Europa? Europa!!

Plan B aus Sicht eines Rheinländers
(nicht ganz) ernst gemeinte Einschätzung, Anfang Juli 2017

Die EU wird eher halten als zerbrechen.
Sonst wär’ ein Plan B: gemeinsamer Nenner.
Binnenhanse wecken: Wesel, Solingen
und andere Lebensadern in Ländern.

Durch Luxemburg fließt die Mosel. Die Maas
durch Liège. Aachen ist mit Vatikanstadt
verbunden. Die liegt in Rom. Rauf bis Xanten
alles römische Gründungen. Klare Kante

für’n Kerneuropa aus rheinischer Sicht.
Griechisch-römisch und christliches Erbe. Gewicht
genug, bestehende Länder zu stärken.

Deutsches Grundgesetz bleibt in Kraft, Wesenskern.
Bis hierhin alles realistisch dies.
Zudem: auch für Nato gilt Charta von Paris.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr)

Entlang der Mosel

mosel_luxembourgWohl bekanntester Nebenfluß des Rheins ist die Mosel, gebürtige Französin mit luxemburgischen Einflüssen, maßgeblich besungen von Ausonius im vierten

mosel_wasserbilligIn Wasserbillig (luxemburgisch Waasserbëlleg) fließt die Sauer in die Mosel

Jahrhundert nach Christus. Die heutige Moselstrecke der Bahn bedient Trier und führt von Koblenz nach Luxembourg und retour über Ortschaften mit irritierenden Namen wie Pommern, Bengel, Wecker, Igel oder Moselkern,

mosel_wein

ausgerufen von einer supersexy luxemburgischen Bandansagestimme mit laszivem französischen Akzent. Über den Ortschaften klangvoll benamte Steillagen, welche die aufdringliche Schönheit des Moseltals bestimmen und auf Dauer so eintönig gestalten, daß dem Bahnreisenden neue visuelle Anreize gesetzt wurden, darunter

mosel_hochmoselbrücke

mit der Hochmoselbrücke zwischen Ürzig und Zeltingen-Rachtig der derzeit umstrittenste.

Zentrum

zentrum_2Das Zentrum am Rhein, unweit Kölns, wo früher Bonn zu liegen kam. (Quelle: Google Maps)

Moby Dick (2)

Im laufenden Schuljahr produzieren wir mit Drittklässlern einer Bonner Grundschule eine Reihe Kurzhörstücke. Eine Schülergruppe recherchierte dafür die Geschichte von Moby Dick, dem Belugawal, der 1966 mit seinem Rheinbesuch für Schlagzeilen sorgte und stellte das Szenario als Radiosendung mit Studiomeldungen und einer rasenden Reporterin nach. Dabei wurde der Rhein schon mal nach Luxemburg verlegt, und auch die Geschichte Moby Dicks mit einiger Fantasie aufgepeppt – dachten wir. So gaben die Kinder an, Moby Dick habe sich vor seinem Ausflug in den Rhein in einem Frachtcontainer auf einem Schiff nach London befunden, wo er als Zootier landen sollte: welch ein poetischer Einfall, wollte uns scheinen, bis die Kinder uns aufklärten: so oder zumindest so ähnlich hätten sie es doch in einem Artikel gelesen, welchen die Lehrerin ihnen zur Verfügung gestellt habe (es handelte sich um den Wikipedia-Eintrag zu Moby Dick). Die hochpoetische Vorstellung von einem Wal, der über dem Meer schwimmt, statt frei (wie es sich gehörte) darinnen, gefangen in einem Frachtschiff nämlich, den Menschen künftig in einem Zoobecken zur Belustigung zu dienen, bis das Meer ob dieser Idee zürnt und sich erhebt, den Gefangenentransport attackiert, ins Schlingern bringt, den solcherart entkommenen Wal wieder in sich aufnimmt, ihn aber sogleich in seiner Verwirrung eine Odyssee in und durch den Rhein beginnen läßt, wo er als freier Wal die Menschen in Jäger und Beschützer teilt: entsprang nicht reinem Kinderhirn, sondern ganz offenbar der herkömmlichen, in ihren Abstrusitäten unübertrefflichen Realität(*). Wurden die Fischer, die Moby Dick zuerst erblickten, noch umgehend auf Alkoholeinfluß getestet, mieteten die Freunde Moby Dicks bald darauf Luftschiffe, um die Feinde Moby Dicks, die mit Schnellbooten und allerlei Fanggerät sogleich Jagd auf den Beluga machten, aus der Höhe mit Orangen zu bewerfen. Da flammte also Nibelungentum auf, und die bürgerliche Protestromantik der jungen Bundesrepublik geriet in zaghaften  Schwung, unter Einsatz von Luftwaffe und leuchtenden Südfrüchten (**). Zu Tausenden begaben sich Schaulustige an die Ufersäume. Welch ein Spektakel! Der weiße Wal kreuzte wochenlang im Rhein, ohne von seinen Feinden (der Direktor des Duisburger Zoos hieß tatsächlich Dr. Gewalt) gestellt werden zu können. Erst als bei seinem Auftauchen in Bonn eine Bundespressekonferenz unterbrochen wurde und Moby Dick die an den Rhein geeilten Politiker erblickte, entschloß er sich zum endgültigen Abgang Richtung Nordmeer. Seit Mai 1976 kreuzt nun, so beschlossen die Kinderreporter ihren Bericht, das dem Wal nachempfundene Bonner Passagierschiff MS Moby Dick auf dem Rhein, auf dem, als besonderer Service, geheiratet werden kann.

(*) Wir erwähnen der Vollständigkeit halber die Möglichkeit einer nebenbei in den Wikipedia-Artikel eingewobenen Ente. Mitlesende Moby Dick-Veteranen mögen sich bitte ggf mit ihren Erinnerungen bei uns melden.

(**) Wir suchen auch noch nach Film- bzw Bildbeweisen für die vom Orangenhagel abgetriebene Schaluppe Dr. Gewalts.

Liechtensteinwahrnehmung

Für das Kulturmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands durften wir einmal mehr eine Monatskolumne verfassen. Mit einem wunderschönen Bläuling illustriert erschien sie heute, gilt für den gesamten kommenden März und befaßt sich u.a. mit dem schwierigen Thema des Andenmannbringens von Liechtenstein-Gedichten (s. Das Lachen der Hühner) in Deutschland:

“Seit vor einem Jahr meine Liechtenstein-Gedichte erschienen, toure ich unablässig durch Deutschland, um dem Publikum in Versen und blumigen Erklärungen ein rares exotisches Fürstentümchen näherzubringen. Die Leute erscheinen in Scharen. Mal sind es auf einen Schlag fast eine ganze Handvoll Kulturmenschen, die sich lose im Raum gruppieren, die beste Hör- und/oder Ruheposition zu ergattern; dann wieder blicke ich so weit das Auge reicht auf schier endlose, militärisch geschlossene und nach Körpergröße geordnete Reihen aufrecht literaturinteressierter Millionäre – wie zuletzt in Düsseldorf. Das sah von der Bühne sehr gut und ordentlich aus. Im Vorprogramm hatte Martin Walser auftreten dürfen. Das Publikum war also be­dächtig gestimmt. Ob meines Themas «Liechtenstein» rieben sich ei­nige der Millionäre wieder wach. Ich gab mein Bestes, weiteren Schwung in die Veranstaltung zu bringen. Ich gelte ja als aus­gezeichneter Performer. Zumindest für einen Dichter. Also liess ich meine Hüften kreisen und deutete beim Skandieren die Bandbreite meiner stimmlichen Fähigkeiten an. Bestimmte Textpassagen sinnvoll zu unterstreichen, nutzte ich gestische Klassiker wie die Beckerfaust, den deutschen Zeigefinger und noch ganz andere Verrenkungen, die man erst mal gesehen haben muss. Die Düsseldorfer Millionäre schauten sich das alles schweigend an. Selten zuvor hatte ich in eine solch exponierte Stille hineingesprochen. Einige Sekunden oder Minuten, nachdem ich geendet hatte, knöchelten sie ihren Applaus auf die hölzernen Stuhllehnen – ob nun aus Anstand, militärischer Diszi­plin oder wehmütigen Liechtenstein-Erinnerungen war mir unmöglich festzustellen.

Was die Inhalte einer solchen Liechtenstein-Lesung sind? Ganz naheliegende und normale, würde ich sagen. Ich berichte von der romantischen Schwertlilienblüte im Ruggeller Riet, den Kühen auf Saasfürkle, dem Rhein in seinem Bett und dass ich noch in keinem anderen Land je so viele, so riesige private Parkgaragen zu Gesicht bekommen habe.

Manchmal, wenn ganz wenige oder gar keine Millionäre im Publikum sitzen, stellen die Leute Fragen. Sie wollen dann Wissenswertes über Liechtenstein erfahren. Die Fragen zielen in erster Linie auf die Fürstenfamilie, ob ich von denen wüsste. «Ja», sage ich, denn die Sehnsucht nach echten Adelsgeschichten ist in unserer Demokratie enorm und sie zu befriedigen, kann lohnen: «Die machen den halben Tag Goodwill und Wohlfahrt und so und die zweite Tageshälfte verbringen sie mit der Lektüre zeitgenössischer Lyrik.» (Gelingt es, diesen Satz anzubringen, werden am Lesungsende meist ein paar Gedichtbände gekauft.) «Ja, und was macht man in Liechtenstein sonst?» «Hmm, sonst, da wird es schon schwierig. Geldanlagen lohnen dort für Sie als Deutsche jedenfalls nicht mehr recht.» Bevor allzu grosse Programmlücken entstehen, wende ich mich in einer überraschenden Umkehr der Fragehoheit selbst ans Publikum: «War denn jemand von Ihnen schon mal dort?» Erst traut sich meist keiner. Dann kommts piepsig aus der vorletzten Reihe: «Ich finde den Schmetterlingspark sehr schön.» An dieser Stelle weiss ich schon seit der ersten Woche meiner Lesetournee aus Routinegründen, und das wird manchen Liechtensteiner Leser vielleicht ein wenig schmerzen, da verwechselt wieder jemand Liechtenstein mit Luxemburg. Apropos Luxemburg: Mein luxemburgischer Kollege Guy Helminger erzählt gern die Geschichte, wie er einst in Kalifornien bei einer Polizeikontrolle seinen Pass vorzeigen mußte. Der Sheriff wollte ihn gleich einbuchten, denn von einem angeblichen Land namens Luxemburg hatte er noch nie gehört. Guy Helminger aber wurde gerettet von einem zufällig anwesenden Kumpel des Sheriffs, der wusste, wo Luxemburg liegt: «That’s one of these islands in the Pacific.» Was sagt uns all das über die Liechtensteinwahrnehmung der Deutschen? Nicht viel – ausser dass sie vielleicht nicht gar sonderlich existiert. Nehmen Sie sicherheitshalber den Kumpel des Sheriffs mit, wenn Sie in die Vereinigten Staaten reisen. Und grüssen Sie Ihren Fürsten, wenn Sie ihn sehen. Ich finde es wirklich grossartig, dass er so gerne Gedichte liest.”