Tobelhocker

Bei 150 Jahre Zukunft fällt uns die Sache mit den Tobelhockern ein. Tobel ist eine alpenländische Bezeichnung für eine Schlucht. Es geht dabei also um Schluchtenhocker, zum Inderschluchthocken verdammte Gestalten, ein sehr lokalspezifisches Fänomen, das unseres Wissens einzig im Triesner Lawenatobel vorzufinden ist. Zwar fallen die Anfänge (auch die Gründe) des Tobelhockens ins Sagenhafte, gleichzeitig existieren in den Büchern konkrete Jahreszahlen aus der späten Ära der christlichen Hexenverbrennung und eine Furcht, die bis ins 21. Jahrhundert reicht. Das Besondere an den Tobelhockern ist, nebst ihrer Triesner Endemie, die Einzigartigkeit ihrer Leidensherkunft, da es sich beim Tobelhocken um eine (sonst nirgendwo festgehaltene) Strafe für das Denunzieren von Hexen handelt. Weswegen die Tobelhocker auch Brenner genannt werden und genau in der Schlucht ihre Strafe absitzen müssen, die in der Gegend zuvor als Hexentreff galt. Während die Hexen (wir bemühen eine moderne Vorstellung) dort einst quietschfidel quidditchend einhersausten, besteht der Fluch der Brenner darin, die Ewigkeit an selbiger Stelle gemeinsam schweigend auf Steinsitzen an einem großen Steintisch zu verbringen. Und nicht nur die Denunzianten trifft der Fluch, sondern ihre Nachfahren, auch solche durch Zuheirat, bis in die neunte Generation. Leicht vorstellbar, daß auf diese Weise bis zur Hälfte aller Triesner Familien mit dem Fluch beladen (gewesen) sein sollen.

Der bekannteste Historiker Liechtensteins, Peter Kaiser, beschrieb in seiner Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein von 1847 das Triesner Fänomen, wie er es von einem Alten als Sage erzählt bekam: „Die Brenner, welche so viele Menschen dem Scheiterhaufen zugeführt, hatten den Pfarrer von Triesen zu ihrem Opfer auserkoren. Sie traten in sein Zimmer und er, die Absicht ihrer Ankunft errathend, faßte sich schnell, holte Wein aus dem Keller und forderte sie zum Trinken auf. In den Wein aber hatte er schnell betäubendes und schlaferregendes Gewürz gemischt. Die Brenner wurden von dem Genuß des Weines bald trunken und sanken in tiefen Schlaf. Der Geistliche, diesen Umstand benutzend, entriß ihnen das Verzeichniß der Opfer, das sie bei sich führten. Er war der erste auf der Liste. Alsbald ließ er die Männer kommen, die mit ihm auf dem Verzeichniß standen und zum Feuertod bestimmt waren, machte sie mit der Gefahr bekannt und forderte sie auf, alles an Ehre und Leben zu wagen. Sie nahmen die Brenner fest, überlieferten sie der Obrigkeit und ihre Unthaten kamen zu Tage. Sie erlitten die gerechte Strafe und viele Familien, die um Ehre und Eigenthum gebracht worden, erhielten beides wieder.“ Und der Historiker merkt an: „Die Volkssage übte auch eine eigene Justiz gegen die Brenner, welche nicht gut genug zur Hölle, in ein finsteres Tobel, da, wo man zur Alp Lawena geht, gebannt sind und dort sitzen sie an steinernen Tischen stumm und starr; denn ihr Herz war auch hart, wie Stein und unerbittlich, und ihr Lügenmund ist geschlossen immerdar. Das Volk nennt sie „Tobelhocker“.“

Der heutige Volksmund variiert die Geschichte von den Tobelhockern: so hörten wir von einer Variante, bei der die Verdammten in Gletschertöpfen auf der Stelle um sich selbst zu kreiseln hätten.

Wir schließen mit einem Hinweis auf einen ausführlichen Text von Manfred Tschaikner, der dem Fänomen vor wenigen Jahren nachging und zu einigen aufschlußreichen Erlebnissen und Folgerungen gelangte.