Auf den Spuren Willy Brandts (2)

Digital StillCameraZur diffusen, vom Hörensagen an uns herangedrungenen Theorie, daß Orte, Straßen, Plätze, die nach Willy Brandt benannt wurden, stets von ausgesuchter Trostlosigkeit bis Häßlichkeit geprägt seien, fiel uns zuletzt angesichts der Avenue Willy Brandt in Lille/Frankreich, die mitten im Stadtzentrum von der riesigen Shopping Mall Euralille und diversen besprayten Gebäuderückseiten flankiert in ein stark befahrenes Übergangsgebiet mündet, auf, daß das Benennungskonzept, so es denn tatsächlich existiert, nicht auf Deutschland beschränkt, sondern grenzüberschreitend, womöglich einer wenig bekannten EU-Vorgabe folgend, ausgerichtet sein könnte. Was wirklich an der Theorie dran ist, können wir nur stichprobenhaft überprüfen und hier ausschließlich für Orte entlang des Rheins dokumentieren. So stießen wir in Ettlingen auf eine Willy-Brandt-Straße. Sie wird verlängert von einer vornamenlosen Schröderstraße und reiht sich in ein Straßenensemble mit Altkanzlernamen. Die ästhetische Bewertung fällt schwer. Parkplätze dominieren. Linkerhand befinden sich ein stattlicher Schulkomplex mit geometrisch betonierten Wasserflächen, sowie ein Bürogebäude mit noch mehr Parkflächen; rechterhand reihen sich durch Privatwege abgetrennte Wohnblöcke. Der Blick am Ende der Straße geht übers freie Feld in Richtung der Bundesautobahn 5.

Johanna Schopenhauer quert das Rheinland im Eilverfahren und setzt zu einigem Westfalenbashing an

“(…) In Lille ließ ich ein paar Tage von unsern Freunden wie ein verzogenes Kind mich pflegen; in Lüttich, wo keine uns bekannte Seele lebte, mußte ich zum ersten Mal seit wenigstens zehn Jahren einen ganzen Tag im Bette zubringen, weil das schnelle Reisen meine Kräfte erschöpft hatte. Dann ging es nach dem nahen Aachen. Dort verbrannte ich in einem frisch aus der heißesten Quelle geschöpften Glase Wasser aus kindischer Neugier mir die Finger und verlor darüber einen nicht kostbaren, aber mir sehr werthen Ring; weiter weiß ich für diesmal von der uralten berühmten Kaiserstadt nichts zu bemerken.

Von der vortrefflichen Kunststraße, die jetzt von Köln nach Mainz längs dem Rhein durch das Paradies von Deutschland führt, war vor fünfzig Jahren noch keine Spur vorhanden; der Weg war theils unfahrbar, theils gefährlich und in keinem Fall uns zu empfehlen. Wir wandten uns also von Aachen geradezu nach Düsseldorf, um von dort aus durch Westphalen den kürzesten Weg nach Berlin einzuschlagen, ohne das wegen seiner Düsterheit damals verschrieene Köln mit seinen dreihundert Kirchthürmen, welche die Sage der frommen Stadt zuschrieb, zu berühren.

So viel ich von Düsseldorf, das ich seitdem nicht wieder gesehen, mich erinnere, machte die Stadt einen recht freundlichen Eindruck auf mich; die berühmte, damals noch nicht nach München abgeführte Bildergallerie war die erste bedeutende, die ich seit Berlin und Potsdam, oder vielmehr überhaupt gesehen, und staunend über den Reichthum, der hier sich mir offenbarte, schlich ich langsam durch die weiten Räume, bis ich vor Rubens’ jüngstem Gerichte stand. Auch dieses weltberühmte Gemälde habe ich seitdem nicht wieder erblickt, aber den gewaltsamen, ich kann sagen fürchterlichen Eindruck, den es auf mich machte, haben die fünfzig Jahre, die seitdem verstrichen sind, nicht völlig auslöschen können.

Alle diese wunderseltsam in einander verschlungenen nackten Leiber verzweifelnder oder zu Paradiesesseligkeit entzückter Menschen, die wilden Teufelsfratzen, die holden Engelsbilder, die alle zusammen rings um das kolossale Gemälde zu einem schauerlichen Kranz sich gleichsam verflechten! ich konnte vor innerem Grauen den Anblick kaum ertragen und auch nicht mich davon abwenden. Lange hat er wachend und im Traume mich verfolgt. Ich wünsche, das Gemälde jetzt wieder zu sehen, um es in der Wirklichkeit mit dem zu vergleichen, das noch immer meiner Phantasie davon vorschwebt.

Aber wie soll ich es anfangen, um die tragikomischen, oft unüberwindlich, oft unaushaltbar scheinenden Mühseligkeiten unserer ferneren Reise durch Westphalen gebührend zu beschreiben? diese mit großen rohen Feldsteinen überschütteten Straßen, welche die Leute Chausseen nannten, auf welchen wir Tage lang uns fortschleppen lassen mußten, wollten wir nicht zur Abwechselung auf dem daneben hinlaufenden sogenannten Sommerwege bis über die Achse in Koth versinken! (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Jugendleben und Wanderbilder)

Ah quel chien de pays!, schimpft die Schopenhauer gleich im Anschluß an obigem Textausschnitt auf Westfalen und berichtet wortreich über die Unbill dieses Landstrichs. rheinsein hingegen zieht sich vornehm aus der Berichterstattung zurück und verweist Interessenten an frühem Westfalenbashing auf das Projekt Gutenberg.