Die sieben Schwaben am Bodensee

XXVI
Wie die sieben Schwaben den See erschauten
Und was sie dazu sich zu sagen getrauten

Als die sieben Schwaben weiter giengen,
Kamen sie unweit von Ueberlingen
An ein Gewäßer sehr groß und tief.
Der Seehas die Gesellen zusammenrief,

Und sagt` einem jeden, was er da seh,
Das sei der See, ja der Bodensee.
Da gaben sie den Augen wohl die Kost
Und lugten Eines Lugens: „Bygost!“

Sagt der Allgäuer endlich verwundert:
“Das ist eine Lache, ich wett Eins gegen hundert,
Man könnte den Grindten darin versäufen,
So groß ist sie und von solcher Teufen.”

Der Spiegelschwab, welcher der witzigste noch,
Fragte den Seehasen: “Sag mir doch,
Sind das Wildenten dort in der Ferne?”
Es waren aber Schiffe; das glaubt` er nicht gerne.

Der Gelbfüßler wollte wißen, ob drüben
Auch wieder Leute wohnten, wie hüben?
Und also hatten sie Alle zu fragen,
Aber der Seehas wollt es auf Einmal sagen.

Dieß sei, sagt` er, das deutsche Meer,
Müßten sie wißen, und ohngefähr
Hab es einen Umfang von hundert Meilen
Und dabei müße man doch gewaltig eilen.

Und der See, sagt` er, habe gar keinen Grund
Und Boden, sagt` er, und aus diesem Grund
Heiße man ihn eben den Bodensee,
Wie das denn leicht zu begreifen steh.

Und bei stillem Wetter, sagt` er, und hellem
Sehe man unten tief in den Wellen
Versunkene Schlößer und Städte liegen,
Er sag es, sagt` er, und könne nicht lügen;

Und Fische geb es im Schwabenmeer
So groß wie das Costnitzer Münster und mehr;
Auch Nixen hab es die Menge, zu Land
Und zu Waßer, das sei bekannt.

Wenn aber der See zu stürmen beginne,
So werf er Wellen, so hoch wie die Zinne
Des Straßburger Münsters, oder der Sentis –
Es ist ein Berg, der also benennt ist.

Und er könne der Wunderdinge noch viel
Von dem See berichten, doch sei er am Ziel.
Was helf es den Blinden zu predigen und Tauben?
Denn wer es nicht sehe, der werd es nicht glauben.

Plotz Blitz! rief manchmal der Blitzschwab aus;
Die andern aber zogen die Stirne kraus
Und sagten kein Wörtle. Und also stande
Der Schwabenbund an des Schwabenmeers Strande.

(…)

(Karl Simrock: Die schwäbische Ilias, nach Ludwig Aurbacher, 1850)