Loreley mit dem Kinde oder Angriff der 20-Meter-Frau

20meterlore

Nochmals aus dem “Mythos Rhein”-Katalog: eine in dieser Größe und Marienverwandtschaft selten gesehene (selten so gedeutete) Loreley.

Dat berühmte Nix

bratzlolle

Aus Marl erreichte uns zur aktuellen Loreleyserie eine Zuschrift mit angehängter “Volkskunst”. Wir präsentieren also Bratzenkarls Zeichnung samt Schlabberlyrik und hoffen auf weitere Leserzuschriften, um das klassisch romantische Loreleybild abzurunden bzw auf einen Stand zu hieven, der auch jüngeren und jüngsten Zeitläuften entspricht.

Loreley (6)

lore-nicole Sommer-Autogrammkarte (Vorderansicht) der Miss Loreley 1988/89. Sie unterschreibt bodenständig mit Loreley Nicole. Und wirkt auch nicht ganz wie vom Himmel gefallen, sondern eher wie mit dem Opel hochgefahren. Der Kamm dient als Staffage, die Frisur ist aus einer amerikanischen Fernsehserie und wird mit Drei Wetter Taft gehalten. Die Wintersession in Thermohose und -jacke  ist nicht mehr verfügbar.

Loreley (5)

rendezvous_mit_lore
Eine weitere Rückansicht: wie frischgeduscht vom Himmel gefallen wirkt diese Lore, während der unbekannte Schöpfer der Komposition mittels  raumgreifender Ansage und verschnörkelter Majuskeln ein poesiealbumtaugliches Rendezvous heraufbeschwört. Der mythischen Wahrheit zufolge gehen entsprechende Rendezvous eher ruppig aus. Rechts unten ein Verweis auf St. Goarshausen, das wirklich rechts unterhalb der Szenerie liegt.

Loreley (4)

kitschlore

Im Sommer 1992 fand in Ludwigshafen eine große Ausstellung namens “Mythos Rhein” mit zeitgenössischer und vorzeitgenössischer Kunst statt. Der ansprechende Katalog dazu ist zweigeteilt in einen Kitsch- und einen Vollkunst-Teil, die durchaus gegenseitig wie in sich selbst Osmose treiben. Leider befindet sich nur letzterer Band in unserem Archiv. Doch erlangte unser Korrespondent Roland Bergère nun Zugriff auf den Kitsch-Teil und scannte für rheinsein eine Serie Mythösen wie sie sich bei Rheinkilometer 554 inszenieren oder inszeniert werden. Diese Postkarte, von einem Kunstverlag herausgegeben, zeigt eine wellenlösliche Loreley in ihrer bisher noch kaum bis garnicht besungenen Rückansicht.

Auf dem Rheindamm

Übern Rheindamm skaten dauergewellte Loreleyen, teils mit einem Affenzahn. So halten sie sich fit nach Karriereende, durchstromern das alte Revier, behalten dessen Veränderungen im Blick. In Bergklüften pulsen und blinken vernebelte Sonnen, geben Signale. „Das hat nichts zu bedeuten“, versichern einheimische Ausflügler, begleitet von leichtem Gesichtszucken. Sie kraxeln die Dammbefestigungen hinab wie rotrandige Käfer, picknicken routiniert auf griesigen Kiesbänken zwischen Rispelstrauch und Deutscher Tamariske, deren Sud als Allheilmittel gegen Blässe, Rotwangigkeit und Gelbsucht, bei Brandwunden und Spinnenbissen, gegen Geschwüre, Zahnweh und Weißfluss gilt. Im kargen Kiesgestrüpp rennen Grünschenkel, Kampf- und Uferläufer, pfeift der Flußregenpfeifer leider gerade nicht, denn er pfeift nur bei Regen. Unter die Loreleyen mischen sich irre Rennradler, freizeitbekleidete Blitze, es zischt und fuscht vor Sportlichkeit, der Damm ist lang und schnurgerade, eine ideale Hochgeschwindigkeitspiste, mitunter heben Radler und Skaterinnen ab, zielen auf die Himmel hinter den Bergen. Galeriewälder geben die Bodenkulisse, stockendes Gehölz, den nahebei im großen Maßstab produzierten Autobahnlärm zu dämpfen: Silberweide, Stieleiche, Traubenkirsche, Liguster und jede Menge Dürrlinge. Der Fluß unterdessen ergeht sich in Schwall und Sunk, baut seine verschiedenen Ebenen auf, reißende Züge, plätschernde Neben- und dümpelnde Hinterwasser, silbrig begipfelte Rippelwürfe, färbt seine Fasen: türkis, grünspan, bergmetall, schwarz. Im Fließen verliert und verdreht er sich, wölbt und kesselt, findet Aus- und Umwege, fängt sich, strömt, verschattet und gewunden, drechselt mit diversen Strömungsaufsätzen eindrücklich an den schwarzen Sandstrandabschnitten. Seine veränderlichen Niveaus halten sich die Waage, Angler stehen oberschenkeltief in seinen Löchern, gehen auf Karelen, lokale Antitiere, weder Fisch noch Fleisch, vielmehr durchscheinende Alpenwesen, die Nahrung nicht, sondern Weisheit spenden. Urstümpfe und -strünke, garneliges, flutengeschliffnes Holz tentakelt aus Schwall und Kies in den Taldunst. Eine jesusähnliche Gestalt versucht, seinen Hunden (Riesenschnauzer, Königspudel, Promenadenmix) den Gang übers Wasser zu lehren. Die Tiere versagen kläglich. „Aggro Love“ steht Brückenbeton graffitiert, nebst einem zum Platzen schweren Chriesiherz. Modellflieger stürzen durch die Lüfte in ferngesteuertem Sonntagskamikaze, schreiben ihre Zeilen in den göttlichen Wind. Vielfältige Poesie des Rheintals. Die Naturlandschaft Tscheggenau, drei umzäunte Tümpel zwischen Deich und Autobahn: Refugium für lärmunempfindliche Arten wie Großes Ochsenauge, Rosa Ochsenmaul, Plattbauch, Mauerbiene, Südlicher Blaupfeil, Sumpfgrille, Blutrote Heidelibelle, deren Echogehöre jegliche Motorfrequenzen auszufiltern in der Lage sind, um dem lieblichen Klimpern und Zimpern von Spitzorchis und Tausendgüldenkraut die gängigen, überlebenswichtigen Informationen zu entnehmen. Die Loreleyen unterdessen sind in ihre Eigentumswohnungen zurückgekehrt und genießen auf ihren Gartenterrassen den Bergblick von unten. Wenn Freundinnen zu Besuch kommen, werfen sie die Videos von früher ein: auf den Leim gegangene Burschen, Prozeßberichterstattung in den Medien, schließlich die Adelung zum nationalen Kulturgut. Sie tauschen sich über ihre Jodelschüler aus und trinken Tamariskentee, versetzt mit Klarem, der Klarheit um Klarheit bringt, während die Berge all die vorüberziehenden Jahre fein säuberlich in Vergessen falten.

The legends of the Rhine

Beetling walls with ivy grown,
Frowning heights of mossy stone;
Turret, with its flaunting flag
Flung from battlemented crag;
Dungeon-keep and fortalice
Looking down a precipice
O`er the darkly glancing wave
By the Lurline-haunted cave;
Robber haunt and maiden bower,
Home of love and crime and power, -
That’s the scenery, in fine,
Of the legends of the Rhine.

One bold baron, double-dyed
Bigamist and parricide,
And, as most the stories run,
Partner of the evil one;
Injured innocence in white,
Fair but idiotic quite,
Wringing of her lily hands;
Valor fresh from paynim lands,
Abbot ruddy, hermit pale,
Minstrel fraught with many a tale, -
Are the actors that combine
In the legends of the Rhine.

Bell-mouthed flagons round a board;
Suits of armor, shield, and sword;
Kerchief with its bloody stain;
Ghosts of the untimely slain;
Thunder-clap and clanking chain;
Headsman`s block and shining axe;
Thumb-screw, crucifixes, racks;
Midnight-tolling chapel bell,
Heard across the gloomy fell, -
These and other pleasant facts
Are the properties that shine
In the legends of the Rhine.

Maledictions, whispered vows
Underneath the linden boughs;
Murder, bigamy, and theft;
Travelers of goods bereft;
Rapine, pillage, arson, spoil, -
Everything but honest toil,
Are the deeds that best define
Every legend of the Rhine.

That virtue always meets reward,
But quicker when it wears a sword;
That providence has special care
Of gallant knight and lady fair;
That villains, as a thing of course,
Are always haunted by remorse, -
Is the moral, I opine,
Of the legends of the Rhine.

(Francis Bret Harte)

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (2)

Den dritten Teil der ARTE-Rheindoku schauen wir zeit- und regionsverlagert, doch immer noch aktuell, in der Nachmittagswiederholung. Regisseur ist nun Klaus Kafitz und Startpunkt das Computerterminal des Mannheimer Hafens, vor dessen Abfertigungsrobotik wir durchs Filmkameraauge einem Architekturfotografen durchs Fotoobjektiv blicken dürfen: schwarzweiß und becherlastig. Schick beschleunigte und abgebremste Luftaufnahmen folgen dem leicht geschwungen eingefaßten Oberrhein vorbei an Worms zur Altrheinschleife Kühkopf-Knoblochsaue, in der Fisch- und Gewässerkundler Egbert Korte elektrokeschernd den Rhein als Black Box bezeichnet. Wir lernen die Weide als abzeichnungs- und flutungsgeeignetsten Baum Mitteleuropas kennen, sowie Treibholz als Transportmedium für Tierarten und Pflanzensamen. Aufscheint die weithin unterkellerte Ex-Metropole Oppenheim, in deren labyrinthischer Stadt unter der Stadt ein Mithrastempelgewölbe erkannt worden sein will. Rheinhessen und der Inselrhein: geraffte Luftaufnahmen. Eintritt ins weltbekannte Weltkulturerbe, dem schwerlich große Neuigkeiten abzuringen sind. Kafitz versuchts mit einer kleinen Flußinsel mit eigener Weinlage bei Bacharach: Winzer Friedrich Bastian ist zugleich Kammersänger, erklärt die Eigenheiten von kleinklimaausgesetztem Inselwein und knödelt uns eins. Der Rheinburgenweg bietet Mittelrheinalpinismus mit Loreleyblick: wie auch in gefühltermaßen drei bis vier weiteren Rheindokus pro Jahr. Reichlich Filmminuten erhält das St. Goarer/St. Goarshauser Rhein in Flammen-Spektakel über dem für eine Armada aus Fahrgastschiffen reservierten Fluß und wir erfahren, daß die lokalen Feuerwerker bei der letzten Musikfeuerwerksmeisterschaft in Kanada auf dem Siegertreppchen landeten. Insgesamt ein wenig inspirierter Filmteilabschnitt.

tagebucheintrag

das alter schwächt die erinnerung, doch – kumpels, mein gott, kumpels! – wir machten das für einen öffentlichen sender – kein mensch wollte das hören – der markt war übersättigt – praktisch alles lief über subventionen – geld wurde aus geld geschaffen – sie hatten ihr perpetuum mobile – ach: wusztsein! – was sie hatten: begriffen sie nicht – schattenflackern, flattenschackern – wir gingen ins binger loch – hatten zahlreiche hydrofone dabei – wellenfeldsynthese – sollte nachher in sea world aquarien verquasisiert werden – grosze shows für publikum – unsere ersten aufnahmen: von strampelnden hinterbeinen eines schwimmenden nutrias – dem wir was injiziert hatten – drehte sich nur im kreis, das arme ding – flippte völlig aus – ging dann kreiselnd unter – wir hinterher – abkacken! – schweigen! – in gröszerer tiefe: knarrende, knurrende, knarzende, knisternde fische – durchsichtiges geleezeug: ne art riesenplankton – rausch stellte sich ein – wie mit diesem glücksmittel: aus dem urin schwangerer wesen – oder halbwesen – pisskrebse, knallkrebse – die leuchteten & grinsten – wir: einfach da durch – allmählich kamen wir lautdialogen auf die schliche – die unterhielten sich da unten! – ein sehr bärtiger mann namens ali breitner lebte dort – ogh, ogh, ogh: machte der ständig – seine art zu telefonieren oder ähnliches – superkavitierende unterwasserlaufkörper zischten – sozusagen mitten durch uns durch – cold fusion – wir gingen auf in der geschwindigkeit – eine eigene dimension – geschwindigkeit ist nicht das richtige wort – waren gefangen in einer bewegung auszerhalb jeden tempos – es ging vorwärts – wir schaufelten uns rein in die zukunft – es gab einen richtigen zugang zur zukunft dort unten – es gab vitrinen mit toten loreleien – aufgedunsen – zeitlos schön – die mucksten nicht mehr – nur bei näherem hinhören – kam noch was – ganz feine, fortlaufend aus einem einzigen ton gestrickte hooklines – euseuseuseupseu – seupseuseuseu – sollte was „bedeuten“ – bestimmten die redakteure nachher – bliesen das auf mit den üblichen akademismen – im grunde wars sprottenquatsch – was noch? – es war zuviel los dort unten – zuviel auflauf – mit gesundem menschenverstand läszt sich das – läszt sich kaum – war aber so – & dann, völlig unvermutet: notausgang – ein schild – führte in die pfalz – aufs trockene

alkoholische Loreley

Loreley, im wohnzimmer
braun gemusterte tapete
sieht den stoßwellen zu
in ihrem cocktailglas

Loreley, etwas angejahrt
das haar nachblondiert
ansatz von damenbart
melancholisch wie je

Loreley, trüben blicks
schaut den oliven zu
beim sinken in die
tiefen ihres martini

(Das Gedicht stammt von Alicia Kahren. Rheinsein dankt!)