Die Jungfrau auf dem Lurlei

Hoch obenauf dem Lurlei da sitzt die schönste Maid
Und zählt an Bernsteinperlen schon seit gar langer Zeit.
 
Sie steiget je zuweilen zum höchsten Felsenrand
Und singt zum Rheine nieder ihr Lied vom grünen Strand.
 
Dann windet sie sich Blumen um`s nasse Lockenhaupt
Und windet Herzen drunter, die sie den Schiffern raubt.
 
Die werden ganz bethöret und blicken nach ihr hin –
Doch sitzt sie ewig ruhig mit ewig stillem Sinn.
 
Die gelben Bernsteinperlen, die haben Heil und Kraft,
Die sind aus goldnen Thränen von süßer Leidenschaft.
 
Und wer dann eine findet, der wird davon gesund –
Hei! hätt ich eine funden, ich würf sie in den Grund.
 
Wer möchte heil wohl werden von süßer Zauberei?
Vom Liebeszauber sagen: »Nun ist der Wahn vorbei!«
 
O wer es sagen möchte, die Lurlei nie vernahm
Und nie aus seinem Herzen ein Liebesseufzer kam.
 
   
(aus: Louise Otto, Mein Lebensgang, Gedichte aus fünf Jahrzehnten, Leipzig 1893)

Rheintöchter (4)

koeler-Lorelei

Das Rheintöchter-Intermezzo sollte bereits geendet haben, doch schickte unser bretonischer Korrespondent Roland Bergère kurzerhand zwei selten erwähnte Zeugnisse zum Thema – obiges Bild „Lorelei needmine munkade poolt“ (von 1887) des estnischen Malers Johann Köler, das zum Motiv der christlich verfolgten Zauberin wahrlich wogende Töchterchen addiert und ein Gedicht von Louise Otto, das den Folgeeintrag erhält.