Deutschlands hinterstes Eck

weil am rhein

nannte die Tageszeitung Die Welt diesen Januar Friedlingen, einen Stadtteil von Weil am Rhein. Welt-Reporterin Hannelore Crolly fand eine “abgeschiedene Hafen- und Handelsgegend”, geprägt von “Kriminalität und Verwahrlosung”. Auf dem Foto von Lutz Mittler sieht die Ecke nach einer x-beliebigen Straße in einer x-beliebigen rheinischen Stadt aus, der Rhein rückt gleich zweimal als Schriftzug ins Bild, genutzt von einem Logistikunternehmen und einem Einkaufszentrum. Durch die auf dem Foto nicht zu erkennende Abgeschiedenheit zieht sich ein Verkehrsstau. Bundesweit bekannt wurde Friedlingen im Jahr 2012 durch die Invasion des Asiatischen Laubholzbockkäfers, eines aggressiven Schädlings, der Baumbestände ganzer Regionen zu vernichten in der Lage sein soll. Kriegerische Maßnahmen gegen den unerwünschten Fremdling dauern seitdem an, die Bäume vor dem Rhein Center sind aufrechte Zeugen dieses Überlebenskampfes.

Schaftobelfall

schaftobelfall_lmDer Schaftobelfall, pittoresk stürzender Bestandteil des Schaftobelbachs, eines Nebenflußes der Albula, die als Quellarm des Rheins heuer kaum mehr Beachtung findet. Ein Lehrschild zu Füßen des Sturzes klärt über Wasserfälle als Fischgrenzen auf: “Zwar können einige Fischarten kleine Stufen und Schiessstrecken noch überwinden, aber Wasserfälle mit einer Fallhöhe von drei Metern und mehr lassen auch für den Wildlachs keine Wanderung mehr zu. Der einzige Fisch, der eine solche natürliche Barriere umgehen kann, ist der Aal. Aber auch er kann nur Fälle mit optimalen Bedingungen überwinden, so etwa den Rheinfall.” Hier widerspricht die moderne Lehrmeinung dem großen Kosmografen Sebastian Münster, der steif und fest über den Rheinfall behauptet hatte, “es mögen auch keine Fisch die Höhe dieser Felsen übersteigen, wann sie noch so lange krumme zeen hätten, wie das Mörthier Rosmarus oder Mors genannt”. Der Lehrtext endet in bestechender Logik: “Wenn in einem Gewässer also Fische oberhalb eines Wasserfalls vorkommen, so müssen sie entweder schon vor der Entstehung des Falles dort heimisch gewesen, oder durch den Menschen dorthin gebracht worden sein. Beispiele dazu lassen sich in verschiedenen alpinen und voralpinen Fliessgewässern finden, wo regelmässig Fischeinsätze durchgeführt werden”. Eine recht anthropozentrische Beweisführung, die völlig außer Acht läßt, daß Fische von anderen Tieren in die Höhe transportiert werden könnten, oder (als Quasibeiheftung des Wasserkreislaufs als ichthyöser Regen bzw als schlichtes sterntalerartiges Wunder, das aus dem Himmel fällt) aus der Höhe selbst darniederkommen könnten. (Bild: Lutz Mittler)

Donauquelle (2)

donauquelle 3_lmLaut Wikipedia Forschungsgegenstand und Politikum: die Bregquelle, zugleich Donauquelle

donauquelle_lmDie Austrittsstelle ist über Treppenstufen zu betreten, mit zwei offiziell wirkenden Schrifttafeln ausgestattet und Sammelbecken für Kleingeld

Nicht anders als bei den Ursprüngen des Rheins, werden auch seinem Schwesterfluß, der Donau, mehrere Ursprünge zugerechnet. “Brigach und Breg bringen die Donau zuweg”, lautet ein Merkspruch, den Zusammenfluß beider Schwarzwaldwasser auf Donaueschinger Gebiet betreffend. Knapp oberhalb dieses Zusammenflusses ist die hübsch eingefaßte, auf Tourismus zugeschnittene Quelle des kurzlebigen, nach 90 Metern in die Brigach mündenden Donaubachs im fürstenbergischen Schloßpark zu Donaueschingen zu besichtigen. Dieser Tage erreichte uns Bildmaterial von der Bregquelle bei Furtwangen, die neben der Brigach- und weiteren Quellen, als “echte” Donauquelle verhandelt wird. (Bilder: Lutz Mittler)

Der Rheinsteig im Radio

SWR 2 sendet dieser Tage das Wanderweg-Feature „Der Rheinsteig – von Wiesbaden bis ans Deutsche Eck” von Helmut Frei, worauf Rheinseins Hüfingen/Baar-Korrespondent Dr. Lutz Mittler uns dankenswerterweise hinwies. Den ersten Teil gibts bereits als knapp halbstündigen MP3-Download: Niederwalddenkmal, Wacht am Rhein, Drosselgass, Heine, Goethe (in seiner Eigenschaft als Ausflugsdampfer), Bacharach: so weit, so bekannt seit 2000 Jahren. Dann tritt die Reblaus auf den Plan und ihr schärfster Gegner: der pfälzische Winzer, der Sylt beliefert. Auf die Reblaus folgt die Klimaverschiebung – der Riesling verträgt nicht zu viel Hitze – und die gefährdete Brückenlosigkeit des romantisch grundierten Weltkulturerbes: ein Fährmann weist auf die wirklichste aller Rheinwirklichkeiten: den Verkehrslärm. Im Biotop der Dörscheider Heide oberhalb Kaub leben Spanische Fliege, Gottesanbeterin, Gottesanbieterin, Diptam, Abwurz und brennende Büsche. Daß der Fluß früher schmutziger war, belegt eine schöne O-Ton-Stelle: “Hauptberuflich arbeitete Stefan Lauer viele Jahre als Schieferdecker. Grauschwarz waren Hände und Gesicht, wenn er abends nach Hause kam: „Wir konnten also früher ohne weiteres mit dem Kahn hin und her nach Sankt Goar. Das kann man heute einfach nit mehr so, das is teilweise sogar verboten, na, also dieses Fahrwasser zu kreuzen. Ich war immer in nem Beruf, wo ich also sehr schwarz wurde. Dann is mer abends heim gekommen und hat mer en Handtuch und Seife genommen und dann is mer an den Fluss und hat sich gewaschen, is da herumgeschwommen und dann war das gut. Dann nachher, bedingt durch die Industrie, durch die Abwässer und alles so. Der Rhein, der kippte ja fast in den Sechziger Jahre, da wars dann umgekehrt. Wenn mer dann im Rhein schwimmen war, dann musste man sich zuhause duschen. Ich weiß, ich hatte noch mal Fische gehabt und beim Putzen, beim Schrubben und beim Ausnehmen, da kam der Gestank hoch; da hab ich alles zusammen gepackt, hab das wieder dem Rhein übergeben, also das wars dann halt.“” Des Berichts erster Teil schwingt aus mit der im allgemeinen Rheinlärm erzitternden Kesterter Kirsche oder Kesterter Kirche, die einstens in Berlin gesichtet worden sein soll. Teil 2 ist für den morgigen Dienstagvormittag, halb neun angesetzt.