Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (5)

Die Session war zu Ende. Meine Doppelfrage, weshalb Mr. Prason vermittels seiner Reise davon überzeugt werden konnte, daß er mit seinen Thesen richtig lag, weswegen ich jedoch nichts Ungewöhnliches zu sehen bekommen hatte, beantwortete Mme Sénèth dergestalt, daß ich ja schließlich nicht danach gefragt bzw. dafür bezahlt hätte. Was ich gesehen hatte war lediglich der Standardablauf. Während ihrer Unterredung mit Mr. Prason hatte sie ein Zeichen, das er ihr gezeigt hatte, so interpretiert, daß es sich um einen Zirkel handeln und auf das gleichnamige Sternbild (Circinus) verweisen müsse, welches nah bei einem alten Sternbild namens Schiff Argo stünde, womit feststand, daß Victor Hugo mit seiner Rhein-Reise in Wirklichkeit auf der Suche nach dem Goldenen Vlies gewesen war, was nicht weiter verwunderlich sei, denn laut Isaac Newton (24) ist eine große Zahl der Konstellationen eben von der Argonautensage abgeleitet.

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Le Rhin, manuscript – BnF [NAF 13387]

Mr. Prason widersprach dieser Interpretation natürlich vehement: Le Rhin beschreibe die Reise Hugos im Totenreich, und zwar vor dem Tod bzw. vor seinem Tode. Denn gestorben war Hugo zweimal (25), und seine Reise als Mensch und als Dichter folgte einem Motto: Vom Gestern zum Morgen: “On n’a qu’à ouvrir sa fenêtre sur le Rhin, on voit le passé; pour voir l’avenir, il faut [...] ouvrir une fenêtre en soi.” (26)

Mme Sénèth machte Mr. Prason darauf aufmerksam, daß das ägyptische Totenbuch 190 Kapitel zählte, Le Rhin jedoch nur 39 Briefe und den Schlußteil beinhaltete. Wo war der Rest geblieben?
“Auf dem Tisch liegt es, wie immer. Es liegt auf dem Tisch und spricht mit ihm” (27), war die Antwort Mr. Prasons.
- Aber die Fotos, die ich im Buch gesehen habe?
- Der technische Fortschritt wird zum Teil vom Irrationalen erzeugt. Es ist nur logisch, das Irrationale mit Hilfe von technischen Mitteln faßbar zu machen…
- Wieso aber tauchten die ägyptischen Intuitionen Mr. Prasons nicht auf den Fotos auf?

Es war nicht schwer gewesen, ihn zu überzeugen, daß die Geisterwelt in Hugos Wohnung wertvoller war als die pharaonischen, fluchenden Mumien. Jede (von uns suggerierte) Wunschäußerung läßt sich problemlos auf Papier ausdrucken. Unsere Software ist einfach, aber effektiv, die Kunden stets zufrieden. Schauen Sie:

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Das in ein Grafito verwandelte Reiterstandbild

- Das erinnert mich an den Fall Buguet (28): der Gutgläubige porträtierte samt gespenstischer Erscheinungen seine geliebten Toten, wobei er zunächst eine vorgefertigte Puppe mit kurzer Belichtungszeit fotografierte. Von Polizeibeamten auf frischer Tat ertappt, wurde er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ob nun als Artikel 405 im alten oder als Artikel 313-1 im neuen Gesetzbuch: Betrug bleibt Betrug.
- Was, erwiderte Mme Sénèth, auf meine Dienstleistung nicht zutrifft. Ich verspreche weder dies noch das gegen Geld, sondern komme den Wünschen meiner Kunden entgegen.
Ich überließ Mme Sénèth ihren Spielchen und ging.

Meiner Natur mehr als nur fern sind übertriebene Jubelarien; die nüchtern betrachtet jedoch ausnahmslos positiven Bemerkungen (ich vermied es geschickt, vom Hugoschen Rhein-Syndrom (29) zu sprechen), die ich Mr. und Mme Prason über mein Erlebnis bei Mme Sénèth berichtete, wurden belohnt: ich dürfte das Buch abfotografieren (30). Sie werden es durchblättern und vielleicht darin finden, was sich finden läßt oder eben nicht. Das überlasse ich Ihnen.

Beim Verlassen des Wohnwagens blickte ich mich ein letztes Mal um. Das Aquarium war leer. Was war mit der Kaulquappe geschehen? Mr. Prason zwinkerte verschwörisch und murmelte : “Nguyệt Tâm (31) ist nun sein Name; mit schwarzem Bart ist er in Saigon, in Tây Ninh mit weißem; sein Geist formuliert die Gebete: Taufgebet, Gebet im letzten Augenblick des irdischen Lebens, Gebet nach dem Tod, Gebet des Eingesargten (32)…, die vom Gläubigen in Weiß, in Rot, in Blau und Gelb gewandet beim passenden Anlass psalmodiert werden. Verstehen Sie? Der Rhein war der Eingang des Tunnels, welcher via Jersey in Vietnam wiederauftauchte…”

Die Gebetstitel erinnerten (wenngleich noch radikaler) an das oben erwähnte Ladenschild. Alles verwandelte sich, blieb dennoch irgendwie gleich. Außer das Buch-Antiquariat. Als ich dorthin zurückkehrte, sah ich den “Ägypter” ruhig vor einem Schutthaufen stehen. Wegen Einsturzgefahr hatte die Stadtverwaltung das Haus prophylaktisch abgerissen. Für den Buchhändler war der Grund für die marode gewordene Mauer einfach zu erklären: der Fäulnisprozeß der MILP hatte die Bausubstanz attackiert, unwiderruflich zersetzt. Er nahm es gelassen und vermied es, Zukunftspläne zu fantasieren, lieber beabsichtigte er, sich der Eudiobiotik zu widmen, was immer das auch sein mochte.

Das war auch alles. Und das genügt.

Im Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,

Ihr Marcel Crépon

***

(24) s. I. Newton : The Chronology of Ancient Kingdoms Amended (1728).
(25) s. E. Launet, Hugo es-tu là? (Libération, 11 décembre 2008).
(26) “Öffnet man nur sein Fenster auf den Rhein, sieht man die Vergangenheit; um die Zukunft zu erblicken […] muß man ein Fenster in sich öffnen“. ibid., Einführung.
(27) in V. Hugo, Le livre des tables (Paris, 2014), sind 161 Sitzungen (datiert und nicht datiert) protokolliert.
(28) s. G. de la Tourette, L’hypnotisme et les états analogues au point de vue médical (Paris, 1889).
(29) Welches man an das Jerusalem- oder Stendhal-Syndrom problemlos angliedern könnte.
(30) s. Le Rhin d‘Hugo
(31) “Cœur de Lune” [Mondherz]. Der vollständige Name lautet : Nguyet Tâm Chon Nhon. Im Caodai-Pantheon hat V. Hugo die Stellung eines Heiligen. Er ist auch der Dao-Gouverneur der caodaistischen Auslandsmission in Phnom Penh (s.: Anthologie des saintes paroles caodaïstes, T. II (Quach-Hiep Long, Alfortville, 2011).

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (4)

“Und?” Die Spinne war auf beiden Bildern zu sehen und diente dem Fischfang, nahm ich an. Auf dem Manuskript bedeckte tatsächlich eine weiße Form den Baum. “Erkennen Sie was?” drängte Mr. Prason. Tat ich nicht. “Ein L ist das, nichts anderes.” So betrachtet konnte es ebenso gut ein V sein; ein L gab es, auch wenn darüber spekuliert wurde (18), soweit ich wußte, im hieroglyphischen Alphabet nicht. “Ja, ein L”, fuhr Mr. Prason fort, “und für was steht es?” – “Der zwölfte Buchstabe des Alphabets, und der neunte Konsonant.” – “Nicht nur; als römische Zahl steht L für 50.” Ich ahnte, daß es ein passendes Kapitel hierzu geben mußte, und die entsprechende Erklärung, von der ich mir sicher war, daß ich sie umgehend erhalten würde, kam schneller, als mein Gedanke ausgesprochen werden konnte. “Der Titel des Kapitels L des ägyptischen Totenbuchs lautet: Um der Strafe zu entgehen. (19) Das Kapitel beginnt mit: Meines Halses Wirbel / Hab ich im Himmel sowie auf Erden zusammengefügt (20) und endet mit: Wo bin ich jetzt? Vor den Götterordnungen steh ich. Verstehen Sie jetzt?” – “Nicht wirklich.” Mr. Prason blickte mitleidig auf mich herab, während er einen Zettel bekritzelte.

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“Die Wohnung Hugos, Place des Vosges, wo er Le Rhin niederschrieb und seinen ersten Tod fand.” – “Seinen ersten Tod?” – “Fällt ihnen nun was ein?” Die Grundrißform war leicht zu erkennen. “Wieder L, Anfangsbuchstabe des Vornamens seiner in der Seine verstorbenen Tochter. Le Rhin erschien 1842, sie starb 1843, 1845 kam schon die zweite Auflage, obwohl die Reaktionen auf die erste trotz geschickter Werbung recht negativ ausgefallen waren (21). Warum dieses zweite Auflage?” Für Mr. Prason bestand kein Zweifel: was zusammen gehörte, passte auch zusammen, jedes Element seiner Überlegungen fügte sich perfekt in eine Art Mosaik, dessen Einzelteile wie Glimmer in der Sonne reflektierten und mich erblinden ließen; ganz zu schweigen von den Kanten, die meinen Verstand in dünne durchsichtige Scheiben schnitten. Was davon übrig blieb, rieselte wie Schneeflocken gemächlich zu Boden. Mme Prason legte schließlich eine Visitenkarte auf den Tisch: “Haben wir beim “Ägypter” gefunden. Alles wurde von dieser Dame bestätigt: die Reise, die Zeichnungen. Schauen sie sich die Fotos an.” Letztere hatte ich noch nicht erwähnt. Am Ende des Buchs waren sie eingeklebt. Verwackelte, unscharfe Aufnahmen, die alles bedeuten und beweisen konnten – ebenso gut wie das Gegenteil. So kam ich auf Mme Sénèth.

Es ist schon viel geschrieben worden, liebes rheinsein, doch wissen wir beide, daß ein vollkommenes Bild nur zu schaffen ist, indem alle Faktoren methodisch, ohne Vorurteil betrachtet und sachlich zusammengefaßt werden. Ich klopfte also auch bei dieser Mme Sénèth – und staunte nicht wenig. Statt einer geheimnisvollen Person (ich hatte an Maria Casarès in ihrer Rolle als Mary Tudor gedacht), hieß mich eine hellhaarige Frau im Chanel-Ensemble willkommen. Wo war die Zigeunerin mit Kopftuch und schwerem Schmuck abgeblieben? Wo die Kristallkugel, die Tarotkarten? Wo Kaffeesatz, ausgestopfter Uhu, blanke Schädel? Wo die Brokatgardinen? Der Raum ähnelte einem Verwaltungsbüro mit Leere erzeugender Innenarchitektur. An der Wand hinter ihrem Rücken hing zwar ein Horoskop, das jedoch wie ein Excel-Tabelle aussah. Eine Kristallkugel entdeckte ich ebenfalls. Sie diente als Briefbeschwerer und die einzige Zukunft, die darin abzulesen war, gehörte der Fratze eines grinsenden Alfred Hitchcock. Ich erklärte wer ich war, wer mich schickte und worüber ich sprechen wollte. Mr. Prason hatte in der Tat bei ihr eine spirituelle Rhein-Reise unternommen, bzw. an der Place Royale (22), wo Victor Hugo sein Werk niedergeschrieben hatte. Diese Reise könnte ich auch machen, und sehen. “Jedermann kann das heute”, sagte sie und setzte mir eine Art Nachtsichtgerät auf den Kopf. “Kommen Sie, gehen Sie…”, flüsterte Madame Sénèth. Schon schritt ich über einen Platz, stieß leicht gegen das Gitter, welches ein Reiterstandbild umrundete, ging unter Arkaden bis an ein großes Tor, das ich aufschob. Rechts im Hauseingang befand sich ein kleiner Flur, möbliert mit einer Theke, auf der Broschüren, Prospekte, Bücher, usw. lagen. Am Ende des Flurs eine zweite Theke, eine leere Garderobe zwischen beiden Theken, Postkarten. Wünschte man zwei davon, kostete es zwei Euro, kaufte man zwei, durfte man zehn Stück mitnehmen – reine Magie. Ich kehrte zum Hauseingang zurück, ging an mit Glasmalerei versehenen Fenstern vorüber braungelblich beleuchtete Treppen hinauf, ein Relief, aus welchem Pegasus entflog, besaß stark dreidimensionale Wirkung. Im zweiten Stock angekommen trat ich in eine Wohnung ein und sah nichts als unstabile Konturen von Möbeln, sfumatöse Gemälde, flüchtige Objekte, Skulpturen, erkannte mit orientalischen Motiven bemalte Holzwanddekorationen, Tellersammlungen, einen Tisch mit vier Tintenbehältern. So ging es weiter, bis ich in einen Raum eintrat und eine Stimme hörte : “Hier wurde es geschrieben.” – “Was?” – “Der Fluß.” – “Ist es möglich einen Fluß zu schreiben?” – “Und wie…”. Ob ich nun im nächsten Zimmer oder noch im gleichen mich befand, kann ich heute nicht mehr sagen. Die Dunkelheit hellte ein wenig auf, ich nahm eine Silhouette wahr, welche über einen hochgebauten Tisch gebeugt war und zu schreiben schien. “Wer sind Sie?” fragte ich vorsichtig. – “Der Größte.”

- Muhammad Ali?
- …
- De Gaulle? Sesostris? Goethe? Bonaparte?
- …
- Der Mount Everest?
- Berge sind Götter, nicht bloße Geister!
- Manitu?
- Warum nicht der letzte Mohikaner? Ich helfe dir: die Kaulquappe eines Erzengels bin ich…
- Sag nichts – Voltaire?
- Dieser teuflische Affe? (23) Sie armer Kretin… Ich bin der, der nachkommt und aufgeht, wenn die anderen in namenlose Konstellationen verschwinden. Ich bin der Gesprächspartner der Weißen Dame und die Rutschbahn der Schwarzen Dame. Ich bin das Eins in Vier, ich bin das Wort und die Tat, der Sonnenstrahl und seine Schatten.
- Hunahpú?
- Ich bin der Fluß und seine vier Ufer.
- Vier Ufer? Wie geht das?
- Zwei habe ich, wenn ich dem Ursprung entgegen blicke, zwei Richtung Mündung.
- Hätte ich mir denken können. Aber wer sind Sie tatsächlich?
- Der, der durch die Luft fließt und schäumt, durchs Wasser weht…
Ich spare Ihnen den Rest des Spielchens und komme direkt auf das Ende. Zermürbt von den Wortfällen fragte ich:
- Wer sind Sie wirklich?
- Das große Krokodil.
- Na also. Kennen Sie Mr. Prason?
- Uirjgrj…

Ich drehte mich um und befand mich erneut bei dem Reiterstandbild, welches sich prompt in ein ausdrucksstarkes Grafito verwandelte. (Fortsetzung folgt)

***

(18) V. Loret, La lettre L dans l’alphabet hiéroglyphique. In : Compte rendus des séances de l’Académie des inscriptions et Belles-Lettres (n°2, 1945)
(19) Auf frz.: “Pour ne pas subir le châtiment.” 1853 publizierte Hugo den Gedichtzyklus “Les Châtiments”, welcher mit der Interpretation Mr. Prasons kaum etwas zu tun hat, worauf mich der “Ägypter” später hinwies.
(20) Davon konnte der kopflose Ritter von Reichenstein nur träumen.
(21) L. Veuillot. Etudes sur Victor Hugo, Le Rhin (février 1842).
(22) Die heutige Place des Vosges.
(23) s. V. Hugo, Regard jeté dans une mansarde (Les rayons et les ombres, 1840).