Austerlitz am Rhein

”Ja und dann, fuhr Austerlitz fort, irgendwo hinter Frankfurt, als ich zum zweitenmal in meinem Leben einbog ins Rheintal, ging mir beim Anblick des Mäuseturms in dem sogenannten Binger Loch mit absoluter Ge­wißheit auf, weshalb mir der Turm im Stausee von (an dieser Stelle ist im Buch eine Schwarzweißfotografie des Rheins mit Mäuseturm eingefügt; Anm.: rheinsein) Vyrnwy immer so unheimlich gewesen war. Ich konnte nun meine Augen nicht mehr abwenden von dem in der Dämmerung schwer dahinfließenden Strom, von den Lastkähnen, die, anscheinend bewegungslos, bis zur Bordkante im Wasser lagen, von den Bäumen und Gebüschen am anderen Ufer, dem feinen Gestrichel der Rebgärten, den deutlicheren Querlinien der Stützmauern, den schiefergrauen Felsen und den Schluchten, die seitwärts hineinführten in ein, wie ich mir dachte, vorgeschichtliches und un­erschlossenes Reich. Während ich noch im Bann war dieser für mich, sagte Austerlitz, tatsächlich mvtholo­gischen Landschaft, brach die untergehende Sonne durch die Wolken, erfüllte das ganze Tal mit ihrem Glanz und überstrahlte die jenseitigen Höhen, auf de­nen, an der Stelle, die wir gerade passierten, drei rie­sige Schlote in den Himmel hinaufragten, so als sei das östliche Ufergebirge in seiner Gesamtheit ausgehöhlt und nur die äußere Tarnung einer unterirdisch über viele Quadratmeilen sich erstreckenden Produktions­stätte. Man weiß ja, sagte Austerlitz, wenn man durch das Rheintal fährt, kaum, in welcher Epoche man sich befindet. Sogar von den Burgen, die hoch über dem Strom stehen und die so sonderbare, irgendwie un­echte Namen tragen wie Reichenstein, Ehrenfels oder Stahleck, kann man, wenn man sie von der Bahn aus sieht, nicht sagen, ob sie aus dem Mittelalter stammen oder erst gebaut wurden von Industriebaronen im letzten Jahrhundert. Einige, wie beispielsweise die Burg Katz und die Burg Maus, scheinen zurückzu­gehen in die Legende, und selbst die Ruinen wirken auf den ersten Blick wie eine romantische Theaterkulisse. Jedenfalls wußte ich auf meiner Fahrt das Rheintal hinab nicht mehr, in welcher Zeit meines Lebens ich jetzt war. Durch den Abendglanz hindurch, sah ich das glühende Morgenrot, das sich damals über dem anderen Ufer ausgebreitet und bald den ganzen Himmel durchglüht hatte, und auch wenn ich heute an meine Rheinreisen denke, von denen die zweite kaum weniger schrecklich als die erste gewesen ist, dann geht mir alles in meinem Kopf durcheinander, das, was ich erlebt und das, was ich gelesen habe, die Erinnerungen, die auftauchen und wieder versinken, die fortlaufenden Bilder und die schmerzhaften blin­den Stellen, an denen gar nichts mehr ist. Ich sehe diese deutsche Landschaft, sagte Austerlitz, so wie sie von früheren Reisenden beschrieben wurde, den gro­ßen, unregulierten, stellenweise über die Ufer getre­tenen Strom, die Lachse, die sich im Wasser tum­meln, die über den feinen Flußsand krabbelnden Krebse; ich sehe die dusteren Tuschzeichnungen, die Victor Hugo von den Rheinburgen gemacht hat, John Mallord Turner, wie er unweit der Mordstadt Bacharach auf einem Klappstühlchen sitzend mit schneller Hand aquarelliert, die tiefen Wasser von Vyrnwy sehe ich und die in ihnen untergegangenen Bewohner von Llanwyddyn, und ich sehe, sagte Au­sterlitz, das große Heer der Mäuse, von dem es heißt, daß sein graues Gewimmel eine Landplage gewesen sei, wie es sich in die Fluten stürzt und, die kleinen Gurgeln nur knapp über den Wogen, verzweiflungs­voll rudert, um auf die rettende Insel zu gelangen.”

(aus: W. G. Sebald, Austerlitz, S. 321-323, Hanser Verlag, München 2001)

Der Autor W. G. Sebald integrierte Bilder in seine Texte. Das Bild im obigen Abschnitt aus Austerlitz, das genau zwischen Binger Loch und dem Stausee von Vyrnwy zu liegen kommt, somit die Landschaften von Wales und des Mittelrheins auch visuell verbindet, kann rheinsein hier nicht adäquat wiedergeben. Sebalds Landschaftsüberblendung globalisiert das unheimliche Wasser, durch einen urtümlich benamten walisischen Stausee dividiert ergibt der Rhein nurmehr die pure Natur erdbedeckenden Wassers, die schaurigen Aspekte fügen der menschliche Genius, Bau- und Raubwille, allesamt aus der Geschichtsschreibung bestens bekannt, hinzu. Das Foto gibt der beschriebenen Landschaft Echtheit zurück. Oder ist doch der Text realer als der schwarzweiß abgebildete Turm? Die fotografischen Aufnahmen, die er seiner Figur Jacques Austerlitz zuschreibt, stammen von Sebald selbst, oder es handelt sich um (bearbeitete) Fundstücke. Doch wer hat Sebald die Fundstücke zugesteckt? Mixed media-Techniken und Verwirrspiele, wie gemacht für das elektronische Zeitalter, an dessen Eingang Sebald sie verwandte, jedoch im Rahmen der klassischen Medien. Auch wenn der Text eher zufällig das Rheintal zu streifen scheint, weil es als Kulisse für eine literaturgeschichtlich längst unterfütterte, pittoresk-schaurige Erinnerung taugt, enthält er geradezu exemplarisch einige Gedanken, derer sich auch rheinsein bedient: Überblendung von Räumen und Zeiten samt Querverweisen über sämtliche Grenzen hinweg, Überblendung von Realität und Fiktion, Kombination von Bild und Text sowie Verdichtung durch literarische Spekulation bzw. fantastische Einsprengsel. Das Werk W. G. Sebalds, längst kein Geheimtip mehr, sei hiermit von rheinsein ausdrücklich empfohlen.