Rheinelefant

Aus der Abteilung Zwischen- und Mischwesen, säuberlich protokolliert von Dielhelm, der selber allmählich mystische Gestalt annimmt: “Andere Merkwürdigkeiten der Naturgeschichte hat man in Gestalt verschiedener Glieder von fremden und ungeheuren grossen Thieren aus dem Grunde des Rheins hervorgebracht und gehören insonderheit dahin zweene grosse Fischzähne, welche in der Pfalz bei Roxheim in der Nachbarschaft von Worms / von den Fischern herausgezogen und von D. Joh. Pincer an den Grafen von Solms geschickt worden, der sie in dem Schloß zu Lich an einer eisernen Kette aufhängen lassen. Es waren solches Backenzähne, die sich in viele Wurzeln vertheilten und noch in einem Stücke des oberen Kienbackens fest sassen. Der Doct. Pincer will an jetzt gedachtem Kienbacken zwey grosse Löcher oder Röhren beobachtet haben, durch welche der Fisch das eingeschluckte Wasser wieder in die Höhe geworfen habe. Allein, weil er selbst gestehet, daß diese Röhren nicht mehr ganz gewesen, so kan es wohl seyn, daß sie dasjenige nicht waren, wofür man sie angesehen, und daß besagte Backenzähne eigentlich einem Elephanten zuzuschreiben sind. Wie man denn von diesem Thier hier und dar um selbige Gegenden im Rhein Gliedmassen gefunden hat. Bey dem Apothecker Gmelin in Tübingen befindet sich auch noch ein Unterkiefer eines Elephanten, der zwey Stunden von Mannheim aus dem Rhein gebracht worden, und dem Unicornu fossili gleichet. Er ist sehr mörb und wiegt fünf und dreysig Pfund. Ein dabei gefundenes Horn ist ganz porös oder löchericht, und mithin leicht, dergestalt, daß es nur achthalb Pfund wiegt, ob es gleich eine Länge von ohngefehr zwey Schuhen hat.” Es geht noch ein wenig weiter mit der Beschreibung eines Elefantenschädels aus dem Neckar unter Zuhilfenahme veterinärmedizinischer Fachtermini. In Dielhelms spätbarockem Bericht steckt, trotz wissenschaftlicher Ansätze, die ganze Ungeheuerlichkeit einer vergessenen Spezies. Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang unbedingt auf Andreas Louis Seyerleins Seeelefantenforschungen resp. -betrachtungen, die zwar (noch) keinen direkten Bezug zwischen Seeelefanten und Rheinelefanten nachweisen, der Wunderlichkeit des Wesens an sich jedoch hier und an weiteren Stellen in Seyerleins unikem Blog particles in hohem poetischen Maße gerecht werden.

Freiburger Notizen

Die Ereignislosigkeit der Tage, dünn mit Sehnsüchten überspannt. Handygequake der Mitreisenden, Rheinkilometer für Rheinkilometer. Der Zug schüttelt sich, als hätt er jemand überfahren, wieder zucken die Reisenden mit den Mundwinkeln. Zwei Minuten Verspätung. War wohl eher n niederes Tier. Südlich von Mannheim entspannt sich die vorübergehend ideenlose Landschaft und macht wieder ein paar hübsche Sachen. Getragene Lichtfarben spreizen sich übers Oberrheintal, ein Paradies zweiter Hand: einst, heißt es, prallte der Rhein gegen den Isteiner Klotzen und wurde von diesem abgelenkt ins Rhônetal, voreinst war eh alles Wasser hier, da wär so ein Rhein garnicht sonderlich aufgefallen. Unter den Schienen knirschen leise die Muschelschalen als Relikte jener schwer vorstellbaren, somit poetisch nachladbaren Zeit. Wir befinden uns nun eindeutig in den langsameren Regionen unserer Republik. Neben mir ordert eine ältere Dame in kanariengelbem Kostüm energisch ein Bier, bewährtes Mittel unter Auswärtigen zur Geschwindigkeitsangleichung. Draußen: grün unterfütterte Kühe, beschattet von Zierwolken vor Schwarzwaldelektrokardiogramm. In Freiburgs Vorgärten leuchten Petunien und Goldlack in überirdischen Farben. Auf den Straßen diverse Karl Marxe. Mit Bdolf, dem dunkelsten Denker, bis in den frühen Morgen die Menschheits- und Kulturgeschichte zum mindesten Europas zerzaust. Sie flockt ganz schön aus dabei, die alte Geschichte, an andern Stellen klumpt sie deftiger als gewohnt. Be- und entschleunigt wird sie ohnehin seit geraumer Zeit von vorgreifenden und rückwirkenden, jedenfalls durch und durch badischen Brauereierzeugnissen aus dem nahegelegenen Rothaus. Ausgangspunkt solch nächtlicher Hirnchirurgie: jüngst entdeckte, steinerne Alemannengräber am Hochrhein, archäologisches Rauschgift sozusagen. Blütenreisen ins Jenseits, womöglich bis tief in die Gefilde seltener Gottheiten. Der Sprachlappen des Neanderthalers. Die Spirallastigkeit des japanischen Spielfilms. (Was wissen diese Kulturen, das wir nicht wissen?) Die Grauwerte der Theorie: Verschlechterung durch Verbesserung, Stillstand durch Fortschritt – ganz allgemein die Fragwürdigkeit von Erkenntnis in Zusammenhang mit herrschenden Deutungsmechanismen, zb bzgl der Kelten im Abgleich mit den nordischen Sumpfvölkern. Es paßt noch viel mehr in eine einzige, an beiden Enden angestauchte Nacht: so mag es sein, daß bisher klandestine Teile des Rheins unterbewußt antizyklisch und sogar rückwärts fließen. Google Earth ist da seit kurzem dran.

Tulla – der Herkules vom Oberrhein

Von Dielhelms Listen beeinflußt zeigt sich Paul Hübner in seiner Passage über den Oberrheinbegradiger Johann Gottfried Tulla, dessen nachhaltiges Werk die Landschaft zwischen Basel und Mannheim bis heute prägt: „(…) Kein Herkules hat fertiggebracht, was Tulla in seinem Lebenswerk gelungen ist. Ohne die heutigen technischen Mittel hat er den Oberrhein in seinem Lauf fast um die Hälfte verkürzt und ihn gezwungen, in einem festen Bett, nicht mehr nach Belieben, durch den oberrheinischen Graben zu fließen. Ein karges Leben führte der für seine Verdienste nur gering besoldete Junggeselle Tulla. Als er als Hauptmann zum Oberingenieur ernannt wurde, erhielt er als jährliche Besoldung: fünfhundert Gulden Geld, acht Malter Korn, sechzehn Malter Dinkel, zwei Malter Gerste, fünfzehn Malter Hafer, sechsunddreißig Zentner Heu, hundert Bund Stroh, zwölf Ohm Wein erster Klasse, zwei Klafter Buchen- und zwei Klafter Tannenholz.“ Das hätte ich gern mal auf heutige Verhältnisse gebracht. Die Wichtigkeit des Sprits. Für Mensch, Tier, Gefährt. Tulla selbst schrieb zu seinem Projekt, das zwischen 1817 und 1876 umgesetzt wurde: „Wird der Rhein rektifiziert, so wird alles längs diesem Strom anders werden, der Mut und die Tätigkeit der Rheinuferbewohner wird in dem Verhältnisse steigen, in welchem ihre Wohnungen, ihre Güter und der Ertrag mehr geschützt sein werden. Das Klima längs des Rheins wird durch die Verdunstung der Wasserfläche auf beinahe ein Drittel, durch das Verschwinden der Sümpfe und die damit im Verhältnis stehende Verminderung der Nebel wärmer und angenehmer und die Luft reiner werden.“ Wo jetzt das Paradies liegt, lag einst die Hölle? Der in seiner Behäbigkeit so fleißige und tapfere Badener von heute einst nichts weiter als ein fauler mutloser Sack in den Sümpfen? Tullas Geburtsstadt Karlsruhe, in der sein Name allgegenwärtig ist, wirbt immerhin mit dem anspielungsreichen Claim: „Viel vor. Viel dahinter.“ Beigesetzt wurde Tulla auf dem Cimetière de Montmartre, wo auch Heines Überreste rotten und Wikipedia und Hübner sind sich nicht ganz einig darüber, was auf seinem Grabstein zu sehen ist: „Sein Grabstein zeigt das so genannte Altriper Eck, einen der technisch schwierigsten Abschnitte der Rheinbegradigung nahe dem pfälzischen Dorf Altrip.“ (Wikipedia) „Auf seinem Grabstein ist ein aufgerollter Rheinplan mit dem ursprünglichen Lauf und der neuen Linie abgebildet.“ (Hübner) Vielleicht wurde aber auch der Grabstein zwischen den Quellenlagen ausgetauscht.