Presserückschau (Juni 2017)

1
Handballmeister
“Die Rhein-Neckar Löwen sind erneut deutscher Handball-Meister. Der Bundesligist aus Mannheim (…) ist zwei Spieltage vor Saisonende nicht mehr von der Tabellenspitze zu verdrängen. Die Löwen profitierten davon, dass Verfolger SG Flensburg-Handewitt kurz zuvor überraschend (…) bei Frisch Auf Göppingen verloren hatte. Die nun fünf Punkte Rückstand auf die Nordbadener kann die SG nicht mehr einholen. Für die Löwen von Trainer Nikolaj Jacobsen ist es nach dem Erfolg im Vorjahr der insgesamt zweite Meistertitel der Vereinsgeschichte. Die Meisterschale bekamen die Löwen (…) aber noch nicht überreicht. Das soll nach dem letzten Saisonspiel am 10. Juni gegen die MT Melsungen nachgeholt werden.” (Süddeutsche Zeitung)

2
Grünes Wasser
“Bei der BASF-Kläranlage in Ludwigshafen ist seit mindestens Pfingstsonntag (…) grün gefärbtes Wasser in den Rhein gelaufen. Verantwortlich dafür sei der Farbstoff Tinolux BBS aus einem Betrieb im Werksteil Süd. Die Produktion dort sei gestoppt worden. (…) Die zuständigen Behörden seien informiert. Die Wasserschutzpolizei hatte die Grünfärbung bemerkt und die BASF informiert. Die in Waschmitteln eingesetzte Chemikalie Tinolux BBS gilt als schwach wassergefährdend. Eigene Messungen der BASF und der Rheingütestation in Worms hätten keine toxikologischen Auffälligkeiten ergeben.” (Rheinpfalz)

3
Plastic Soup Surfer
“Gewissenhaft verschnürt Merijn Tinga seine Taschen und Beutel auf dem Surfboard. Besonders tief verstaut wird der wasserdichte Beutel mit Smartphone und anderen Elektrogeräten. Viel hat der Plastic-Soup-Surfer gar nicht dabei. Tinga paddelt auf dem Surfboard den Rhein von Konstanz bis zur Nordsee hinab. Insgesamt 1035 Kilometer Strecke will er in 28 Tagen zurücklegen und damit auf die Verschmutzung der Meere und Flüsse mit Plastikmüll aufmerksam machen. Plastic Soup ist der englische Begriff für die großen Plastikmüllansammlungen in den Ozeanen.” (Badische Zeitung)

4
Schwimmender Luchs
“Der erst vor einigen Wochen im Pfälzerwald freigelassene Luchs „Cyril“ hat seine neue Heimat schon wieder verlassen. Tierschützer vermuten, dass er durch den Rhein geschwommen ist und sich nun auf rechtsrheinischem Gebiet irgendwo nördlich von Speyer aufhält. (…) „Die Luchse haben ein GPS-Halsband um, das Signale von beiden Seiten des Rheins senden kann“, sagte Jochen Krebühl, Geschäftsführer der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz. Da es an der Stelle, an der Cyril den Rhein überquert hat, keine Brücke gibt, vermuten die Tierschützer, dass er auf die andere Seite geschwommen ist.” (Südwest Presse)

5
Jobmaschine
“Nordrhein-Westfalen, Rheinbahn, Rheinknie, Rheinmetall – kein Wort prägt Düsseldorfer Institutionen so sehr, wie der Name des Stroms, an dem die Landeshauptstadt liegt. Für das Heimatgefühl der Düsseldorfer ist der Rhein, der einem Karnevalsschlager zu Folge der Stadt 20 Kilometer seines Stromverlaufs ganz allein schenkt, wichtiger als jedes andere geografische Element. Das wurde schon früh deutlich, als das nahe Ruhrgebiet sich industrialisierte und Düsseldorfs Lage am Rhein eine andere Rolle bekam. Denn Düsseldorfs vielleicht bekanntester Arbeitgeber Henkel stammt eigentlich von ganz woanders. Als Waschmittelfabrik Henkel & Cie wurde sie 1876 in Aachen gegründet. “Wegen besserer Verkehrsanbindungen und höherer Absatzchancen verlegte Henkel seine Firma 1878 nach Düsseldorf”, so steht es in der Firmenchronik. Und mit besserer Verkehrsanbindung ist einzig und allein der Rhein gemeint. Denn Wurm, Kupfer- oder Goldbach, die größten Gewässer Aachens, können es nicht mal mit der Düssel aufnehmen.” (Rheinische Post)

6
Verbrechen
“In Bonn soll ein Mann (27) versucht haben, eine 25-Jährige zu vergewaltigen. (…) Die Frau schrie laut um Hilfe. Eine Zeugin rief die Polizei. Als der mutmaßliche Vergewaltiger den Streifenwagen bemerkte, ließ er sein Opfer los und rannte zum Rhein. Schließlich sprang er in den Fluss und versuchte, schwimmend zu entkommen. Die Polizei fuhr neben ihm den Rhein entlang, irgendwann konnte sie den Mann mit Hilfe der Feuerwehr aus dem Wasser fischen.” (Der Westen)

7
Ingo
“Eine im Rhein treibende Gummipuppe hat in Mainz einen Großeinsatz ausgelöst. Mehrere Bürger hätten einen leblosen Menschen im Wasser gemeldet, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Daraufhin seien die Einsatzkräfte mit einem Großaufgebot angerückt. Es habe sich dann schnell herausgestellt, dass es sich nur um eine Gummipuppe handle. Für den vermeintlichen Rettungseinsatz war auch ein Hubschrauber alarmiert worden. Allein die Feuerwehr schickte 40 Einsatzkräfte zum Rhein. Die Herkunft der Gummipuppe blieb unklar.” (Stern)
“Der vermeintliche Mensch war bei genauerem Hinsehen eine aufblasbare Puppe. Sie sei männlich, etwa ein Meter 50 groß und mit Pflastern beklebt, so ein Sprecher der Mainzer Feuerwehr. Auf ihrer Schulter stehe der Name “Ingo”.” (SWR)

8
Schwimmnudeln
“Die Polizei will mit einer neuen Kampagne Unfälle auf dem Rhein verhindern. Mit orangen Schwimm­nudeln sollen Schwimmer besser sichtbar werden. (…) Im Rahmen der Kampagne wurden allen Badis am Rhein, ab Eschenz rheinabwärts, orange Schwimmnudeln verteilt. Insgesamt stehen 2000 Stück zur Verfügung. Diese können von den Badegästen gratis mitgenommen werden. Dank diesen Nudeln sollen Schwimmer von Bootsführern besser gesehen werden. Ein Ersatz für Schwimmwesten seien sie aber nicht, betont die Polizei. Die Kosten für die Kampagne belaufen sich auf rund 10 000 Franken. Diese werden von den Kantonspolizeien Thurgau und Schaffhausen getragen.” (Schaffhauser Nachrichten)

9
Biber-Alarm
“Beim Baden im Rhein bei Schaffhausen (Schweiz) sind zwei Schwimmer gebissen worden. Vermutlich war es ein Biber. Ein achtjähriger Junge sei mit dem Schreck und oberflächlichen Wunden davongekommen, doch bei einer Frau habe die Wunde genäht werden müssen (…). Die Schaffhauser Jagdverwaltung wollte deshalb diese Woche südöstlich von Schaffhausen am Rhein Richtung deutsche Grenze Warnschilder noch aufstellen. „Vorsicht Biber, vom Baden wird abgeraten“ soll darauf stehen (…).” (Südkurier)

10
König am Rhein
“Der Wachtelkönig ist kaum zu entdecken, aber dafür um so besser zu hören. In der Emmericher Ward gibt diesen Vogel.
Eine der wohl bemerkenswertesten Arten der Emmericher Ward ist der Wachtelkönig. Auch wir Biologen der Nabu-Naturschutzstation Niederrhein, die das Gebiet naturschutzfachlich betreuen, bekommen ihn nur selten zu sehen. Wenn, dann hört man ihn eher. Er hat ein bräunliches Gefieder und ist etwa so groß wie eine Wachtel. Zudem lebt er versteckt dort, wo die Vegetation sehr dicht und hoch ist. Darin ist er kaum zu entdecken, selbst wenn man genau neben einem Wachtelkönig steht. Darum achten wir auf seine Balz- und Paarungsrufe. Der Wachtelkönig ruft in der Nacht – und ist dann nicht zu überhören. Seine Rufe – ein rhythmisches, schnarrendes Knarren – sind unverwechselbar und auch von weitem zu hören. Bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts konnten noch bis zu vier Brutpaare des Wachtelkönigs in unserem Betreuungsgebiet in Fachsprache „verhört“ werden. Auch wenn die Rheinaue Emmericher Ward mit ihren großflächig extensiven Überflutungswiesen und -weiden bis heute ein Rückzugsgebiet für den gefährdeten Vogel bietet, ist es heute selten mehr als ein Paar.” (NRZ)

11
Rheintote
“Leichenfund am Rhein in Leverkusen! (…) Am Pfingstsonntag meldete sich ein Angler, der den leblosen Körper im Fluss entdeckt hatte, bei der Feuerwehr. Sofort machten sich die Rettungskräfte auf den Weg und zogen die männliche Leiche ans Ufer. Ein Notarzt konnte nur noch den Tod des Unbekannten feststellen. Die Identität des Mannes war zunächst unklar – ebenso, wie er ums Leben kam. Die Kölner Polizei hat die Ermittlungen übernommen.” (Express)

“Auf dem Rhein in Hessen ist ein Kajakfahrer während eines Gewitters von einem Blitz erschlagen worden. Der Mann wurde am Samstag kopfüber im Wasser treibend bei Lorch aufgefunden, wie die Wasserschutzpolizei (…) in Rüdesheim mitteilte. Der Blitz war der Polizei zufolge direkt in seinen Körper eingeschlagen.” (Stuttgarter Zeitung)

“Ein Mann (73) treibt bewusstlos mit seinem Segelyacht auf dem Rhein (…) bei Rheinkilometer 435. Als die Feuerwehr eintrifft, haben Helfer das Sportboot bereits im Schlepp eines weiteren Sportbootes. Doch der Mann liegt leblos an Deck. Die Feuerwehr versucht während der Schleppfahrt den Mann zu reanimieren, bis sie an der BASF-Anlegestelle ankommen. Dort wartet bereits ein Notarzt der BASF. Der Einsatz wird dabei von der Wasserschutzpolizei Ludwigshafen begleitet. (…) Leider stirbt der 73-jährige Mann trotz aller Reanimationsversuche um 20 Uhr im Krankenhaus. Er hat offenbar einen Herzinfarkt erlitten (…). Die genaue Todesursache ist Gegenstand eines Todesermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Frankenthal und der Kriminalpolizei Ludwigshafen.” (Heidelberg24)

“Passanten haben (…) im Rhein bei Köln-Niehl eine Leiche im Wasser treiben sehen. Dabei handelt es sich sehr wahrscheinlich um den (…) vermissten 16-jährigen Flüchtling. Der junge Mann war (…) in Rodenkirchen zum Schwimmen in den Rhein gegangen und abgetrieben. Nach Angaben der Polizei ist die Identifikation des Toten noch nicht zu 100 Prozent abgeschlossen, allerdings habe der Tote eine dunkle Hautfarbe, wie der aus Guinea stammende 16-jährige Flüchtling. Sein Begleiter sagte (…), dass der Jugendliche nicht schwimmen konnte, aber trotzdem ins Wasser gegangen sei.” (WDR)

Lorch

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bei lorch_kd försterling(Bilder: Klaus Försterling. rheinsein dankt!)

Wispertal und Loreley

“Adelheid war die liebenswürdigste Wirtin, die Gäste in der besten Laune, und so fragt sich’s, ob die Kammermühle im Wisperthal je wieder eine fröhlichere, poetischere Gesellschaft unter ihrem Dache beherbergt hat. Aber der Abend sollte allem erst noch die Krone aufsetzen. Von Lorch aus fuhr die Gesellschaft, der sich auch Adelheid angeschlossen, im Nachen stromunter. Es war einer der heißesten Tage dieses heißen Sommers gewesen, und nun sank die Sonne in einem Glutmeer von unbeschreiblicher Pracht. Himmel, Berg und Strom, der Nachen und die Menschen drin, die Tropfen, die von den Hudern fielen, alles war eitel Purpur; dahin glitt der Kahn durch die goldne Herrlichkeit, und in andachtsvoller Stille schauten alle hinein. Dann aber machte sich die Begeisterung in lautem Jubel und Gesang Luft. Die Dichter wurden aufgefordert, zu Ehren des unvergleichlichen Abends etwas zu improvisieren und diesem Wunsche wurde auch bereitwillig entsprochen, und Longfellow begann, worauf F. fortfuhr: Die Gläser klangen, und „hoch, hoch!” tönte es von der Lurlei nieder, deren riesige schwarze Masse jetzt über dem kleinen Boote ragte, und da die goldige Beleuchtung längst erloschen war und der mächtige Fels einen unheimlichen Schatten auf den Strom warf, so ergriff es manch zaghaftes Herz im Boote, wenn auch nicht mit „wildem Weh,” so doch mit stillen Grauen. Fest hielt Frau Ida die Hand ihres Gatten, denn für ihn fürchtete sie die Tücke der Lurlei. Aber unbeschädigt stiegen sie alle in St. Goar ans Land, und unvergeßlich blieb ihnen der Tag.“

(Ida Freiligrath über einen Dichterausflug Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrem Mann Ferdinand und dem amerikanischen Gast Longfellow im Nachen rheinab. Diegleiche Passage bereisten wir im Oktober vergangenen Jahres, weniger dichterisch umgeben und abenteuerlich, doch bietet die berühmte Strecke bis heute prägnante, bleibende Eindrücke.)

Lauernde Loreley, verirrte Loreley

malvira hahn_lauernde lolelei braunAls “rheinverrückt” bezeichnet sich Malvira Hahn. Vergangenen Herbst hatten wir eine ihrer Loreleyen in einem Schaukasten des Lorcher Robert-Struppmann-Museums erblickt, abgelichtet und auf rheinsein gestellt. Die Ausstellung mit Bildern und Gedichten von Malvira Hahn indessen war während unseres Lorch-Besuchs geschlossen. Nun schickt uns die Künstlerin zwei ihrer Loreleyen, eine lauernde und eine nach Duisburg verirrte. rheinsein dankt!malvira hahn_verirrte loreley

Loreleydarstellungen im öffentlichen Raum des Welterbes Oberes Mittelrheintal

loreley_malvira hahnLorch. Plakat zu einer Ausstellung mit Holzschnitten und Gedichten von Malvira Hahn im örtlichen Robert-Struppmann-Museum

loreley_goarshausen_2Straßenfront in der dem Loreleyfels nächstgelegenen Ortschaft St. Goarshausen

Bahnunterführung zum Multimedia-Mythosraum am südlichen Ortsausgang

Presserückschau (August 2012)

Nachdem noch im Juli die DLRG verschiedentlich gemeldet hatte, daß Schwimmen im Rhein nirgendwo sicher sei, veranstaltete sie im August wieder ihre traditionellen Rheinschwimmen zwischen Heidenfahrt und Ingelheim (136 Teilnehmer, Erbsensuppe), in Rheinfelden (44 Naturfreaks, ein Biber), und in Kooperation mit den Schweizer Kollegen zwischen Mumpf und Bad Säckingen (327 Schwimmbegeisterte, Fischessen): Hasardeure! Die weiteren Meldungen des Augusts:

1
Die Dreiländerbrücke (zwischen den Partnerstädten Huningue und Weil; Anm.: rheinsein) ist mit 248 Metern die längste Radfahrer- und Fußgängerbrücke der Welt“, konstatiert die Badische Zeitung und befragt Passanten zu ihren Nachbarschaftsgefühlen. Nicole Kebel (79) aus Saint Louis: “Ich (mache) fast jeden Tag einen Spaziergang auf der Brücke und trinke dann in Weil einen Kaffee. Ich habe den Krieg erlebt, diese Partnerschaft hat eine sehr starke Bedeutung für mich. Sogar wenn ich auf der Brücke gehe, bin ich sehr gerührt.” Hingegen Audrey Allgeyer (31) aus Village-Neuf: “Wir mögen die Stadt Weil am Rhein und die Läden dort nicht, deshalb ist es uns egal, wenn es Veranstaltungen gibt und dass Weil am Rhein und Huningue Partnerstädte sind.”

2
Die ortsansässige Schildkröte Rheini wurde von einem Mann aus dem Konstanzer Rheinstrandbad gestohlen, berichtet der Südkurier: „Der Unbekannte sei bei seiner Tat beobachtet worden. Trotz Protests der Badegäste habe er sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen. Die Rheini-Fans bitten ihn darum, das Tier wieder zurückzubringen, sonst werde Strafanzeige gestellt. Schließlich sei es nicht erlaubt, einfach ein wildes Tier nach Hause zu nehmen.“ Die Hintergründe dürften in einem Streit um artgerechte Tierhaltung liegen, wie die Kommentarspalte vermuten läßt.

3
Am Gotthardpass ist der Vier-Quellen-Weg, eine Wanderroute, welche die Quellen von Rhein, Reuss, Rhône und Ticino berührt/verbindet, eröffnet, meldet der Tagesanzeiger. Zur Einweihung sprach Ueli Maurer. „Der Gotthard, das zentrale Massiv der Strecke, stehe für Freiheit, den Gründungsgedanken der Eidgenossenschaft und die direkte Demokratie. Der Bundesrat hofft, dass Wanderer entsprechende Emotionen durchleben werden.“ (Aber hallo, das muß unbedingt ausprobiert werden! Gilt das auch für Ausländer?)

4
Bizarre Tiernachricht aus den Tiefen des Sommerlochs: Weil er seine Mischlingshündin mit Paketschnur an den Vorderfüßen gefesselt in den Rhein geworfen habe, wurde ein Kölner wegen Tierquälerei zu einer Geldstrafe verurteilt, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger. Das Tier indes überlebte. „Winselnd, das Fell völlig durchnäßt“ wurde Bonnie von einer Passantin am Stammheimer Ufer entdeckt. (Wir fühlten uns umgehend an die (durchaus noch ein Quentchen bizarrere) Hundeszene in Guy Helmingers Etwas fehlt immer erinnert und gedachten für einen weiteren Moment der so oder so zustandegekommenen Gequältheit diverser Gottesgeschöpfe.)

5
Es war wohl wenig los im August. Bei Lorch lief das 105 Meter lange Schiff Karola auf Grund. Der Frachter hatte Eisenplatten geladen (SWR). Beim U-Bahn-Bau in der Düsseldorfer Innenstadt trat ein Mammut-Stoßzahn zutage – bei weitem nicht der erste in der Gegend (Rheinische Post). Weil also wenig passierte, verlegte sich die Presse stärker auf Ankündigungen: „178-Millionen-Euro-Projekt: Die neue Schiersteiner Brücke soll in zwei Abschnitten bis 2018 entstehen. Sie wird fast 1,3 Kilometer lang und 44 Meter breit sein.“ (FAZ) Ab 9. September wird das große Binger Weinfest unter dem Motto “Schon Hildegard von Bingen lobte den Wein – drum lasst beim Winzerfest am Wein uns erfreun” eröffnet (business-on). Und nicht zuletzt: „Gedichte sollen den Rheinuferweg bei Basel säumen“ – was für Gedichte genau, werde sich noch herausstellen (Tageswoche).

6
Schließlich erregte noch eine Meldung von einer jungen Schweizerin größeres Aufsehen, die von der Karlsruher Wasserschutzpolizei aus der Iffezheimer Schleuse gefischt wurde (ka-news, Focus): in ihrem Schlauchboot, das sie mit Schwimmflossen an den Beinen manövrierte. Besondere Erwähnung gewährte die Presse ihrer Kopfbedeckung, einer Kapitänsmütze. Seit Biel (Aare) hatte die 26jährige innert 14 Tagen bereits über 200 km in dieser Fortbewegungsart absolviert, gab das Schlauchbootflosseln nach einer polizeilichen Gefahrenaufklärung jedoch auf und will nun versuchen, per Schiffsanhalterin an ihr Ziel, die Nordsee, zu gelangen.

Presserückschau (Juli 2012)

Sommerzeit ist Urlaubszeit und selbst rheinsein gönnte sich im gerade vergehenden Juli ein paar Offline-Tage hinter Felsblöcken und auf quellbachdurchzogenen Magerwiesen. Unterdessen schwemmten die Großen elektronischen Ströme reichlich artikelndes Treibgut an unser Laptop-Gatter. Darunter gar einen Beitrag von Matthias Kehle, Vorsitzender des baden-württembergischen Schriftstellerverbands, der sich in den Badischen Neuesten Nachrichten mit rheinsein beschäftigte. (Der Artikel wird nachgereicht.)

Bisher wurden durch die Linse des Sommerlochs keine exaltiert-exotischen Tiere im Rhein ausgemacht – möge der Sommer noch ein Weilchen vorhalten und etwaigen Seeelefanten, Fliegenden Fischen, Flußpferden et al. ihre Rheinchance einräumen. Wir resümmieren unterdessen die un/wichtigsten, informativsten, erstaunlichsten etc. Meldungen des Julis:

1
Der Kölner Express interviewt Bläck Fööss-Mitgründer Ernst „Erry“ Stocklosa zu seinen wilden Jahren am Rhein. Zwei Kostproben: „Schwimmen habe ich im Rhein gelernt. Später sind wir auf die stromaufwärts fahrenden Lastkähne geklettert und bis nach Wesseling mitgefahren, sind da wieder ins Wasser gesprungen und haben uns nach Porz treiben lassen. Irgendwann begannen die Kapitäne daher, die Reeling mit Teer zu beschmieren.“ „Ich weiß noch jenau als ich drückzeh wor, domols bei uns op d’r Wiss, do hammer als Pänz manche Blödsinn jemaat, wie mer als Pänz halt su es. Bei Huhwasser hammeer e Floß uns jebaut, em Sommer de Wiss avjebrannt, un hät uns einer beim Rauche erwisch, Mensch Meier wat simmer jerannt.“

2
„Frühzeitig informiert die Koblenz-Touristik: „Mit dem “Romanticum” ist von 2013 an die Rhein-Mosel-Stadt Koblenz um eine neue Attraktion reicher: Auf mehr als 750 Quadratmetern öffnet im nächsten Jahr eine spektakuläre Dauerausstellung, in der Besucher auf eine romantische wie virtuelle Rheinreise an Bord eines imaginären Dampfers gehen. Präsentiert wird unterhaltsam und kurzweilig viel Wissenswertes zu trutzigen Burgen, einmaligen Bauten, weltberühmten Felsen, grandiosen Rheinsichten und berühmten Rheinreisenden. Untergebracht wird die Schau in einem Neubau, der selbst ein Kunstobjekt ist: Das Kulturzentrum “Forum Confluentes” gilt schon vor seiner endgültigen Fertigstellung als architektonisches Meisterwerk der deutsch-niederländischen Star-Architekten Benthem-Crouwel.“

3
„Was nützt im Kampf gegen die Stechmücken?“ fragt, ein bekanntes Schreckensszenario wortmalend, der Südkurier: „Wenn die Sonne untergeht und sich die Gartenwirtschaften an Rhein und Bodensee füllen, fallen sie über uns her. Die Stechmücken, auch Schnaken genannt, bevorzugen nackte Haut, setzen sich aber auch gern auf Stoff. Sie fahren ihren Rüssel aus und stechen ihn hinein, um das Blut ihres Klienten aufzusaugen. Es sind vornehmlich Weibchen, die ihr Werkzeug so schnell und präzise einsetzen, dass die Hand meist erst viel zu spät niedersaust.“

4
„Der neue Aalkönig mag gar keinen Aal“ titelt die Kölnische Rundschau. Auf den Monarchenfrevel geht der Artikel dann nicht weiter ein: „Willi Schürheck ist neuer Wesselinger Aalkönig. Den größten Fisch hatte der 44-jährige Urfelder bereits vor zwei Wochen aus dem Rhein gezogen. Es war beim ersten gemeinsamen Aalfischen, das der Fischerverein Urfeld in der Vorbereitungsphase für die Aalnacht 2012 organisiert hatte. Stundenlang hatte Schürheck bereits am Ufer gesessen. 15 bis 20 kleine Grundeln hatte er schon gefischt und wieder ins Wasser geworfen, als seine Rute gegen 23.30 Uhr plötzlich massiv ausschlug. Mit Hilfe von Kollegen konnte er schließlich den kapitalen Aal aus dem Rhein holen. Mit gut 70 Zentimetern Länge und einem Gewicht von 830 Gramm gehörte der Aal zu den größten und schwersten Exemplaren, die Vereinsmitglieder in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Rhein fischten.“

5
„Incroyable, mais vrai“ einerseits, sowie „peut étonnant“ andrerseits findet 3-ufer.com, daß und wie der französische Nationalfeiertag im Schwarzwald begangen wird: „La Fête Nationale a traversé le Rhin et samedi, on a rendu hommage à la France et à la Révolution Française au «Bareiss» à Baiersbronn-Mitteltal dans la Forêt Noire. Si le cadre d’une maison cinq étoiles ne se prêtait pas exactement à des activités révolutionnaires, il était parfait pour y fêter l’amitié franco-allemande. Lors de la 18ème edition de sa réception franco-allemande du 14 juillet, la famille Bareiss a réservé un chaleureux accueuil aux voisins français en soulignant l’amitié entre l’Alsace et le Pays de Bade. Peut étonnant que de nombreuses personnalités de part et d’autre du Rhin avaient fait le déplacement samedi dans cette vallée magnifique pour trinquer à ce qui nous unit.“

6
Zahlreiche Medien berichteten von der Havarie bei Lorch, die von einem Matrosen ausgelöst wurde, doch nur der Berliner Kurier taufte den Unglücksraben „Hein Blöd“: „Da war wohl ein echter „Hein Blöd“ am Werk: Ein ungeschickter Matrose hat am Sonntag die Havarie eines französischen Passagierschiffs im Rhein bei Lorch ausgelöst! Der Mann war gerade dabei eine kaputte Sonnenliege zu entsorgen, als es zu dem Missgeschick kam: Als er den Müll verstauen wollte, kam er versehentlich an den Hauptschalter für die Spritzufuhr – und drehte dem Schiff so den Treibstoff ab. Kurz darauf fiel der Motor aus, das Schiff lief auf Grund. Die Folge: 143 Passagiere und 23 Besatzungsmitglieder mussten mit einer Autofähre von Bord gebracht werden.“

7
Andernach verpflegt seine Bewohner und Besucher mit kostenlosen Gemüsen aus den städtischen Grünanlagen. Von solch paradiesischen Zuständen berichtet (natürlich! möchten wir meinen) das Kölner Domradio: „Das Rheinstädtchen Andernach hat sich seit drei Jahren dem Motto „Die essbare Stadt“ verschrieben. Ganz dicht an der wuchtigen Stadtmauer aus dem zwölften Jahrhundert leuchten Gärten mit Stauden und buntem Sommerflor, dazwischen behaupten sich Brunnenkresse und Weinreben, Mandel- und Feigenbäume, Salatköpfe, Zucchini und Zwiebeln.“ „Der 800 Quadratmeter große Nutzgarten gehört der Stadt und ist offen für alle. „Statt „Betreten verboten“ heißt es bei uns ausdrücklich „Pflücken erlaubt““, sagt Barbara Vogt, Verwaltungschefin im Rathaus und eine der Initiatorinnen des Projekts.“

8
Die Internationale Rheinschutzkommission gibt bekannt: „Since the last great flood of the Rhine in 1995 the countries in the Rhine catchment have invested some 10.3 billion € into improved flood protection and have thus increased the protection of people and goods. Such is the result of the balance of the implementation of the Action Plan on Floods until 2010 presented by the International Commission on the Protection of the Rhine (ICPR) in Strasbourg. (…) According to the balance on the implementation of the Action Plan on Floods, and depending on the flood situation, retention areas along the Rhine downstream of Basel for up to 229 million m³ of water may be put into service to lower peak flows. 69 million m³ have been made available during the past 15 years. Due to the relocation of dikes and the deepening of river forelands in the Rhine delta, 55 km² of former floodplains along the Rhine have been regained. In addition, renaturing measures have been implemented along tributaries and smaller waters in the catchment.“

9
Desweiteren warnt die DLRG, es gäbe im Rhein keine sicheren Stellen zum Schwimmen, verschiedene Städte von Emmerich bis Bonn wollen als Initiative Metropolregion Rheinland den Flußgrund vertiefen, um die Betuwe zu entlasten, das „traditionsreiche Bunkerschiff“ Rheintank 4 wird in den Ruhestand versetzt und Kölner Polizeitaucher finden eine im Strom verlorene Dienstwaffe wieder.

Mythos Rhein

Was ist das Mythos Rhein? Ist das etwas, was in Büchern verstaubt und Akademien, aufgegrellt dann in Ausstellungen und Dissertationen?

Oder ist das etwas, was lebt in jedem, der hier sein Leben am Strom verbringt ? Unbewußt zwar, aber doch da.

Gibt es den alten Vater Rhein, den Flußgott, in dessen Bart wir alle schwimmen wie zappelnde Fische?

Fische, die alle gründeln, um in der Tiefe irgendeine Krone zu finden aus Eisen, Gold, Teer oder Blech?

Was haben sie alle hier in dem Rhein gesucht? Die Arnims, Brentanos, die Kronenwächter, Müller Radlaufs, warum wimmelt es von Loreleyen, Felsen- und Feuerhexen?

Mein Sohn zieh nicht an den Rhein.

Der Rhein gibt Richtung. Hat Anfang und Ende. Fließt immerzu. Und ist doch da.

An seinen Ufern gibt er Platz zum Leben. Gründet Burgen, Klöster und Städte.

Nahrung gab er. Salme, Aale, Fische. Schiffahrtsstraße war er und ist er.

Doch ist weggeblieben der Zoll, der hier Geld und Reichtum jahrhundertelang gebracht.

Den Schiffern und Flößern gab er wie den Fischern Einkommen und Beruf.

An seinen Hängen die Reben, Trauben speichern die Sonne, deren Kraft sich im Schiefer verstärkt noch spiegelt. Gekeltert die Trauben schenken sie jedem den Rausch, ohne den das Leben phantasieloser, eintöniger und ärmer. Wein reimt sich auf Rhein.

Mythos Rhein sind das all die Burgen, Ruinen, Ritter, Felsenriesen, Gespenster, Sagen, Legenden, Staffage steil aufragender Berge?

Tief versunkener Nibelungenschatz.

Ist es das Gezanke um Ländergrenzen, Hoheitsrechte, Gebiete? Sie sollen ihn nicht haben und haben ihn doch nie, den keltisch freien deutschen? rhenus fluvius.

Mythos Rhein. Ist das der Massentourismus? Kraft durch Freude? Das Weltkulturerbe?

Mythos Rhein sind das die D-Züge, Überschallflugzeuge, das Getöse und der Lärm auf engster Fläche ?

Als ich als Kind das erste Mal vom Rhein weit weg war in einer fremden Stadt, wollte ich zum Rhein. Aber es gab ihn da nicht. Ich konnte mir keine Stadt ohne Rhein vorstellen. Ich war richtungslos. Orientierungslos. Verloren.

Der Rhein, das ist immer, da weißt du, wo du bist. Ist Nähe ganz, Ankunft, Ufer, Strom, Richtung und Welle. Und doch Ferne. Ferne und Nähe zugleich.

Ufer, an dem du stehst. Ufer, das nie du erreichst. Fernes Meer, wo deine Spucke hinfließt, Weite der Welt, Ozean, wohin er fließt uns ist doch ganz in der Enge des Tals.

Er ortet die Welt. Links und Rechts. Linkes und rechtes Ufer. Quelle und Mündung.

Stromkilometer wieviel?

Mal flach und mal tief.

Der Kauber Pegel weiß es genau.

Fremde zieht er her. In die Fremde läßt er dich träumen.

Und schenkt dir doch seine Nähe, seinen Geruch, spiegelt den Mond, tanzt mit den Wellen. Deren Strömung und Schlag hörst du wohltuend gleichmäßiges Rauschen in den stillen Stunden des Abends und der Nacht.

Die Nixen sie singen.

Im Element des Wassers löst deine Seele sich auf und wird wieder frei. Aus aller Starre, allem Stillstand heraus.

Abends gehen sie hier an den Rhein, sehen auf die gegenüberliegenden Berge, in die Weite des Flusses nach Bingen, an den Lichtern von Lorch vorbei zum Franzosenkopf hin, atmen die Frische des Wisperwinds.

Im Zickzack umfließt er die Felsen rheinabwärts, verschwindet plötzlich am Berg, an einer scharfen Biegung, taucht dann wieder auf. Insel und Pfalz thronen in ihm.

Treibholz schwemmt er heran und anderes Strandgut.

Über ihn gehen kannst du nicht mehr. Keine aufgeschichteten Berge und ausgetretene Pfade aus Eis.

Doch lehrt er dich noch immer, was es heißt Widerstand, mit oder gegen die Strömung zu ziehen, zu kämpfen, zu stehen.

In deinen Träumen fließt er der Rhein. In deinen Träumen, die noch nie die Lahn gesehen.

Ein- zweimal war er dir nah, sehr nah. Du dachtest nie wieder ein Ufer zu sehen. Doch fandst du doch noch dann Grund.

Auch deine Cousine, deren Auto in den Rhein schoß, trotz ihres Alters tauchte sie aus den Fluten wieder auf.

Die Nixen sie ziehen. Grundlos bleibt wer die Tiefe erblickt.

Meide Feuer und Wasser, gab mein ostwestfälischer Großvater meiner Mutter mit auf den Weg. Sie zog zum Rhein, zu der Stadt, die den Feuerwein schuf.

Es ist besser, Kindern keinen Rat zu geben.

Mein Vater, selbst im hohen Alter, mit Krücken gar, mit einem Geist, von dem man nicht mehr wußte, was er erfaßt und was nicht, so oft es ging, ging er abends zum Rhein. Saß auf der Bank, wo gegenüber das Wahrschauerhäuschen einst krönte die scharfe Biegung, die nun eher glatt wie ein Kanal dahinzieht, wegradiert ohne Grund diese einsame Sicht und Behausung des Wahrschauers.

Mein Vater, als er starb, ein neues Grab suchten wir aus auf dem Friedhof, wo in steiler Lage alle Gräber zum Rhein hin schauen, ein Grab auf einem kleinen Plateau. Als der Sarg in die Erde versenkt werden sollte, sagte meine Mutter, er liegt falsch, er sieht ja den Rhein nicht und tatsächlich ausgerechnet nur hier war das Grab zum Berg hin angelegt. Wir merkten es erst da. Wir mußten entscheiden. Legen wir den Sarg andersrum, daß er zum Rhein hin blickt? Der Bürgermeister zeigte Verständnis. Der rheinfremde Pfarer, dessen Ehefrau Pfarramt, Partei und Presse zugleich war, verbissen sein Gesicht, zeigte keinerlei Verständnis dafür. Ich entschied, er lag im Leben oft falsch, warum nicht im Tod. Mein Bruder versöhnte mich, wir bringen ihm einen Rückspiegel an, dann kann er den Rhein sehen.

Mythos Rhein.

Haben die Romantiker es erahnt?

Hat George es streng in Form gefaßt?

Blüht am hange       nicht die rebe?
Wars ein schein nicht       der verklärte?
Warst es du nicht       mein gefährte
Den ich suche       seit ich lebe?

Der größte der Dichter, Friedrich Hölderlin, hat es in seiner Rheinhymne erfaßt:

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch
Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben

(Ein Gastbeitrag von Friedrich G. Paff, auf dessen Website weitere mittelrheinische Trouvaillen zu entdecken sind. rheinsein dankt!)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: Entscheidung auf dem Fluß (2)

(…) An Steuerbord entdeckte Julien einen Haufen fast mannshoch aufgeschichteter Kisten, daneben setzte er sich auf die Planken, vor sich die Weite des Tals.
Von diesem Platz aus überblickte er die gesamte Breite des Flusses und das Rheintal, bis hin zu einem Kirchturm; es mußte der von Bacharach sein. Noch stand Lorch, wo kurz angelegt worden war, vor seinem inneren Auge: freundliche Fachwerkhäuser, herrliche Blumenpracht, Rosen, an denen noch Regentropfen glitzerten. (…)
Nach einer Verengung des Rheinbetts, das die sich gegenüberliegenden Trümmer der Burg Nollig und der Burg Fürstenberg von einem Ufer zum anderen zu überwachen schienen, verbreiterte sich der Strom in einer stattlichen Krümmung um auf Kaub zuzufließen. Man sah das Städtchen nicht, da das rechte Ufer zu sehr in den Rhein vorstieß. Aber eine Inselburg inmitten der Flußwasser zog den Blick auf sich. Auf einem von weißem Sand umsäumten Felssockel warf ein monumentales Ungetüm, frisch aufgeweißt, seinen Reflex in die Fluten, der es doppelt so groß erschienen ließ. Die Burg war von einem hohen fünfeckigen Schieferturm überragt, den zahlreiche Dachfahnen und Schießscharten zur Seite wie Igelborsten umrundeten. (…)
“Guten Tag, Julien. Du siehst, ich halte mein Versprechen.“
„Ich sehe es, Gunther.“ (…)
„Das ist doch die Pfalz, dieses scheinbar gepanzerte Fort.“
“Sie ist es“, sagte Gunther lachend. „Was für ein Sperriegel, nicht wahr? Zusammen mit der Burg Gutenfels da oben in der Höhe dürften seinerzeit die Chancen, die Durchfahrt umsonst zu bekommen, minimal gewesen sein. Weißt du, daß es wenig weiter, ziemlich nahe der Lorelei, Felsriffe in der Tiefe gibt? Man sieht sie bei niedrigem Wasserstand unter sich liegen. Durch wen kommst du lieber um? Durch die Raubritter oder die Nixe?“ (…)

(aus: Maurice Genevoix – Lorelei)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: Entscheidung auf dem Fluß

Bei der Einschiffung in Mainz drohte ein Gewitter im Nordwesten. Es ging auf die Mittagsstunde zu. (…)
Der Rhein war ihnen bereits an der Anlegestelle enorm breit vorgekommen; wie in Kehl fuhren gedrungene Schleppkähne auf dem Strom, und weiße Raddampfer durchpflügten, schäumenden Strudel erzeugend, seine Wasser. Aber der Fluß wälzte sich hier um vieles breiter als im Elsaß fort, er trieb seine Wellen herrscherlich zwischen bewaldeten Inseln hindurch, entlang den Hängen, an denen sich bis zur Uferböschung herab die Rüdesheimer Rebpflanzungen aneinanderreihten, die nun langsam unter ihren Augen vorüberglitten. Seine Farbe war mittlerweile unter der zur Rechten fahl aufsteigenden Gewitterwolke bleiern geworden; er floß, eine träge Wassermasse, gleichmäßig, geräuschlos und zu Zeiten wie stagnierend dahin. (…)
Hinter Bingen bog der bis dahin in westlicher Richtung fließende Rhein in nahezu rechtem Winkel nach Lorch ab. Kaum hatte das Dampfschiff den Mäuseturm hinter sich gelassen, schlugen von wilden Böen aufgewühlte Wasser in rascher Folge klatschend an den Bug. (…)
Die Grenze zwischen Fluß und Himmel wurde fließend; zuweilen ragten ein spitzer Kirchturm, die Mauerreste einer alten Burg hoch über dem Strom empor und tauchten sogleich wieder ins Nichts. (…)
Von weit unten im Tal kam ein Donnern, rollte über die Flußwasser, nahte heran, drohte sich über ihnen zu entladen. Sie schreckten auf: ein Zug fuhr am Ufer vorüber, ein Geisterzug, aus dem Nebel geboren und von ihm wieder verschluckt. Da lachten sie, trotzig, mokierten sich über die Täuschung, über sich und ihre sinnlose Hartnäckigkeit. (…)
Auf dem hinteren Oberdeck befand sich der Speisesaal; er war fast besetzt, aber durch Zufall bekamen sie noch einen freien Tisch. Die Fenster waren beschlagen und verwehrten die Sicht. (…) Aber die lauwarme, weiche Luft im Lokal, das Stimmengewirr, überdies der gegen die Scheiben prasselnde Regen, der in Hagelkörner überging, vermochten Mutter und Tochter in gehobene Stimmung zu versetzen. (…)
Abermals stand er draußen in der frischen Luft, umweht vom ungestümen Wind. Seine Stöße waren nicht schwächer geworden. Wassergarben platschten Julien mit solcher Heftigkeit mitten ins Gesicht, daß ihn die Tropfen wie Schloßen trafen. Er eilte an einer Laufbrücke entlang, die Stirn gesenkt, unter Aufgebot aller seiner Kräfte. Zwischen jeder Bö drang das vibrierende, den Schiffsrumpf erschütternde Stampfen zu ihm herauf; zuweilen vernahm er auch das Anschlagen der Wellen an die Bordwand, die ein rheinaufwärts fahrender Schleppkahn verursacht hatte. Das Wasser, für einen winzigen Augenblick hellfarben und in wechselndem Glanz plänkernd, sah alsbald wieder stumpf und grau aus und trieb unterm Himmel träge dahin, eine riesige dunkle Strömung, bis sich unter dem neu aufkommenden Wind blaßweiße, schuppenartige Schaumkronen kräuselten, von so unerwartet herrlichem Leuchten, als seien sie von anderen Welten herabgefallen.
In Lorch legte das Schiff an. (…)

(aus: Maurice Genevoix – Lorelei)

Das Wisperthal

Das Wisperthal aus Hoods Briefroman schien mir zunächst ein fiktives, von kauzigen Briten den sentimentalen Deutschen hinterrücks zugeschriebenes, elfenbewohntes, doch es existiert bis heute (allerdings enth-ht als Wispertal) nicht nur in alten Sagen, wie sie Aloys Schreiber 1828 in Heidelberg veröffentlichte, wie Hood sie gekannt haben mochte, und worin zu lesen steht: „Hinter Lorch liegt ein wildes, einsames Thal, mit einigen armen Hütten. Lange war es unbewohnt, denn Viele, die es betreten hatten, wurden auf mancherley Weise geneckt und geängstigt, und einige kamen auch gar nicht wieder zum Vorschein.“ Es geht dann um eine Geschichte, die heuer unter Fantasy firmieren würde und ihrer Grausigkeit vor allem deswegen enthoben ist, weil sie in eine unbestimmte Zeit „vor mehrern Jahrhunderten“ verlegt den aufgeklärten Menschen sozusagen beweislos mit einer kruden Welt konfrontiert, die das Fernsehen heute in aller Offenheit und notfalls aufs vorzüglichste frisiert in alle Wohnzimmer ausbreitet. Es geht dabei um kerzenbeleuchtete Spiegelsäle in Felsschloßtiefen, rapide alternde Jungfrauen, gerissene Greise, getäuschte Jünglinge und sprechende Vögel, jede einzelne Zutat für sich genommen durchaus heute noch vorstellbar, aber eher als Bild/Oberfläche, denn es fehlt unsern heutigen Wäldern an der nötigen Tiefe, als daß man so weit hineingeraten könnte, um noch ungestört auf extensive Trugbilder zu treffen. Die Erfindung des Motors hat noch vor der Erfindung des Fernsehens die Wirksamkeit der Sagen beendet. Heute besitzt das Wispertal zwar eine geheimnisvolle Website (www.wispertal.com), die eine Tradition des Wenig-Preisgebens inspiriert haben mag, aber entscheidende Informationen über Motorradstrecken, Forellenzuchten und sanften Tourismus entlang der Wisper finden sich ohne weiteres im Medium Internet. Weil es aber so schön identitätsstiftend ist, also rückvermichelnd, und gleichzeitig, als Metafer, sicherlich weiterhin gültig für alle demnächst erstmal anstehenden Zeiten, noch ein schönes Sagenzitat, auf das mehrerlei Antworten denkbar sind: „Ohngefähr eine Viertelstunde von der Felsenburg fanden sie die drey Vögel neben einander auf dem Ast einer abgestorbenen Eiche sitzen. Staarmatz, sag` uns Dein Räthsel, rief einer der Gesellen. Der Staar flog herab, ihm auf die Schulter, und sagte: Sprich, was sitzt Dir im Gesicht, und Du siehst`s im Spiegel nicht?“

Aloys Schreiber: Sagen aus den Gegenden des Rheins und des Schwarzwalds, Heidelberg 1828