Spaltet das Flussland

biesbosch_1Vieles ließe sich sagen zum wirklich letzten Treffpunkt von Waal und Maas, wenn dort auch mittlerweile als Merwede und Amer durch die Gefilde ziehend. Zum Beispiel, dass dieses wässrige Gebiet namens Biesbosch – größtenteils in Noord-Brabant, der Gemeinde Werkendam zugehörend, teilweise auch in Zuid-Holland, innerhalb des Areals der Stadt Dordrecht – 2016 zum viertbeliebtesten Naturgebiet der Niederländer gekürt wurde.
Nur, was soll ich mir da noch den Kopf zerbrechen, mich abrackern, wenn es schon jenes eine Gedicht gibt, in dem Natur, Geografie, Geschichte und Phantasie bündig und verspielt ineinander haken, und zwar das Schlussgedicht von oever drinkt oever, dem zuletzt erschienenen Gedichtband von B. Zwaal (2013):biesbosch_2

spaltet das flußland
der stromschnitt liegt in vollem treiben

werder trugen die weiden
stakten ihre gewässer voran

lastfüße beholzschuhten den fährensteig
asteten sich mit jahrhunderten durch fuhren ab

feuermünder crossten die amer
landeten auf lacrimaestätte

kahne besamen ihre ladungen
häfen dröhnen transito

ufer trinkt ufer
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Ich wüsste kaum, was dem noch hinzuzufügen wäre, außer vielleicht, dass die Bilder hier letzten Herbst aufgenommen wurden, als wenig Menschen da waren. Im Sommer sieht die Lage ganz anders aus. Da gibt sich der von winterlichen Straßenarbeitern nahe des Biesboschmuseums vorbereitete Fremdenverkehr in
biesbosch_4großem Stil dem Genuss hin, einem Großteil der Niederlande nahezukommen, wie der hätte aussehen können, hätte es nie die Kunst der Polder gegeben, die jetzt mit ihrem Agrarland den Biesbosch so gut wie bedrängen. So ist er eine üppig grüne Reminiszenz, ein fröhliches Herumplätschern in der Geschichte, wo drum herum tüchtig gearbeitet wird mit den modernsten Geräten. Die Leute aber sind freundlich, und ihre Brücken zierlich und kunstvoll.
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***
Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein die niederländischen Rheinverzweigungen, diesmal mit einem Gedicht B. Zwaals vor Augen das Naturschutzgebiet Biesbosch.

Maas-Waal-Kanal (2)

II

Glücklicherweise gibt es am selben rechten Ufer, auf der Höhe des nicht weniger rechteckigen Viertels Neerbosch-Oost, noch ansprechende Lyrik im öffentlichen Raum, vom 2015 verstorbenen Dichter H.H. ter Balkt, einem der unbestritten wichtigsten Dichter der modernen, oder gar der niederländischen Lyrik überhaupt, der über Jahrzehnte in genau dem bescheidenen Viertel wohnte, dem er im stählernen Oktogon am Deich folgendes Gedicht widmete:

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Neerbosch-Ost

Unter den Quellwolken und den Flügelschlägen schwebt über
Neerbosch die Musik der Straßen; und von der Nachti-
gall nicht mehr … Öffne aber deine Ohren, und da hörst du die Mu-
sik, von Tango, Bolero, Zimbel und Mazurka.
Finklein zwitschern in den Hecken!
Der Boden der Stadt ist der Boden des Landes, und Luft
ist der Grund des Daseins!
Tschü, prr, weh und hüyet.
Dort wo die Stadt vom Wege abkommt, dort fangen die Dörfer an,
und Märchen fingen so immer schon an … Das Märchen des Fuchses
im Schnee im Waldstück des Barons, und ein Märchen war das
nicht.
Halb Windbö halb Rammbock ruft meine Stimme an einem Ufer
über die Bäume von Neerbosch hinweg: “Stillgestanden!” – hier ging doch
etwa einst Theofano, die Byzantinerin, als Kunst und Kul-
tur in Nijmegen blühten, auch wenn das nur 15 Jahre anhielt, als
es hier noch nicht das Jahr 1000 war.
Ja, unter den beringten Tauben und auch den unberingten
erklingen die Stimmen und wehen die Fuhren Staub!
Werfe die Türen zur Ferne auf, Neerbosch. Deine
zwei Supermärkte empfehlen deinen Gaumen.
Die Welt hat sich in ICH verwandelt, und das Land, in einem Mantel
aus Staub, hält eine Diät aus Wasser und trocknem Brot.
Ja, das Land ist Markt und Geschäft.
Aber egal wie die Gewinner gewinnen, die Vögel bleiben am Singen.
Ost oder West, Neerbosch-Ost das Beste erklingen lieblich und klar
die Sänge in Hecken und Hagen-

Der Name Neerbosch-Oost lässt schon erraten, dass es noch so etwas wie einen westlichen Teil gibt, und zwar Neerbosch selber. Die ehemalige Ortschaft wurde vom Kanalbau durchtrennt, der westliche Teil in den 1980ern noch vom Stadtteil Lindenholt verschlungen. Zur Erinnerung findet man an beiden Deichen, nur wenige Meter vom Ter Balkt-Gedicht entfernt, seit 2011 ein Werk des Künstlers Rob Sweere,

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das die bei vielen Bewohnern anscheinend noch quicklebendige Nostalgie nach dem ursprünglichen Zustand (den keiner selber erlebt haben dürfte) zum Ausdruck bringen soll, die genaue Stelle einer einst durchgehenden Straße anzeigend.

Von solchen Überlegungen unbeeindruckt, führt die Kanalfahrt weiter durch die Nijmegener Gewerbegebiete, wo man erleben kann, wie Schiffe verladen werden,

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bis hin zur (doppelten) Weurter Schleuse, nahe dem aus dem Verkehr gezogenen

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Kraftwerk, worauf schon in der ersten Folge meiner Waal-Erkundung eingegangen wurde.

Weurt selber, das linksufrige Dorf nebenan, gibt zu einem Stilbruch in meiner Schwarzweiß-Reihe Anlass, nicht weil es generell so umwerfend koloriert wäre, sondern wegen eines Privatgartens, der vor Farben nur so strotzt:

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Der Herr mit von Spinnengewebe heimgesuchten Brillengläsern, wohl als Fan der niederländischen Nationalmannschaft gedacht, ist ein einzelnes Beispiel aus einer Vielfalt farbenfroher Puppen (nicht nur menschlicher Gestalt, sondern auch tierischer, etwa ein Purzelbaum schlagendes Schwein) und weiterer Gegenstände, die auf geschätzten achtzig Quadratmetern ein lebhaftes Universum bilden, in dem übrigens auch Elvis Presley seinen Auftritt hat.

Sein Rheinkieselanzug führt unentwegt zum Kanaldeich zurück, denn umso näher ist jetzt der Waal. Auch am nördlichen Kanalende habe ich den Ventjager schon mal aufgenommen, aber es gibt ja noch andere Schiffe auf der Welt, darunter kein geringeres als den Neptun selber. Man könnte meinen, das hier ist doch nur

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die Nummer 2, aber es ist trotzdem nicht irgendein Schiff: Wegen einer Vielzahl umweltschonender Innovationen wurde dies Nijmegener Tankschiff 1997 mit dem Umweltpreis der niederländischen Schifffahrtindustrie ausgezeichnet, und so fährt hier ein wahrhaftiges Vorzeigeschiff am Containerhafen vorbei, sowie am Regelwerk der Schifffahrtaufsicht. Ich wäre allerdings gespannt, ob dort einer mitbekommen hat, was es denn mit dem hinterlassenen Klappstuhl auf sich hat. Denn nein, der Urenkel des Proviantbootbetreibers Karel van der Sluissen ist nicht vor Staunen wegen Neptun 2 umgekippt.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal berichtet er in einem Zweiteiler vom Maas-Waal-Kanal, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 1 handelte u.a. von dessen Erbauung und dem niederländischen Hang zum Quadrangulären.)

Maas-Waal-Kanal

I

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Was ist denn hier los, wo sind wir denn jetzt? Da schien’s doch gerade, als würden wir immerzu in westlicher Richtung weiterfahren, ab Werkendam gen Dordrecht oder so, aber plötzlich hat’s uns wieder weit zurück ins Landesinnere verschlagen, und nicht mal an den Waal, sondern eher näher zur Maas, wozu das Ganze? Da gibt es wohl eine Verbindung zum Waal, denn das sieht hier doch einer Schleuse recht ähnlich; ja, genau, die Schleuse zu Heumen.

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So sieht’s da abendlich aus, als noch ein Schiff vorbeikommt, um zu jenem Strom zu gelangen, von dem hier berichtigt zu berichten ist. Als es um Woudrichem ging, habe ich es so vorkommen lassen, als träfen dort Maas und Waal zum ersten Mal auf einander, aber das stimmt so nicht. Schon viel eher vermischen sich Waal- und Maas-Wassermoleküle, dank eines Kanals, entsprechend auf Maas-Waalkanaal getauft. Über 13,5 Km läuft er von Weurt (am Waal) nach Heumen (an der Maas), Nijmegen dabei durchschneidend. Ringsherum ist wenig los, und ich kenne mich da aus, denn ich wohne keine zweihundert Meter vom Kanal entfernt. Diese Nähe hat mir eine gewisse Faszination mit dem sich allmählich aus seiner Gradlinigkeit herausbiegenden Wasserlauf eingebracht. Schon als kleiner Junge war ich verrückt nach Schleusen; öfters fuhren die Eltern speziell meinetwegen zu den Maasbrachter Schleusen, und auch in meinem Geburtsort Weert konnte ich mich an der weit kleineren Schleuse kaum satt sehen. So wohne ich jetzt schon über dreißig Jahre zwischen der kleineren Schleuse von Heumen und der eindrucksvolleren zu Weurt; und so oft ich den Kanal schon entlang geradelt bin, mag ich immer noch gerne auf das Wasser blicken, das sowohl Maas als Waal ist, gleichzeitig aber weder Maas noch Waal.

Diese Vorliebe könnte teils mit der eigenen Herkunft zu tun haben. Für die Schifffahrt war es ein neuer Ausblick, als der (schon 1862 vorgeschlagene) Kanal nach siebenjähriger Bauzeit 1927 endlich eröffnet wurde. Reichlich spät für meinen Urgroßvater mütterlicherseits (der trefflicherweise Van der Sluissen hieß, Von den Schleusen also), der einst seinen Maas-Kahn für einen Schiffszubehörladen am

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Venloer Kai ausgewechselt haben soll; durch den Kanal hätte er aber nie vorbeikommen können, nie sich freuen, dass er jetzt über Wasser vom Süden heraus das eigentlich so nahe Deutschland weit schneller erreichen konnte; dass Maas und Waal plötzlich hundert Schifffahrtkilometer näher an einander gerückt waren. Das ging einfach nicht, weil er 1902 schon verstorben war. Nun, da bereite ich ihm eben die Freude.

Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber bei seiner Eröffnung galt der Kanal (von u.a. C.A.P. Ivens, Vater des Filmemachers Joris Ivens, initiiert) als der geräumigste Binnenschifffahrtkanal ganz Europas. Dafür sollen die Bauarbeiten ein höllisches Unterfangen gewesen sein, wie mir mal ein alter Herr erzählte, der daran noch teilgenommen hatte: Ein wichtiger Teil der Arbeit lief ja noch von Hand, schlecht bezahltes Buddeln tagein tagaus. Dank der Knochenarbeit Hunderter, sowie der Erweiterung in den 1970ern, fahren jetzt die unterschiedlichsten Schiffsarten vorbei, bis hin zu (kleineren) Containerschiffen. Darunter auch ein bescheidenes Schiff mit schlankem Bug, das mich in den vergangenen Monaten schon zweimal zu überraschen vermochte. Seit der ersten Begegnung bei Woudrichem habe ich nämlich schon zweimal den Ventjager durch “meinen Kanal” vorbeifahren sehen dürfen.

Wie hier, an der Maldener Zierziegelfabrik entlang, so wie am Knotenpunkt einiger Wanderrouten unter den üppigen Böschungen des Deiches. Gleich darauf wird der

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Ventjager zwischen zwei schroffen Gegensätzen hindurchfahren müssen: am rechten Ufer der neu eingerichtete Permakulturgarten, wo man in mongolischen

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Zelten seine Ferienbleibe beziehen kann, genau gegenüber von der, am linken Ufer, zum Himmel stinkenden und schon seit Jahren umstrittenen Nerzfarm.

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Anderseits, weit danebengeschossen ist diese Nähe nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass Pelzmäntel in der Mongolei genauso zum Nationalerbe gehören wie die jetzt unter Veganern und weiteren Naturfreunden so beliebten Jurten.

So sieht man: Noch zwischen anscheinend weit auseinanderklaffenden Gegensätzen lässt sich immer eine Brücke errichten. Davon sind die ganzen 13,5 Kilometer des Kanals mit nicht weniger als acht Stück ausgestattet, wie zum

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Beispiel die neben der Anlegestelle, wo jährlich Sankt Nikolaus meinen Stadtteil besuchen kommt, das ehemalige Dorf Hatert, das dem Bau der Brücke 1970 sowohl Kirche als Kneipen opfern musste.

Kurz darauf trifft man aufs Bootshaus des Studentenrudervereins Phocas. Die Mitglieder Nelleke Penninx und Annemarie van Rumpt gewannen zwischen 1995 und 2004 mehrere Bronze- und Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympiaden: bislang die Höhepunkte der Vereinsgeschichte. 2018 wird der Verein zur neuen Waal-Nebenrinne umsiedeln. Jetzt aber wird noch den Kanal entlang eifrig gerudert, auch an Libellen vorbei, die sich im Sommer unter den hohen Eichen des Deiches an Blüten ergötzen.

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Dies wiederum soll nicht heißen, dass die Umgebung insgesamt arkadisch ist: Am linken Ufer gegenüber findet sich der in den 1970ern erbaute, von Bäumen mittlerweile gut verhüllte Stadtteil Dukenburg. Wie ich mitbekommen habe, ist nicht jeder Deutsche von der Schönheit der Stadt Nijmegen überzeugt, aber da war

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man wohl noch nie in Dukenburg, wo das Rechteckige einige seiner schlimmsten Siege eingefahren hat. Hatert ist da nicht wesentlich schöner, wenn auch von keinem geringeren als Gerrit Rietveld mitentworfen – der sich aber bald gegen die muffige Richtung des Projektes sträubte und zurücktrat.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stellt er in einem zweiteiligen Portrait den Maas-Waal-Kanal vor, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 2 mit Elvis Presley und einem fulminanten Gedicht über Neerbosch-Oost folgt in Kürze.)

Werkendam – im niederländischen Bibelgürtel

Mindestens einmal im Jahr ist in Werkendam richtig etwas los. Normalerweise herrscht in diesem Ort am linken Ufer der Merwede evangelische Beschaulichkeit: Werkendam gehört zum niederländischen Bibelgürtel, der sich von der Provinz Overijssel bis nach Zeeland erstreckt. Der Ort selbst befindet sich östlich des Biesbosch, wo Wasser, Schilfrohr und Weiden erahnen lassen, wie ein bedeutender Teil der Niederlande hätte aussehen können, hätte man sich nicht gegen das Wasser zur Wehr gesetzt. Im Entwurf der neueren Siedlungen am Werkendamer Ostrand ist das Schilfrohr inkorporiert worden:

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Dort kann man auch an dem einen besonderen Tag schön vor sich hin radeln ohne etwas mitzubekommen von dem, weswegen sich zahllose Menschen außer Haus bewegen: zum Werkendamer Hafentag, Anfang Juli. Da wird sogar abgeseilt,

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denn auch diese Mode der Freizeitindustrie ist bis nach Werkendam vorgedrungen; und wenn’s denn um Industrie gehen soll, so gibt es im Hafen natürlich an erster Stelle Schiffsbau, wenn auch recht bescheidenen Ausmaßes, aber immerhin, die hochmodernen Produkte können sich sehen lassen, sogar im erst halbwegs fertigen Zustand.

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Am Hafentag trifft man nicht nur auf solche fahrtauglichen Schiffe herkömmlicher Größe, sondern auch auf die ganz winzigen, solche die nach gutem Seemannsbrauch in Flaschen hineinpassen, wie der Herr zeigt, der sie schon seit mehreren Jahrzehnten herstellt und einen vor Stolz anblinzelt, wenn man ihn dafür lobt.

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Man kann am Hafentag auch schön singen gehen, Chöre vertonen beruhigende Schifffahrtsmelodien, der evangelischen Lust an geordnetem gemeinsamen Gesang entsprechend, wobei nicht jeder gleich aufmerksam bleibt.

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Freundlich war man übrigens überall, und so werde ich es den heutigen Werkendamern umso lieber ersparen, hier ein Bild des Hauses hinzufügen, das sie sichtlich in Verbindung bringen würde mit dem berüchtigtsten Sohn des Ortes, Anton Mussert, Führer der NSB, der niederländischen NSDAP.

Stattdessen ein Bild zum Beweis, dass auch in Werkendam Menschen ausländischer Herkunft sich unbehelligt durch die Menge bewegen können.

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Nur kann man sich als junges Mädchen gerne mal fragen:

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“Wohin führt denn jetzt der Weg, hier in Werkendam? Was soll ich noch hier, wenn der Hafentag vorbei ist? Hier, wo man selbst am Himmel nur in den vorgeschriebenen Fächern parken darf?”

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(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal wagt er sich bis an die Merwede und in den niederländischen Bibelgürtel vor.)

Gorinchem: eine Route voller Gefahren (2)

(…) Auch die beiden Natursteinskulpturen, von denen die heutige Fähre imgorinchem_5Gorinchemer Hafen bewillkommnet wird, standen da noch nicht herum, als Hugo de Groots Bücherkiste eintraf. Trotzdem gibt es mit diesem Befürworter der Meeresfreiheit eine gewisse Bewandtnis, wo doch die Meeresfreiheit grundlegend war für den weltweiten Aufschwung der meeresfahrenden Republik der Niederlande. Wie die Texttafel zu ihren Füssen schon vermuten lässt, sind die zwei ulkigen Figuren koreanischer Herkunft. Koreanische Orte werden traditionell von solchen Schutzgeistern vor Unheil bewahrt. Ihre Anwesenheit an der Pforte der alten Kleinstadt in der Provinz Zuid-Holland will aber nicht auf eine besondere Beziehung zu heutigen Firmen wie Hyundai, Samsung oder LG hindeuten. Die geht nämlich genau auf jene Zeit zurück, als die niederländische Seeflotte die Weltmeere beherrschte. Gorinchem ist der Geburtsort des nebst Guus Hiddink wohl berühmtesten Niederländers in Südkorea: Hendrik Hamel (1630-1692). gorinchem_6Hier ist er immer noch relativ unbekannt, in Korea aber muss man als Niederländer immer darauf gefasst sein, von neuen Bekanntschaften auf Hamel angesprochen zu werden, und auch nicht von ungefähr: Als erster hat er, wenn auch relativ ungewollt, den Westen bekannt gemacht mit dem Land, das sich im 17. Jahrhundert nach verheerenden Erfahrungen mit zuerst dem japanischen, daraufhin dem chinesischen Mandschu-Nachbar, von der Welt abgeschottet hatte.
1653 als Buchhalter des Schiffes Sperwer von Batavia, dem heutigen Djakarta, zum niederländischen Handelsposten Deshima in Japan unterwegs, musste Hamel miterleben, wie das Schiff bei schlechtem Wetter an der Felsenküste einer Insel zerschellte. Das war die koreanische Insel Jeju, den Niederländern als Quelpart bekannt, wenn auch nur zum Verproviantieren betreten. Die 36 Überlebenden der insgesamt 64 Besatzungsmitglieder wurden schon bald von koreanischen Soldaten aufgegriffen und unter Gefangenschaft gestellt, und hätten Korea eigentlich nie mehr verlassen dürfen. Im Laufe der Jahre verstarben die meisten; nur Hamel und sieben seiner Schicksalsgenossen schafften es 1666 vom heutigen Yeosu heraus die Flucht zu ergreifen, woraufhin dank japanischer Vermittlung auch sieben der acht noch in Korea Zurückgebliebenen in Freiheit gestellt wurden. Der Achte soll sich (als einziger) nicht von seiner koreanischen Ehefrau und Kindern haben trennen lassen wollen.
Die Geschichte wäre ohne Folgen geblieben, hätte nicht die niederländische Handelsgesellschaft VOC der Truppe einen ausführlichen Bericht zu ihren Erlebnissen abverlangt. Der wurde dann von Hamel erstellt, und irgendwie, eigentlich wider Willen des Auftraggebers, wurde der Text dann auch veröffentlicht. Zu beachtlichem Erfolg: Das Buch erzielte mehrere niederländische Editionen, sowie auch französische, deutsche und englische Übersetzungen. Bis ins 19. Jahrhundert war das Journael von Hendrik Hamel sogar der einzige im Westen verfügbare Text über Korea. Auch in den letzten Jahrzehnten hat es noch zwei Ausgaben gegeben: 1989 Hollanders in Korea von H.J. Van Hove, sowie 2003 die mit weit stärkeren Begleittexten ausgestattete Ausgabe De wereld van Hendrik Hamel, herausgegeben von Vibeke Roeper und Boudewijn Walraven (gleichzeitig erschien eine englische Fassung, Hamel’s World). Der Erfolg des Textes ist nachvollziehbar, ist er eben eine gelungene Mischung aus mitreißend erzähltem Erfahrungsbericht und so etwas wie anthropologischer Feldforschung, wobei die Sicht aufs exotische Land nie von christlichen Wertschätzungen benommen wird. Auch streckt dem Text zum Vorteil, dass die Schiffbrüchigen eine zeitlang am königlichen Hofe zu Seoul als Leibwächter zu dienen hatten, sich daher im Machtzentrum einigermaßen auskannten. Umso mehr, weil die Truppe dort Unterstützung fand von einem Jan Janszoon Weltevree aus De Rijp, der 1627 schon auf Quelpart von seinem Schiff hinterlassen worden war, sich dann als Waffenkundiger am Hofe emporgearbeitet hatte, den späteren schiffbrüchigen Landsleuten als Dolmetscher und Berater diente. Und wo er dem Hofe den Umgang mit Schusswaffen beibrachte, brachten Hamel und seine Männer den Koreanern das Bauen mit Zement bei.

Das Gorinchemer Museum hat, nach langer Vorbereitungszeit, erst seit diesem Jahr geöffnet, in einem späteren errichteten Haus an der genauen Stelle, wo einst Hamels Geburtshaus stand. Es erzählt mittels in Südkorea hergestellten Maquetten der jeweiligen Aufenthaltsorte im Kurzen die Geschichte von Hamel;gorinchem_7 darunter, wie in diesem Bild zu sehen, das Fort zu Yeosu, Hamels letzte koreanische Bleibe. Pro Maquette sind weiterführende Videos abzurufen. Hier im Foto sieht man links gerade einen Ausschnitt des Yeosuer Hendrik Hamel-Museum, das es noch nicht gab, als ich selber 2002 zur Vorbereitung eines Romans die Stadt besuchte. Das niederländische Museum bietet darüber hinaus noch eine Einführung zur niederländischen Schifffahrt zu Zeiten von Hamel, sowie mehrere Schenkungen aus koreanischen Museen, darunter koreanische Gebrauchsgegenstände und Töpferware, insbesondere eine recht schöne Seladonsammlung. Auch kann man sogar das Originalkonvolut des Hamel-Textes bewundern. Das Ganze wird vervollständigt von einem absonderlichen Raum für Wechselausstellungen koreanischer Künstler. Man wird aber hart dagegen anzukämpfen haben, dass Korea in den Niederlanden immer noch als eine Art Ersatz-China oder Reserve-Japan empfunden wird; bestenfalls als Heimatsort der nördlichen Kim-Dynastie oder als Auto- und Elektroniklieferant Interesse erregt. Daran hat auch die koreanische Filmindustrie oder gar Psy’s „Gangnam Style“, das nicht nur an den amerikanischen Rap, sondern auch an die traditionell koreanische Gesangkunst des P’ansori anknüpft, vorerst kaum etwas ändern können.
gorinchem_8Das breite Lächeln eines der Mitarbeiter bleibt aber als Hoffnungsschimmer. Damit endet hier vorerst auch meine Erkundung des Waals, denn Gorinchem an der Merwede fällt ohnehin schon außerhalb jenes Rahmens. Aber vielleicht regt das Lächeln noch zu weiteren Erkundungen an, entweder der Breite der Merwede entlang, oder gar rückwärtsgewandt: Übersprungenes gibt es ja immer. Man soll sich von einem Thema nicht einbetonieren lassen. Und auf weitere Gänge des tapferen “Ventjager” bin ich eh gespannt. Bis nach Korea wird er es allerdings nicht schaffen. Schade eigentlich.

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stößt er in einem Zweiteiler bei Gorinchem auf Verbrechen (Teil 1) und Koreanisches (Teil 2).

Gorinchem: eine Route voller Gefahren

Jetzt rüste dich, Leser: Der Waal beheimatet auch Verbrecher und Gefangene, wenn auch beide Kategorien sich nicht unbedingt decken, und die Haft nicht notwendigerweise in den Niederlanden vollzogen wurde.

Zwei Fälle entgegengesetzter Schicksalsrichtung haben mit Fähren zu tun, die es beide so nicht mehr gibt. Der eher fröhliche liegt schon fast vier Jahrhunderte zurück, der finstere ist bloß dreißig Jahre her, und immer noch von Geheimnissen umwoben.gorinchem_1Dem widmen wir uns hier mal zuerst. Am linken Waal-Ufer beim Dorf Brakel sieht die heutige Fähre noch recht unschuldig aus; an der anderen Seite aber, bei Herwijnen, verlässt zwar wohlgemut eine junge Frau bei dreckigem Wetter das treuherzig Tag ein Tag aus hin und zurück fahrende Gefährt, aber genau dort gorinchem_2rollte 1985 ein Benzinfass in den Fluss, um dann an einem hervorstechenden Stein stecken zu bleiben. Bald kam man zu der Entdeckung, dass kein Benzin drin war, sondern wenig fachgerecht gemischter, somit noch körniger Beton um eine Leiche herum. Bis auf den heutigen Tag sind die genauen Umstände den Justiz-Sachkundigen entschlüpft, der Tote aber war leicht zu ermitteln, wo er doch kurz zuvor Weltmeister im Kickboxen geworden war.

Damit aber nicht genug: Auch war dieser André Brilleman zu Lebzeiten als Leibwächter des Amsterdamer Drogenbarons Klaas Bruinsma tätig. Dieser aufgrund seiner Pedanterie auch unter dem Spitznamen “Der Vikar” bekannte Herr wird allgemein als der Vater des betriebsmäßig organisierten niederländischen Drogenhandels betrachtet: Seine Bande lieferte ihren Stoff weit über die Landesgrenzen hinaus, darunter natürlich auch nach Deutschland. 1991 erlag der Vikar einer Schießerei, deren Motive bis auf den heutigen Tag unaufgeklärt geblieben sind, wäre es nur weil der Hauptverdächtige selber einige Jahre später einem weiteren Mordanschlag zu Opfer fiel. Somit wird wohl auch auf ewig im Dunkeln bleiben, wer denn genau Brilleman einzubetonieren versucht hat. Nach allgemeiner Annahme soll Bruinsma selber dahintergesteckt haben, nur bezüglich der genauen Beweggründe gehen die Meinungen aus einander. Im Netz findet sich aber ein ausführlicher Leserkommentar aus 2011, der erschreckend genau die Umstände des Mordes beschreibt, fast als wäre der Autor selber dabei gewesen. Dem zufolge soll die Tat von angehenden Drogenbaronen aus Gelderland verübt worden sein, die sich mit Bruinsma zu assoziieren vorhatten, sich von Brilleman beim unangefochtenen König des Milieus einführen ließen, von dem aber zutiefst erniedrigt und misshandelt worden sein sollen, wofür dann Brilleman den Kopf hinhalten musste. Auch sollen sie mit den zuständigen Ermittlungsbehörden verstrickt gewesen sein, die sich von ihnen gerne hätten beschenken lassen. Im Kommentar werden sie nur mit Spitznamen angedeutet: “Der Alleswisser”, “Der Zwiespaltmacher”, “Der Kommissar”, “Der Vierte Blödmeier”. Aber wenn denn die Geschichte stimmt, wird allmählich schon fraglich, ob der Autor des Kommentars selber noch unter uns weilt. Vielleicht hat man für ihn doch noch irgendwo sachkundige Betonmischer aufgetrieben.

gorinchem_3Einige Kilometer flussabwärts errichteten Ende des 14. Jahrhunderts Bauarbeiter eine Burg für den Ritter Dirk Loef van Horne. Dieses daher Loevestein genannte Schloss wird heutzutage als Schauplatz für Events zur Wiederbelebung des Mittelalters touristisch vermarktet, nur wird wohl keiner auf die Idee kommen, die blutrünstigen Vorzüge des ursprünglichen Bauherren wahrheitsgetreu nachzuempfinden. Und auch die weitere Geschichte des Baus ist nicht halbwegs so romantisch wie man sie erscheinen lässt: Ab Ende des 16. Jahrhunderts bis hin zu 1831 diente das erweiterte Schloss als niederländisches Staatsgefängnis. Der unfreundliche Steinklotz zwischen den Weihern der Munnikenland genannten idyllischen Landzunge, die aufs Zusammenfließen von Waal und Maas hinausläuft, lag, zu jener Zeit als er als Gefängnis eingerichtet wurde, noch direkt an der niederländischen Grenze, und zwar: an der Maas, von deren Seite her er hier aufgenommen worden ist. Im niederländischen Geschichtsunterricht ist Slot Loevestein aber nicht ganz umsonst ein Klassiker: Ihm vermochte ein um sein Befürworten der Religionsfreiheit Inhaftierter 1621 in einer Bücherkiste auf der damaligen Fähre zum nahegelegenen Gorinchem seiner Gefangenschaft zu entschlüpfen. Das war kein geringerer als Hugo de Groot, Urvater des modernen Völkerrechts. Weniger Aufmerksamkeit aber genießt die Tatsache, dass hier 1650 kurzweilig die Deputiertenfraktion von Johan de Witt inhaftiert wurde, die sich – wahrhaftig republikanisch – gegen die politische Vorherrschaft der adligen Oranje-Familie zu Wehr stellte. Somit ist Loevestein schon fast als Symbol niederländischer Zwiespältigkeit jeglichem demokratischen Begehren gegenüber geltend zu machen: Nur unter der Ägide der Oranjes waltet hier die politische Freiheit.
gorinchem_4Aber immerhin, De Witt und seine Männer fuhren nun mal nicht in einer Bücherkiste am Punkt des Zusammenfließens der beiden Flüsse, am Anfangspunkt der Merwede vorbei, wo gute 360 Jahre später der Kahn “Ventjager” wieder sein Bestes gab, den Fluss vor Versandung zu bewahren, bevor er sich dann, wie vom vorigen Bild bezeugt, zum Dorf Lith an der Maas auf den Weg machte, um den Sand, mit dem er erschreckend schwerbeladen ist, abzulagern, als Rohstoff mehr oder weniger sachgerechter Betonherstellung etwa. (Fortsetzung folgt.)

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stößt er in einem Zweiteiler bei Gorinchem auf Verbrechen (Teil 1) und Koreanisches (Teil 2).

Zaltbommel: Schriftsteller und Gespenster

Ohne Händedruck geht’s nicht im Fußball. So läuft’s auch beim Zaltbommeler Amateurverein N.I.V.O.-Sparta, der größte der Region Bommelerwaard, der bald zu einem zeitgemäßeren Gelände wechseln wird. Ausrangierte Tore sind zur Seite gestellt, ausgemusterte Materialien, wie zum Beispiel die Korbwagen, sind käuflich zu erwerben; die Trainingsplätze hingegen werden nur von der Fläche her zurückgelassen. Der Graswuchs ist von solcher Qualität, dass man die Böden zur Grundlage der neuen Plätze abzugraben vorhat.

Solches Unterfangen wirkt schon fast, als wäre da ein einfallsreicher Schriftsteller mit im Spiel gewesen, und tatsächlich, Vorstandsvorsitzender des Vereins war über längere Zeit ein Schriftsteller – der später maßgeblich an der Errettung des Traditionsvereins FC Den Bosch (aus ’s-Hertogenbosch) beteiligt war, zu der Zeit, als sich dort ein junger Ruud van Nistelrooij im Mittelfeld versuchte.
Dieser Jan Schouten verfasste damals aber noch keine Belletristik, sondern einflussreiche Sachbücher zu Themen wie soziale Kompetenz, Management, später zum Rheinischen Kapitalismus; wirkungsvoller noch ist die von ihm mit gegründete Firma, die sich über die ganze Welt verbreitet hat, ohne dafür den Hauptsitz in der alten Kleinstadt am Waal aufzugeben.

Dieses Schouten & Nelissen bietet Trainingsprogramme zur persönlichen Entwicklung als Grundlage für erfolgreiche Unternehmen an. Erste Anregung dazu fand der Diplompsychologe Schouten bei Experimenten in englischen Kohlebergwerken, die belegten, wie sehr informelle Betriebsstrukturen das Wohlergehen der Mitarbeiter fördern. Wer seine persönlichen Möglichkeiten nicht nach Abteilungen abgeschottet sieht, entwickelt sich freier und findet sich im sozialen Umfeld bequemer zurecht. Schoutens Hauptanliegen war die psychotherapeutische Komponente; später stellte sich heraus, dass derart strukturierte Betriebsamkeit auch wirtschaftlich ertragreicher ist, eine Einsicht die mit zur Idee des Rheinischen Kapitalismus beitrug. Auch wenn dieser Begriff an die Wirtschaftsordnung der Bonner Republik gemahnt, könnte man schon fast meinen, dass er auf Zaltbommel am Waal zurückverweist – als hätten im ehemaligen Schulgebäude von Schouten & Nelissen Philips und Marx wieder zu einander gefunden.

Jan Schouten, der, wenn auch im Rentenalter, gerade wieder ein Online-Projekt mit Kursen für weniger Betuchte herausgebracht hat, wirkt bei persönlicher Begegnung als ein leidenschaftlicher, nichtsdestotrotz bescheidener Mensch. Sein öffentliches Werben fürs Training sozialer Kompetenzen als gesellschaftlich relevant ab den 1970ern rühre sogar daher, dass es ihm selber an solcher gefehlt habe. Seine auf die Außenwelt visierte, geschäftliche Laufbahn sei mit der Empfindung einer inneren Einsamkeit einhergegangen, deren Grillen im Kopf ihm nur literarisch zu bewältigen erschienen.
Da betrifft es nicht unbedingt persönliches Wirrsal. Sein 2015 erschienener zweiter Roman De aanjagers greift ein verdrängtes Kapitel der jüngeren niederländischen Geschichte auf. Die Heldin Maria hat sich in heutiger Zeit den Spätfolgen zu stellen, die ihr eine selber nicht erlebte tragische Liebesgeschichte aus den ersten Nachkriegsjahren eingebracht hat. Herbeigeführt war die von der “Operation Black Tulip”, als der niederländische Staat aus Rachegelüsten eine größtmögliche Anzahl deutscher Staatsbürger in Nijmegener und Arnhemer Transitlager zusammenzuführen und abzuschieben versuchte.
Dieses Schicksal traf nicht nur Nazis und Nazi-Mitläufer, sondern auch solche, die mehr oder weniger aktiv Widerstand geleistet hatten, von ihrem Umfeld nie als Deutsche wahrgenommen, oder gar als Juden in die Niederlande geflüchtet waren – so wie in Schoutens Roman der Fall. Insgesamt wurden 3691 Deutsche abgeschoben. Die damit einhergehenden, oftmals gravierenden Ungerechtigkeiten wurden u.a. vom Erzbischof Jan de Jong (zu Kriegszeiten führende Stimme des Widerstandes) angeprangert, was mit zur allmählichen Einstellung des Programms, sowie zum späteren Totschweigen geführt hat. Die Heldin aus Schoutens Roman, die sich betont als Frau von Welt durch die Geschichte bewegt, wirkt als Sinnbild einer Gesellschaft, die sich in Äußerlichkeiten verliert ohne sich der eigenen Schuld an Ausgrenzung von Unschuldigen stellen zu wollen – was Maria letztendlich doch noch hinkriegt, als Vorbild für viele im Hier und Jetzt.

Ein anderer Zaltbommeler Schriftsteller heiratete selber eine rumänische Jüdin mit deutschem Pass um sie vor Inhaftnahme zu schützen. Da lebte dieser Johannes van de Walle (1912-2000) aber noch nicht im Zaltbommeler Bau namens De Trippen von 1610,

sondern als Journalist in der niederländischen Kolonie Curaçao, wo 1940 deutsche Staatsangehörige vorsorglich inhaftiert wurden. Da Curaçao nie von den Deutschen besetzt wurde, dauerte ihre Haft bis zum Kriegsende, woraufhin sie in die oben erwähnten Transitlager verlegt wurden. Genauso hätte es der Frau Van de Walle ergehen können.
In den Jahren 1942-1946, als Van de Walle selber von der niederländischen Exilregierung beauftragt war, die Bewohner der damaligen Kolonie Surinam zu den Kriegsumständen in den Niederlanden aufzuklären, geriet er von der Kolonialherrschaft immer tiefer angewidert. Bei seiner Heimkehr in die Niederlande wurde ein von ihm verfasster Bericht, der fürs allgemeine Wahlrecht in den Kolonien plädierte, nicht dankend abgenommen. Mehr noch als zuvor in den Kolonien, wurde Van de Walle zum Fremden im eigenen Land.
Seine fünf, zwischen 1956 und 1963 erschienenen Romane setzen sich mit dem Kolonialismus auseinander, aus der Perspektive hellhäutiger Außenseiter heraus, die sich mit den Umständen zurechtzufinden versuchen. Mal betrifft es Missionare, mal Goldgräber oder auch Großgrundbesitzer zu Zeiten der Abschaffung der Sklaverei. Van de Walle wird nachgesagt, sein Schreiben mache auch den Leser zum Außenseiter: Dies hat ihm nur ein beschränktes Interesse der niederländischen Leserschaft eingebracht, die sich eh kaum um die Umstände in den westlichen Kolonien scherte. Dort hingegen wurde er fleißig gelesen. Eine Neuauflage seiner Werke in den 1990ern brachte ihm ein denkwürdiges Fernsehinterview ein, führte aber erneut nicht zu allgemeiner Anerkennung, auch wenn er von der Kritik als Vorläufer von Gabriel García Márquez geehrt wurde. So gilt es nach wie vor, ihn zu entdecken.

Ein dritter Schriftsteller hält sich zur Entdeckung in einer Zaltbommeler Dachrinne bereit.

Die Betonskulptur zeigt ihn voll konzentriert bei der Arbeit, der er über Jahrzehnte nachgegangen ist, bevor er sich in der Dachrinne zu Ruhe setzte. Hier ist tatsächlich keine Phantasiefigur dargestellt, sondern die reale Person des Amsterdamer Sportjournalisten Ed van Opzeeland. Als erster niederländischer Fußballreporter vertrat er der Meinung, Zeitungen sollten sich nicht mit der bloßen Wiedergabe der Ergebnisse wichtiger Spiele begnügen: So fuhr er 1956 nach Paris, als dort das erste Europapokal-Endspiel ausgetragen wurde. Keine niederländische Zeitung zeigte sich aber interessiert, dem von ihm verfassten Bericht (zu Real Madrid : Stade de Reims 4:3) in ihren Kolumnen Platz einzuräumen. 1966 war das schon anders: Da landete er seinen größten journalistischen Coup, als zum ersten Mal ein niederländischer Verein es in die zweite Runde des Europapokals schaffte. Nach dem legendären, bei dichtem Nebel ausgetragenen Spiel in Liverpool, wo Ajax Amsterdam den FC Liverpool 5:1 zu schlagen vermochte, fügte er seinem Interview mit Ajax-Coach Rinus Michels eigenständig den Satz “Fußball ist Krieg” hinzu, der dann über Jahre weltweit als der von Michels gemünzte Inbegriff der (mittlerweile ins Stocken geratenen) niederländischen Spielauffassung galt. Im Übrigen hat Van Opzeeland, Verfasser von mehreren Büchern zu Sportthemen und öfters mit dem berühmten Fotografen Ed van der Elsken unterwegs, auch den Namen “Studio Sport” ausgedacht, das niederländische Pendant des Aktuellen Sportstudios.

Sein eigenes Dachrinnenpendant ist ein Werk des Künstlers Joris Baudoin,

lange in Zaltbommel, jetzt im nahegelegenen Heerewaarden wohnhaft. Es ist auch beileibe nicht die einzige Betonskulptur, mit der Baudoin (auch gerne als Joris Beton bezeichnet) eine Zaltbommeler Dachrinne ausgestattet hat: Seit 1994 hat er so viele solcher “Rinnengespenster” (“gootspoken”) hergestellt, dass eine spezielle Wanderroute des örtlichen Fremdenverkehrsamts an ihnen entlang führt. Sogar tauchen sie mittlerweile auch außerhalb Zaltbommels auf, bis hin nach Deutschland und Frankreich.
Anregung zu seinen poetisch-skurrilen Betonüberraschungen fand Baudoin bei den üppigen Figuren, mit denen die gotische Sankt-Johannes-Kathedrale in ‘s-Hertogenbosch ausgeschmückt ist. Die eigenen werden von ihm immer nach Maß des jeweiligen Baus und Auftraggebers hergestellt, mit einer bunten Palette zufolge. So gibt es Affen, Beginen, spielende Kinder, einen Korbflechter, ein Nilpferd, einen Drachen, Cupido, Schilfgespenster, einen Zahnarzt, eine zeigende Frau, und und und – so wie auch diesen Fotografen,

der bei Instandsetzungsarbeiten etwas nach unten weggesackt sein soll. Sein Einfassen der Welt findet aber unabänderlich in der Rinne des Fotogeschäfts statt, wo Baudoin regelmäßiger Kunde war, als er täglich die Fortschritte beim Bau der Nijhoff-Brücke fotografierte: Aus insgesamt 700 Dias stellte er einen anderthalbminutigen Filmstreifen her, in dem sich die Brücke in Windeseile errichtet.
Solches Durchhalten bezeugt die präzise Vorgehensweise Baudoins. Ohne jede Menge Skizzen und genaue Überprüfung der gewünschten Stelle gibt es keine Rinnengespenster. Auch ist die Platzierung der Skulptur nicht immer ohne Gefahr:

Dieses vergoldete Ferkel zum Beispiel konnte Baudoin nur im Korb eines Mastwagens mit Todesverachtung an Ort und Stelle bringen. Das Schwein, eigentlich gedacht als Geschenk zum vierzigsten Geburtstag des Kneipeninhabers, ließe sich übrigens auch getrost als ein Prosit betrachten auf die Zeit bis 1933, als die Hauptverkehrsstraße zwischen Utrecht und ‘s-Hertogenbosch, mit Inbegriff der örtlichen Waalfähre, noch durch Zaltbommel lief. Zur Erholung der Reisenden gab es damals am Markt gute sechzig Kneipen, weit mehr als heutzutage noch der Fall.
So umrunden wir jetzt noch mal die Ecke in Richtung Waal, dort wo es die Fähre gab: Unterwegs begegnen wir einem weiteren Baudoin-Gespenst, angeregt von einer versuchten Plastiknachahmung auf dem Dach der Frittenbude “Restauratie Tigo”: ein Fußballer im Tenue des Nijmegener Eredivisionisten NEC, Lieblingsvereins des Inhabers. Auf Geheiß von dessen Ehefrau hat Baudoin dem einen NEC-Fan hinzugefügt. An Tigo-Fritten ißt der sich gerne richtig satt.

***

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Hier zum zweiten Mal das Städtchen Zaltbommel.
(Zum Flußgeschlecht des/der Waal eine kurze Anmerkung: die deutsche Wikipedia weist die Waal als weiblich aus. In älteren Quellen hatten wir zuvor nur den männlichen Artikel gefunden. In französischer und spanischer Sprache ist der niederländische Rheinfortsatz jeweils männlich. Im Niederländischen ist de Waal weiblich, die männliche Bezeichnung zugelassen, der niederländische Artikel lautet im Maskulinum und Femininum gleich.)

Zaltbommel

zaltbommel_1Der brave Bursche marokkanischer Herkunft hat gerade Brot geholt bei der Bakker Bart-Filiale in Zaltbommel. Bakker Bart ist eine (aus Nijmegen stammende) Ladenkette, die mittlerweile das ganze Land überspannt. Sich dort als marokkanische Familie das Brot zu besorgen, darunter auch ein Brot typisch niederländischer Machart, kann man getrost als Anzeichen gelungener Integration bezeichnen.

Dies ist umso bedeutungsvoller in einem Ort wie Zaltbommel. So um 2010 herum gab es da jede Menge Wirbel und Besorgnis wegen einer Truppe junger Kerle marokkanischer Herkunft, die herumrandalierten und Frauen belästigten. Sie trieben es sogar so weit, dass sie den Bürgermeister bedrohten, der sich sehr negativ über sie geäußert hatte (er verkündete sogar die nie nachgewiesene Mär, die Kerle versuchten sich als sogenannte Loverboys Grundschülerinnen gegenüber). Natürlich war ihr Verhalten nicht in Ordnung, nur war die einseitige Fokussierung auf die marokkanische Komponente das auch weniger. Polizeiangaben zufolge gab es zu jener Zeit 276 kriminell auffällige Jugendliche in der Gemeinde, davon aber nur 38 marokkanischer Herkunft. Die übergroße Mehrheit entstammte also dem alteingesessenen Klientel des Bakker Bart. Solche Kerle aber galten zum verschmitzten Vergnügen ihres Umfelds vielleicht eher als bescheidene Fortsetzung der blutrünstigen Tradition des Maarten von Rossum, der ja hier geboren wurde, und auf den die Stadt immer noch stolz ist. Mittlerweile wohl auch auf die Teilnehmer der sogenannten “Vierteleltern”-Initiative, die seit einigen Jahren jeden Samstagabend ihre Runden läuft, um jeglicher kriminellen, jugendlichen Energie zuvorzukommen. Die wichtigste, von diesen Eltern gewonnene Erkenntnis: Die Jungs brauchen mehr Fußballplätze. Bemühungen in diese Richtung haben bislang offensichtlich gereicht: Es hat sich, auf angehender Schwerverbrecher-Ebene, in den letzten Jahren kaum noch etwas getan. Die Gerüchteküche brodelt, aber nie gibt es Ernsthaftes zu berichten.
Dass die Zaltbommeler Jungmarokkaner es nicht im Entferntesten so weit treiben wie die des Amsterdamer Bandenkrieges, wobei kürzlich einer sogar geköpft wurde, den Kopf dann aufgespießt bekam, kann man nur begrüßen. Aber wie wäre es mal mit einem Bürgervater, der nicht gleich schmutzige Sexualfantasien in die Welt hineinkatapultiert, auch nicht als ein wahrhafter Maarten van Rossum “Schlagt sie zusammen!” ruft, wenn es um Ladendiebe geht? Der Herr ist immer noch im Amt.

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Das könnte vielleicht mit der Verträglichkeit neuen Stils zu tun haben, die zu erleben man am Waalufer aufgerufen wird. Aber doch eher nur in dem Sinne, dass auch der Bürgermeister hin und wieder Gast sein dürfte bei “De verdraagzaamheid”, denn so heißt das in der Stadt führende Restaurant hier. Und auch die im Pflaster versenkte Aluminiumfigur vom Künstler Marcel Smink verweist nicht auf diese Affäre, sowie auch ihre Hand nicht grapscht: Sie zeigt die Höhe der neu errichteten Wasserschutzanlage an, geschmückt mit dem hier übersetzten Gedicht von Willem van Toorn:

Zwischen Stadt und Fluß möchte das Auge eine Grenze
gezogen sehen die klar andeutet wo
Schönheit in Gefahr hinüberfließen kann.
Wer aber das Maß überschreitet entnimmt dem Menschen

seine Sicht aufs Leben selber. Beim Verlassen
der Stadt durchs Tor möchte ein Bewohner Wasser
erleben, Schiffe, Deichvorlände
und über allem das Glänzen aus der straff

gespannten neuen Brücke. Keine Mauer
die den Anschein neuer Sicherheit verspricht
wird dem Auge dieses Strömen vorenthalten:
immer gleich und immer anders – der Fluß.

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Im Deichvorland hat der Junge im Pflaster noch einen Bruder, der genau dasselbe macht wie er, wobei er auf die Brücke Ausschau hält, von der im Gedicht von Van Toorn die Rede ist. Für literarische Bezüge hätte sie dieses Gedicht nicht mal gebraucht. Nicht von ungefähr wurde sie auf den, als es um Tiel ging, schon mal erwähnten Dichter Martinus Nijhoff getauft. Der nämlich schrieb in den 1930ern einen weiteren Lyrikklassiker, oder doch wenigstens eine der allerberühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur:

DIE MUTTER DIE FRAU

Ich ging nach Bommel um die Brücke zu sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Seiten gegenüber
die einst sich zu fliehen schienen
werden wieder zu Nachbarn. Gute zehn Minuten
wo ich da lag, im Grase, mein Tee getrunken
mein Kopf von der Landschaft weit und breit erfüllt–
Da wurde mir mitten aus der Unendlichkeit heraus
eine Stimme gewahr, dass mir die Ohren ertönten.

Es war eine Frau. Das Schiff, auf dem sie fuhr kam
gemächlich stromabwärts durch die Brücke gefahren.
Sie war alleine am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie da sang, ich hörte es waren Psalmen.
Ach, dachte ich, ach, fuhr doch meine Mutter dort.
Lobe Gott sang sie. Bewahren wird Dich Seine Hand.

Die kleine alte Festungsstadt hat nebst Van Rossum und Nijhoff noch ein weiteres Wahrzeichen mit Bezug auf Sankt Martin, und das ist natürlich die Sint Maartenskerk. Ohne dessen stumpfen Turm ließe sich Zaltbommel kaum denken. Als ich klein war, war’s mir sogar, als gäbe es dort nur diesen einen Turm. Ich hatte ein Buch mit Aquarellen von niederländischen Kirchtürmen: Besonders der Zaltbommeler Turm war so dargestellt, als täte das menschliche Umfeld gar nicht zur Sache.
Das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft ist auch in Zaltbommel entschieden gekippt; auch hier, in der ehemaligen Grenzfestung der protestantischen Republik der sieben vereinigen Niederlanden, ist die Kirche in den Hintergrund gerückt.

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Die evangelische Sint Maartenskerk wird heutzutage sogar für nicht-kirchliche Eheschließungen zur Miete angeboten. Nichtgläubigen wünschen sich anscheinend doch den Anschein irgendeiner Transzendenz beim großen Lebensschritt, während Kalvinisten (nach gut niederländischer Tradition) eben auch über die Runden kommen müssen.
Ortsgerecht ist es aber auch deswegen, weil es in der Welt ohne Zaltbommel vielleicht nicht mal jenes eine Buch geben würde, das wie kaum ein anderes die gesellschaftliche Rolle des Geldes und des Kapitals unter die Lupe genommen hat: Das Kapital von Karl Marx wurde teilweise hier geschrieben, und zwar im weißen Haus im Hintergrund des Bildes.

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Da war Marx öfters zu Gast bei seiner aus Nijmegen gebürtigen Tante Sophie Presburg, die mit dem ortsprominenten Tabakhändler und -fabrikanten Lion Philips verheiratet war. Dessen Sohn Frederik sowie die Enkel Gerard und Anton Philips standen später an der Wiege des Philips-Konzerns. Die lebensfreudige Gangart der jungen Dame, die zuvor zusammen mit ihrer Familie die Plakette am Haus studiert hatte, muss also nicht unbedingt zu Ehren von Karl Marx gemeint gewesen sein. Vielleicht ist sie schlichtweg Fan vom Fußballer Luuk de Jong, der ohne die ehemalige Philips-Betriebself der PSV Eindhoven vielleicht nie seine fehlgeschlagene Auslandskarriere hätte gutmachen können.
Vielleicht schafft auch der brave junge Brötchenkäufer es irgendwann dorthin.
Oder aber er fragt sich, wieso denn gerade in einem Ort, wo Marx tätig war, Marokkaner nur über den sportlichen Weg zum Einklang mit der Gesellschaft zu bewegen sein sollten, während doch ein großer Teil der hellhäutigen Gesellschaft sich kaum beeindruckt zeigt vom ständigen Fluss neuer Jungprofis marokkanischer Herkunft, die sich auf niederländischen Fußballplätzen zu behaupten versuchen. Man könnte, nur mal eine Idee, für sie ja auch eine Lese-, ja gar Schreibegruppe gründen. Das könnte auch mal, sogar noch umso nachhaltiger, dazu beitragen, dass sie sich weniger als gesellschaftlichen Müll ins Abseits gedrängt fühlen würden.

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Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den Waal, diesmal die Stadt Zaltbommel, ohne die es “Das Kapital” von Karl Marx vielleicht nicht gäbe.

Latium im Land von Maas und Waal

Einer der unangefochtenen Klassiker der Popmusik auf Niederländisch ist “Het land van Maas en Waal” von Boudewijn de Groot, aus dem Jahr 1967. In diesem Lied, das damals nahezu im Minutentakt im Radio zu erklingen schien, zieht das Zirkus Jeroen Bosch, dem König von Spanien entkommen, über Gebirge und Hügel und durch den großen Wald ins Land von Maas und Waal. Was es genau mit der Anziehungskraft dieser Gegend auf sich hatte, wird aus dem Lied nicht so richtig klar, durch die bunte Schilderung der fröhlich fliehenden Truppe festigt sich beim Hörer aber eine Vorstellung betörender Lebhaftigkeit.

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Es war in der Tat ein bewegter Tag, als ich in Alem war: Der Fischwagen war wieder da, den ganzen weiten Weg aus Werkendam her. Kaum hatten beide Damen ihr Geschäft eröffnet, da kamen die Alemer schon herangeschwärmt. Und zwar aus gutem Grund, denn im Dorf gibt es weiterhin nichts Mittelständisches mehr, auβer einer Reihe Bed and Breakfasts. Gäste werden die im Januar wohl keine gehabt haben, so wie es auch auf den nahegelegenen Bootsstegen, trotz mehrerer Jachten, betagt zuging.
Das Wasser, im dem die Boote herumplätschern, ist übrigens nicht der Waal, sondern ein abgetrennter Teil des Maas: Am nördlichsten Punkt ist dies ehemalige Flussbett nur einen einzigen Kilometer vom Waal hinter den Bäumen entfernt.

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Bis 1935 befand sich Alem, jetzt nördlich der Maas, am südlichen Maas-Ufer: Die dann durchgeführte Kanalisation setzte den über Jahrhunderte üblichen Überschwemmungen ein Ende. Auβer bei Woudrichem, wo sich die Maas mit dem Waal zur Merwede vereint, ist das Land von Maas und Waal nirgendwo sonst so eng wie hier, auf der Alemer Halbinsel, fünfzehn Kilometer nördlich von ´s-Hertogenbosch, Heimat des Jeroen Bosch.

In meiner Tramperzeit gab es mal diesen jungen Deutschen, der meinte, das Initial-s stünde für “Sankt”: Ein heiliger Herzog ist aber nicht gemeint, hier geht’s lediglich ums Kürzel des bestimmten Artikels im Genitiv. Alem hingegen, so klein wie es ist, kann sich schon mit einer Heiligen brüsten. Seit dem 13. Jahrhundert war der winzige Fleck über Jahrhunderte ein richtiger Wallfahrtsort, zur Verehrung der St. Odrada, deren Reliquien dort bis ins 17. Jahrhundert aufbewahrt wurden. Die Heilige war der Legende nach eine Adelstochter aus dem belgischen Teil der Kempen, die ihr Leben Gott widmen wollte, es von der Stiefmutter aber unterbunden bekam, auf einer Wallfahrt mitzufahren, es sei denn, sie zähme sich ein wildes Pferd zurecht. Und wie das eben so geht, nahm sich das junge Mädel einen Lindenzweig, und gleich kniete ein schneeweißes Pferd vor ihr hin, auf dessen Rücken die kleine Odrada dann die zehn Kilometer zum Wallfahrtsort Millegem noch vor den Eltern zurücklegte. Dort entspross dem herrlichen Lindenzweig eine blühende Linde, und als Odrada sagte, dass sie dürstete, offenbarte sich ein Brunnen, der später im Ruf stand Augenkrankheiten zu heilen.
Bald aber erkrankte das fromme Wundermädchen selber. Ihrem letzten Wunsch zufolge wurde ihr Leichnam in einem holen Baum von einem Ochsengespann durch die Welt gefahren, um sie dort zu bestatten, wo die Tiere halten würden. Ihre postmortale Irrfahrt ging erst im 90 Kilometer nördlicher gelegenen Alem zu Ende, wo der Vater seiner Tochter zu Ehren eine Basilika errichtete.

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Die heutige katholische Kirche (hier rechts im Bild), die so-und-so-vielte an gleicher Stelle, wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Die Kirche links ist die ehemalige evangelische, wo jetzt ein Dachziegelmuseum beherbergt ist.
Es stehen in Alem mehrere Häuser zum Kauf angeboten. Ob diese Abtrünnigen den gleichen Weg verfolgen werden, wie eine Tochter des Dorfes im 19. Jahrhundert? Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass diese Maria, in entgegengesetzter Richtung zu St. Odrada, über Rotterdam und Brüssel die letzten Jahre ihres Lebens in Monte Carlo verbrachte. Auch ihr moralischer Weg war dem des frommen Wundermädchens recht zuwider: Als brave Schneidertochter mutierte sie zuerst zur Bordellmodistin, später dann zur Bordellmadame. Ihre Tochter, sozusagen in gleicher Branche tätig, stellte sich im Verborgenen der Gestapo zur Wehr in Amsterdam. Diese wahre Begebenheit bildet die Grundlage eines eigenen Romanprojektes für die nächsten Jahre.

Wer von ´s-Hertogenbosch nach Alem gelangen möchte, muss letztendlich bei einem weiten Verkehrskreis nach rechts abbiegen. Die unmittelbar danebengelegene Ortschaft ist zwar winzig, aber immerhin der Ort, wohin alle Wege führen. Rome heißt sie nämlich, Rom also. Anzeichen eines Vatikans habe ich nicht erkennen können, aber man weiß ja nie, ob sich nicht doch der heutige Papst, der eben auf Bescheidenheit steht, im Geheimen dort niedergelassen hat (in Nachfolge der italienischen Ziegelfabrikarbeiter, die hier einst ihre Kolonie hatten). Leider fand ich erst später heraus, dass ich dann doch, zum ersten Mal in meinen Leben, in Rom gewesen war: So fehlen hier Fotos der heiligen Stadt.

Fährt man in diesem Latium geradeaus, gelangt man eineinhalb Kilometer weiter zum Dorf Rossum, wo aus einem Plaggenhüttenschornstein Rauch hervor zu qualmen scheint.

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Umso friedlicher ein solcher Anblick, wenn man bedenkt, dass der Ortsname eines der blutigsten Zeitfächer der niederländischen Geschichte heraufbeschwört: In diesem Ort befand sich das Stammschloss der Familie von Maarten van Rossum, Feldmarschall des Herzogtums Geldern im 16. Jahrhundert. Die Opferzahl seines Treibens lässt sich nicht mal annähernd beziffern: Plündern und Brandschatzen waren über gute dreißig Jahre hinweg seine bevorzugte Strategie beim verzweifelten Versuch des Herzogs, sich entgegen den Habsburgern noch als selbstständige Territorialmacht zu behaupten. Dabei umfasste das Herzogtum nicht nur die Stadt Geldern und direktes Umland, sondern auch die heutige niederländische Provinz Gelderland, zu der Rossum immer noch gehört.

Geldern ging letztendlich leer aus. Nicht nur kam das Herzogtum dann doch an die Spanischen Niederlände, beim Frieden von Münster erfolgte sogar noch die endgültige Spaltung. Trotz des unrühmlichen Ausgangs werden die verheerenden Feldzüge des Maarten van Rossum allgemein als Vorspiel des niederländischen Aufstandes gegen die Spanier im Achtzigjährigen Krieg bewertet. Niederländer meiner Generation haben den Feldmarschall wohl eher als reinen Schurken in Erinnerung, der 1969er Fernsehserie Floris zufolge (Sprungbett für Rutger Hauer und Paul Verhoeven), in der er der böse Hauptgegner des blonden holländischen Ritters Floris ist.

An sich natürlich erfreulich, dass das heutige Rossum nicht die geringste Spur eines Blutvergießens aufzeigt, man kann’s aber auch übertreiben: Bis ins letzte Detail scheint alles zum vorgeschobenen Posten Brabanter Gemütlichkeit aufpoliert. Frisch und säuberlich wirkt hier alles Nostalgiebeladene. Entsprechend betrifft es da, wo der Rauch aus dem Schornstein hervorqualmt, umso weniger eine Plaggenhütte, sondern den (vom Waal-Deich her aufgenommenen) Dachfirst eines riesigen alten Hofes, der vor in Stand gesetzter Wohlhabenheit nur so strotzt. Ihm gegenüber befindet sich eines jener Geschäfte, die sich in zunehmendem Masse über die Niederlande verbreiten: Ein Trödelladen nach französischem Muster, eine sogenannte brocante, wo noch die hässlichsten Möbel aufgefrischt als Gartenperlen von der Hand gehen.

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Etwas weiter begegnet man einer DHL-Station, so wie sie mir in den Niederlanden bislang nirgendwo auffiel: Links und rechts der Straße stehen gute zwanzig gelbe Lieferautos beisammen, wohl damit man nicht außer Auge verliert, sich im Jahrhundert der Internetbestellungen zu befinden, oder aber, als müsste das Band zu Geldern doch noch auf der Schnelle hergestellt werden. Das ginge übrigens auch mit einem der Sportwagen, die man sich beim dazugehörigen Autohändler besorgen kann. In Rossum kauft man Porsche oder MG. Irgendein Abweichler fährt in einem Auto herum, als wäre das Zirkus Jeroen Bosch gerade unterwegs. Das aber war das After Party Hotel.

Da wagen wir lieber einen Blick über den Waal, wäre es nur zum Verweis aufs Werk des schon mal erwähnten Malers Willem den Ouden, wohnhaft im nahegelegenen Dorf Varik, am anderen Flussufer.

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Auf meine Anfrage für ein Treffen wurde leider nicht reagiert, der Künstler ist aber auch nicht mehr bei bester Gesundheit, und zu Fotografen hat er sich eh schon mal negativ geäußert. Aber immerhin, gute fünfzig Jahre lang widmete er seine Kunst der Waal-Landschaft, gab er sich ausgiebig dem wechselhaften Spiel von Wolken und Sonne hin. Auch wenn seine Werke hin und wieder ins allzu Mystische abwandern, bezeugen sie, darunter besonders seine Zeichnungen, der vielgestaltigen Unermesslichkeit der Natur alle Ehren (sei es natürlich ohne Hochspannungskabel, wie im Foto).
Im Einklang damit machte er sich, zusammen mit dem Amsterdamer Dichter Willem van Toorn, einen Namen als vehementer Kritiker der Deichmodernisierungsmaßnahmen. Dies wurde ihm nicht dankend abgenommen, als die Region 1995 vom rasant angestiegenen Wasserpegel arg bedroht wurde. Der endgültige Entschluss ist noch fällig, aber es liegen schon Pläne bereit, in den nächsten Jahren genau bei Varik eine weitere Nebenrinne, wie bei Nijmegen, einzurichten. So wächst zur Sicherheit des Zirkus Jeroen Bosch ein Land von Maas und Waal und Nebenrinnen heran.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal auf den Spuren eines niederländischen Schlagers. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Tiel und der Tod

Vor dem Zweiten Weltkrieg besaβ Tiel eine blühende jüdische Gemeinde; in Tiel leben jetzt keine Juden mehr. Nicht, wie man meinen dürfte, weil die Gemeinde vollends von den Nazis ausgelöscht wurde: Siebzig Prozent der Tieler Juden überlebten den Schrecken sogar, bei einem landesweiten Prozentsatz von siebenundzwanzig. Diese günstige Zahl ist dem Polizeikommandanten J.S. de Jong zu verdanken, von dem die Gemeinde 1943 rechtzeitig gewarnt wurde, es stünde eine Razzia bevor. So blieb für die meisten genügend Zeit, sich Untertauchadressen zu besorgen, aber in Tiel wollte das nicht klappen: Die nichtjüdische Bevölkerung stellte sich dem bitter und geschlossen entgegen. Beladen mit solcher Erinnerung, kehrte nach dem Kriege keiner der Überlebenden in die Stadt zurück: So verlöschte nachträglich eine jüdische Gemeinde, die im 19. Jahrhundert zu den gröβten der Provinz Gelderland gezählt hatte.
Die jener Zeit auch entstammende, ehemalige Synagoge, etwas abseits von der Straβe, beherbergt jetzt eine Moschee.

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Als 1996 neben dem Eingangstor des Geländes das Holocaustmahnmal der Künstler Johan Goedhart und Willem den Ouden errichtet wurde, trat das beladene, ehemalige Verhältnis zwischen örtlichen Nichtjuden und Juden wieder ans Tageslicht. Aus den wie Tränen wirkenden Tropfen, so war vorgesehen, sollten ganz leise sämtliche Namen der Tieler Holocaustopfer ertönen. Die Tochter eines Synagoge-Vorsängers verweigerte aber der Stadt das Recht die Namen ihres Vaters und ihrer Schwester erklingen zu lassen: In Tiel hatte der Familie damals niemand Unterschlupf bieten wollen.
Damit nicht genug. Wie sich erraten lässt, wurde mein Bild in der Adventszeit aufgenommen: die gegenüberliegende Restaurantterrasse ist in vollweihnachtlicher Stimmung. Ihr Eigentümer zählt zu denjenigen, die in den letzten zehn Jahren mehrmals Beschwerden gegen das leise Ertönen der Opfer einreichten (anders übrigens als die Moschee). Schließlich geht das Alltagsleben dort vonstatten, vergnügen sich Leute, betrinken sich, sitzen abends oben auf der Balkonen, was soll da das geheimnisvolle Flüstern solcher Toten, die hier eh nicht erwünscht waren (aber nein, so hat das keiner gesagt, versteht sich). Letztendlich wurde entschlossen, dass die jüdischen Toten nur während der Bürostunden auf sich aufmerksam lassen machen durften. Ich, selber noch vor 17 Uhr da, habe nichts gehört. Früher Büroschluss wohl.

Man braucht nicht allzu lange darüber nachzudenken, was denn Menno ter Braak von der Tieler Bürgerschaft gehalten hätte, hätte er mitbekommen können, was nach seinem Tode vor sich gehen würde in der ach so liberalen Stadt, in der erstmals zu sich fand. Glücklicherweise für ihn nahm er sich das Leben nicht dort, sondern in Den Haag: Seine Grabstätte ist in Tiel also ohnehin nicht aufzufinden. Immerhin gibt es aber diese eine Reminiszenz, dass eine Frau Te Brake bestattet liegt auf dem alten Friedhof mit dem bemerkenswerten Namen “Ter navolging”, heiβt: “Zur Nachfolge”. Der sollte aber nicht als Aufruf zu einem baldigen Tode missverstanden werden, auch wenn vielleicht der Motorradfahrer, der sein Spielzeug aufs Aschestreufeld ausblicken lässt, sich da andere Vorstellungen macht.

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Der Name deutet auf etwas ganz anderes hin. Der Ort ist einer der ersten niederländischen nicht-jüdischen Friedhöfe, die auβerhalb der Stadtgrenze eingerichtet wurden, in diesem Fall 1786. Gründer J.D. van Leeuwen, örtlicher Jurist, war Sprachrohr einer landesweiten Bewegung, die sich ernstlich sorgte um die verheerenden hygienischen Auswirkungen innerstädtischer Friedhöfe: Der Name bezeugt somit die Hoffnung, daß sämtliche niederländischen Kommunen diesem Beispiel Folge leisten würden. So besagt auch der sich überm Eingangstor wölbende Zweizeiler:

De menschenliefde door ´t gezond verstand verlicht
Heeft deez begraafplaats tot een voorbeeld hier gesticht

Die Menschenliebe, vom gesunden Menschenverstand verklärt
Hat diesen Friedhof zu einem Leitbild hier gegründet

Mittlerweile ist die recht romantisch wirkende Ansammlung verwitterter und eingesackter Grabstädte wieder fest von der Stadt umschlungen worden, was wohl dazu beigetragen hat, dass seit den 1980ern kaum noch bestattet werden darf. Als ich da war, fand ich ein einziges frisches und von Blumen überladenes Grab vor, in dem ein junges Hockeytalent aus bester Familie beigesetzt war, das im zarten Alter von achtzehn Jahren einer Krebserkrankung erlegen war.
Wünschen darf man ihm, er habe Zuflucht gefunden zwischen den Bewohnern der Bienenkästen in einer entfernteren Ecke des Friedhofs.

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Die stehen da, als wären sie ein bewusster Verweis aufs klassische Gedicht von Martinus Nijhoff (1894-1953; von seinem Bezug auf den Waal wird später noch die Rede sein), “Het lied der dwaze bijen” (“Das Lied der törichten Bienen”). In diesem sehr streng organisierten Gedicht bewegt “ein Duft höheren Honigs” die Bienen dazu, das eigene sichere Heim hinter sich zu lassen und von ihrer transzendentalen Sehnsucht schicksalhaft immer weiter vorangetrieben zu werden, um dann, einmal gestorben, als Schneeflocken wieder auf Erden zurückzukehren. Man strebt und hinterlässt, hoffentlich, nahrhafte Spuren, noch nach dem Tode.

Ein zugespitzter Wettkampf zwischen Leben und Tod ertönt einmal die Woche in einem Tieler Proberaum. Mit einer ungeheuren, scharf stilisierten und geballten Energie bewegt sich seit elf Jahren die sechsköpfige Deathmetalband Nymeria in die tiefsten Schluchten des Todes hinein, unter Anführung des Textdichters und Sängers Marnix van Malsen, der noch im Proberaum eine charismatische Präsenz aufzeigt, und dessen Texte von der Band als “finstere Märchen” bezeichnet werden.

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Bislang wurden zwei Alben in Eigenvertrieb aufgelegt, ein drittes für eine Plattenfirma steht in Kürze an; nach einer langen Zeit von Entwicklung und Ausdauer, bei einer wachsenden Fangemeinde, erhofft man sich einen internationalen Durchbruch. Von der niederländischen, auf Einsparungen bedachten Kulturpolitik der letzten Jahren hat man sich nicht zermalmen lassen: Auch wenn für Jugendzentren und Musikbühnen überhaupt immer weniger Geld vorhanden ist, hat man trotzig weitergemacht, von eigenem Können überzeugt. Da ist was dran: Im Proberaum fiel mir nebst guter Stimmung und Spielfreude die handwerkliche Ernsthaftigkeit, ja Emsigkeit, auf, von denen die klangliche Wucht – sowohl stark rhythmisiert wie auch melodisch – geprägt war. Von Malsen legt dabei ein urwüchsiges Grunting auf, das durch strenges Trainieren nach mongolischen Grundsätzen (“viele meinen, man braucht nur blindlings zu grölen, aber da zerstört man die Stimme”) in schroffem Gegensatz zu seiner gepflegten Gesprächsstimme steht. Die Groβmutter der Freundin sei erschüttert gewesen, als sie zum ersten Mal hörte, welcher Art Musik der im Alltag so liebenswürdige Mensch machte. Da sieht man: Kunstvolle Hingabe an die eigene Todesangst macht einen noch nicht zum Schlägertypen.
Im Netz hatte ich noch gelesen, die Band hätte sich von der Metallindustrievergangenheit der Stadt inspirieren lassen. Dies wurde klar verneint: Tiel sei einfach die Stadt, in der zwei der Bandmitglieder wohnen und wo man einen guten Proberaum hat.

Metallisch zum jenseitigen Ufer hinüberfahren – im Dunkeln sowie bei Tageslicht – geht in Tiel aber auch ganz materiell, und sogar ohne Musik: alle zwanzig Minuten überquert die Personenfähre nach Wamel den Fluβ – also nicht den Styx, sondern schlicht und ergreifend den Waal.

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(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: hier erneut die Kleinstadt Tiel. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Tiel

Tiel, am rechten Waalufer, war im 10. und 11. Jahrhundert eine der wichtigsten Städte in den Niederlanden, Handelsstadt mit gutem Draht nach Köln, Hansestadt auf Dauer. Auch wenn solche Vorrangigkeit der Stadt im Laufe der Jahrhunderte abhandengekommen ist, kann ihre Existenz vielen Niederländern kaum egal sein, sei es nur, weil das BKR dort seinen Sitz hat.

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Unauffällig in einem Gewerbegebiet versteckt, benötigt das Gebäude von bestenfalls mittelmäβiger Architektur Fahnen um auf sich aufmerksam zu machen, aber kaum ein Niederländer möchte dort allzu lange verweilen, zumindest nicht seine Daten verweilen lassen. Das BKR ist die niederländische Schufa: Nahezu jeder niederländische Kredit wird dort verzeichnet, und, wie bei der Schufa der Fall, gerät man in Tilgungsschwierigkeiten, wird die eigene Kreditwürdigkeit weit herabgestuft, für mindestens fünf Jahre. Hat man sich doch wieder über Wasser gerettet, muss man schon achtgeben, dass das eigene Verzeichnis tatsächlich gelöscht wurde. Dem ist nicht immer so.

Tiel hat glücklicherweise auch noch einen etwas fröhlicheren Ruf, wenngleich allmählich weniger bei der jüngeren Generation. Es gab jedoch Zeiten, da fuhren junge Niederländer auf die Abenteuer einer sprechenden Himbeere mit Kochmütze ab. Das war Flipje, das städtische Maskottchen, Hauptfigur einer Comicstripreihe, die für die Tieler Marmeladefabrik De Betuwe warb. Die Firma gibt es schon seit zwanzig Jahren nicht mehr, aber Flipje und Tiel sind wohl auf ewige Zeiten unzertrennlich: Es wehen Flipje-Fahnen, Bänke sind mit Flipje-Comicfragmenten ausgestattet, und am Marktplatz gibt es eine Statue, die noch immer die Freude der Knirpse nach sich zieht.

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Die Figur war auch für die niederländische Literatur nicht ganz ohne Gewicht. Der Comic wurde ab den frühen 1930ern gezeichnet von Eelco ten Harmsen van der Beek, zu gereimten Texten seiner Ehefrau Freddie Langeler, beide übrigens nie selber in Tiel wohnhaft. Das Paar hatte eine liebe Tochter Fritzi, die gerne beim Ausmalen der Zeichnungen behilflich war. Aus dieser fleiβigen Bleistiftzauberin wurde eines der wirklichen Originale der niederländischen Literatur. Auch wenn das Gesamtwerk dieser Fritzi Harmsen van Beek vom Umfang her überschaubar ist (zwei Lyrikbände und eine Handvoll kürzerer Prosabände, insgesamt gute 250 Seiten), hatte ihr grotesker, auf ständiges Abschweifen bedachter Sinn für Humor beim Ersterscheinen in den 1960/70ern in der niederländischen Literatur kaum seinesgleichen. Später haben von ihr beeinflusste Autorinnen wie Charlotte Mutsaers und D. Hooijer der zerstörerisch anarchischen, unterschwellig morbiden Kraft besonders ihrer Prosa nie das Wasser reichen können, sei es nur, weil deren Sprache sich kurzen, knappen Formulierungen unterwarf. Von solcher Eindeichung sich zu lösen fiel dem Fluβ, der Fritzi Harmsen van Beek hieβ, weit weniger schwer, so wie hier:

So, sagte, der Henker, gefragt nach seinen Ansichten zu der sagen wir mal hartherzigen Art seines Berufes, denn Beruf, bei Gottes Gnaden, wenn irgendwo die Rede sein kann von Beruf im Sinne also von Dienstleistung wider besseres Wissen abhängigen Privatpersonen gegenüber, die nicht mehr im Geringsten ein noch aus wissen, so doch gewiss in dieser undankbaren Branche, wir mir scheint, wobei man auf die Schnelle auch damit zu rechnen hat, dass demjenigen, der dieses Handwerk verübt, jegliche Form der Arbeitsfreude im Vor- und Nachhinein aberkannt ist, in seiner Arbeit kann sich so einer nicht verausgaben, so wie dies andere Männer allesamt tun und wodurch sie sich dann als nützlich und glücklich, ja ausgeglichen empfinden werden. Wie ein älterer, kränkelnder Henker einmal trauernd bemerkte: Man kann sich überhaupt nicht ausleben, mit anderen im Begriffe sich auszuleben, und so ungefähr ist es eben, eine ungesunde Sachlage insgesamt, was sich wohl an der Tatsache erkennen lässt, dass Henker, gibt man ihnen auch nur für einen Moment die Chance, gleich allerhand läppische Krankheiten und Schmerzen zu bejammern anfangen, die sich im Vergleich zur peine capitale, die manch ein anderer zu erleiden hat, fraglos als ziemlich lächerlich abheben, was darauf hinweist, dass auch die geistige Gesundheit unter diesem Fach zu leiden hat.

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So schlimm wird der Herr, der sich in der Tieler Einkaufsstraβe gerne ablichten lassen wollte, sich dann lächelnd als “der grösste Halunke der Stadt” bezeichnete, ohne dies erörtern zu wollen, wohl nicht gewesen sein: Kurz darauf wollte er mir zu Hilfe kommen, scheute aber zurück, als ich von einer rasenden Mutter so gut wie zusammengeschlagen zu werden drohte, auf den Verdacht hin, ich fotografiere ihre beiden wunderbaren Töchter, sich auslebend an Spielgeräten, aus pädophiler Absicht: “Da können Sie froh sein, dass mein Mann nicht dabei ist!”
Ich werde hier das eine, von mir noch gerettete Bild mal nicht ins Netz stellen (man weiβ ja nie), aber mir kommt schon die Frage, wie die andere groβe literarische Bezugsperson aus Tiel sich gegenüber der weit um sich greifenden Versessenheit mit Kinderpornografie verhalten hätte.

Ich meine jetzt den von Thomas Mann verehrten Menno ter Braak (1902-1940), der, als das Himbeermaskottchen noch nicht erschaffen worden war, in der Flipje-Hochburg das Gymnasium besuchte. Dessen damaliger Sitz umfasst jetzt kooperative Eigentumswohnungen, die Fassade bezeugt aber immer noch die protestantische Strenge, der ter Braak sich zu entziehen wusste.

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Es ist ihm gewiss behilflich gewesen, dass die Stadt sich keiner absonderlichen Glaubensrichtung verschrieben hatte, sondern eher liberal und weltoffen war, was beim von der eigenen Familie beim Onkel in Pension gegebenen Jüngling aus dem eher engstirnigen Achterhoek wohl sehr gut ankam. Im Titelstück seines Essaybandes Afscheid van domineesland („Abschied vom Land der Vikare“) berichtet er von der Langeweile beim Konfirmandenunterricht, sowie von seinen sonntäglichen Streifzügen entlang den breitgefächerten Glaubensrichtungen in der Stadt. Diese Erfahrungen begründeten seinen Widerstand gegen den Kanzelton auf jeder nur denkbaren gesellschaftlichen sowie kulturellen Ebene: Denn wenn man schon aufs Höhere abzielen muss, dann doch gefälligst über den Weg der Alltagssprache.

Ter Braak zog damals an erster Stelle gegen eine Generation ausgesprochen protestantischer Autoren zu Felde, aber seine Position hat die niederländische Literatur bis auf den heutigen Tag entscheidend mitgeprägt, auch wenn sich seine Nachfolger hin und wieder selber eines Kanzeltons bedienen. Da wird auf die Schnelle übersehen, dass ein wichtiges Essay wie Demasqué der schoonheid („Die Enttarnung der Schönheit“) auf die Apologie einer Sprachauffassung hinausläuft, die darauf bedacht ist, sich groβen Risiken auszusetzen, sich als grundsätzliche Grenzerfahrung versteht, dauerhaft auf des Messers Schneide. Ter Braak (Mitgründer auch der einfluβreichen Zeitschrift Forum) war insgesamt viel zu sehr ein Hegelianer um auf klar definierte Schwarz-Weiβ-Gegensätze reduziert werden zu können. Sein Essay Het carnaval der burgers (1930) ist immer noch eine leidenschaftliche und überwältigend geschriebene, gleichzeitig dialektisch ausgeglichene Kritik an jeglicher moralisierenden Eindeutigkeit, für die übrigens das Kind immer eine zu zähmende Bedrohung bildet: “Das Kind ist tot, es ist überwunden; wer Kind geblieben ist, ist kindisch…”

Nicht von ungefähr entwickelte sich Menno ter Braak als einer der entschiedensten Gegner des Nationalsozialismus in den Niederlanden, zu einer Zeit, als die Politik dem groβen Nachbarn kaum etwas entgegenzusetzen wagte, deutschen Flüchtlingen 1938, noch nach der Kristallnacht, sogar die Einreise untersagte. Ter Braak war die wichtigste Stimme derjenigen, die dagegen protestierten, so wie er sich auch für die deutsche Exilliteratur breitmachte. Im Endeffekt lag es für ihn nahe zu befürchten, ganz oben auf der Liste der zu inhaftierenden Personen zu stehen, als Nazi-Deutschland die Niederlande überrollte. Am 14. Mai 1940 wählte er den Freitod.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal den Ort Tiel, in dem einige verschwiegene niederländische Rockmusiker leben sollen. Die Henker-Passage dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit das Debut Fritzi Harmsens van Beeks in deutscher Sprache vorstellen. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Zwischen den Linien der Betuwe

Zwischen Kesteren und Ochten, im Landstrich die Betuwe, kreuzen sich zwei Linien, beide mit Bezug zu Deutschland, wenngleich gegensätzlich bewertbar. Die eine, die eher traurige, heiβt Betuwelinie und ist wesentlich älter als die zweite, die Betuweroute. Erstere ist der mittlere Teil des Verteidigungsgürtels, der sich einst vom IJsselmeer bis hin zur niederländisch-belgischen Grenze erstreckte. Jene Mischung aus Inundationsmöglichkeiten und Kasematten entstand gegen Ende des 18. Jahrhunderts, erlebte eine erste Höchstzeit, als die Niederlande sich in der Bismarck-Zeit von Preuβen bedroht sahen.
In den 1930ern wurde sie bei der erneuten Gefahr aus dem Osten weiter ausgebaut. Auch wenn diese Arbeit beim deutschen Überfall Mai 1940 noch nicht vollendet war, trug sie doch zu einer (wenn auch hauchdünnen) Verzögerung des Aufmarsches bei. 1944 wurde sie dann wieder bei der Abwehr gegen den Alliierten ins Spiel gebracht. In der heutigen Landschaft lässt sich die alte Trasse kaum noch erkennen; vor allem stehen hie und da noch Betonbunker, wie dieser eine aus den 1930ern in der Nähe von Kesteren.

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Dahinter zeigt sich einer der vielen Baumzuchtbetriebe der Region, die es dort nicht von ungefähr gibt. Die Betuwe ist von jeher das führende Obstanbaugebiet der Niederlande, auch wenn sich dessen Anblick seit den 1980ern erheblich geändert hat: Die althergebrachten Hochstammbäume wurden allmählich von gezüchteten Niedrigstammbäumen ersetzt, die bei der Ernte weniger Arbeitseinsatz erforderten und sich daher mehr rentierten. Leider wurde somit der Fortbestand mindestens einer Vogelart gefährdet: Der Pirol hält sich gerne in traditionellen Obstbaumplantagen auf, wo er es sich echt ungestört gut schmecken lassen kann. Seine Zahlen sind mittlerweile rückläufig. Seit ich 2012 im rumänischen Donaudelta einen Pirol habe erleben dürfen, liegen mir diese Hochstammobstbäume am Herzen: Zu Ehren seines melismatischen Gesangs und des knallgelben Blitzes seiner machtvollen Erscheinung habe ich ein ganzes Jahr lang einen solchen alten Baumgarten in der Nähe der eigenen Wohnung fotografiert. Aber auch in der Betuwe gibt es noch (und erneut) solche Baumgärten, sogar unmittelbar neben Baumgärten der neueren Sorte. Vielleicht fühlt sich der Pirol in der Betuwe auf Dauer dann doch wieder ungefähr so gut aufgehoben wie hier Stute und Fohlen.

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Am südlichen Ende der einstigen Betuwelinie genieβen Menschen die umfassende Sicherheit ihres Autos: Da, bei Ochten (das beim alliierten Aufmarsch so gut wie vollends zerstört wurde; dann später, 1995, kurz Weltruhm erlangte, als es, von Hochwasser und Deichdurchbruchsgefahr bedroht, evakuiert werden musste), dient eine breite Buhne der Waalbühne zur Tribüne. In besinnlicher Ruhe wird Ausblick gehalten übers unaufhörliche Bewegen der Schifffahrt. Dabei geht es wohl nicht immer so ruhig zu, wie ich es erleben durfte.

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Am Anfang des Abstiegs vom Deich her verkündet ein Schild, dass die Besucher selber ihre Abfälle mitnehmen sollen, da die Mülleimer aufgrund ständiger Verwüstung entfernt wurden. Irgendwas, so lässt sich denken, muss die Jugend in einem streng protestantischen und auch von der Nachkriegsarchitektur her erschreckend langweilig daherkommenden Ort wie Ochten doch unternehmen, um ihr Alter überhaupt zu spüren.
Einst konnte man wenigstens auf dem Rad oder zu Fuβ mit der Fähre in die Kneipen vom katholischen Ort Druten am anderen Ufer. Das ging auf dem Heimweg sogar nachts. 1975 war Schluss damit: Da wurde einige Kilometer westlich die Willem Alexanderbrücke eröffnet, die Fähre trotz groβem Ochtener Widerstand aus der Fahrt genommen, und nach Krimpen aan de IJssel verkauft, wo sie immer noch fährt. Am Kopfende des ehemaligen Ochtener Fährhafens befindet sich jetzt eine Cafeteria:

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Sie brüstet sich damit, nur vom Feinsten zu liefern, und wenn die Qualität der von mir verzehrten Fritten mit Erdnusssauce maβgeblich ist, kann ich sie nur herzlich empfehlen, umso mehr wo sie sich gegen die McDonald’s-Filiale gegenüber zu behaupten hat, am anderen Ortsende nahe der anderen kreuzenden Linie.
Zuerst aber fahren wir noch eine kurze Strecke westwärts. Nicht ganz zur Brücke hin, sondern zu einem Übernachtungsort: Kein Hotel, sondern ein Hafen. Entlang des Waal gibt es seit 2008 drei Übernachtungshäfen, da es beim zunehmenden Verkehrsaufgebot immer gefährlicher wurde, bei geworfenem Anker im Fluβ zu übernachten.

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So wurde auch eine ehemalige Sandabgrabung zwischen Ochten und dem Dorf IJzendoorn zu einem Hafen umfunktioniert. Als ich da bin, an einem Wochentag gegen vier am Nachmittag – allmählich tritt die Dunkelheit ein – , haben drei Schiffe festgemacht. Reichlich wenig, so scheint es, von der zuständigen Behörde erfahre ich später aber, es gäbe Nächte, besonders am Wochenende, wo gute fünfzig Schiffe anlegen. Der Hafen droht damit schon an seine Grenzen zu reichen.
Die Vögel sehen das ganz anders. Nicht nur beschreiben sie ihre wunderbaren Runden überm Hafenzugang,

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später sehe ich auch, wie sich Hunderte von ihnen auf den Landungsstegen tummeln. Im Hintergrund zeigen sich die Windturbinen, denen man sich nähert, sobald man sich auf der Brücke über jener anderen Linie in westöstlicher Richtung befindet: Das heiβt, es sind eigentlich zwei. Zur einen Seite die Autobahn A15, zur anderen die Bahntrasse namens Betuweroute. Sie führt nach Deutschland, um u.a. den Autobahn-Nachbarn beim erheblich zugenommenen Transportaufkommen ab Rotterdam zu entlasten. Aus mehreren Gründen war die Linie schon von Anfang der Planung an höchst umstritten, hat dann beim Bau den ursprünglichen Etat weit überschritten, hinkt jetzt in vollendeter Form auf mehreren Ebenen den technischen Erfordernissen hinterher, und immer noch ist der Anschluss ans deutsche Bahnnetz nicht so wie er eigentlich gedacht worden war.

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Es drohte allenthalben ein gleiches Debakel wie bei der Köln-Mindener Bahntrasse, die einst Hamburg und Paris über Wesel und Venlo zu verbinden hatte, jenem Anspruch aber nie gerecht wurde. So schlimm wird es aber nicht kommen: Seit 2011 ist das Gebrauchsvolumen endlich dabei auf den geplanten Stand zu geraten. Und an dem Tag, an dem ich dort war, habe ich tatsächlich einen Zug darüber hinweg fahren sehen. Da war ich zwar noch zu weit entfernt vom Viadukt zwischen Kesteren und Ochten, zwischen McDonald’s und Windturbinen, aber, so sieht man, es geht also doch.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal den Landstrich Betuwe, dessen Name sich von den alten Batavern ableiten soll. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Rotterdam (6)

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Pyramidalpeilung: die zentrale Rotterdamansicht ist von den Boompjes, der Straße, die den alten Hafen von der Nieuwe Maas trennt, aufgenommen worden. Im linken Bildmittelgrund Bäume und Häuser der Maasinsel Noordereiland, dahinter ragt der 2013 fertiggestellte Hochhauscluster De Rotterdam von Rem Koolhaas empor. Rechts die Erasmusbrücke und dahinter der brachial-moderne, auf verfallenen Hafenflächen angelegte Stadtteil Kop van Zuid. Bild: Lucas Hüsgen.

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Die belebten, nebeneinander liegenden Brücken von Rotterdam und die stolzen Häusertürme dieser Stadt sind die Torbogen des Rheines vor seinem Ende. Bis an den großen letzten Haken, den der Strom hier schlägt, schimmert die Merwede in dem weit auseinanderklaffenden Tiefland. Schönster Sport in Europa, auf dem dröhnenden Eis dieser klaren, freien Fläche hinzusausen, einen strengen Wind im Rücken, der das Segel des Schlittens wie einen Riß durch die Luft in zwanzig Minuten bis Dordrecht treibt. Auf den Deichen des majestätischen Stromstückes stehen saubere alte Städtchen, Häuser, deren Giebel umgestülpten Kähnen ähnlich sind, Ziegeleien, die chinesischen Dörfern gleichen. Kleine Wasserflächen strahlen als Fabrikhöfe in das Land, in der Ferne kriechen die Raupen windgekrümmter Alleen. Ländliche Kähne, mit Rüben beladen, liegen vor den Aeckern; hohe Schiffsrümpfe, mennigrot, ragen mit ihren schirmartig ausgespannten Gerüsten, im Rappeln der elektrischen Hämmer, hoch über das Baumgebüsch. Gewölbte Scheunen, untersetzte Windmühlen, deren Kreuze leer wie Gräten in die Luft starren, leicht wogende Binsenwälder, Arbeiterkolonien mit leuchtend roten Dächern, mit Alteisen und halbfertigen Schiffen gefüllte Werften, begonnene Uferbauten mit Kippwagenzügen und seichten Wasserflächen hinter dem Weidendickicht. Kleine schwarze Marktdampfer mit ländlichen Reisenden eilen dem von Masten und Türmen starrenden Horizonte zu. Mathematisch gebaute Fabriken, gläserne Dächer, sägenartig abgesetzte Profile neuer Arbeitshallen reihen sich enger, dann ordnen sich die Schlote und das Takelwerk der Seeschiffe zu Bündeln. Die Fensterreihen am Stromufer von Rotterdam schauen zu den Docks hinüber, sie beobachten das Anlegen und Wegfahren der Flußdampfer und der zugedeckten Kähne. Unablässiger Verkehr der Eisenbahnzüge, der Fußgängerscharen und der Lastwagen auf den Brücken und der quer gelenkten Fähren, von denen jede eine Versammlung von Seeleuten, Werftarbeitern, Angestellten, Drehorgelspielern und Hausiererkarren zum Ufer der Docks hinüberträgt. Die verwitterten Rheinboote im Hafen tragen am Heck ihre Heimatorte, die Namen von Heilbronn und Basel, von Antwerpen, Mülheim-Ruhr, Waspik, Homberg, Okriftel, Tiel, Straßburg, Mannheim, Oberwesel. Die Hütten der Holländerkähne sind grün und weiß lackiert wie Hochzeitstruhen oder glänzen dunkelgelb wie neue Möbel. Hundert offene Schiffsgefäße liegen unter den Seilen der Ladebäume vor haushohen, salzüberzogenen Dampferwänden. Aus den steifen Schläuchen, die über die Reling lehnen und in die tiefen Räume der Südamerikadampfer hinunterreichen, strömt das Getreide. Und die geschlossenen Schachteln der Kähne, die der kleine Dampfer stromauf schleppt, bringen den Margarinefabriken des Niederrheins die Palmkerne afrikanischer Wälder, den Schokoladefabriken von Köln und von Bern die mit Kakaobohnen gefüllten Säcke, sie führen Farbholz, Tabak, Kautschuk, Erze, Pflanzenfasern in den unermeßlichen Verbrauch. Aus den Fenstern des hohen Eckhauses am Stromufer schaut der Besucher über den Hafen. Hier oben in den stillen Sälen sind die alten Stadtpläne von Rotterdam mit den spitzen Bastionen an allen Ecken, die Modelle der Kauffahrteischiffe und der Kriegsfregatten, der javanischen Hausboote, der vergoldeten Staatsbarken, der modernen Schleusen, Bagger und Schiffsmaschinen. In diesem Museum sind die heroischen Marinen, die Gallionsfiguren, die Wimpel, alle die beiseitegestellten Dinge, in denen sich die ältere Beziehung Hollands zur See ausdrückt. Und drüben, jenseits des Wassers, hinter den aus Beton gebauten, mit Nummern bemalten Kolonnaden der Dockhöfe und der geschlossenen Speicher erheben sich die nüchtern hohen, ziegelroten Häuserblocks der Arbeiterviertel. Aus der griechischen Herberge “Peiraios”, aus dem Eiscreamgeschäft mit dem amerikanisch bemalten Schaufenster schallt Grammophongesang. Neben der Wirtschaft “Germania” sind die Läden von Hop Jee, Wong Sin und Kow Yun mit verstaubten Fischkonservendosen, mit chinesischen Zigaretten, Oel- und Saucenfläschchen in der Auslage und den gelben, insekthaft beschriebenen Speisezetteln an der Tür. Proletarisch gekleidete Chinesen stehen um das Billard im Kaffeehaus und hinter der Theke des Grünkramhändlers an der Ecke; ein paar rote Blusen und hochblonde Frisuren in der verschwiegenen Opiumluft eines Hausgangs verraten das übrige. Welche Stadt, bedrängt von allen Kräften der Gegenwart, genötigt, dem Problem der großen Verkehrsabwicklungen mit den weitesten Plänen zu begegnen. An den verworrenen, von Lärm erfüllten und altgewordenen Bau ihres Innern schließen sich die Massenquartiere des Randes. Das Wachstum dieser Stadt drängt sich unbestimmbaren Zielen der Weltwirtschaft entgegen, es ist ständig in Gefahr, in ein Chaos zu entgleiten. Der Gegensatz dieser motorischen Stadt zum übrigen Holland verlangt nach Ausgleich. Wie wird sie in zwanzig Jahren aussehen? In jenen Seestädten, die um das europäische Festland den Ring bilden, ist Rotterdam zwischen Hamburg und Antwerpen eine der kräftigsten. Das ganze Rheinland ist hinter ihr. Jede dieser Städte, am Ausgang ihres Hinterlandes gelegen, alle durch die Girlande der Schiffslinien miteinander verbunden, öffnet einem Ausschnitt des europäischen Raumes das Meer. Diese Seestädte strahlen ihre gewölbten Routen zu den Häfen des Erdballes über See. Das Salzwasser trägt alle Lasten leichter, Schiffe machen die Völker auch für andere Dinge bereit, deren Träger die Meerflut ist. Alle diese Städte, Empfänger und Sender in einem, stehen als die vordersten im Zeichen jenes Sehertums, das hinter dem Wettstreit der Volkswirtschaften die Einheit kommen sieht.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)