trikolore erfunden? Zwei der drei Farben trugen sie ja bereits selbst… vielleicht waren sie am Ende noch die Urheber der Revolution? Was aber hatten sie hier zu schaffen? Mein Begleiter erklärte mir, daß französische Truppen wahrscheinlich die Burg besetzt hatten, genau wie in früheren Zeiten die Templer, die übrigens eine Kommende in einer nahe liegenden Stadt (1) am Rheinufer besaßen. „Der Fluß, den man nicht sieht – aber sehen kann“, grinste ich. So liefen wir etwa zwei Kilometer zu Fuß, nahmen dann einen Bus und erreichten den Ort nach einer rund einstündigen Fahrt. Der Weg vom Bahnhof bis zur Tempelgasse wäre zügig bewältigt gewesen, wären wir nicht auf eine Straßenmalerin aufmerksam geworden. Sie saß auf einem wackligen Klappstuhl, vor ihr lagen kleine bunte Zeichnungen. Historische Porträts, den Titeln nach zu urteilen. (Da alle Stars bereits von der Pop Art vereinnahmt waren, zeichnete sie alte Drucke nach, die sie auf Flohmärkten fand.) Darunter ein Bildnis Hoches (2), mit der Inschrift:

französischer General in der Vendée
und am Rhein
gestorben im Jahr 1797

Die fehlende Interpunktion verwirrt mich etwas. Man hätte lesen können, Hoche sei General in der Vendée gewesen und am Rhein gestorben. Ich fragte die Künstlerin, ob dies tatsächlich der Fall sei. War es nicht, ließ man mich verstehen. Der Titel sagte: Hoche war Befehlshaber in der Vendée und am Rhein gewesen, ehe er etwa 100 Kilometer weiter östlich starb, also nachdem er mit seiner Armee den Rhein bei Neuwied überquert hatte. Nach alldem was auf dem Burg passiert war, mußte ich das Bildwerk kaufen.

hoche

“Es ist ziemlich teuer”, bemerkte ich. – “Es ist historisch.” – “Gab es Filzstifte zur Zeit der Revolution, hatte sie vielleicht sogar den Filzstift erfunden?” – “Natürlich nicht, aber was wissen wir wirklich über ihre Wirkungen?” – Die Frage war berechtigt, gewiß, auch wenn ich sie vielleicht nicht richtig verstand. Ich zahlte und folgte meinem Begleiter zurück zum Bahnhof, denn inzwischen hatten wir den Templer völlig vergessen.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,

Ihr Marcel Crépon”

(1) Bad Breisig
(2) Nach: ”Hoche französischer General in der Vendée und am Rhein gestorben im Jahre 1797”: [Stich, Autor nicht identifiziert], Verleger: bey den Gebrüdern Klauber (Augsburg), 1797-1799

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (7)

” (…) – ”Ah, da haben die Kerle sich was ganz feines, einmal etwas wirklich richtig Originelles ausgedacht: einen hochwertigen Foto-Abzug der List-Fabrik (21) (den höchstwahrscheinlich der Neffe Bènes mit seinem Computer frisiert hat).

fabrikList-Fabrik im Farbenspiel

Sicher ist Ihnen das Gebäude aufgefallen? Von der Rue de Boofzheim ist es nicht zu verfehlen. Die Fabrik wurde im Bauhaus-Stil gebaut, wissen Sie? Eine schöne Abwechslung jedenfalls gegenüber der üblichen ”Mariensäule am Rhein”-Trophäe, von denen ich schon vier Stück habe…“

Grians und Emmele standen plötzlich auf. „Gleicht fängt das Spiel an“, sagte er.
- Das Spiel? Wer spielt?
- Der FCR, 2, natürlich…
- Gegen wen?
- Das weiß ich nicht. Gegen die erste Mannschaft vielleicht? Das kommt schon vor…

Frau Grians ihrerseits kündigte an, sie müsse „auf Streife zum Friedhof gehen“. Auf meine Frage, ob die dort Liegenden bedroht wären, antwortete sie: „Nicht die Toten! Wir sind bedroht!“ Tigermücken würden nämlich gerne ihre Eier auf Friedhöfen ablegen. „Nicht am Rhein?“ – „Von wegen! Das verfaulte, stinkende Wasser in den Blumentöpfen ist für ihre Brutstätten viel geeigneter. Verstehen Sie? Also nein, die Toten haben wirklich nichts zu befürchten, oder jedenfalls mehr von den Lebenden als von diesem Denguefieber (22)!”. Emmele ging also sozusagen auf Mückensafari… Und auch ich machte mich auf den Weg. Links vorm Eingangsportal des Friedhofs stand ein Schild “Parcours de Santé” (23), dessen verheißungsvoller Richtung ich nun folgte. Er führte zuerst den Friedhof, dann an Bäumen, Gräsern, Häusern entlang, immer geradeaus bis zum Rhein, der irgendwo hinter Gehölzen und Gebüsch versteckt, also unsichtbar, dahinfloß.

Nun, liebes Rheinsein, hier endet mein Bericht.
In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon.”

(21) “Mit einem anderen wichtigen Bau kommt auch das während des Dritten Reichs aus der repräsentativen Architektur verbannte Lager der modernen Architekten ins Spiel. Vollständig erhalten ist ein Fabrikgebäude in Rheinau (Rhinau) bei Straßburg, das ab 1941 für ein Werk der Berliner Firma “Heinrich List” für die Produktion von elektrotechnischen Ausrüstung für
Flugzeuge errichtet wurde. Entwurf und Ausführung lagen bei Ernst Neufert, dem einstigen Bauhaus-Schuler und früheren Bürochef von Walter Gropius in Dessau. Neufert galt seit der ersten Auflage der 1936 zuerst publizierten, heute weltweit verbreiteten Bauentwurfslehre als der führende Fachmann für alle Frage der Normung in der Architektur. So ist es kein Zufall, dass Neufert den Bau in Rheinau als Muster eines umfassenden Normungssystems konzipierte, das von ihm zur gleichen Zeit mit ausdrücklicher Rückendeckung von Hitler und Speer vorangetrieben wurde. Dessen Grundlage war der sogenannte Oktameter, eine Maßordnung auf der Basis einer Teilung des Meters nicht durch zehn sondern durch acht, die bestimmte Vorteile für die Baupraxis hatte, besonders für die Vorfertigung und für den sparsamen Umgang mit Baumaterial, was während des Krieges von
großer Bedeutung war. Im Grundrissraster und in sämtlichen Details der dreigeschossigen Fabrik in Rheinau ist dieser Oktameter wieder zu finden. In Neuferts wichtigstem theoretischen Werk, der Bauordnungslehre von 1943, ist die Fabrik anonym beschrieben und abgebildet, als Beispiel, wie der künftige Industriebau zu entwickeln war. Die Neufert’schen Maße sind dann
in zwei Stufen 1942 und 1950 DIN-Norm geworden, und damit ist Rheinau immerhin nichts weniger als der Prototyp für die “Maßordnung im Hochbau”, die den westdeutschen Wiederaufbau begleitete (DIN 4171 und 4172)“ (Wolfgang Voigt, Von der Hitlerskizze zur “Neuordnung” und zum ersten Wiederaufbau. Deutsche Planungen und Bauten im annektierten Elsass 1940-1944. In: Tilman Harlander, Wolfgang Pyta (Hrsg.) NS-Architektur: Macht und Symbolpolitik, Kultur und Technik Band 19 (Berlin, 2010))
(22) Emmele prononzierte „dingue“: „bekloppt“
(23) Trimmpfad