Herbsttage am Rhein (2)

Wir fragten sie, um unser Interesse zu zeigen, ob sie auch in der Fistel singen könne. Sie sagte, das habe sie noch nicht versucht, und jetzt stehe ihr der Sinn nicht nach Singen. Morgen aber wolle sie zum hiesigen Zahntechniker gehen. Der sei ihr warm empfohlen worden und nehme nur die Hälfte von dem, was der Arzt in der Stadt fordere. Wir stimmten ihr begeistert zu und baten sie, noch eine Flasche zu bringen. Wir hatten in unserer Behandlungsweise das Richtige getroffen; wir bekamen noch die zweite Pulle.
Der Wein im Jägerhaus hatte es uns angetan. Unsichtbare Gewalten zogen uns täglich zu Wehneibe Plümecke. Zwei Flaschen des köstlichen Tropfens hatte sie uns pro Tag bewilligt.
Ihre Backe wurde täglich dicker, die andere Backe, die die Sache ja eigentlich nichts anging, schwoll vielleicht aus einem gewissen Gefühl für Symmetrie ebenfalls an.
Wir erkundigten uns in wirklich herzlicher Form nach ihrem Wohlergehen und heuchelten ein völliges Aufgehen in ihren Fisteln, ein Interesse, das sich mit nichts anderem mehr in der Welt als lediglich mit ihrer Person befaßte. Der Wein war aber auch zu herrlich.
Sie sagte, sie habe keine Courage, zum Zahntechniker zu gehen. Es scheine übrigens, als ob es so wieder besser werde. Wir möchten doch mal nachschauen, sie habe ein Gefühl, als ob die Fistel beigefallen wäre. Wir schauten ihr wieder in den Mund – Gott, war der Wein schön – und sagten, das scheine uns auch so.
Am nächsten Tage jammerte sie sehr und brachte aus Versehen einen falschen Jahrgang. Wir machten sie schüchtern darauf aufmerksam und fragten voll innigem Mitgefühl mit einem unterstrichenen Unterton von freudiger Hoffnung, wie es heute gehe, ob es sich gemacht habe. Oder ob sie bei dem Zahntechniker gewesen sei.
Nein, aber sie glaube, daß sie doch in den sauren Apfel beißen müsse, denn es werde täglich schlimmer. Wir möchten nur mal sehen.
Wir starrten, innerlich grausend, äußerlich mit dem Interesse eines allernächsten Verwandten in das Tohuwabohu von verschwollenem Zahnfleisch. Wirklich, es war kein schöner Anblick. Ach, wenn sie nur nicht die letzten Flaschen ihres märchenhaften Trankes in ihrem Keller gehabt hätte!
Wir schüttelten ernst die Köpfe und murmelten: “Ja, ja, schlimme Sache, schlimme Sache. Beklagenswerte Frau. Sie sind eine Heldin, eine Märtyrerin!”
Sie brachte jetzt den richtigen Jahrgang. –
Mehrere Tage lang wollte sie immer am anderen Morgen bestimmt zum Zahntechniker gehen.
Eines Tages war Frau Plümecke nicht da. Die Magd brachte uns den Wein. Frau Plümecke sei jetzt endlich zum Zahntechniker gegangen. Nur eine Flasche habe sie herausgestellt, die andere werde sie uns nach ihrer Rückkehr selbst bringen.
An diesem Tage mußten wir uns mit einer Flasche begnügen.
Am nächsten Tage war Frau Wehneibe Plümecke wieder nicht da. Die Magd sagte, die Wirtin sei gestern acht Stunden bei dem Techniker gewesen. Er sei aber noch nicht ganz fertig geworden. Als sie zurückgekommen sei, habe sie ausgesehen, wie der Bahnwärter, der kürzlich vom Zug überfahren worden war. Es sei furchtbar gewesen.
Wehneibe Plümecke habe gestern abend alle ihre Sachen geordnet und lange in der Bibel gelesen. Heute sei sie wieder zum Zahntechniker.
Auch am darauffolgenden Tage war sie wieder hin. Es sei ein schwieriger Fall, der sich nicht überstürzen lasse, habe der Mann gesagt.
Die Magd erzählte, Frau Plümecke sehe jetzt aus wie ein rohes deutsches Beefsteak, das man aus der dritten Etage auf das Pflaster geworfen und über das man dann rote Tinte gegossen habe. Sie habe gekündigt. Sie könne es nicht mehr ertragen. Frau Plümecke sei überhaupt nicht mehr Frau Plümecke. Sie habe ihr sämtliche Kellerschlüssel gegeben. Sämtliche Schlüssel.
Wir tranken an dem Tage fünf Flaschen.
Es war nachmittags halb sechs, als plötzlich die Tür aufging und Frau Wehneibe Plümecke hereinwankte. Die Magd hatte nicht zu viel gesagt. Die gräßlichste Sensation im Museum Wiertz in Brüssel war ein sanfter Ludwig Richter gegen das Bild, das die bedauernswerte Wirtin des Jägerhauses bot.
Erschöpft fiel sie auf einem Stuhl zusammen.
Plötzlich stierte sie mit großen, verglasten Augen die fünf auf dem Tisch stehenden Flaschen und dann uns an.
Wir zitterten und guckten weg.
Ob jetzt alles in Ordnung sei, versuchte ich sie abzulenken.
Sie öffnete nur den Mund und forderte uns mit starrer Geste auf, hineinzuschauen.
Voller Schauder näherten wir uns und blickten in den furchtbaren Abgrund. Ein entsetzliches Durcheinander von abgebrochenen Zähnen, zerfetztem Zahnfleisch, ausgefranster Zunge, bot sich uns dar. Aus einem Backenzahn ragte ein abgebrochener, blinkender Stahlbohrer in dieses Inferno. Uns grauste, wir wandten uns ab, nahmen unsere Hüte und drückten uns scheu zur Tür hinaus.
Ich irrte die ganze Nacht planlos in den Bergen umher.
Toni Bender kaufte sich vier Flaschen Rum.
Die Allgewalt des Weingottes war doch zu stark. Wir hatten einmal Blut geleckt. Wir hatten lange gekämpft und waren unterlegen.
Am nächsten Tage schlichen wir wieder zum Jägerhaus. Nur die Magd war da, die noch immer die Schlüssel hatte. Frau Plümecke war in die Stadt gefahren zum Zahnarzt, der doppelt so teuer war wie der Zahntechniker. Wir tranken fünf Flaschen. Frau Plümecke sahen wir nicht.
Am folgenden Tag saß sie wieder auf ihrem alten Platz am Schanktisch. Sie hatte den Kopf verbunden, sah aber sonst menschlich aus. Sie blickte uns streng an. Wir schlugen die Augen nieder. Sie mußte die Lücke im Keller bemerkt haben. Es kam mir schwer an, mit ihr zu reden. Der Blick in den Höllenrachen wollte mir nicht aus der Erinnerung. Es mußte aber unbedingt etwas geschehen. Ich nahm meine ganze Energie zusammen und sagte mit dem herzlichsten Timbre, den ich aufbringen konnte: “Jetzt ist wohl wieder alles in Ordnung. Können wir der mutigen, famosen Wirtin vom Jägerhaus, der Hebe, der Göttin des besten Tropfens des Rheingaues, gratulieren?”
“Ja, ja, der famosen mutigen Frau Wehneibe Plümecke”, trug Toni Bender auch seinen Teil bei, um die Stimmung zu heben.
Stillschweigend kramte Frau Plümecke in ihrer Tasche herum und brachte ein kleines Zeitungspapierpaketchen, das recht unappetitlich aussah, zum Vorschein. “Da sehen Sie!” Sie schob mir das Päckchen über den Tisch zu. Mit bebender Hand öffnete ich es. Acht abgebrochene Zähne, zwei Wurzeln, Stücke vom Kiefer und was weiß ich, was alles so in einem Mund loszubrechen geht, fielen mir entgegen und sprangen mit schauerlichem Geklapper über die Tischplatte. Einen schrecklichen Anblick bot jener mächtige Backenzahn, in welchem, wie eine Lanze in der Leiche eines Nibelungenrecken, der abgebrochene Bohrer stak.
Der Angstschweiß trat uns auf die Stirn angesichts dieser Schädelstätte. Das Geräusch der springenden Zähne gellte uns in den Ohren. Ein namenloses Entsetzen packte uns. Mein Kragen sprang von selbst auf. Meine Krawatte entknotete sich, leise auseinandergleitend wie eine Schlange. Die festen Manschetten lösten sich mit lautem Knall vom Hemd, sprangen in kurzen, ruckhaften Sätzen durch das Zimmer, stießen knirschende Laute aus und krochen dann blitzschnell unter einen Schrank. Die Augen traten mir aus den Höhlen und baumelten an den Nervensträngen hängend wie zwei Monokel auf meiner Weste herum. Toni Benders Brille lief erst an, wurde dann plötzlich weißglühend und schnitt ihm zischend die Nase ab, die in sein Weinglas fiel.
Ich lag vier Tage im Bett. Toni Bender kaufte sich zwölf Flaschen Rum.
Furchtbare Tage, qualvolle Nächte! Immer verfolgte uns das gespenstige Bild jenes danse macabre.
Der Wein vermochte uns nicht mehr zu locken. Das Grauen vor jener furchtbaren Stätte war stärker.
Ich habe dieses entsetzliche Geschehnis in meinem Innersten zu vergraben, zu ersticken gesucht. Ich habe gekämpft, ich habe alles getan, um den Spuk zu bannen. Es ist mir nicht gelungen.
Das letzte Mittel muß ich versuchen: ich muß davon reden, ich muß das Erlebnis in Worte ketten.
Vielleicht werde ich dann Ruhe finden. Vielleicht.
Wenn nicht, dann bleibt Lysol mein einziger Ausweg und das wäre schade um mich, ich habe mir gerade zwei neue Anzüge machen lassen.

(Hermann Harry Schmitz: Herbsttage am Rhein)

Je mehr Prachtwerke alljährlich auf den Büchermarkt gebracht werden

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„Weinlese am Rhein. Aus dem Werke „Für`s Haus“ von Ludwig Richter.

Je mehr Prachtwerke alljährlich auf den Büchermarkt gebracht werden – und ihre Zahl ist nachgerade Legion geworden – desto schwieriger wird die Auswahl für den Kaufenden. Man findet sich in diesen Hunderten von goldgepreßten Einbänden, Mappen und Cartonagen gar nicht mehr zurecht – jede „Wahl täte mir weh“, sagt der Dichter. Heute sind wir nun in der Lage, unseren Lesern ein ganz vortreffliches Prachtwerk zu empfehlen, ein Werk, dessen vornehme äußere Ausstattung es als eine Zierde für den Salontisch erscheinen läßt und dessen künstlerischer Wert für das Haus, das diesen Schatz bei sich aufnimmt, dabei ein großer und bleibender ist. In dritter Auflage wurde unlängst von Alfons Dürr in Leipzig die Bildersammlung „Für`s Haus“ von Ludwig Richter verausgabt. Bekanntlich gilt dieser Cyclus unter all` den liebenswürdigen Schöpfungen, mit welchen der im Jahre 1883 heimgegangene Künstler uns beschenkte, mit Fug und Recht als das Hauptwerk. (…)“

(aus: Familien=Kalender für Haushalt und Küche 1887. Bilddank an Karin Lehner!)