Flussgeschichten – Der Rhein

ist der Titel der neuesten Rheindokumentation aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vor einer Woche erstausgestrahlt steht sie ein Jahr lang, bis Ende Mai 2016, in der ARD-Mediathek zur Verfügung. “Warum ist es am Rhein so schön?” lautet die Grundfrage des Films von Thomas Förster, der sich in kurzen Geschichten den Städten, Städtchen, Dörfern und Landschaften des Abschnitts zwischen Koblenz und Nimwegen widmet. “Was hebt diese Doku gegen ungezählte andere ab?” lautet die obligatorische Gegenfrage. Zum einen ist dies die Spielfilmlänge von knapp anderthalb Stunden. Zum anderen die Herangehensweise, die leidlich bekannten aktuellen Flußansichten mit Fotografien und Filmausschnitten früherer Jahrzehnte, vornehmlich aus Regionalsendungen der 50er und 60er zu verschneiden.

In Koblenz widmet sich der Film ganz dem Reiterstandbild am Deutschen Eck, mit knapp 40 Metern Höhe angeblich das größte seiner Art weltweit. Kurt Tucholsky hat es zureichend beschrieben. In Andernach geht es um den Geysir, der wiederum ein rekordträchtiger ist. Von Remagen sehen wir die Brücke, von der bis 1976 noch zwei Pfeiler in der Flußmitte standen und Romy Schneider, die sich in einem Remagener Synchronstudio, das seit 20 Jahren Geschichte ist, selbst synchronisiert. Für Linz steht der Schwimmer Klaus Pechstein, der 1969 als erster Mensch den Rhein komplett durchschwommen haben soll. Fotos und Bewegtbilder zeigen den Sportler im Gummianzug in schickem Barakuda-Design, wie er beim

klaus pechstein

Schwimmen kleine Raucherpausen einlegt oder ein Pils zischt. Neun Jahre vor Pechstein hatte bereits der Franzose Louis Lourmais den Rhein durchschwommen – der Film behauptet: erst ab Schaffhausen. Königswinter wird als Sehnsuchtsort attributiert. Touristen amüsieren sich bei Juxfotografen und Eselstrecks auf den Drachenfels. 1958 entgleiste die damalige Drachenfels-Dampfbahn, die Touristen auf den Berg brachte, bei einem Bremsversagen aufgrund zu geringen Dampfdrucks. Das Unglück forderte 17 Tote. Den Erzählautomaten kennen wir von

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unserem ersten Besuch. Er dürfte mittlerweile den Modernisierungen rund um die Drachenburgruine zum Opfer gefallen sein. Für Rhöndorf wärmt der Film den Streit zwischen Konrad Adenauer und Peter Profittlich auf. Letzterer wollte eine Seilbahn, die den Ort mit der Drachenburg verbinden sollte. Adenauer wollte sich nicht von Touristen in den Garten schauen lassen. Eine Seilbahn gibt es in Rhöndorf bis heute nicht, Adenauers Garten kann besichtigt werden. 1959 berichtete der Spiegel von der Auseinandersetzung. Die ehemalige Hauptstadt Bonn streift der Film nur knapp, in Form von Motorradartisten, die sich der Godesburg per Luftseil näherten. Für Köln portraitiert der Film Sigrud Knubben, mehrfache und jung verstorbene Weltrekordlerin im Motorboot. Motorbootrennen fanden an der Kölschen Riviera bei Rodenkirchen statt – der Rhein wurde für den Normalverkehr einfach gesperrt. Weiters aus Köln berichtet wird die illegale Hebung des Grabmals des Poblicius, das einen ausführlichen Wikipedia-Artikel besitzt und der Einfluß der Fließbandgeräusche der Fordwerke auf das musikalische Werk von Gavino Soro – mit seinem Lied Ju-Ju-Juliette findet sich auf Youtube ein Beispiel für den italienisch-rheinischen Werkhallenschlager. Über die Zonser Freilichtspiele und einen Abstecher ins Braunkohlerevier, dessen Grundwasser über die Erft in die Rhein abgeführt wird, was die Flußstärke der letzteren ungefähr verfünffachte, geht es auf Düsseldorf, den Querverschub der Oberkasseler Brücke, Radschläger, Altstadtoriginale und eine Performance der ZERO-Künstler. Für Duisburg stehen Rheinhausen und Ruhrort. Die Stahlschmelze in Rheinhausen war 1962 Gegenstand der ersten TV-Satelliten-Direktübertragung zwischen Deutschland und den USA, ein Stück Rundfunkgeschichte. Ruhrort zeigt der Film zu Zeiten des Niedergangs der Schleppschifffahrt, als die Schlepperbesatzungen noch mit Proviantschiffen versorgt wurden. In den Weiten des Niederrheins befinden sich Ortschaften, deren Existenz uns zuvor unbekannt war. Über Orsoy (das Anfang der 60er kurzzeitig Ideenzentrum der von den Alliierten nicht genehmigten deutschen Raketenindustrie war) und Götterswickerhamm (dessen Orderstation die Passagezeiten der Schiffe notierte und die vorüberziehenden Schiffer mit Informationen  und Musik beschallte), geht es auf Borth, die niederrheinische Salzpfanne, ein Bergwerk mit ausgeprägtem Straßennetz in 500 bis 800 Metern Tiefe, auf Mars, dessen Name für sich steht und einen Schokoriegelhersteller auf die Idee brachte, die Dorfbewohner für eine Kampagne als Marsmenschen einzuspannen, auf Elten, das nach dem Krieg vorübergehend an die Niederlande ging, als Pfand für noch zu leistende Reparationszahlungen und schließlich vorbei an Schenkenschanz nach Nimwegen.

Flussgeschichten – Der Rhein bietet eine ausgewogene Mischung aus bekannteren und randseitigen Geschichten. Insbesondere das in WDR-Archiven ausgegrabene Bildmaterial aus der jungen Bundesrepublik macht den Film, der über weite Strecken wie eine Sendung mit der Maus für Erwachsene wirkt, sehenswert.

Die Brücke von Remagen (2)

remagen_brückeDie Brücke von Remagen (in Ermangelung ihrer selbst als unvollständiges Wunschbild von der Geschichte neu gespiegelt), aufgenommen auf der Fähre von Remagen, im Rahmen der Serie Remagen gegen Remagen

remagen_fährticketFairer Fährpreis

remagen_brücke_schauspiel“Auf Grund der großen Nachfrage wird das Theaterstück “Die Brücke” bereits im siebten Jahr im Eisenbahntunnel in Erpel aufgeführt. Geschichte am Originalschauplatz zu erleben, wird hier möglich gemacht, denn die Ereignisse vor 70 Jahren werden den Zuschauern in authentischer Kulisse von hervorragenden Schauspielern in Erinnerung gebracht.”

Hume an der Donau: as it were in an opera

The Danube, 7th of April.

We have really made a very pleasant journey, or rather voyage, with good weather, sitting at our ease, and having a variety of scenes continually presented to us, and immediately shifted, as it were in an opera. The banks of the Danube are very wild and savage, and have a very different beauty from those of the Rhine; being commonly high scraggy precipices, covered all with firs. The water is sometimes so straitened betwixt these mountains, that this immense river is often not sixty foot broad. We have lain in and seen several very good towns in Bavaria and Austria, such as Strauburg, Passau, Lintz; but what is most remarkable is the great magnificence of some convents, particularly Moelk, where a set of lazy rascals of monks live in the most splendid misery of the world; for, generally speaking, their lives are as little to be envied as their persons are to be esteemed.
We enter Vienna in a few hours, and the country is here extremely agreeable; the fine plains of the Danube began about thirty miles above, and continued down, through Austria, Hungary, &c. till it falls into the Black Sea. The river is very magnificent. Thus we have finished a very agreeable journey of 860 miles (for so far is Vienna from the Hague) have past through many a prince’s territories, and have had more masters than many of these princes have subjects. Germany is undoubtedly a very fine country, full of industrious honest people; and were it united, it would be the greatest power that ever was in the world. The common people are here, almost every where, much better treated, and more at their ease, than in France; and are not very much inferior to the English, notwithstanding all the airs the latter give themselves. There are great advantages in travelling, and nothing serves more to remove prejudices; for I confess I had entertained no such advantageous idea of Germany; and it gives a man of humanity pleasure to see that so considerable a part of mankind as the Germans are in so tolerable a condition.

(David Hume)

Ermittlung der Rheinlänge durch Ockhart (2)

Nähere Bestimmung der verschiedenen Distanzen, welche der Rhein von seinem Ursprunge, bis zu seiner Theilung in Holland, und von da bis zu dem Ausflusse seiner verschiedenen Arme in das Meer durchläuft.

A) Allgemeine Distanzen nach dem Laufe des Flusses

1. Von den Quellen bis nach Chur ohngefähr 20 Stunden
2. Von da bis zu dem Eintritt in den Bodensee 24
3. Lauf durch den Bodensee bis Constanz 9
4. Von Constanz bis Schaffhausen 9
5. Von da bis Basel 33
6. Von da bis Strasburg 32
7. Von da bis Neuburg 15
8. Von da bis Schröck 6
9. Von da bis Mannheim 18 1/2
10. Von da bis Mainz 15 1/2
11. Von da bis Caub 9 1/2
12. Von da bis Coblenz 10 1/4
13. Von da bis Andernach 5 1/4
14. Von da bis Linz 4 1/2
15. Von da bis Cöln 12 1/4
16. Von da bis Düsseldorf 10 1/2
17. Von da bis Homberg 7 1/2
18. Von da bis Wesel 7
19. Von da bis Emmerich 9 3/4
20. Von da bis Lobith 3
21. Von da bis Nimwegen 4
22. Von da bis Rossum 9 1/2
23. Von da bis Gorcum 9
24. Von da bis Dortrecht 5 1/2
25. bis zum Meer 14

303 1/2

Nach dieser möglichst genauen Bestimmung der Distanzen, die der Rhein in seinem Laufe zurücklegt, sieht man, mit wie wenig Grund Norrmann in der 6ten Auflage der Büschingischen Vorbereitung zur Europäischen Länder- und Staatenkunde Seite 103, die Länge des Laufs dieses Flusses, wie wir oben schon gesagt haben, auf 350 Meilen hat angeben wollen, und dass Fabri eben so Unrecht hat, wenn derselbe in seinem Abriss der natürlichen Erdkunde Seite 450 behauptet, dass der Rhein in seinen Laufe einen Weg von 360 Meilen zurücklege.

(aus: Josef Franz Ockhart – Der Rhein, nach der Länge seines Laufs und der Beschaffenheit seines Strombettes, mit Beziehung auf dessen Schifffahrtsverhältnisse betrachtet: Ein Beitrag zur nähern Kunde der deutschen Flußschifffahrt, 1816)

Le Rhin réunit tout

“Saint-Goar, 17 août.

Vous savez, je vous l’ai dit souvent, j’aime les fleuves. Les fleuves charrient les idées aussi bien que les marchandises. Tout a son rôle magnifique dans la création. Les fleuves, comme d’immenses clairons, chantent à l’océan la beauté de la terre, la culture des champs, la splendeur des villes et la gloire des hommes.

Et, je vous l’ai dit aussi, entre tous les fleuves, j’aime le Rhin. La première fois que j’ai vu le Rhin, c’était il y a un an, à Kehl, en passant le pont de bateaux. La nuit tombait, la voiture allait au pas. Je me souviens que j’éprouvai alors un certain respect en traversant le vieux fleuve…

…Ce soir-là… je contemplai longtemps ce fier et noble fleuve, violent, mais sans fureur, sauvage, mais majestueux. Il était enflé et magnifique au moment où je le traversais. Il essuyait aux bateaux du pont sa crinière fauve, sa barbe limoneuse, comme dit Boileau. Ses deux rives se perdaient dans le crépuscule. Son bruit était un rugissement puissant et paisible. Je lui trouvais quelque chose de la grande mer.

Oui, mon ami, c’est un noble fleuve, féodal, républicain, impérial, digne d’être à la fois français et allemand. Il y a toute l’histoire de l’Europe considérée sous ses deux grands aspects, dans ce fleuve des guerriers et des penseurs, dans cette vague superbe qui fait bondir la France, dans ce murmure profond qui fait rêver l’Allemagne.

Le Rhin réunit tout. Le Rhin est rapide comme le Rhône, large comme la Loire, encaissé comme la Meuse, tortueux comme la Seine, limpide et vert comme la Somme, historique comme le Tibre, royal comme le Danube, mystérieux comme le Nil, pailleté d’or comme un fleuve d’Amérique, couvert de fables et de fantômes comme un fleuve d’Asie.

Avant que l’histoire écrivait, avant que l’homme existait peut-être, où est le Rhin aujourd’hui fumait et flamboyait une double chaîne de volcans qui se sont éteints en laissant sur le sol deux tas de laves et de basaltes disposés parallèlement comme deux longues murailles. À la même époque, les cristallisations gigantesques qui sont les montagnes primitives s’achevaient, les alluvions énormes qui sont les montagnes secondaires se desséchaient, l’effrayant monceau que nous appelons aujourd’hui les Alpes se refroidissait lentement, les neiges s’y accumulaient; deux grands écoulements de ces neiges se répandirent sur la terre: l’un, l’écoulement du versant septentrional, traversa les plaines, rencontra la double tranchée des volcans éteints et s’en alla par là à l’Océan; l’autre, l’écoulement du versant occidental, tomba de montagne en montagne, côtoya cet autre bloc de volcans expirés que nous nommons l’Ardèche et se perdit dans la Méditerranée. Le premier de ces écoulements, c’est le Rhin; le second, c’est le Rhône…

…Le Rhin, dans les destinées de l’Europe, a une sorte de signification providentielle. C’est le grand fossé transversal qui sépare le Sud du Nord. La providence en a fait le fleuve-frontière; les forteresses en ont fait le fleuve-muraille. Le Rhin a vu la figure et a reflété l’ombre de presque tous les grands hommes de guerre qui, depuis trente siècles, ont labouré le vieux continent avec ce soc qu’on appelle pépée. César a traversé le Rhin en montant du midi; Attila a traversé le Rhin en descendant du septentrion. Clovis y a gagné sa bataille de Tolbiac. Charlemagne et Bonaparte y ont régné. L’empereur Frédéric-Barberousse, l’empereur Rodolphe de Hapsbourg et le palatin Frédéric Ier y ont été grands, victorieux et formidables. Gustave-Adolphe y a commandé ses armées du haut de la guérite de Caub. Louis XIV a vu le Rhin. Enguien et Condé l’ont passé. Hélas! Turenne aussi. Drusus y a sa pierre à Mayence comme Marceau à Coblenz et Hoche à Andernach. Pour l’œil du penseur qui voit vivre l’histoire, deux grands aigles planent perpétuellement sur le Rhin, l’aigle des légions romaines et l’aigle des régiments français.

…Ce noble Rhin que les Romains nommaient Rhenus superbus, tantôt porte les ponts de bateaux hérissés de lances, de pertuisanes ou de baïonnettes qui versent sur l’Allemagne les armées d’Italie, d’Espagne et de France, ou reversent sur l’ancien monde romain, toujours géographiquement adhérent, les anciennes hordes barbares, toujours les mêmes aussi; tantôt charrie pacifiquement les sapins de la Murg et de Saint-Gall, les porphyres et les serpentines de Bâle, la potasse de Bingen, le sel de Karlshall, les cuirs de Stromberg, le vif-argent de Lansberg, les vins de Johannisberg et de Bacharach, les ardoises de Caub, les saumons d’Oberwesel, les cerises de Salzig, le charbon de bois de Boppart, la vaisselle de fer blanc de Coblenz, la verrerie de la Moselle, les fers forgés de Bendorf, les tufs et les meules d’Andernach, les tôles de Neuwied, les eaux minérales d’Antoniustein, les draps et les poteries de Wallendar, les vins rouges de Taar, le cuivre et le plomb de Linz, la pierre de taille de Kœnigswinter, les laines et les soieries de Cologne; et il accomplit majestueusement à travers l’Europe, selon la volonté de Dieu, sa double fonction de fleuve de la paix, ayant sans interruption sur la double rangée de collines qui encaisse la plus notable partie de son cours, d’un côté des chênes, de l’autre des vignes, c’est-à-dire d’un côté le nord, de l’autre le midi; d’un côté la force, de l’autre la joie…”

(aus: Victor Hugo: Le Rhin, lettre XIV; Hugos Rheinbriefe sind komplett zu finden auf Google Books)

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein (3)

Vor vier Tagen wurde in der Presse bekanntgegeben, daß Ernst Bromeis sein Projekt auf Höhe Breisach abgebrochen hat. Selber hatte Bromeis womöglich nie Rekorde angekündigt, die Presse schrieb davon, daß derartige Aussagen vielmehr von seinem Sponsor Schweiz Tourismus laut wurden, der Bromeis auch aus marketingstrategischen Gründen dazu angehalten haben soll, noch vor der Sommersaison in den Rhein zu steigen – wodurch der Schwimmer mit allzu kaltem Flußwasser konfrontiert wurde. Kurz nach Bromeis` Start sei außerdem “bekannt geworden”, daß im September 1969, wenige Wochen nach der ersten Mondlandung, der heute 71jährige Klaus Pechstein aus Linz am Rhein “nach eigenen Angaben und Medienberichten” den Fluß durchschwommen habe – also knapp 43 Jahre vor Bromeis.

Bezeichnend, wie mittels nachlässig recherchierter bis großspuriger Bewerbung ein eigentlich sympathisches heimatabenteuerliches Projekt zu einem Produkt aus Marketinggefasel und resultierendem Medienhype funktioniert wird, das im Grunde über den Schwimmer (ist er noch einer oder vielmehr bereits Kajakfahrer? wie lange muß er für Marketingzwecke durchhalten? bis zu welchem Punkt kauft die Presse aufgebauschte Slogans ab?) hinweg variiert. Der sportliche Aspekt weicht der täglichen Rechtfertigung, die Leistung hechelt vom ersten Tag nahezu chancenlos ihrer Ankündigung hinterher.

Uns stellte sich gar die Frage: brauchte es für dieses Projekt wirklich einen Menschen oder wäre Schweiz Tourismus mit einer rheindurchschwimmenden Quietscheente besser beraten gewesen? Durchaus denkbar, daß eine Marketingkampagne auch die Kräfte des Rheinstroms, als dessen Spielball Bromeis sich in Interviews betrachtete, zumindest zeitweise außer Kraft zu setzen imstande wäre. Irre Behauptungen besitzen oft erstaunliche Qualitäten.

Die Behauptung, die uns nunmehr jedoch am meisten interessiert, ist diejenige diverser Blätter über Klaus Pechstein. Denn die Informationen zu diesem Schwimmpionier blieben spärlich: wo genau der Mann seinerzeit ins Wasser gestiegen ist und wo er wieder herausstieg, wie er welche Hindernisse überwunden hat, mit oder ohne Neopren und sonstige Hilfen, auf welche Weise die Presse damals berichtete und wie Klaus Pechstein seine damalige Aktion selber einschätzt – auf harte Fakten wurde bisher bei der Berichterstattung weitgehend verzichtet.

Eine Teilantwort immerhin bietet das Fachmagazin swim: “”Er (Klaus Pechstein, Anm.: rheinsein) ist damals Mitte September gestartet und die ganze Strecke in 30 Tagesetappen ohne Flossen bis nach Hoek van Holland gekrault”, erzählt seine Tochter Christiane Pechstein (…). Dass niemand von dem Rekord etwas wusste, findet Pechstein nicht verwunderlich, schließlich gab es damals noch kein Internet und die Medienberichterstattung war auch nicht so detailliert. Aber immerhin hätte es ihr Vater zu Dieter Kürten ins “aktuelle Sportstudio” geschafft.”

Rheintor Linz – Anno Domini 2011

Die diesjährigen Aktionen im Linzer Rheintor sind nun zu einem Katalog zusammengefaßt in der Edition Das Labor erschienen. Bestellwünsche werden von rheinsein umgehend weitergeleitet. Der Text zum Katalog stammt von Matthias Hagedorn:

“Das landläufige Vorurteil, Kunst sei eine Schnapsidee, unterlaufen Klaus Krumscheid und A.J. Weigoni augenzwinkernd mit dem Verweis auf Heinz Schenks Motto des Blauen Bocks: „Ich lade gern mir Gäste ein!“

Obwohl unter den Zeltschrägen eines gemeinsamen Umschlages, bilden die Artisten dieses Projekts keine Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Kunst anders einzuordnen, um schließlich eine Art kritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeiten, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität wird in diesem Projekt die gegenwärtige Lage der Kultur deutlich.

Eines scheint klar, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kunst der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die fin–de–siècle–belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden der existentiellen Werkzeuge lässig hinter sich läßt. Diese Artisten wagen – jeder auf seine Art und Weise – eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Kultur bleiben erhalten, wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem schäbigen Rest des Unerklärlichen, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht.

Was die Artisten dieser Reihe verbindet, ist der Rhein. Alles im Fluß, in Fluß. Das Fachidiotentum ist perdü, das Labor dokumentiert die Durchlässigkeit zwischen den Kunstgattungen. Diese Artisten interessieren sich für eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Klaus Krumscheid, Andreas Noga, Charlotte Kons, Joachim Paul, Stephanie Neuhaus, Birgit Jensen, Francisca Ricinski, Almuth Hickl, Swantje Lichtenstein, Dietmar Pokoyski, Enno Stahl, Jesko Hagen, Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni, Denise Steger, Peggy Neidel, Katja Butt, Heidrun Grote, Jürgen Diehl, Bernhard Hofer, Peter Meilchen, Holger Benkel, Theo Breuer, Thomas Suder und Stan Lafleur pflegen die Kunst des Unmöglichen. Es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. So zu arbeiten, befreit diese Artisten von der Massenidentität, die gerade in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Diese Künstler machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um unter der Arbeit zu zeigen, was es bedeutet, als selbstbestimmte Individuen zu überleben.

Die Verflechtungen von Poesie, Kunsttheorie, persönlicher Biographie und politischen Ereignissen, von Querverweisen zwischen Literatur und Kunst und von Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und schließlich sogar der Zukunft machen diese Kompilation zu einer komplexen Lektüre. Diese Artisten eröffnen eine Dimension, die für die Gesellschaft völlig unverzichtbar ist. Über Verfremdungen drücken sie die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Mitmenschen in Zeiten tiefgreifender Veränderungen aus.”

Das andere Linz

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Ein Gastbeitrag direkt aus “der bunten Stadt am Rhein”. Die Fotos von Bahnhof und Fähranleger stammen aus der Serie “Das andere Linz” von Denise Steger. rheinsein dankt!

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Turgenjew lernte in Linz beim Freiluftwalzer die Asja seiner gleichnamigen Novelle kennen. Freiluftwalzer verändern sich mit den Moden, Stagediving wird man in Linz dennoch nicht allzu häufig zu sehen bekommen. Eher schon rollstuhlgerechtes Walzen, wobei die einzige Rollstuhlrampe, die wir in Linz erblickten, von einem deutlichen Warnhinweis begleitet war: daß sie für Rollstuhlfahrer nicht geeignet sei. Ähnlich abschüssig wie besagte Rampe sind in Linz gleich mehrere Straßen. Die beeindruckend übermannshohen Hochwassermarkierungen am Rheintor sprachen auch nicht grad für Rollstuhltourismus. Wir nehmen die Rollstuhlwalzertouristenthese also gleich wieder zurück. Während des Aufenthalts in Linz fotografierten wir aus der Hüfte. Bei Auswertung der Aufnahmen mußten wir feststellen, daß wir, obzwar die Kamera stets auf die allgegenwärtigen Fachwerkhäuser gerichtet war, kein einziges davon mit dem Objektiv erwischten. Stattdessen hier einige der irrtümlich eingefangenen Bilder.

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Mit formal ganz ähnlicher Grundfläche/Rahmung ausgestattet wie das vorangestellte Lichtgedicht, wirkt dieses öffentlich zur Schau gestellte, zur Linzer Buntheit beitragende Fabrikat auf den ersten Blick, trotz christlichem Kopfschmuck, deutlich profaner. Mit vier Worten scheint alles gesagt. Der Adventszweig signalisiert rheinisch-familiäre Gastlich- und Heimeligkeit mehr als Besinnlichkeit. Dennoch lohnt es, über die Abgründe nachzudenken, die der schlichten Vokabel-Kombination, dem möglichen Befolgen ihres Rufs innewohnen: eine anregende Lyrik von bezwingender Direktheit.

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Linz wirbt für sich als „die bunte Stadt am Rhein“. Mag sein, daß es am Rhein buntere gibt als das 5000 Einwohner-Örtchen (sie werben ja auch keinesfalls mit „die bunteste…“). Gewiß firmieren unter dem Buntheitsbegriff verschiedene Vorstellungen. Für seine Größe jedenfalls ist Linz, soweit sich das in der Dämmerung erkennen läßt, durchaus erstaunlich bunt – unter deutschem Novemberhimmel hat es jede Schönheit schwer. In Linz machts die Mischung von Hübschem mit Häßlichem, Denkmalgeschütztem mit Bausünden, Mainstream-Touristenkitsch mit plötzlichen Randklüften. Der Rheinsteig verläuft mitten durch den Ort und tatsächlich sahen wir einen Outdoorbejackten, Nordicwalkingsticksbewehrten und stellten uns vor, wie seinesgleichen im Sommer klackernd, im Gänsemarsch die Fachwerkfassaden passieren. Wir passieren hingegen die sieben Stationen der Schmerzen Mariens und geraten an ein geheimnisvolles Licht, das, anders als die Weihnachtsbeleuchtung, einen interferenten Sog entfaltet: seine Frequenzen bergen Zeichenfolgen, kryptisch, schlierig, energetisch, apokalyptisch, aber auch warm und stabil gerahmt – bald wird uns klar, daß ein Gedicht in dieser Lichtquelle mitschwingt, ein sehr sehr altes, in zeitgenössischer Fassung.

Linz

Auf dem Weg zu Klaus Krumscheids und A. J. Weigonis Atelierlabor im Linzer Rheintor. Die Kölner Verkehrsbetriebe geben ihrer Kundschaft per Lautsprecherdurchsage detaillierte Anweisungen zum Einsteigen, Mitfahren und Aussteigen in und aus ihren Bahnen. Der einsetzende Weihnachtsmarktrummel machts nötig. Am Hauptbahnhof kauert ein Engel an die Wand gelehnt auf dem Fußboden: in dieser Haltung wirkt er wie ein Kontrast zu sich selbst in seinem gleißenden Weiß, mit den blonden Löckchen, den silbrig strahlenden Schwingen. Die Regionalbahn braucht rund eine Stunde bis Linz. Sie quietscht und pfeift und hält dann und wann auf offener Strecke. Die ist gesäumt von Industrien, Siebengebirgen und einem schwer zurückgezogenen Rhein. Eine Dame im Zug spricht vom Schmelzen der Gletscher: „Das ist schon beängstigend. Was machen wir denn, wenn der Rhein verschwindet?“ Erstmal die zahlreichen Blindgänger sprengen, später dann Reibach mit der neu gewonnenen Baufläche, vermutlich. In Linz ist der erste Weg der zum Fluß, der viel von seinem holprigen Schotterbett zeigt. Ein paar containerartige Schnellimbißbuden fallen ins Auge – alle mit Deppenapostrof, alle außer Betrieb. Die Fähre nach Remagen hingegen ist eifrig unterwegs. Flußufer und Städtchen sind in Linz von einer häßlichen Hochtrasse getrennt, unter der sich Parkplätze befinden – und wieder mittels einer Fußgängerunterführung verbunden, von der wir gerne wüßten, wer sie sich ausgedacht hat. Sie führt direkt auf den Rheinturm, durch dessen Tor bereits der Linzer Weihnachtsmarkt grüßt. Ä Tännschen please, heißt eine unübersehbare Saisonaktion der Geschäftsinhaber, welche die stark verfachwerkte und reichlich mit Ritterrüstungen ausstaffierte Linzer Altstadt nun auch noch mit der höchsten Tannenbaumdichte pro Quadratmeter bedenkt, die jemals in Fußgängerzonen zu sehen war. Die Außenlautsprecher des Café Leber (ob dort wirklich Leber serviert wird, konnten wir nicht überprüfen) pusten derart grausige Weihnachtstöne in die Gegend, daß wir unweigerlich den Schritt beschleunigen. Hügelan, es dunkelt bereits, treffen wir auf eine weitere Weihnachtszone mit Büdchen und einer Bühne, auf der eine frierende a cappella-Truppe schlecht ausgesteuerte Medleys anstimmt: “rote Lippen soll man küssen, au-wauwauwau…ti amo…” Flucht auch von diesem Ort. Nur bringt eine Flucht durch die Linzer Straßen einen schnell an die wenigen möglichen Ausgangspunkte zurück. Vor Erreichen derselben queren wir die Straße Auf der Donau, deren Name aber nichts mit der Donau zu schaffen haben soll. Das dort ansässige Spielwarengeschäft führt Kunstobjekte statt Spielwaren. Im Fliehen gelingen noch ein paar Fotos. Ob japanische Touristen sich so fühlen? (Linz besuchen allerdings eher spanische oder Westerwälder Touristen.) Im Rheintor-Labor, einem kleinen Raum, dessen gelbe Innenkachelung noch auf seine einstige Nutzung als Freibank weist, und der (warum auch immer) sofort die Assoziation „Beschleunigungskammer“ in uns weckt, finden sich einige Besucher. Vernissagenherumstehen, Lesung und Verkosten des lokalen Rieslings, denn es gibt welchen – auf 50° 34′ 5” nördlicher Breite nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Außerdem bekommen wir eine Führung von Bernhard Hofers Witwe Gabriele, die den Torturm (mit exzellenten Blicken auf den Fluß und den Weihnachtsmarkt) bewohnt und sich um den künstlerischen Nachlaß ihres Mannes kümmert, dessen Unkeler Kirchenfenster nun auf unserer Besichtigungsliste steht. Dann geht es noch in die kleinste Kneipe von Linz, einen sympathischen Laden, in dem zu zwei festen Terminen pro Jahr das Saustechen, ein skatverwandtes Kartenspiel, das man womöglich nur in Linz kennt, ausgetragen wird. Über dem Spieltisch hängen seit zwanzig Jahren Gäste und Mitspieler im Stile von Leonardos Abendmahl als Karikaturen arrangiert. Der Wirt besaß demnach seinerzeit einiges an äußerlichen Gemeinsamkeiten mit Saddam Hussein. Daß die Linzer, weil sie bei einem mißlungenen Überfall auf die Andernacher einst von deren Bienen vertrieben wurden, für den Bienenstich mitverantwortlich seien, wußten wir bereits. Nicht aber, daß die Linzer Strünzer das “eigentliche Kölsch” sprächen, eine Sichtweise, die jedoch außerhalb von Linz noch kaum Verbreitung fand.

Die Andernacher Bäckerjungen

Die Andernacher schlafen lange;
Im Schlafe schlägt man keinen tot;
Doch vor den Linzern weicht ihr bange
Zur Seite, weil euch Todschlag droht.

Einst hatte zwischen Andernachern
Und Linzern lange Krieg getobt;
Ihr wißt, daß mit den Widersachern
Noch heut kein Mädchen sich verlobt.

“Gesegnen wirs den Siebenschläfern!”
Hieß es zu Linz beim Morgenschein.
“Wohlauf, so soll den faulen Schläfern
Das letzte Brot gebacken sein.”

Die Rechnung ohne Wirt zu machen
Das widerrät ein altes Wort.
Denn wenn auch alles schläft, so wachen
Die Bäcker doch am faulsten Ort.

“Den Bäckern dürfen wir vertrauen;
Sie stehn, das Brot zu backen, auf;
Wenn sie den Feind von fern erschauen,
So wecken sie uns in den Kauf.”

Hierbei blieb eins nur unerwogen;
Daß Bäcker auch und Bäckerskind
Nicht aus der Ferne hergezogen,
Nein, selber Siebenschläfer sind.

Wenn sie das Brot gebacken haben,
So liegen sie davor gestreckt,
Am Morgenschlummer sich zu laben,
Wenn schon der Feind die Zähne bleckt.

Den Linzern wär der Streich gelungen,
Sie äßen Andernacher Brot,
Wenn nicht zwei fremde Bäckerjungen
Den Meistern halfen aus der Not.

Sie waren auf den Turm gelaufen
Und standen, frischen Honigs satt;
Da sahen sie den Linzer Haufen,
Der überrumpeln will die Stadt.

Doch als sie jetzt ans Stadtthor rücken,
Was war der Bäckerknaben Gruß?
Die Bienenkörb in tausend Stücken
Schleudern sie ihnen vor den Fuß.

Da stechen ungezählte Summer,
Und hundert töten einen Mann;
Gewiß, da zog die beste Nummer,
Wer noch mit heiler Haut entrann.

Die Jungen zerren an den Glocken,
Auf stehn die Andernacher Herrn;
Sie finden in die Milch zu brocken,
Doch keinen Feind mehr nah und fern.

“Wir hatten trefflich uns gebettet;
Ja, solche Wacht empfahl Vernunft;
Und hat kein Bäcker uns gerettet,
So thats die junge Bäckerzunft.”

Kommt ihr ins Thor, ihr seht inwendig
Noch heut die Bäckerjungen stehn.
Und halten sie die Wacht beständig,
Kein Linzer läßt sich leicht mehr sehn.

(Aus Karl Simrock: Rheinsagen – aus dem Munde des Volkes und deutscher Dichter. Eduard Weber`s Verlag (Julius Flittner), Bonn 1891)