Presserückschau (Februar 2017)

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Versunkene Lokomotive
“Die Suche nach der im Jahr 1852 im Rhein versunkenen Lok geht weiter. (…) Zwar hatte sich die Hoffnung, dass ein Teil der metertief im Kiesboden vermuteten Lok möglicherweise bis an die Oberfläche des Rheinbodens ragen könnte, nach einer Suchexpedition rheinland-pfälzischer Polizeitaucher Mitte August 2015 zerschlagen. Das ändere jedoch nichts an der Tatsache, so die beteiligten Wissenschaftler, dass genau an dieser Stelle in einigen Metern Tiefe unter dem Rheinboden ein rund 20 Tonnen schwerer und etwa sechs Meter langer Eisenkörper läge. Bereits vor einigen Jahren hatten sie nach zwei Jahrzehnten intensiver Suche mithilfe von Magnetresonanz-Messungen den vermuteten Unglücksort entdeckt. Die 1852 gebaute Lok wäre heute die älteste noch erhaltene deutsche Dampflokomotive. Sie war in den Anfangsjahren der deutschen Eisenbahngeschichte von der Fabrik Emil Kessler in Karlsruhe gebaut worden und sollte mangels Schienenstrecke auf einem Lastensegler an die Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahngesellschaft ausgeliefert werden. Bei einem Unwetter riss sich die sechs Meter lange und 20 Tonnen schwere Lok los und fiel von Bord des Schiffes in den Rhein. Mehrere Versuche, sie mit Hilfe speziell geschmiedeter Ketten, die von den Ufern aus von 400 Männern durch den Rhein gezogen wurden, und aus London angereister Taucher zu bergen, schlugen fehl. Sie geriet langsam in Vergessenheit und galt anderthalb Jahrhunderte lang als verschollen.” (SWR)

2
Digitalisierung
“Die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes hat eine Befliegung des Rheins von Frankenthal bis Biblis beauftragt, um die digitale Bundeswasserstraßenkarte anhand von Luftbildern aktualisieren zu können. Für diese Kartenerstellung werden Markierungsarbeiten in unmittelbarer Nähe zum Rhein durchgeführt. Diese Signalisierungsarbeiten beinhalten die farbliche Markierung von Lampen, Treppen, Einlaufrohren, Durchlässen oder Stromkästen mit weißer Farbe oder weißen Plastikstreifen, die mit Nägeln befestigt werden. Beschäftigte der beauftragten Firma führen die nötigen Arbeiten vor Ort aus. Die Bevölkerung wird gebeten, die Markierungen nicht zu entfernen.” (Echo-Online)

3
Rheingolf
“Die vier Credos der Rheingolf Messe 2017 lauten: Testen, informieren, shoppen und verreisen.” (Golfpost)

“Ein Golfball nach dem anderen fliegt im hohen Bogen in den Rhein. Einer verfehlt nur haarscharf den Kopf eines Kanufahrers, ein anderer zielt auf das beliebte Ausflugsschiff „Moby Dick“. Vor dem Bonner Amtsgericht muss sich jetzt ein 34-Jähriger verantworten. Er ist für sein außergewöhnliches Golfspiel wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs angeklagt.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Geburtstagsgeschenk
“Sieben Jahre ist Mika erst alt, aber er hat schon eine eigene Kamera, “die ist in Tarnfarbe”, erzählt er ein bisschen schüchtern. Mika steht nicht gern im Rampenlicht. Sein Hund Erni dafür umso mehr. Am liebsten macht der Schüler Bilder von ihm, am Rhein, wenn er mit Mama (…) dort spazieren geht. Er dokumentiert die Natur und das Wetter, Erni natürlich, und den Wasserstand. In letzter Zeit aber findet Mika immer mehr Müll am Rhein, in den Buchten am Wasserwerk, dort, wo die Familie gerne unterwegs ist. Plastiktüten und Eierkartons, ausrangierte Gartenmöbel und vor allem Glas. (…) Manchmal schnappt der Siebenjährige sich eine Mülltüte und räumt auf am Rhein. (…) Als Opa Edgar jetzt am Wochenende seinen 80. Geburtstag feierte, haben Mika und seine beiden älteren Brüder Joshua (12) und Jannis (12) ihm einen Müllsammel-Tag am Rhein geschenkt.” (Rheinische Post)

5
Rhein Vikings
“Die Zeit des Kleckerns ist vorbei, jetzt wird geklotzt. Und weil weder der Neusser HV noch der ART Düsseldorf dazu allein in der Lage sind, gründen sie eine Handballspielgemeinschaft, die in der kommenden Saison als HC Rhein Vikings für Furore sorgen will. Ob das in der zweiten oder der dritten Liga sein wird, ist allerdings noch offen.” (Rheinische Post)

6
Refurbishment
“Die (Ludwigshafener; Anm. rheinsein) Rhein-Galerie war im September 2010 eröffnet worden, nach knapp zwei Jahren Bauzeit. Das Einkaufszentrum auf dem ehemaligen Gelände des Zollhofhafens hatte damals am Rheinufer einen neuen Zugang geschaffen, dem Einzelhandel zusätzliche 130 Geschäfte beschert und war mit großen Hoffnungen in die kommenden Jahre gestartet – auch mit dem Wunsch, dass täglich 25 000 Kunden in das Center strömen. Heute kommen im Schnitt 13 290 Besucher pro Tag in die Mall. Und das, obwohl die Einkaufscenter Entwicklungs Gmbh (ECE), die das Haus betreibt, 939 037 erreichbare Kunden im Einzugsgebiet zwischen Worms und Landau sowie Mannheim und Speyer angibt. Das in unmittelbarer Nähe gelegene Rathauscenter, das ebenfalls unter ECE-Ägide steht und 1979 eröffnet wurde, besuchen pro Tag 32 000 Kunden. Dort gibt es 75 Läden. Um die Differenz zwischen Prognose und Realität zu verringern, hat die ECE ein „umfangreiches Refurbishment“ angekündigt. (…) Die Außenterrasse direkt am Rhein wird (…) verschönert – das bislang eher triste Kantinen-Ambiente soll eine neue Optik erhalten: „Grundidee des neuen Designkonzepts ist es, eine besondere Atmosphäre mit echtem Hafen-Flair am Rhein entstehen zu lassen.“ (…) Im Außenbereich sind außerdem zwei neue Anleger für Flusskreuzfahrtschiffe geplant, die ebenfalls im Jahr 2017 gebaut werden sollen.” (Echo)

7
Baggervorhaben
“Die wichtigste Wasserstraße in Deutschland ist der Rhein. „80 Prozent aller Güter in der deutschen Binnenschifffahrt werden über den Rhein transportiert“, sagt Jens Schwanen, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Binnenschiffer. „Die Transporteure sind dringend auf den Ausbau der Wasserstraße angewiesen“, fügt er hinzu. Bei Niedrigwasser komme es regelmäßig zu Beeinträchtigungen. Der Klimawandel werde das Problem extremer Pegelschwankungen perspektivisch verstärken. Abhilfe soll in NRW die geplante Vertiefung des Rheins zwischen Duisburg und Dormagen bringen. Das Vorhaben mit der Projektnummer W 27 ist seit 2016 im Bundesverkehrswegeplan als „vordringlich“ eingestuft. Bis 2030 soll der Rhein zwischen Stromkilometer 722,5 und 769 um zirka 30 Zentimeter ausgebaggert werden. Zwischen Duisburg uns Neuss ist eine Fahrrinnentiefe von 2,80 Meter geplant, zwischen Neuss und Dormagen-Stürzelberg ist eine Rinne von 2,70 Meter vorgesehen. Die Gesamtkosten werden mit 201 Millionen Euro veranschlagt.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

8
Rheintote
“Zahlreiche Einsatzkräfte sind (…) Richtung Rheinufer nördlich von Sandhofen gefahren. Eine Spaziergängerin hatte dort im Bereich zwischen Kläranlage und Kirschgartshausen eine im Wasser treibende Person gesichtet und den Notruf gewählt. Daraufhin rückten der Wasserrettungszug der Berufsfeuerwehr ebenso wie deren Feuerlöschboot und die Wasserschutzpolizei aus, auch die DLRG Mannheim, Heddesheim, Ladenburg und Weinheim wurden alarmiert. Schon bald sichtete aber der Rettungshubschrauber “Christoph 53″, der ebenso in den Mannheimer Norden beordert worden war, die im Rhein treibende Person. Polizisten zogen sie dann aus dem Wasser. Der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Todesursache und Todeszeitpunkt sind aber noch nicht geklärt.” (Bergsträßer Anzeiger)

“In Höhe der Zoobrücke hat die Feuerwehr (…) eine Leiche aus dem Rhein geborgen. Spaziergänger hatten den leblosen Körper (…) im Fluss treiben sehen und die Rettungskräfte alarmiert. Laut Polizei handelt es sich bei dem Toten um einen Mann im Alter von etwa 30 Jahren oder jünger.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Die Suchaktion im Rhein bei Wörth ist zu Ende: Taucher fanden (…) die Leiche eines Mannes, die Polizei geht von Selbstmord aus. Zuvor lief eine großangelegte Suchaktion mit Hubschrauber und Feuerwehr. Die Wörther Polizei unterstützte das federführende Polizeipräsidium Karlsruhe bei der Suche. Auf der Rheinbrücke zwischen Wörth und Karlsruhe kam es wegen des Einsatzes zu Verkehrsbehinderungen.” (Rheinpfalz)

Rhein vs. Mississippi

The Mississippi is the American Rhine, Weser, Elbe, and Oder all combined. It furnishes the best American comparison with the Rhine and perhaps an occasion for applying the lessons in waterway transportation which the Rhine has to teach. Both Rhine and Mississippi flow through the heart of a rich continent; each represents nature’s route of communication between its own fertile valley and the outside world. In their history the streams present a striking parallel up to the period 1860-70; then transportation on the Rhine is modernized and the river takes its place as the greatest waterway in the world, while the Mississippi retains its ancient form of transportation and goes down under the competition of the American railroads.
We saw that the early railroads in Germany were built perpendicular to the Rhine and were considered as feeders to it. When the short railroad lines had begun to be connected up, and the through routes began to compete with, the Rhine, the change in the nature of the traffic between the Rhine Valley and foreign parts was already one that signified a preponderance of bulk goods: coal, iron ore, lumber, wheat, petroleum. Not only did these goods clamor for lower rates than the railroads could give, the cost of loading these goods into the huge river barges at Rotterdam and of unloading them at the river port was also far smaller than the corresponding operation in the case of the little standard 10-ton Dutch and German cars. The spill and scoop principle at the basis of this handling of bulk goods is one whose advantage obviously increases with the size of the transporting unit. (…)

Up to 1860 the history of traffic on the Mississippi is similar to the history of the Rhine, excepting that the American river was not burdened by river tolls which it took half a century to remove. During the first half of the nineteenth century the exports of most of the country west of the Allegheny Mountains were drained off to New Orleans by means of the magnificent system of waterways at the disposal of that port. Staples of commerce were corn, lard, bacon, whiskey, apples, potatoes, hay, etc. — lumped under the name of “western produce,” which supplied the southern plantations and were exported from New Orleans. The southern states added cotton, tobacco, and molasses to the downstream trade. Planters in northern Alabama sent their cotton down the Tennessee River to the Ohio, down the Ohio and Mississippi to New Orleans. In 1860 New Orleans saw 3500 river steamers arrive, bringing cargo to the value of 185 million dollars.’New Orleans was accounted the fourth seaport in the world — after London, Liverpool, and New York — and handled in 1860 27 per cent of our exports. In 1907 her percentage was 9 per cent.
In the Mississippi region, as along the Rhine, railroads at first served primarily as short lines connecting inland communities with waterways; for example, the Madison and Indianapolis, the Evansville and Crawfordsville, the Louisville and Frankfort. The Pennsylvania Railroad for some time after reaching Pittsburg was dependent on the Ohio packets for westward connection. But the railway lines did not long regard themselves as feeders to the waterways. In 1858 there were two through rail connections between Chicago and the eastern seaboard. These, in conjunction with the water route formed by the Great Lakes and the Erie Canal, were already drawing off to the Atlantic coast our exports of western produce.
The Civil War suspended navigation on the lower Mississippi. In the meantime the transcontinental railroads, north of the line of operations, extended their connections and services and got the exports of the West once for all in their grasp. When the war was over the channel of the Mississippi had gone wild, after five years of neglect. At the end of the war New Orleans found her channel to the sea too narrow for large steamers to enter. This evil has been remedied and the Mississippi has been given a lowwater depth of 9 feet for 840 miles (up to Cairo), a depth of 8 feet for 1000 miles (to St. Louis). We need not look to find the inferiority of the American river in the insufficiency of its channel. The Rhine has a channel of only 6 1/2 feet at low water and that for only 350 miles upstream from Rotterdam.

(aus Edwin J. Clapp: The Navigable Rhine, Boston/New York 1911)

Diese langweilige Stadt scheint langsam zu sterben

Diese Herrnhutische Stadt, worin ich geboren wurde, versandet noch heute den Rhein, reizlos und ärmlich. Man hat dort die besten französischen Möbel geschreinert, und der Portwein der Herrnhuter, die ihre Töchter damals nach dem Los an Missionare verheirateten, war eine gute Sache. Schon morgens nahm man ihn im Elefantenstall. Dies Herrnhuter Viertel war rational und totenstill, geometrisch wie eine alte Jungfer. Die weißen Fenster blieben geschlossen, niemand schaute heraus, pedantisches Empire verbarg große Gärten, woraus mitunter eine weiße Haube lugte. Die Kirche war kahl wie ein Operationssaal, Gott als weißes Quadrat.
Der Pöbel wohnte im kleinen Frankreich, ebenso die Stadtverrückten. Dort hing Wäsche, und die Mädchen gingen auf die Rabeninsel am Rhein. Man erzählte Schauerliches. Am kleinen Frankreich vorbei, woraus hie und da ein Stein oder Fluch in die Schloßstraße flogen, ging man ins Fürstliche, beschaute idiotische Schloßpfauen und saß an der Rheinspitze, die den Fluß zerschnitt. Dort träumte man von Ausflügen nach Andernach und schaute nach dem Kirchturm von Leutesdorf hinüber.
Abends saß man vor dem Haus. In der Weinkneipe gegenüber grölten die Schützen gereimte Trinksprüche, man erzählte Mordsgeschichten, wenn man nicht in Sue, dem Zauberer von Rom, Dumas oder Gerstäcker steckte. Als Comble des Witzes wurde mitunter die Eingabe eines Schulmeisters an Friedrich den Großen vorgelesen. Diese langweilige Stadt scheint langsam zu sterben. Ich glaube, die andere Rheinseite hat mehr Verbindungen oder sonstwas. Doch immer noch speien die aufsässigen Männer des kleinen Frankreichs gelassen in den heiligen Rhein.
Nachts saß ich mit meinem verstorbenen Onkel um den runden Tisch. Wir rauchten und lasen Räubergeschichten aus der Leihbibliothek eines stotternden Buchbinders. Man ging spät schlafen und stand spät auf.
Auf der Schule machte mir die übliche Ignoranz der Lehrer einen häßlichen und dauernden Eindruck. Unwahrscheinlich deformierte Bürger dösten und quälten zwischen Stammtischen und Grammatik. Humanistische Monstres. Ein Altphilologe, der aus dem Manöver zurückkam, modernisierte den Cäsar, rüstete ihn mit Maschinengewehren aus und ließ die Legionäre locker ausgeschwärmte Schützenlinien bilden. Ein Wort beunruhigt mich heute noch: “frumentarium, das Getreidewesen”. Was ist das? Wir hatten einen Physikprofessor, einen schweigsamen Waldläufer, der einmal die Rede zu Kaisers Geburtstag halten sollte und damit begann: “Wenn ich zwei Frösche in ein Glas Wasser setze…” Von der Sexualität der Frösche kam er dann auf das geeinte Vaterland zu sprechen. Bei der Lektüre des Platon wurde der Hauptwert auf das “men te kai ouden” gelegt, mitnichten aber so wenn nämlich hinwiederum. Platon selbst hatten die Pauker so wenig begriffen wie wir.
Das entscheidende Erlebnis war natürlich Karl May, und der Tod Winnetous war mir erheblich wichtiger als der des Achill und ist es mir geblieben. Ich flog aus dem Abitur und kam in ein Landgymnasium. Sonntags betrank ich mich im Karzer und las Detektivromane, Wedekind oder Rimbaud. Das Nest war entsetzt, daß ich es wagte, die Wohnung eines früheren Majors des dort garnisonierten Dragonerregimentes zu beziehen. Der Pedell mußte mich stets in die Penne abholen. Nachmittags lief ich auf einen kleinen Berg und trank dort in einem Riesenfaß. Natürlich hieß die Kneipe “Perkeo”. Der Blick in die ermüdende Rheinebene war dermaßen verzweifelt, daß ich in diesem Faß zu schreiben begann. Die Kellnerin, die mich bediente, hatte mit einem bekannten deutschen Dichter ein Verhältnis; allerdings beklagte sie sich über dessen Nervosität. Dieser Mann wurde meine erste literarische Bekanntschaft.
Ich erinnere mich eines eigentümlichen Physikprofessors, der aus Religiosität nicht an die Gravitation glaubte, sowie des Lehrers im Griechischen, der im Dunst seiner bäuerlichen Pensionäre die Ursprachstämme suchte; dann gab es noch einen Direktor im blauen Gehrock, der unter einem Riesenphoto Goethes unablässig Iphigenie neu dichtete. Er glich vollkommen seinem mißgestimmten Griffon. Ich werde dieses ekelhafte Nest nie vergessen. Einmal besuchte mich ein Messias, der aus Bordeaux kam. Er schien aus Kleinasien zu stammen. Jedenfalls trank er fürchterlich und kannte sich ausgezeichnet in sämtlichen Hafenstädten aus.
Die wichtigsten Gebäude waren Zuchthaus und Schloß. Sonntags rasten die Bürger in dem französischen, geometrischen Park umher, grüßten je nach der sozialen Lage, während ich im Kirchturm regelmäßig meine Karzerstrafen heruntersaß. Ich zog es vor, dort still die Sonntage zu verschlafen, statt mir die Nachmittage durch den Blödsinn der Lehrer zu verderben. In einem Koffer brachte ich mir Nahrung, Alkohol und eine Decke mit. Ich erinnere mich, einmal nachts in einem Hausflur gegen einen Erhängten gerannt zu sein. Dann ging ich nach Berlin. Nachts erzählten wir uns Abenteuerromane. Ich hatte aus Paris die 34 Bände Phantomas mitgebracht. Die liebsten waren mir: Le pendu de Londres et le fiacre de la nuit. Damals schrieb ich Bebuquin: Blei druckte das in den Opalen, und damit war man zwanzig und in der Literatur.

(Carl Einstein: Kleine Autobiographie)

Riesbeck über Köln (3)

(…) Die Religionsschwärmerey dieses kleinen Londons übertrift alle Züge, die man von dieser Art kennt. Man begnügt sich hier nicht mit einzeln Heiligen, sondern stellt sie in ganzen Armeen auf. Ich beschaute vor einigen Tagen die Kirche der heiligen Ursula, worin dieselbe nebst 11.000 englischen Jungfrauen begraben liegt. Die Wände und der Boden der Kirche sind mit Gebeinen und Särgen angefüllt. Da diese heilige Prinzeßin aus den Zeiten der sächsischen Heptarchie ist, so läßt sichs um so weniger fassen, wie sie in dem Gebiete ihres Vaters 11.000 Jungfrauen auffinden konnte, die sie durch Deutschland begleiteten. Unterdessen läuft man hier wirklich Gefahr, dieser heiligen Jungfrau und ihrem schönen Gefolge geschlachtet zu werden, wenn man nur Eine von den 11.000 subtrahiren wollte. So wunderbar diese Geschichte ist, so hat man doch noch einige andre Wunder zur Bestätigung derselben gebraucht. Unter andern ist an einer Säule ein kleiner Sarg angebracht, worauf zu lesen ist: Man habe ein unmündiges Kindlein in die Kirche begraben; aber so unschuldig es auch gewesen, so habe der mit dem reinsten Jungfrauenblut benetzte Boden der Kirche dasselbe doch nicht bey sich behalten, sondern wieder ausgespieen: Man habe also seinen Sarg auf einem Stein über der Erde anbringen müssen. Wenn du mit der Legende dieser heiligen Jungfrauschaften noch nicht bekannt bist, so wird es dir nicht ganz gleichgiltig seyn, zu wissen, daß die Legendenschreiber selbst über diese Geschichte nicht Eins sind. Die Italiäner behaupten, der Mönch, welcher dieselbe geschrieben, oder einer seiner ersten Abschreiber hätte aus Versehen wenigstens Ein Null zu viel gemacht. Ein Deutscher behauptet sogar, Eine der Jungfrauen, welche das Gefolge der Prinzeßin Ursula ausmachen, und von denen die Legende verschiedene nennt, habe Undecimilla geheissen, woraus man in den unkritischen Mönchzeiten leicht Eilf tausend machen konnte. – Auch liegt hier der heilige Gereon nebst 1.200 oder 12.000 heiligen Soldaten, denn auf Ein Null kömmts hier bey Heiligen nicht an, in einer sehr reichen Stiftskirche seines Namens begraben. – Einer der 3 Heumannsbrüder, von denen man einen elenden Volksroman in Deutschland hat, wirkt hier auch Wunder über Wunder. – Fast jede der 200 Kirchen, die hier sind, hat einige Heilige, von denen die Mönche und Bettler ihre Leibrenten ziehn. – Was mir von der Art hier am meisten auffiel, waren zwey hölzerne, weiß angestrichne Pferde, die auf dem schönen grossen Platz mitten in der Stadt durch die Fenster eines alten Gebäudes herabschauen. Man erklärte mir dieses Denkmal durch folgende Geschichte: Man begrub eine reiche Frau aus diesem Hause. Der Todtengräber sah viel kostbares Geschmeide an dem Leichnam, und kam nach einigen Tagen in der Nacht, um das Grab zu öfnen, und den Leichnam zu bestehlen. Kaum hatte er den Sarg aufgedekt, als die Frau aufstand, die Laterne, welche der entflohene Todtengräber in der Bestürzung zurükgelassen, in die Hand nahm, und ganz gelassen nach Haus gieng. Sie schellt an. Die Magd fragt zum Fenster heraus: Wer da sey? Auf die Antwort, es sey ihre Frau, läuft sie zum Herrn mit dieser unerwarteten Nachricht. Diesem mochte es nicht sehr lieb seyn, seine Frau wieder zu sehn. Es kann so wenig meine Frau seyn, sagt er, als meine Pferde aus dem Stall ins oberste Stockwerk hinauf laufen, und zum Fenster hinaus sehn. Gesagt, geschehn. Die 2 Schimmel spatzieren die Treppe herauf, und schauen noch auf den heutigen Tag zum Fenster heraus. Der Mann mußte nun seine Frau aufnehmen, die noch 7 Jahre lebte, und ein grosses Stük Leinwand spann und webte, welches man an einem gewissen Tag des Jahres in der benachbarten Apostelkirche dem Volk zeigt, wo man auch die ganze Geschichte gemahlt sehen kann. – Die Stadt ist unerschöpflich reich an solchen Geschichten.
Es ist hier nicht, wie an andern finstern Orten Deutschlands, wo solche Legenden bloß zur Unterhaltung des müßigen Pöbels dienen. Nein; der Kölner wird dadurch erhitzt und begeistert. Er betrachtet seine Vaterstadt als den angenehmsten Wohnsitz der Heiligen, und seine Erde selbst als heilig. Er ist bereit, augenblicklich die Wahrheit dieser Geschichten mit seinem Blut zu unterzeichnen, und ein Märterer für sie zu werden, oder den Zweifler zu einem Märterer zu machen. Sein galligter Humor umfaßt diese Gegenstände mit einer Hitze, die ihm beständig den Kopf schwindeln macht. Alle seine Legenden, wie du leicht an den obigen Beyspielen sehen kannst, haben daher auch das Gepräge von dem melankolischen, abentheuerlichen Unsinn und der Schwerfälligkeit, welche mit diesem Humor gepaart zu seyn pflegen. Die meisten Legenden der Katholiken an den Gegenden des Oberrheins, in Franken, Schwaben u. s. w. haben immer einige romantische Züge, die ihrem jovialischen Humor entsprechen, und die sanftern Gefühle reitzen.
Die hiesigen Pfaffen, besonders die Mönche, wissen durchaus nichts bessers auf die Kanzeln zu bringen, als solche Legenden. Einige meiner hiesigen Freunde versichern mich, daß sie auch in den Beichtstülen fast die ganze Sittenlehre der Beichtväter ausmachen. Die abscheulichsten Lügen vertreten hier die Stelle der sittlichen Belehrung. Klagt sich ein junger Mensch einer galanten Sünde an; so weiß ihm der Mönch nichts bessers zu sagen, als daß erst vor einigen Tagen in der Stadt 2 junge, unverehligte Leute todt beysammen im Bette gefunden worden, und ihnen der Teufel, dessen Klauen sehr erkenntliche Spuren auf den Körpern der Unglücklichen zurückgelassen, die Hälse herumgedreht hat. – Unter den vielen Predigern, die ich hier gehört habe und nach denen man in jeder Stadt den moralischen Zustand des Volks am sichersten beurtheilen kann, war ein einziger, ein Karmeliter, der nicht platten Unsinn predigte.
Eine nothwendige Folge davon ist, daß die Sitten des hiesigen Janhagels verderbter sind, als in irgend einer andern Stadt. Die Kirchen selbst sind hier das Rendezvous liederlicher junger Leute, wo alle Ausgelassenheit theils begangen, theils verabredet wird. Die Abendsandachten der vielen hiesigen Mönche sind der schönste Pendant zu den Winkeltheatern in den Vorstädten von Wien, in deren paarweis mit jungen Leuten besetzten Parterren man keine Hände sieht, und wo man eine starke Beleuchtung scheut. Die Gärten einiger Wirthshäuser sind ganz zur Paillardise angelegt, und die Labyrinthe und die mit Gesträuche bedeckten Grotten derselben sind auf die Sonn= und Feiertäge mit bunten Paaren angefüllt. An diesen Tägen ist aller Pöbel der Stadt betrunken, und tanzt und spielt und schlägt sich herum, daß er das lebendste Gemählde der alten Scythen und Deutschen darstellt.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Riesbeck über Köln (2)

(…) Den lezten, dritten Theil machen einige Patrizierfamilien, die Kaufleute und Handwerker aus, von denen die 2 andern Drittheile leben. Ueberhaupt ist Köln wenigstens noch um ein Jahrhundert hinter dem ganzen übrigen Deutschland zurück, Bayern selbst nicht ausgenommen. Bigotterie, Unsittlichkeit, Trägheit, Grobheit, Sprache, Kleidung, Meublen, kurz alles zeichnet sie so stark von ihren übrigen Landsleuten aus, daß man sie mitten in ihrem Vaterlande für eine fremde Kolonie halten muß. Ich habe nicht nöthig dir zu sagen, daß es auch hier, wie überall Ausnahmen giebt. Ich bin in einigen Häusern bekannt, wo der feinste Geschmack und die beste Lebensart herrscht; allein es sind der Ausnahmen doch sehr wenig.
Die Regierungsverfassung sezt diese Stadt so weit hinter die meisten andern Städte Deutschlands zurück. Nebst dem allen Republikanern eigenen Haß gegen Neuerungen, und der gewöhnlichen Ohnmacht und Trägheit ihrer Regenten, herrscht hier das unsinnige Zunftsistem noch mit ungleich mehr Stärke, als in irgend einer andern Reichsstadt. Nur einen Zug will ich dir mittheilen, um dir begreiflich zu machen, wie unmöglich es ist, daß diese Stadt gleiche Schritte mit dem übrigen Deutschland zur Kultur machen kann. Vor einigen Jahren ließ sich hier ein oberrheinischer Becker als Bürger nieder, der sich durch schönes Brod um so geschwinder eine zahlreiche Kundschaft verschaffte, da die übrigen Becker alle ein Brot backen, das nur ein Kölner genießen kann. Eifersüchtig auf das Glück dieses Mannes, stürmten seine Zünfter in sein Haus, und rissen ihm seinen Ofen nieder. Die Sache kam vor den Rath. An dem Tag, wo sie entschieden werden sollte, versammelten sich vor dem Rathaus nicht nur alle Becker, sondern auch ein großer Theil der andern Gildegenossen, Schuster, Schneider u. s. w. und schrieen vor der Thüre des Rathhauses, daß sie allen Rathsherren, wenn sie herunterkämen, die Köpfe einschlagen würden, wenn man der Beckerzunft nicht gegen den Neuling, der, dem alten Zunftgebrauch zuwider, anderes Brod gebacken, als seine Zünfter, Gerechtigkeit verschaffte. Der Rath kannte seine Leute, die auch wirklich schon den sogenannten Gewaltrichter, der den alten Reichsvogt repräsentiren soll, vor ihrem Zug vor das Rathhaus, in den Stadtgraben geworfen hatten. Erbaut durch dieses Beyspiel fällte also der hochweise Rath von Köln das Urtheil: “Daß der Becker, der sich unterfangen, die Gildegerechtsamen zu verletzen und unzunftmäßiges Brod zu baken, seinen eingerissenen Ofen auf seine Kosten wieder aufbauen, und in Zukunft kein anderes Brod baken soll, als wie alle seine Zunftgenossen von alten Zeiten her zu baken gewohnt sind.”
In Rücksicht auf die Hartnäckigkeit, womit die verschiedenen Gemeinden hier ihre Privilegien behaupten, so sehr sie auch in Misbräuche ausgeartet sind, auf die Grobheit des Pöbels, die man Gefühl der Freyheit zu nennen beliebt, und auf die durchaus herrschende Ausgelassenheit, die von keiner Polizey eingeschränkt wird, verdient Köln allerdings den Namen des kleinen Londons, womit es einige seiner Einwohner beehren. Es herrscht auch hier die nämliche Verachtung der Fremden und der nämliche Nationalstolz, der den Janhagel von London auszeichnet. Wenn die Stadt sich etwas unartig gegen ihre Nachbarn, die Kurfürsten von Köln und der Pfalz beträgt, so ergreifen diese sogleich das wirksamste Mittel, sie gefälliger zu machen, und schneiden der Stadt die Zufuhr von Lebensmitteln ab. Der geängstigte Rath fertigt sodann augenbliklich einen Kourier an den Kaiser ab, mit unterthänigster Bitte, die beyden Kurfürsten dahin zu vermögen, daß sie die armen Bürger von Köln nicht Hungers sterben machen. Unterdessen rottieren sich die Bürger in allen Wirthshäusern, und auf allen öffentlichen Plätzen zusammen, schwören den Kurfürsten Rache und Tod: Besichtigen ihre rostigen Gewehre, und machen sich zur blutigsten Fehde gefaßt. Der Kaiser, aus Erbarmen über die bedrängte Stadt, hat nun den Kurfürsten wirksame Vorstellungen gemacht, und die Zufuhr wird wieder geöfnet, und nun schreyen die Bürger von Köln Triumph über Triumph. “Gelt, sagen sie, wir haben die Kurfürsten zur Raison gebracht. Sie haben sich vor unserm Anmarsch geförchtet, und thaten wohl daran, daß sie es nicht zum Krieg kommen liessen.” – Ganz im Ton des Janhagels von London.
Ein regierender Bürgermeister von Köln (Es sind ihrer sechs, die zu zwey jährlich in der Regierung abwechseln) wird auch mit dem nämlichen Gepränge, wie der Lord Mayor von London, behandelt. Er trägt eine römische Toga, halb schwarz und halb Purpurfarb, einen grossen spanischen Hut, spanische Beinkleider und Weste u. s. w. Er hat seine Liktoren, die ihm feyerlich die Fasces vortragen, wenn er in seinem Karakter öffentlich erscheint. Bey seiner Wahl giebt man Beleuchtungen, macht Knittelverse, besauft sich, förmlich wie zu London, auf seine Gesundheit, und schlägt sich auf sein Wohl Arme und Beine entzwey. – Im lezten Krieg war eines unserer Regimenter im Anmarsch gegen die Stadt. Diese wollte es mit dem König in Preussen nicht verderben, der als Herzog von Kleve und Graf von der Mark ihr Schutzherr ist. Sie ließ also dem Kommandanten des Regiments, der die Thore geöfnet haben wollte, bedeuten: “Sie sey gesinnet, die Neutralität zu beobachten” Umsonst stellte unser Landsmann dem Rath vor, seine Truppen wären Auxiliartruppen des Kaisers, ihres Oberherrn. Man verschloß die Thore, und der rasende Pöbel jauchzte, das Vergnügen zu haben, seine Häuser im Schutt zu sehen. Als der Kommandant seine Kanonen vor ein Thor gepflanzt hatte, und gefaßt war, losbrennen zu lassen, besann sich der Rath eines bessern, und ließ die Thore zum grossen Leidwesen des Janhagels öfnen. Der Kommandant gieng auf das Rathhaus, um den Senatoren Vorwürfe zu machen. Bey Erblickung desselben rief der vorsitzende Bürgermeister seine Liktoren, und gebot ihnen mit den Fasces neben seinem Thron zu stehn. Als der Offizier einige beissende Bemerkungen gemacht hatte, steifte der Konsul den Hals, ließ die Liktoren die Insignien in die Höhe heben, und fragte den Kommandanten mit der ernstlichsten Miene: “Ob er wohl einen Begriff von einem römischen Bürgermeister hätte? Ob er wüßte, daß er des römischen Kaisers Majestät repräsentirte, und daß man die Thore bloß aus gutem Willen gegen den Kaiser geöfnet?” Der Offizier, welcher seine Truppen auf dem öffentlichen Plaz mitten in der Stadt mit geladenen Gewehren und brennenden Lunten postirt hatte, und im unbedingtesten Besitz der Stadt war, konnte sich des lautesten Gelächters nicht enthalten; aber, indem er die Thüre in die Hand nahm, auch nichts anders antworten als: “Sie sind nicht recht bey Verstand.”
Der Mangel an Polizey, welcher hier ausschließlich das Wesen der Freyheit ausmacht, lokt vom Oberrhein, aus Westphalen, den kaiserlichen Niederlanden, zum Theil auch aus Holland und Frankreich eine Menge Leute hieher, die Inkognito leben wollen oder müssen. Der bessere Theil dieser Aventuriers, die Offiziers von den zahlreichen kaiserlichen und preußischen Werbkorps, einige Korherren der hiesigen Stifter und verschiedene Patrizier, und protestantische Handelshäuser lassen es an guter Gesellschaft und artigen Lustparthien nicht fehlen. Die lebhafte Schiffahrt, besonders der Holländer, für welche diese Stadt der Stappelort ist, den sie mit ihren Schiffen nicht überfahren dörfen, der geringe Preis der Lebensmittel, die Nähe von Bonn, die Entfernung von dem beschwerlichen Hof= und Adelton, welcher in den meisten andern Städten herrscht, die gesunde Luft, und die Munterkeit des Volkes in den benachbarten kurkölnischen und bergischen Ländern machen diese Stadt für jeden, der etwas vom Stadtleben mit den Reitzen des Ländlichen verbinden will, zu keinem unangenehmen Aufenthalt, so abschrekend auch der grosse Haufen hier ist. Dieser dient einem philosophischen Zuschauer zum Stoff unendlicher Betrachtungen, die er anderstwo nicht so leicht machen kann. Alle Auftritte des bürgerlichen Lebens sind hier stärker karakterisirt als in irgend einem andern Lande.
Dieses düstere und schwerfällige Völkchen zeichnet sich eben so stark durch religiöse, als politische Schwärmerey von allen übrigen Europaern aus. In verschiedenen Gegenden der Stadt erblickt man Schandsäulen, worauf Köpfe von Bürgermeistern und Rathsherren an eisernen Spiessen steken, die das Opfer der politischen Begeisterung der hiesigen Bürgerschaft geworden sind. Der republikanische Stolz weiß allen, auch den alltäglichsten Vorfällen hier ein Kolorit zu geben, das den Menschenfreund äusserst intereßiren muß, und sollte es auch nur seyn, um lachen zu können, wie Demokrit die Handlungen seiner Mitbürger von Abdera zur wohlthätigen Erschütterung seiner Lungenblätter gebraucht hat. (…)

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Verschwinden am Rheinfall

“(…) Auf dem Rückwege zu meinem Hotel kamen wir bei einem Palais vorbei, von welchem mein weit gereister Cicerone, Herr Tournier, Gelegenheit nahm, mir folgende interessante Erzählung zu machen. Hat er brodirt, so bitte ich Dich, es ihm, und nicht mir, entgelten zu lassen.
Es war dieser Pallast nämlich das Haus der Montague (die Shakespeare nach Verona versetzt), aus welchem vor geraumer Zeit der junge Erbe dieses Hauses als einjähriges Kind gestohlen, und lange nichts weiter von ihm gehört ward. Nach acht Jahren vergeblicher Nachforschungen der trostlosen Mutter schickte einst der Schornsteinfeger des Stadtviertels einen kleinen Knaben zum Fegen des Kamins in das Schlafzimmer der Lady Montague, in welchem man durch einen glücklichen Zufall, vermöge eines Maals am Auge und den darauf gegründeten Nachforschungen, den verlornen Sohn erkannte; eine Anekdote die später zu einem bekannten französischen Vaudeville Anlaß gegeben hat. Aus Dankbarkeit für ein so unverhofftes Glück gab Lady Montague viele Jahre lang, und ich glaube noch jetzt geschieht etwas Aehnliches in dem großen Garten, der an ihr Palais stößt, der ganzen Schornsteinfeger-Innung von London am Tage des Wiederfindens ein Fest, wo sie selbst, mit aller ihrer Dienerschaft in Staatskleidung, für die Bewirthung dieser Leute Sorge trug.
Der Knabe ward später ein sehr ausgezeichneter, aber auch ebenso excentrischer und wilder Jüngling, der sein Hauptvergnügen in ungewöhnlichen Wagstücken suchte, wozu er bei fortwährenden Reisen in fremde und unbekannte Länder die beste Gelegenheit fand. Auf diesen begleitete ihn stets ein sehr geliebter Freund, ein gewisser Mr. Barnett.
So hatte er in mehreren Welttheilen die entferntesten Gegenden gesehen, als im Jahr 90 Tournier, seiner Aussage nach, ihn als Kammerdiener nach der Schweiz begleitete. In Schaffhausen angelangt, faßte der Lord die unglückliche Idee, mit einem Boot den Rheinfall hinunterzufahren. Der erste Geistliche des Orts, sowie viele andere Bekannte baten den jungen Brausekopf um des Himmelswillen, ein so rasendes Unternehmen zu unterlassen, jedoch vergebens. Man wollte ihn sogar durch Aufbieten der Schaffhäuser Stadtsoldaten daran verhindern, es scheint aber, daß sie ihm nicht mehr Furcht als die weiland Leipziger den dortigen Studiosen einflößten, oder täuschte er ihre Wachsamkeit; kurz, nachdem er vorher einen leeren Kahn gleichsam zur Probe als avantcoureur vorausgeschickt hatte, der auch glücklich mit seinem hölzernen Leben davon kam, folgte er selbst in Gesellschaft seines Freundes. Mr. Barnett hatte zwar ebenfalls alles angewandt, dem entetirten Lord sein Vorhaben auszureden, als ihm dieser aber zurief: “Wie Barnett, Du bist mit mir über den ganzen Erdball gezogen, hast jede Gefahr treulich mit bestanden, und willst mich nun bei dieser Kinderei verlassen?” so gab er gezwungen nach und setzte sich, die Achseln zuckend, in den verhängnißvollen Kahn.
Sie schwammen erst sanft und langsam, dann mit immer reizenderer Schnelle dem Sturze zu, während Hunderte von Zuschauern zagend den Wagehälsen nachschauten.
Was indessen jeder vorhergesagt, geschah. Die Kante der Felsen berührend, schlug der Kahn um, die beiden Männer erschienen nur noch einmal zwischen dem Gestein, und der Donner der Wogen übertäubte ihr Hülfegeschrei, das nur undeutlich in Zwischenräumen vernommen ward. Bald waren sie gänzlich verschwunden, und obgleich man viele Monate lang, ohne Kosten zu scheuen, die Körper bis an den Ausfluß des Rheins in Holland suchen ließ, und große Summen auf ihr Wiederfinden setzte, so hat man doch nie wieder etwas von ihnen vernommen. Sie schlummern unbekannt in der krystallnen Tiefe.
Sonderbar ist es, daß an demselben Tage, der ihnen den Tod brachte, das Stammschloß der Montague in Sussex bis auf den Grund abbrannte. Die unglückliche Mutter überlebte nur ein Jahr den Tod ihres zum zweitenmal und diesmal unwiederbringlich verlorenen Sohnes. (…)”

Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen, Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland, England, Wales, Irland und Frankreich, geschrieben in den Jahren 1826 bis 1829, 3. Brief

Een reisje langs den Rijn

Laatst trokken we uit de loterij
Een aardig prijsje
‘k Zei tot mijn vrienden: ‘Maak met mij
Een aardig reisje.’
Die wou naar Brussel of Parijs
Die weer naar Londen
‘Vooruit!’ riep ik, ‘wij maken fijn
Een reisje langs den Rijn!’
In een wip, sakkerloot
Zat het clubje op de boot

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn
Met een lekker potje bier, bier, bier
Aan den zwier, zwier, zwier
Op d’rivier, vier, vier
Zoo’n reisje met een nieuwerwetsche schuit, schuit, schuit
Allemaal in de kajuit, juit, juit
‘t Is zoo deftig, ‘t is zoo fijn, fijn, fijn
Zoo een reisje langs den Rijn

Zoo kwamen we met prachtig weer
Het eerst bij Keulen
Mijn tante walste over ‘t dek
Als een jong veulen;
Oome Kees nam zijn harmonica
En ging aan ‘t trekken
En dadelijk zong kromme teun
‘Deutschland! wie bist du schon!’
Nichtje Saar, welk gevaar
Riep: ‘Houdt op, ik word zoo naar!’

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn…

Bij Mannheim kwam er bliksem
Het begon te waaien
Mijn tante riep: ‘Het schip vergaat
We zijn voor de haaien!’
Zij vloog naar de commandobrug
En riep: ‘Kap’teintje
Beneden in de eerste klas
Ligt nog mijn beugeltasch
O kap’tein! maak geen gijn
Geef me een slokkie brandewijn!’

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn…

(Das Lied stammt aus dem Jahr 1906, der Text von Louis Davids. Hier nachzuhören in einer Interpretation von Willy & Willeke Alberti - als außergewöhnlich karnevalistisches Arrangement für den calvinistisch geprägten Stamm der Niederländer.)

Johanna Schopenhauer stellt mitten auf dem Rhein fest, daß die Welt immer näher zusammenrückt

„(…) Da lag es nun vor uns, im hellsten Sonnenschein, auf dem prächtig wogenden Strome, das zierlich schlanke Ungeheuer, das ohne Mast und Segel, wie von Zauberkraft getrieben, mit Vogelschnelle, tosend und dampfend über die Fluten hinläuft, die, in ihren tiefsten Tiefen aufgeregt, schäumend und brausend es noch lange scheltend verfolgen. Wohl ist es ein Schiff, aber nicht allein durch den dampfenden hohen Schornstein, sondern auch in der ganzen Bauart und allen seinen Verhältnissen von allen andern Schiffen sehr verschieden. Regungslos lag er da, der Friedrich Wilhelm, so heißt das Schiff, während drei bis vier Reisewagen hinaufgeschoben wurden, die man auf dem Verdeck kaum bemerkt, denn es ist weit größer, als es vom Lande aus gesehen erscheint; ein Gang von einem Ende desselben bis zum andern ist wirklich eine kleine Promenade, auf welcher es an unterhaltender Abwechslung nicht leicht fehlt. Ein Paar unglückliche Pferde standen schon neben den Wagen, in einem für sie eingerichteten Käfig eingesperrt, denen man es deutlich ansehen konnte, daß sie den Weg weit lieber zu Fuße zurückgelegt hätten. Das heulende Gerassel, mit welchem der Dampf aufsteigt, so lange das Schiff stille liegt, schien die armen Thiere zu beängstigen; auch hat dieser unangenehme Lärm etwas Betäubendes, der sich allemal wiederholt, so oft das Schiff anlegt; wenn es im Gange ist, merkt man weit weniger davon.

Wer nicht sehr krank, oder sehr vornehm, oder ein leutescheuer Engländer ist, lasse doch ja nicht durch das Wort »erster Platz« sich verleiten, Billets für den Pavillon zu nehmen. Mit dem theuerern Preise erkauft er nur das Vorrecht, sich einsam in einem etwas eleganteren Zimmer im Vordertheile des Schiffes zu langweilen, während die übrige Gesellschaft sich in der sogenannten zweiten Kajüte versammelt. Für anspruchslosere Reisende gibt es eine dritte Kajüte, in welcher ebenfalls recht anständig für sie gesorgt ist. Auch gibt es noch einen vierten, sehr wohlfeilen Platz, vermuthlich ganz unten im Schiffsraum, wo die Waarenballen liegen, deren Transport, wie man mir sagte, dem Unternehmer den größten Vortheil bringt. (…)

Ein einziger Mann, dem die Leitung des Schiffes anvertraut ist, steht hoch am Steuer und dreht mit fester, sicherer Hand, bald kaum bemerkbar, bald sehr schnell, mit sichtbarer Anstrengung das Rad, welches auf der rechten Bahn es erhält. Der schweigende Ernst, mit dem er sein wichtiges Geschäft betreibt, hat etwas wundersam Feierliches, er wendet nie den Blick, er beantwortet keine an ihn gerichtete Frage, und ein neben ihm angebrachter Anschlagezettel bittet die Reisenden, auf keine Weise, durch Sprechen mit ihm, in der Ausführung seines Amtes ihn zu stören. Unten im Raum wird mit gleicher Aufmerksamkeit über die Verwaltung des Feuers und des Dampfkessels gewacht, und der Anblick der großen Ordnung, die überall vorherrschend sich zeigt, muß auch den Furchtsamsten ermuthigen und jeden Gedanken an mögliche Gefahr verbannen.
So glitten wir denn an dem unsäglich lieblichen Rheingau vorüber; die Thürme von Mainz verschwanden hinter uns; durch das frische Grün seiner Linden leuchtete im Morgenstrahl das schöne Schloß von Biebrich über den hier sehr breiten Rhein uns aus der Ferne entgegen. Dann kommen Walluf, Eltville mit seinem ehrwürdigen alten Thurme, die blühende Petersaue, alle die schönen merkwürdigen Punkte, die Jeder, auch der sie nicht gesehen, aus zahllosen Abbildungen und Beschreibungen zu kennen glaubt, und von denen doch weder Pinsel noch Feder ein ganz getreues, genügendes Bild zu geben vermögen. Im bezauberndsten Wechsel drängten sie sich uns entgegen, kaum sahen wir sie aus der Ferne auftauchen, so befanden wir uns auch schon ihnen gegenüber, und dennoch geht die Fahrt nicht so schnell, daß man nicht Zeit behielte, die Rheinufer in aller ihrer malerischen Schönheit aufzufassen. Das große Bilderbuch der Natur liegt gleichsam aufgeschlagen vor uns da, und langsam schonend wendet eine unsichtbare Hand ein Blatt desselben nach dem andern vor unsern Augen um, bis diese, geblendet von all’ der Herrlichkeit, sich ermüdet auf einige Zeit abwenden müssen.

Das indessen recht lebendig sich gestaltende Treiben auf dem Verdecke bot zur Erholung ein recht angenehmes Zwischenspiel; kleine gesellige Gruppen hatten überall sich zusammengefunden, denn nirgends knüpft eine augenblickliche Bekanntschaft sich leichter an als hier, wo man sicher sein kann, sie im schlimmsten Fall in wenigen Stunden wieder aufgelöst zu sehen. Um einem der Tische hatte eine Gesellschaft stickender und strickender Damen sich niedergelassen, die, ohne sich um das Bilderbuch der Natur viel zu bekümmern, so unbefangen ihr häusliches Wesen trieben, als wären sie zu Hause. Einige Engländerinnen hatten auf dem Dache der zur Kajüte hinabführenden Treppe sich etablirt, wurden aber, ihrer aufgespannten Parasols und ihrer großen Hüte wegen, sehr bald gebeten, sich wieder hinunterzubegeben, indem sie dem Steuermann die Aussicht benahmen. Nahe dabei lag ein wenige Wochen altes Kind, auf einem Koffer weich gebettet, und neben demselben saßen die Aeltern Hand in Hand, den kleinen Schläfer zu bewachen. Wer dieser Gruppe sich nahte, trat leiser auf und konnte nicht unterlassen, sie theilnehmend zu betrachten. Der Vater, ein junger, rüstiger Mann, war ein Kaufmann aus dem nördlichen Deutschland und jetzt mit seiner Frau und ihrem Erstgeborenen auf dem Wege nach London begriffen, von wo er nach Amerika überschiffen wollte, um in jenem fernen Welttheil sich niederzulassen. Freilich ist dieser uns wenigstens um die Hälfte näher gerückt als er unsern Vätern es war, denn die Welt wird in unserer erfindungsreichen Zeit immer enger. (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828, Kapitel 4: Das Dampfschiff)

Chateaubriand am Rhein (2)

[...] „J’ai eu l’honneur d’être dépouillé trois fois pour la légitimité: la première, pour avoir suivi les fils de saint Louis dans leur exil; la seconde, pour avoir écrit en faveur des principes de la monarchie octroyée, la troisième, pour m’être tu sur une loi funeste au moment que je venais de faire triompher nos armes: la campagne d’Espagne avait rendu des soldats au drapeau blanc, et si j’avais été maintenu au pouvoir, j’aurais reporté nos frontières aux rives du Rhin (*).

Vous verrez, lorsque je reviendrai de Prague en 1833, ce que je dis de mes vieux souvenirs du Rhin: je fus obligé, à cause des glaces, de remonter ses rives et de le traverser au-dessus de Mayence. Je ne m’occupai guère de Moguntia, de son archevêque, de ses trois ou quatre sièges, et de l’imprimerie par qui cependant je régnais. Francfort, cité de Juifs, ne m’arrêta que pour une de leurs affaires: un change de monnaie. [...]

Les bords du Rhin fuyant le long de ma voiture me faisaient une agréable distraction: lorsqu’on regarde un paysage par une fenêtre, quoiqu’on rêve à autre chose, il entre pourtant dans la pensée un reflet de l’image que l’on a sous les yeux. Nous roulions parmi des prairies peintes des fleurs de mai; la verdure était nouvelle dans les bois, les vergers et les haies. Chevaux, ânes, vaches, moutons, porcs, chiens et chats, poules et pigeons, oies et dindons, étaient aux champs avec leurs maîtres. Le Rhin, fleuve guerrier, semblait se plaire au milieu de cette scène pastorale, comme un vieux soldat loge en passant chez des laboureurs.

Le lendemain matin, 18 mai, avant d’arriver à Schaffouse, je me fis conduire au saut du Rhin ; je dérobai quelques moments à la chute des royaumes pour m’instruire à son image. Je me serais bien arrangé de finir mes jours dans le castel qui domine le chasme. Si j’avais placé à Niagara le rêve d’Atala non encore réalisé, si j’avais rencontré à Tivoli un autre songe déjà passé sur la terre, qui sait si, dans le donjon de la chute du Rhin, je n’aurais pas trouvé une vision plus belle, naguère errante à ses bords, et qui m’eût consolé de toutes les ombres que j’avais perdues!

De Schaffouse j’ai continué ma route pour Ulm. Le pays offre des bassins cultivés où des monticules couverts de bois et détachés les uns des autres plongent leurs pieds. Dans ce bois qu’on exploitait alors, on remarquait des chênes, les uns abattus, les autres debout; les premiers écorcés à terre, leurs troncs et leurs branches nus et blancs comme le squelette d’un animal bizarre; les seconds portant sur leurs rameaux hirsutes et garnis d’une mousse noire la fraîche verdure du printemps: ils réunissaient, ce qui ne se trouve jamais chez l’homme, la double beauté de la vieillesse et de la jeunesse.“ [...]

(*) «Les frontières du Rhin, écrit M. de Marcellus (Chateaubriand et son temps, p. 246), étaient pour M. de Chateaubriand un rêve de toutes ses nuits:»—«La guerre d’Espagne», me disait-il à Londres, en interrompant une de ses dépêches où il poussait le plus vivement à franchir les Pyrénées, «doit être le signal et le premier acte de notre résurrection. Après, il nous faudra la rive gauche du Rhin aussi loin qu’elle peut s’étendre. Les conquêtes du génie des batailles s’écoulent comme un torrent, pour parler comme Racine; la monarchie légitime et traditionnelle seule sait, par l’influence d’une paix solide, faire désirer sa domination, agrandir le pays, fondre en un seul corps les populations, et les conserver à la patrie.»

(aus: François-René de Chateaubriand, Mémoires d’outre-tombe)

Moby Dick (2)

Im laufenden Schuljahr produzieren wir mit Drittklässlern einer Bonner Grundschule eine Reihe Kurzhörstücke. Eine Schülergruppe recherchierte dafür die Geschichte von Moby Dick, dem Belugawal, der 1966 mit seinem Rheinbesuch für Schlagzeilen sorgte und stellte das Szenario als Radiosendung mit Studiomeldungen und einer rasenden Reporterin nach. Dabei wurde der Rhein schon mal nach Luxemburg verlegt, und auch die Geschichte Moby Dicks mit einiger Fantasie aufgepeppt – dachten wir. So gaben die Kinder an, Moby Dick habe sich vor seinem Ausflug in den Rhein in einem Frachtcontainer auf einem Schiff nach London befunden, wo er als Zootier landen sollte: welch ein poetischer Einfall, wollte uns scheinen, bis die Kinder uns aufklärten: so oder zumindest so ähnlich hätten sie es doch in einem Artikel gelesen, welchen die Lehrerin ihnen zur Verfügung gestellt habe (es handelte sich um den Wikipedia-Eintrag zu Moby Dick). Die hochpoetische Vorstellung von einem Wal, der über dem Meer schwimmt, statt frei (wie es sich gehörte) darinnen, gefangen in einem Frachtschiff nämlich, den Menschen künftig in einem Zoobecken zur Belustigung zu dienen, bis das Meer ob dieser Idee zürnt und sich erhebt, den Gefangenentransport attackiert, ins Schlingern bringt, den solcherart entkommenen Wal wieder in sich aufnimmt, ihn aber sogleich in seiner Verwirrung eine Odyssee in und durch den Rhein beginnen läßt, wo er als freier Wal die Menschen in Jäger und Beschützer teilt: entsprang nicht reinem Kinderhirn, sondern ganz offenbar der herkömmlichen, in ihren Abstrusitäten unübertrefflichen Realität(*). Wurden die Fischer, die Moby Dick zuerst erblickten, noch umgehend auf Alkoholeinfluß getestet, mieteten die Freunde Moby Dicks bald darauf Luftschiffe, um die Feinde Moby Dicks, die mit Schnellbooten und allerlei Fanggerät sogleich Jagd auf den Beluga machten, aus der Höhe mit Orangen zu bewerfen. Da flammte also Nibelungentum auf, und die bürgerliche Protestromantik der jungen Bundesrepublik geriet in zaghaften  Schwung, unter Einsatz von Luftwaffe und leuchtenden Südfrüchten (**). Zu Tausenden begaben sich Schaulustige an die Ufersäume. Welch ein Spektakel! Der weiße Wal kreuzte wochenlang im Rhein, ohne von seinen Feinden (der Direktor des Duisburger Zoos hieß tatsächlich Dr. Gewalt) gestellt werden zu können. Erst als bei seinem Auftauchen in Bonn eine Bundespressekonferenz unterbrochen wurde und Moby Dick die an den Rhein geeilten Politiker erblickte, entschloß er sich zum endgültigen Abgang Richtung Nordmeer. Seit Mai 1976 kreuzt nun, so beschlossen die Kinderreporter ihren Bericht, das dem Wal nachempfundene Bonner Passagierschiff MS Moby Dick auf dem Rhein, auf dem, als besonderer Service, geheiratet werden kann.

(*) Wir erwähnen der Vollständigkeit halber die Möglichkeit einer nebenbei in den Wikipedia-Artikel eingewobenen Ente. Mitlesende Moby Dick-Veteranen mögen sich bitte ggf mit ihren Erinnerungen bei uns melden.

(**) Wir suchen auch noch nach Film- bzw Bildbeweisen für die vom Orangenhagel abgetriebene Schaluppe Dr. Gewalts.

Wie man haarscharf an den Ufern des Rheins vorbeischrabben kann

oder zumindest beinahe, jedoch am Ende womöglich zeitlebens, selbst als großer Autor einer Rheinnation, und von welchen Umständen dies abhängen kann, davon spricht folgender Ausschnitt eines Briefs Flauberts an seine Nichte Caroline, aufgesetzt in London Ende August 1866:

“(…) Je ne veux pas m`en aller de Londres avant de t`avoir écrit un mot. Maman m`a dit que tu seras revenue à Rouen mercredi; donc, j`espère que ceci t`arrivera bientôt.
Je pars demain à 6 heures et demie du soir et, au lieu de me trimbaler pendant trente-six heures par les chemins belges qui ne me feraient arriver à Bade que dans la nuit de vendredi, je prends tout bonnement le chemin de fer de Paris. Je resterai à Paris une heure, le temps d`aller à la gare de Strasbourg, et je serai à Baden le même jour, à 10 heures du soir. Si j`avais été plus en fonds, j`aurais pris plaisir à voir les bords du Rhin; mais ce voyage me demanderait cinq à six jours. (…)”

(Nun besaß und besitzt der Rhein auch Ufer bei Baden-Baden, eine Reise dorthin im beschriebenen Sinne setzte und setzt eine Querung derselben voraus, aber die läppisch-ruinenarmen Oberrheingestade galten wohl seinerzeit nicht ganz, zumal da gerade kräftig herumkanalisiert wurde.)

Céline am Rhein

Der spätere (und dann heftig umstrittene) Weltliterat Louis-Ferdinand Céline besucht als Vierzehnjähriger meine Heimatstadt Karlsruhe. Dies im Jahr 1908, als sich Phönix Karlsruhe anschickt, zum ersten Mal die deutsche Fußballmeisterschaft (auf die Fußballgeschichte am Rhein, insbesondere die Frühgeschichte, wird noch zu kommen sein) nach Baden zu holen. Und mit ein paar Briefzeilen (noch nicht ganz, aber doch schon fast weltliterarischen Ranges) reiht Céline sich ein in die Reihe berühmter Karlsruhe-Beschreiber: „Aussi [pour : ici] en revanche nous avons un brouillard épouvantable. Ce matin en allant à l’école j’étais obligé d’aller tout doucement car on ne pouvait pas voir les gens à 100 pas. Cela vient du Rhin.“ Die fürchterlichen Rheinnebel Karlsruhes müssen damals mit den Londoner Themsenebeln konkurrenzfähig gewesen sein! (Mit Dank für das Zitat an Roland Bergère.)

Paris, 25. August 1943

Später stieg ich noch in das Zimmer des Präsidenten hinauf. Aus Köln zurückkommend, erzählte er, daß man in den Ruinenkellern rheinische Trinkstuben findet, in denen die Ausgebombten sich treffen und eine intensive Gemütlichkeit herrscht. Dort werden von den Zechern die alten Karnevalslieder gesungen – besonders beliebt sei: “Ja, das sind Sächelchen!” Das erinnert an die Lektüre des “König Pest” von E. A. Poe, den man ja überhaupt neben Defoe mit seiner “Pest in London” als einen der Autoren unserer Zeit betrachten kann.

(aus: E. Jünger – Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher III, Strahlungen II)

Dank für das Zitat an Roland Bergère. Jegliche Zeit ließe sich als unsere Zeit betrachten, da die Zeit ja eine stets nur leicht verändert auftretende Emulsion ihrer selbst (dh ihrer eigenen Zutaten) darstellt, und London und Paris, bliebe anzumerken, sind rheinische Städte, zweifellos, vielleicht die rheinischsten, die es gibt, oder zumindest idealisierte Rheinmetropolen, wie sich überhaupt weltweit viel mehr rheinische Städte und Gegenden finden, als der gemeine Daheimgebliebene vermuten mag – ein erweiterter Rhein(land)begriff ist also vonnöten und längst überfällig. Weiters in Karlsruhe (im typisch trockenen, hart am Drögen schrabbenden Stil, den sich die dortige Lokalpresse über Jahrzehnte erhalten hat) noch von den Bombardierungen der Stadt während des Zweiten Weltkriegs gelesen, wobei von Trinkstubengemütlichkeit und Karneval (respektive Fastnacht) keine Rede war, wohl aber von Tagen gereizter Stimmung und Tagen ungemeiner Solidarität. Als zeit- und volksmundtypische Figur blieb der “Bombenkarle” haften, ein einzelner Alliierter, ein Bomberpilot, der offenbar Überstunden schob und auch außerhalb der organisierten Verbandsflüge hartnäckig die Stadt im Alleingang angriff und den die Karlsruher mit “Karle” attributierten, was soviel wie eine Mischung aus “Kerle” und “Karl Arsch” bedeutet, weil es so einen erdigen (und lokal/real häufig vorkommenden) Namen darstellt – auch in meiner Schulklasse war einst ein Karle und potenzierte das badentypische in seinem Ruf- wie Nachnamen, noch dazu in seiner Person. Der Bombenkarle wurde also durch seine Karlsruheisierung zu einem der “Hiesigen” gemacht und dadurch entschärft, wenn auch nicht gleich bewundert. Über seine Abschußerfolge stand nichts zu lesen.