Liechtensteiner Hirtenave

Auf den Liechtensteiner Alpen Vaduzer Malbun (Pradame), Triesenberger Malbun und Sücka wird zur Zeit des Alpbetriebes allabendlich vom Obersennen ein Ave gesungen, welches volkskundlich in mehrfacher Beziehung von Bedeutung ist. Auf den beiden Malbuneralpen wird es von einem in der Nähe der Sennhütte stehenden Kreuze, auf Sücka hingegen auf der Höhe zwischen Rhein- und Saminatal gesungen, wobei sich der Sänger gegen das Rheintal wendet. So heißt es auch in der Liechtensteinischen Volkshymne in der 3. Strophe: “So frei die Gemse springt, kühn sich der Adler schwingt, der Senn das Ave singt der H e i m a t zu.”

Das Ave wird ohne instrumentale Begleitung gesungen, mitunter wird ein Jodler angeschlossen. Ueber die Zeit der Entstehung des Hirtenave ist nichts bekannt, doch mündliche Ueberlieferung und auch der Inhalt des Textes deuten auf jahrhundertealten Brauch zurück.

Der Text, welcher ohne nähere Erläuterungen zuerst 1910 von Dr. Eugen Ripp im Liechtensteiner Volksblatt (…) mitgeteilt und schließlich im Liechtensteiner Lesebuch für Oberklassen abgedruckt ist, lautet:

Juhu!
Oho! Oho! Ave Maria!
Gott Vater, der Schöpfer von Himmel und Erd’,
Beschirm’ unsern Ring, behüt’ unsern Herd!
Unsere liebe Frau mit ihrem Kind,
Breite den Schutzmantel über Alp’ und Gesind’!
Sankt Petrus, du Wächter an der Himmelspfort’,
Schütz’ uns vor Raubtieren, sei unser Hort!
Bann’ dem Bären die Tatzen, dem Wolf den Fang,
Verschließ’ dem Luchs den Zahn, dem Stein den Gang,
Sperr’ der Leue die Bahn, dem Wurm den Schweif,
Zertritt dem Raben den Schnabel, die Kralle dem Greif!
Sankt Theodul, du heiliger Schutzpatron,
Bitte für uns bei Gott am Himmelsthron!
Sankt Sebastian, hör’ unser Bitten und Flehen,
Laß’ kein Unglück zu Holz noch zu Stein geschehen!
Sankt Cyprian, Fürbitter in aller Not,
Bewahr uns vor Unfall und jähem Tod!
Sankt Wendelin, Heiliger mit dem Hirtenstab,
Recht wende du und weise unsere Hab’!
Lieber Sankt Veit, weck’ auf uns zu rechter Zeit,
Behüt’ uns in unserm Tal
Allhie und überall!
Das geschehe im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit
Und in Gottes höchster Dreieinigkeit!
Oho, behüt’ uns Gott!
Oho, behüt’ uns Gott!
Oho, behüt’ uns Gott!
Juhu! Juhu!

Quelle: Hofrat Dr. August Mahr, Das Hirtenave von Liechtenstein, gefunden in: eliechtensteinensia

Geschichten von doazmol: Leben und Landschaft am Alpenrhein

Karin Lehner betreibt mit Doazmol eine Art Miniatur-rheinsein zur Region Werdenberg im St. Galler Rheintal und hat uns schon mehrfach mit Gastbeiträgen vom Alpenrhein versorgt. Parallel zu ihrer Website, die das Leben im Werdenberg in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts dokumentiert, hat sie ihre Forschungen auch in einer Buchreihe niedergelegt, die just mit Band 5 (von Frauen aus der Region erzählte Anekdoten und Geschichten) abschloß. Karin Lehner hat die folgenden Ausschnitte eigens für rheinsein zusammengestellt. Wir freuen uns über ausgewählte Stimmen zur Werdenberger Landschaft mit Fluß, insbesondere über die im Text integrierte Tondokumentation im Rheintaler Dialekt zum auf der gegenüberliegenden Rheinseite verheerenden Hochwasser von 1927, in dessen Zuge halb Liechtenstein Land unter meldete:

„Doazmol gab es beim Rheindamm zwei Seeli, auch ein Tannenwäldchen und der schöne Erlenwald reichte bis nach Buchs.“ „Im Tannenwäldchen wurden in der Sonntagsschule die Ostereier versteckt.“ „Ringsedumi ischt eigentli nur Streui gse.“ „Im Frühling, bevor sie mit den Schafen auf die Alp gingen, waren diese dort in der Rheinau.“ „Das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen: Hatte ich im Kreuz abends die Fenster geöffnet, hörte man Frösche quaken, Grillen zirpen und die Schafe in der Au blöken.“

„Unser Gebiet zum Spielen war in der Rheinau. Es stand später auch eine Hütte vom Natur- und Vogelschutzverein dort.“ „Di junge Haager hend denn no e Schiffli g’macht, dass me het chönne uf dem Seeli umegöndele.“ „Mit dem Schiff Libelle fuhren sie auf dem oberen Seeli umher. Es hatte dort auch eine kleine Insel.“ „An Sonntagen spazierten wir häufig dorthin mit den Kinderwagen und ‛hend det bröötlet’.“ „Als dann die Industrie kam und wegen des Baus der Autobahn musste die Naturschutzgruppe umziehen und baute ihre Hütte dann im Waro-Wäldli.“

oberes seeli in der rheinauOberes Seeli in der Rheinau

„Wenn der Rhein hoch war, wurden die Schleusen geöffnet und Wasser in die Auen gelassen.“ „Da iusse im Wald isch denn alles volle Wasser gse.“ „Es schwemmte viele Fische in die Seelein. Das obere Seeli war ein sehr tiefes, türkisfarbenes Gewässer, dort gab es auch Hechte. Weiter oben war noch ein Gewässer, ‛dr Hechtgunta’.“ „Sobald das Wasser abgeflossen war, wurde der Kies weggeführt und der fruchtbare Schlamm in die Äcker gebracht, um diese zu düngen.“ „Südlich der Brücke gab es viel Letten. Durch den Grundwasserdruck des Rheins entstanden in diesem Letten wie kleine Vulkane, aus denen das Wasser heraussprudelte.“

„1927 isch de Rhii so platzet voll gse, dass mer Angscht ka het, er gaht drüberuus und chäm in Haag duri – mir hend jo e schwachi Stell im Damm ka. Wo dia schwache Stelle gse sind, hend alli g’wüsst. Mer sind denn als Boba go luege, wenn de Rhii hoch gse ischt: bi de Schwächene het’s blooteret, s’Wasser het denn uii druggt. I sebem Jahr hend d’Haager g’mont, si müsend flüche mit em Väh. De Ätti het emool verzellt, do hend’s echli Soue ka und e paar Schwänz Väh und denn hegend’s dia Soue uufglaade und sind uf Sax ui, s’Väh hend’s uitriibe. Bis s’Wasser duri gse ischt. Es ischt denn tatsächli überuus, aber is Liechtestei.“

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

„Mein Vater war Rheinholzer – hatten wir Mädchen jeweils Angst, wenn es wieder so weit war. Das war eine gefährliche Arbeit und dann gingen sie auch noch nachts. Mit Wurfhaken oder langen Stecken fischten sie nach dem hertreibenden Holz und versuchten es ans Ufer zu ziehen. Vater machte dies nicht aus Abenteuerlust, wir brauchten das Holz zum Feuern.“ „Es wurde ganz unterschiedliches Holz dahergeschwemmt: Manchmal ganze Bäume, zum Teil aber auch gesägte Bretter, welche es im Bündnerland weggeschwemmt hatte.“ „Die alten Haager waren richtig ‛aagfrässe’.“ „Mein Grossvater war ein leidenschaftlicher Rheinholzer, obwohl er nur einen Arm hatte. Er nahm seine Töchter mit, damit er nicht alleine war, falls etwas passiert.“

Auch die Einarmigkeit des rheinholzenden Großvaters hat natürlich eine Geschichte: „Sie lebten alle gemeinsam in Vaduz, wo Grossvater Postautochauffeur war. Dann ereignete sich ein folgenschwerer Unfall. Die Bremsen wurden doazmol an der Aussenseite des Autos bedient. Auf dem engen Strässchen von Malbun herunter musste er mit einem entgegenkommenden Auto kreuzen, dabei hat es ihm den Arm, den er zum Bremsen benutzen musste, abgedrückt. Dieser Arm wurde amputiert und mit nur einem Arm durfte er nicht mehr Postauto fahren. Die Häuser in Haag waren doazmol billig und so kauften sich meine Grosseltern dort ein günstiges Haus. Sie betrieb ein Lebensmittellädeli und er eine Velowerkstatt.“

Die Doazmol-Frauengeschichten können wie auch die anderen vier Bände über Karin Lehners Website bestellt werden. Eine erste Rezension zum Abschlußband gibt es in der Regionalzeitung Werdenberger & Obbertoggenburger.

Malocher

rheinische transportarbeiter

Gesehen in Vaduz. Zwei Arbeiter stemmen demonstrativ einen gewaltigen Malbuner Fleischriegel, um ihn aus dem ewig changierenden Hintergrundbraun ins Hier und Jetzt zu transportieren (evtl auch umgekehrt). Es handelt sich bei den fleißigen Malochern augenscheinlich um Ausländer, nicht um Einheimische und insgesamt um einen dem liechtensteinischen Alltag entnommenen Akt:

Daß Fremde in Liechtenstein sich erst einmal mittels hartem Anpacken bewähren müssen, lautet im auf bäurischem Treu und Glauben fußenden Staatsgefüge des Fürstentums das ungeschriebene Gesetz. Ob das Prinzip der Vorläufigkeit für Staatsfremde jemals ausläuft, ist dabei ungewiß und letztlich eine Geldfrage. Bis vor wenigen Jahren lebten mittellose Ausländer in Liechtenstein sogar höchst gefährlich. Beredtes Zeugnis davon gibt der erste Immigrant aus dem Reich der Waschbären, ein unbedarfter Wandergesell, der heute ausgestopft im Nationalmuseum in Vaduz zu betrachten ist und der nur wenige Minuten nach seiner Entdeckung in einem Schaaner Vorgarten exekutiert wurde.

Die beiden Malocher hingegen sind gewissermaßen willkommen, weil sie um geringen Lohn bereit sind, tagein tagaus das vielfache des eigenen Körpergewichts zu schleppen, wohin der Chef (ein Einheimischer, nicht im Bild) befiehlt. Immerhin stecken die Transportarbeiter in gummierten, modischen, der Landestracht nachempfundenen Knautschanzügen, was ihre Arbeit zwar nicht erleichert, jedoch einen funktionalen Unfallschutz hergibt.

Für oder gegen das Vetorecht (nicht im Bild, siehe hier) des Fürsten (ebenfalls nicht im Bild) durften die Zuzüglinge nicht stimmen. Die spontane Vaduzer Demonstration, während derer vier fleischriegeltragende Fabrikarbeiter mit Migrantenhintergrund (zwei davon im Bild) der liechtensteinischen Bevölkerung symbolisch am Arsch vorübergingen, fand vorvergangenen Dienstag statt und in der lokalen Presse keine Resonanz.

Malbuner Schinkenberge

malbuner-schinkenberge

Malbun

Bei Steg zischt die Samina talab, um sich der Ill, somit dem Rhein einzuverleiben. In der Zwischensaison dämmernde Ferienhütten, auf Malbun zu mehrt sich harter nasser Schnee. An den Hängen warten ungeordnete Stellungen der Schneekanonen in bedrohlicher Ruhe auf das große Schießen. Malbun, dessen Nordhälfte zu Vaduz, dessen Südhälfte zu Triesenberg gehört, Namenspatron des Malbuner, zu Werbezwecken stilvoll alpengipfelig und im Geiste milkakompatibel („lila Kühe auf rosa Matten“) präsentierten, Rohschinkens aus der Ospelt-Fabrik – doch kein Schwein weit und breit. Steinbockgehörnte Teufel zu Füßen der staubsaugerklingenden Friedenskapelle mit untertitelten Heiligendarstellungen (darunter Ausschnitte aus dem Liechtensteiner Hirten-Ave („Oho! oho!“)) und Berglerflehen („Liebe Mutter mit dem Kind, breit deinen Schutzmantel über Hütt und Gsind“). Aufm Rundweg geht’s den Gipfeln zu, gesprenkelte, vom Donner getupfte Hangdrosseln flüchten sich in den Dämmer, mitten im Lawinengebiet ächzen tonlos trotz Verbots errichtete und nach lawinaler Zerstörung wiedererrichtete Häuser, der Pfad wird schneeiger, schmaler, rutschiger, droht sich im Allgemeinen zu verlieren, über feuchte steile Hänge gelingt der Abstieg auf die eisüberzogene Straße. Unter der dünnen Eisdecke herrscht ein abartiges Gewimmel amorfer schwarzer Schlangen, immer wieder überraschend und schier unermeßlich die Bösartigkeit der Berge, die zugleich so wunderbare Aussichten (hier aufn Säntis samt seinem Sendeturm) bieten, daß die Grundstückspreise die Gipfelhöhen noch übersteigen. Nach einigem Schliddern zurück im Dorfkern. Vom Wintersporthalligalli keine Spur, der Exklusiv-Kiosk hat geschlossen, einzig regen sich, und zwar sehr mäßig, die Stimmübungen absolvierenden Steinadler in der Voliere des Dorffalkners Vögeli (sic!) und die ähnlich klingenden Baukräne im kalten Wind.