Zwischenbilanz (4)

Wir nehmen diesen tausendsten Primäreintrag nach rund drei Jahren rheinsein im Internet zum Anlaß für eine weitere Zwischenbilanz. Über die fragwürdige – denn rheinsein läßt sich nicht ausschließlich über Primärposts definieren – Jubiläumszahl hinaus paßt jedoch auch ihr Zeitpunkt für kurze Rück- und Ausblicke.

Im Jahr 2011 gab es ein neues Büchlein (Das Lachen der Hühner), das sowohl als eigenständige Publikation, als auch als rheinsein-Derivat betrachtet werden kann. Für einen handgearbeiteten Gedicht-Bild-Band aus einem unabhängigen Kleinstverlag geht es ganz ordentlich übern Tresen. Wir durften rheinsein in einigen Lesungen und Vorträgen präsentieren, eine Besonderheit/Neuheit war die aus rheinsein-Material zusammengestellte Liechtenstein-Show, eine weitere unser Lehrauftrag an der Düsseldorfer Fachhochschule zum Thema „Rheinische Identität“, das die Studenten in Spoken Word-Performances umzusetzen hatten. Die Stichwortwolke, rheinseins lexikalisches Register, wuchs auf über 2600 Begriffe an. Falls wir unsere Statistiken richtig deuten, sorgt insbesondere die thematische Bandbreite für zahlreiche Seitenaufrufe. Die häufigsten bzw lustigsten Suchanfragen zusammenzustellen, verkneifen wir uns heute – vielleicht ein andermal.

Von Februar bis Juno 2012 wird rheinsein die Artikelfrequenz stark herunterdimmen. Denn wir verbringen diese Zeit aus beruflichen Notwendigkeiten am Bosporus – erhoffen jedoch, dort einen bisher noch unbekannten Rheinnebenarm zu entdecken. Zu erwarten steht nach dem bisher ca werktäglichen demnächst also vorübergehend ca ein wöchentlicher (evtl an einem festen Tag erscheinender) Neueintrag. rheinsein wird dafür insbesondere auf Gastbeiträge angewiesen sein. (Der geneigte Leser und alle hier mitlesenden Korrespondenten möge/n dies bitte als Aufforderung verstehen. Wir sammeln bereits ein wenig auf Halde.) Falls wir für die Zwischenzeit ein Bosporus-Blog einrichten, geben wir`s hier bekannt.

Im Hintergrund grummeln derweil einige noch nicht spruchreife Optionen für die zweite Jahreshälfte 2012. Was immer sich ergibt: hier wird es zu erfahren sein.

Tobelhocker

Bei 150 Jahre Zukunft fällt uns die Sache mit den Tobelhockern ein. Tobel ist eine alpenländische Bezeichnung für eine Schlucht. Es geht dabei also um Schluchtenhocker, zum Inderschluchthocken verdammte Gestalten, ein sehr lokalspezifisches Fänomen, das unseres Wissens einzig im Triesner Lawenatobel vorzufinden ist. Zwar fallen die Anfänge (auch die Gründe) des Tobelhockens ins Sagenhafte, gleichzeitig existieren in den Büchern konkrete Jahreszahlen aus der späten Ära der christlichen Hexenverbrennung und eine Furcht, die bis ins 21. Jahrhundert reicht. Das Besondere an den Tobelhockern ist, nebst ihrer Triesner Endemie, die Einzigartigkeit ihrer Leidensherkunft, da es sich beim Tobelhocken um eine (sonst nirgendwo festgehaltene) Strafe für das Denunzieren von Hexen handelt. Weswegen die Tobelhocker auch Brenner genannt werden und genau in der Schlucht ihre Strafe absitzen müssen, die in der Gegend zuvor als Hexentreff galt. Während die Hexen (wir bemühen eine moderne Vorstellung) dort einst quietschfidel quidditchend einhersausten, besteht der Fluch der Brenner darin, die Ewigkeit an selbiger Stelle gemeinsam schweigend auf Steinsitzen an einem großen Steintisch zu verbringen. Und nicht nur die Denunzianten trifft der Fluch, sondern ihre Nachfahren, auch solche durch Zuheirat, bis in die neunte Generation. Leicht vorstellbar, daß auf diese Weise bis zur Hälfte aller Triesner Familien mit dem Fluch beladen (gewesen) sein sollen.

Der bekannteste Historiker Liechtensteins, Peter Kaiser, beschrieb in seiner Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein von 1847 das Triesner Fänomen, wie er es von einem Alten als Sage erzählt bekam: „Die Brenner, welche so viele Menschen dem Scheiterhaufen zugeführt, hatten den Pfarrer von Triesen zu ihrem Opfer auserkoren. Sie traten in sein Zimmer und er, die Absicht ihrer Ankunft errathend, faßte sich schnell, holte Wein aus dem Keller und forderte sie zum Trinken auf. In den Wein aber hatte er schnell betäubendes und schlaferregendes Gewürz gemischt. Die Brenner wurden von dem Genuß des Weines bald trunken und sanken in tiefen Schlaf. Der Geistliche, diesen Umstand benutzend, entriß ihnen das Verzeichniß der Opfer, das sie bei sich führten. Er war der erste auf der Liste. Alsbald ließ er die Männer kommen, die mit ihm auf dem Verzeichniß standen und zum Feuertod bestimmt waren, machte sie mit der Gefahr bekannt und forderte sie auf, alles an Ehre und Leben zu wagen. Sie nahmen die Brenner fest, überlieferten sie der Obrigkeit und ihre Unthaten kamen zu Tage. Sie erlitten die gerechte Strafe und viele Familien, die um Ehre und Eigenthum gebracht worden, erhielten beides wieder.“ Und der Historiker merkt an: „Die Volkssage übte auch eine eigene Justiz gegen die Brenner, welche nicht gut genug zur Hölle, in ein finsteres Tobel, da, wo man zur Alp Lawena geht, gebannt sind und dort sitzen sie an steinernen Tischen stumm und starr; denn ihr Herz war auch hart, wie Stein und unerbittlich, und ihr Lügenmund ist geschlossen immerdar. Das Volk nennt sie „Tobelhocker“.“

Der heutige Volksmund variiert die Geschichte von den Tobelhockern: so hörten wir von einer Variante, bei der die Verdammten in Gletschertöpfen auf der Stelle um sich selbst zu kreiseln hätten.

Wir schließen mit einem Hinweis auf einen ausführlichen Text von Manfred Tschaikner, der dem Fänomen vor wenigen Jahren nachging und zu einigen aufschlußreichen Erlebnissen und Folgerungen gelangte.

150 Jahre Zukunft

150 jahre zukunft

Ob es sich um eine Profezeihung handelt, das vektorgestützte Ergebnis einer ausgeklügelten Berechnung oder ein lakonisches Resumée der soeben vergangenen anderthalb Jahrhunderte: die Verkündungstafel im Liechtensteiner Rheintal trifft die Stimmung der Neujahrstage.

rheinsein bei der Latinale

Gestern Abend weilten wir im Theater Rottstr. 5, einem wunderbaren Off-Theater in einem herbstdunklen Bochumer Innenstadt-Hinterhof, direkt unter bzw in einer Bahntrasse gelegen, was dem Raum ca alle halbe Stunde eine grollende, prima aufs Programm passende Erschütterung bescherte. Die Latinale, das mobile lateinamerikanische Poesiefestival, hatte geladen und so durften wir Das Lachen der Hühner erstmals auch in spanischer Übersetzung des mexikanischen Dichters Daniel Bencomo vorstellen. In Bochum übernahm Victoria Guerrero aus Peru den Vortrag des spanischsprachigen Parts, dieweil sie zwischen den lyrischen Liechtensteineinheiten, unter einer Sturmhaube versteckt (also falls sies denn selber war), aus ihren eigenen Texten las, die von Mauern handelten, vom Rimac, von Nord und Süd, arm und reich, von der Liebe und vom Tod. Die Themen des Rheins und des Rimac: besitzen (weit über Zufälle in Gedichten hinaus) reichlich Schnittmengen. Neu war aber dies: die spanische Version von Am Rhein (zum Original und einer liechtensteinischen Version geht’s hier) erheiterte Victoria mitten im Vortrag; ob der Auslöser im spanischen Reim, der exotischen Kulisse oder in der Vorstellung von einer Frau als Fisch lagen haben wir dann nicht mehr erfahren – wer weiß, in wie viele Sprachen das Gedicht, das uns, weil es zu den seltenen plötzlich-zugeflogenen gehört, recht am Herzen liegt, noch übertragen werden und welch unterschiedliche Reaktionen es in unterschiedlichen Transformationen auslösen wird. Den Abend beschloß Benjamín Moreno aus Mexiko mit einer auf Leinwand projizierten Vorführung seiner digitalen Dichtkunst. Dh, Benjamín spielte mit Wörtern Pingpong, formatierte eine Politikerrede zu neuen Lügen um, crashte so einiges an visuell-akustischem Fundus und strukturierte nicht zuletzt die Architektur eines Borges-Gedichts zum Pacman-Spiel um. Hier der Link zu Benjamíns concretoons genannten sehens- und spielenswerten Arbeiten. Die Latinale gastiert noch bis Mittwoch in NRW, heute in Köln, morgen in Bonn und übermorgen in Düsseldorf mit einer Abschlußparty mit allen Beteiligten. Genauere Informationen gibt’s auf der Latinale-Website.

Das Lachen der Hühner: Rezension (2)

In der aktuellen Juni-Ausgabe von Kultur, dem Monatsblatt für ebensolche und Gesellschaft in Vorarlberg ist eine Rezension zu Das Lachen der Hühner von Karin Jenny erschienen:

“Ein kleiner Lyrikband mit Sonetten handelt von Liechtenstein. Geschrieben von Stan Lafleur, dem Autor, der in Köln am Rhein lebt und sich den Rhein zum Bruder machte. Unzählige Veröffentlichungen erzählen von dieser Affinität. Ein möglicher Grund, warum er für einige Monate in Liechtenstein lebte und als Stipendiat der Kulturstiftung Liechtenstein seinen Blick auf das Fürstentum warf.

In dem kleinen Band „Das Lachen der Hühner“ veröffentlicht Stan Lafleur elf Gedichte/Geschichten, symbolisch für die elf Gemeinden Liechtensteins. Ergänzt werden die Texte durch Scherenschnitte von Helena Becker, die jede der elf Gemeinden Liechtensteins darstellt. Ihre Arbeiten sind losgelöst von den Texten Lafleurs entstanden und bilden einen eigenartigen Kontrast zu dessen sperrigen Texten.

„Fast keine Stimmung vorhanden. Autos parken
ein und aus. tauschen ihre schnell vergänglichen Menschen
in den Pausen dazwischen erneuert sich, ziellos, der Mittag
breiige Sonne, die mit zwei überschüssigen Strahlen die
Fahrbahn beschiesst: Softeis schmilzt auf Asfalt, die Strassen
fliessen sanft entlang an warmgestellten Einfamilienhäusern
vereinzeltes Himbeerblinken, bisweilen durchsegelt die
Luft ein ausgebleichter Geldschein. Wo liegt morgen,
wo gestern, wo heute?…“

Soviel zu Nendeln, dem Strassendorf im Liechtensteiner Unterland. Lafleur nimmt in seinen Texten die Befindlichkeit der „Fremdstauner“ auf, jener Auswärtigen, die der Tristesse dieses Strassendorfes erliegen. „Bremsspurenmandalas zieren Abzweige zu Seitenstrassen…“ Lafleur schmückt seine Sprache aus, als ob er dem Dorf dadurch einen neuen Glanz geben wollte, als ob es ihm leid tun würde, dass der Glanz nicht von selbst da ist. Die von ihm gewählte Interpunktion, die Anfänge mittendrin, das Mittendrin am Anfang verstärken die spröde Atmosphäre, die allem innewohnt. Er setzt die Syntax gegen die Form, das heisst, Lafleur geht damit über die Form hinaus. Er benutzt eine traditionelle lyrische Form „…geruch gärenden geldes“, nämlich die des Sonetts und setzt eine kritisch beobachtende Alltagssprache dagegen.

Seine Texte zu Eschen, Triesen oder anderen Orten sind nicht weniger sperrig, gleichwohl erlebt man sie als schön, wenn man es mag, dass da einer den Spagat zwischen schmückenden Wörtern und entlarvenden Gesten macht. Lafleur entlarvt, kennt kein Erbarmen und scheint doch ein Liebender zu sein, einer, der das, was er so schonungslos beschreibt, liebt.

Vielleicht ist es dieser gelungene Spagat, der diesen kleinen, von schlichten Klammern gehaltenen Band so einzigartig macht. Vielleicht ist es auch deshalb, weil Liechtenstein so schroff keiner beschreiben würde, der in dieser Rheinregion beheimatet ist. Der Rhein in diesen Breitengraden zeigt anderes als jener um Köln. Keine Erkenntnis, die vom Hocker haut – aber eine Möglichkeit, frühere Einfachheit aufzuspüren, sie heute noch zu orten und ihr eine Sprache zu geben. Lafleur schenkt Liechtenstein mit diesem Bändchen ein wunderbares sprachliches Werk, das lange nachklingt. (…)”

***

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer.

Bestellbar über den lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.
In Liechtenstein sind die Bände in den Buchhandlungen Bücherwurm/Vaduz, GMG/Schaan und Omni/Eschen vorrätig.

Preis für Besteller aus Deutschland: 9 Euro (inklusive Porto und Verpackung)
Preis für Besteller außerhalb Deutschlands: 9 Euro / 12 Schweizer Franken (plus Portopauschale)
Ladenpreis: 9 Euro / 12 Schweizer Franken

Jägerlatein im Heimathirsch (2)

Zurück von der höchst rheinisch motivierten Heimatkunde-Show Jägerlatein im Nippeser Heimathirsch. Kaum zuhause angekommen, schickte Stefan Reusch von Die Ableser, unseren Premiere-Stargästen, seinen kurz zuvor unter rauschendem Applaus vorgetragenen Kabarett-Text zum Abendthema Liechtenstein:

“Liechtenstein. Tief im alpinen Gehölze liegt die Gold- und Sickergrube Europas, ein echt scheichreiches Fürstentum: Liechtenstein.
Liechtenstein ist halb Kaufladen, halb Kuhfladen, tagtäglich kommen viele rastlose Menschen auf der Suche nach Sicherheit hierher, ihr einziger Wunsch: nix wie weg von zuhaus – stiften gehen! Sie treffen sich im Schatten des hoch aufragenden Massivs des Großen Knausers. Es sind Steuerflüchtlinge, boat people, na ja: yacht people, auf der Suche nach einer Oase, zum Anlegen. Und das kann man hier vorzüglich. Anlegemöglichkeiten so weit der Reiche äugt, das Auge reicht.
Und so kommen sie von weither aus ihrem Elend rein, ihren Ländereien, nach Liechtenstein. Hier genießt man sein Leben offen, in vollen Zügen. Motto des offenen Vollzugs: „Wer den Taler nicht ehrt, hat wohl genug davon.“
Und dann heißt es plötzlich: verdeckte Ermittler konnten verdeckte Konten ermitteln. Ja, wo ist denn da die Gerechtigkeit? Die Reichen sollen ihr ganzes Tafelsilber verscherbeln, während andere bloß den Löffel abgeben? Und damit der Staat was bauen kann, sollen die Reichen Steuern zahlen, wozu? Denn: sie brauchen doch gar keinen Staat, sie haben doch alles, Steuern zahlen, das ist ja schlimmer als zur Strafe ohne Abendbrot in die Champagnerbar, uijuijui…
In Liechtenstein, das wollen wir nie vergessen, treffen sich Leute, die von Hause aus nie eine Chance hatten, in Deutschland Wohngeld zu erhalten.
Immer stand ihnen irgendein Aufsichtsratsposten im Weg.
Und Liechtenstein hilft. Ein Zwergstaat mit wahrhaft astrognomischen Ausmaßen. Klein, aber oho! Und wenn wir leise sind, leise wie ein toter Briefkasten, also stille Post, gell, ja, dann können wir hören, wie die schwarzen Schafe gierig durchs Dunkel der Berge tappen, und hoffnungsfroh mähen: wenn du meinst es geht nichts mehr rein, kommt von irgendwo ein Liechtenstein. Mäh!”

Jägerlatein im Heimathirsch

Um Ostern begegneten wir auf unserem üblichen Nippeser Rundgang William Blask, der im Veedel in den letzten Jahren etwa 300 Gastrobetriebe initiierte. Schnell kam die Rede auf seinen neuen Club, den Heimathirsch. Der Pate bot eine Führung durch die Räumlichkeiten, die als Kulturkeller dienen sollen, an. Der Club verbirgt sich hinter einer leicht zu übersehenden Flügeltür der Mauenheimer Str. 4. Durch eine Gipshöhle geht es abwärts. Wir entern einen fensterlosen Raum mit bräunlicher 60er Jahre-Ausstattung. Das Unterteil eines angejahrten Buffetschranks dient als Tresen. Entlang der Wände karge, aber bequeme Sitzgelegenheiten. Ansonsten viel Platz zum Stehen, Tänzeln, Einherrobben etc. Der Eingangsbereich geht vermittels einer offenen Wand in den Bühnenraum über. Auf der 6-Quadratmeter-Bühne dominiert das Ledersofa, vor dem ein beiges Kuhfell ausgebreitet liegt. Über dem Sofa hängen Hirschgeweih und Wildschweinfell. Eine elektrisch ausfahrbare Leinwand für Projektionen aller Art soll noch angebracht werden. Der Pate fragt, ob wir uns in diesem Ambiente eine Literaturveranstaltung vorstellen könnten. Das allemal. Eher scheint die entscheidende Frage, ob die Nippeser das auch können.

Nun sind wir also unvermittelt (wenn auch nach all den Jahren des Aktivismus und hunderten Live-Auftritten nicht ganz wie die Jungfrau zum Kinde) im Laufe eines Spaziergangs zu einer eigenen Literaturschau “um die Ecke” gekommen. Wie langlebig sie sein wird, hängt vor allem vom Publikumszuspruch ab. Getauft wurde die Chose - passend zur Spielstätte – jedenfalls auf den vertrauenserweckenden Namen Jägerlatein. Als Botschafter vornehmlich heimatlich-rheinischer Themen in altem und neuem Lichte werden wir eigene und fremde Texte, sowie Kuriositäten zu wechselnden Themen-Schwerpunkten darbieten und jeweils ein bis zwei Gäste dazu laden.

Den Auftakt (die Premiere!) gibt es am Mittwoch, den 01. Juni mit dem Themen-Schwerpunkt Liechtenstein. Erwartet werden dürfen ua: ein Sauerkrautessen mit Alexandre Dumas, Neues über den Prometheus von Hinterschellenberg, Tipps für Schwarzgeld-Multimillionäre (falls anwesend), hymnische Verse auf die Weiblichkeit und den Straßenlärm, kniffliges Betonfrisurenraten, sowie das Unterlaufen jeglicher Erwartungen durch den Mann auf der Bühne.
Als Premieren-Gäste kommen Die Ableser, Stefan Reusch und Ismael Fischmord, mit literarischem Kabarett und wohl auch einem Liechtenstein-Text.

Das Lachen der Hühner (3)

Gestern fand die offizielle Das Lachen der Hühner-Verlagspräsentation im Rahmen des Literaturklubs im Theater „die wohngemeinschaft“ in Kölns Belgischem Viertel statt. Zunächst las Holger Hegemann aus seinem entstehenden Erzählwerk über eine jüdische Familie im Köln der 30er Jahre. Nika Bertram brachte aus den Tiefen ihrer Schubladen einen unveröffentlichten, leicht experimentell gehaltenen Text aus der Prä-Facebook-Ära, der sich mit durchcomputerisierter Zukunft, aus heutiger Sicht ergo: der Gegenwart befaßte. Dazwischen Adrian Kasnitz` legere Moderation und ein junger Singer/Songwriter namens Diar, der direkt von Myspace hinzugestoßen war. Das alles war rund und gut und hielt die schwanke Waage zwischen E und U auf genau die Art und Weise am Pendeln, die wir so schätzen. Die Präsentation des Gedichtbands war als Schlußakt der Wortbeiträge vorgesehen. Weil viele, selbst gebildete Deutsche nördlich der Bodenseeregion kaum etwas über Lage, Struktur, Einwohnerzahl etc Liechtensteins, von dem Das Lachen der Hühner handelt, wissen, ließen wir als Bühnenbild eine exzellente geografische Straßenkarte des Fürstentums projizieren. Dank modernster Beamertechnik allerdings ging die Kartenprojektion viel zu sehr in die Breite, sodaß bereits die simple Erklärung, der Zuschauer solle sich das Land nun bitte nicht ganz so ausgedehnt vorstellen, sondern in vertikaler Achse etwa um die Hälfte zusammengestaucht, beim selbstbewußten Großstadtpublikum für einige Lacher sorgte, die fortan beinahe jede Erläuterung zur Landesstruktur wie liechtensteinischen Eigenheiten und Vorhaben, völlig unabhängig davon wie ernsthaft sie vorgebracht war, begleiteten. Eingebettet in diese wie beiläufig entstandene Atmosfäre des Amusements über ein unbekanntes Exotenvolk, kam etwa die Hälfte des Bandes zum Vortrag. Die Sonette wurden, wie es hoher Dichtung gebührt, deutlich andächtiger aufgenommen. Nach dem Vortrag kam die Frage, warum wir denn keine eigene TV-Show hätten. „Ja, sieht man jetzt sowas im TV?“, lautete die Rückfrage. „Schon, aber nicht so gut.“ Was nicht ist, kann noch werden. Aus rheinsein ist ja binnen zwonhalb Jahren bereits einiges kaum Voraussehbare geworden. So wird rheinsein tatsächlich bald seine erste Show starten – vorerst nicht im Fernsehen, sondern im Heimathirsch. Wer, was, wo und wann genau das ist, verkünden wir an dieser Stelle noch zeitnah in zusammenhängenden Worten.

Der junge Rhein

Anknüpfungspunkt Liechtenstein: nebst deutschen Multimilionären, die vornehmlich zum Zwecke des Bargeld-Versteckens das Fürstentum, insbesondere seine zahlreichen Treuhänder-Tiefgaragen, aufsuchten, gab und gibt es eine, wenngleich sehr viel geringere, Anzahl deutscher Dichter, welche zum Zwecke des Verstehens und Offenbarens in den Landstrich reisten. Zu diesen Dichtern gehört Richard Pietraß, der mehrere Monate in Triesenberg logierte, einer Walsergründung, die herrliche Ausblicke auf das Rheintal liefert und wohl auch eine passable Rückzugsklause abgibt. Letzteres ist, nebst vielen interessanten Seiteneinsichten, dem Tagebuch zu entnehmen, das Pietraß über seine liechtensteinischen Erlebnisse führte. In diesem Tagebuch findet sich auch ein Gedicht über den eingedeichten Alpenrhein, das von heutiger Energie, einstiger Zerstörungswut und überhaupt dem Wesen des Flußes auf seiner liechtensteinischen Passage spricht:

Der junge Rhein

Da geht er hin, die Taschen voller Steine, braust er auf
Ein schlingernder Rebell. Die Füße wund, von Stolperrainen
Die Arme schlaff und zwangsjackenversenkt.
Er lenkt nicht ein, nur notgedrungen. Schwenkt
Und schwankt, wie vor den Kopf gestoßen. Die Bauern
Schrumpften ihn zur leergefischten Rinne.
Und fürchten ihn, den Sämann runder Steine,
Die in Rüfen niederfuhren, aufgefangen
Von Händen, nackten, bloßen und von Wuhren.
In welche seine Pegel hoher Wogen flogen.
Mir das Tal und euch die sanften Hänge
War seine brüderliche Finte. Die Tinte war noch naß.
Da schlug er übern Strang und riß sie aus, die Pfähle.
Ich bin ein Fluß und steh an keiner Stelle.
Schaff mich fließend, überfließend, wenn ich muß.
Die Siedler haßten seine Beuteseele. Riefen Gott
In grimmer Kampfeslust. Nun haben sie den Zwist gewonnen.
Eng zwängt der Rhein sich in die Siechengruft.
Der Hüftenschwung ist ihm vergangen, das Schwarm-
Herz für ein Säkel matt. Der Überschwang rebellischer
Ranküne schläft tief im Blut, im Traum vom Kindheitsbett.

(aus: Richard Pietraß – Mit einem Bein in Liechtenstein. Ein Tagebuch, Faber & Faber, Leipzig 2007)

rheinsein im Grünen Salon

Am gestrigen Abend gabs zur Walpurgisnacht mal wieder den Grünen Salon in einem heimeligen Kölner Eigelstein-Hinterhof. rheinseins Mitwirken dabei ist zu einer kleinen Tradition herangewachsen, der ein oder andere Künstler reist zu den gelegentlichen Salons nicht nur aus entlegenen Kölner Veedeln, sondern sogar aus dem Ausland an, um gestärkt mit Grillwürstchen und badischem Bier (wahlweise: Rohkost und Schaumweinen) selten zu Sehendes auf die Bühne zu bringen bzw als Publikum zu bestaunen. Diesmal sang ein Klavierstimmer, dessen Namen wir nicht mitbekamen, unter stichwortartigen Erläuterungen zum Akkordeon ein vorgebliches österreichisches Sprichwort, das in etwa lautete, daß wer dem Hund etwas Gutes tun will, ihn zu schlagen aufhört. Zur Unterstützung dieser These verfiel der Sänger in original-austriakisches Jodeln, eine rechte Seltenheit am Eigelstein. Zuvor sahen wir den litblogs-Kollegen Hartmut Abendschein, von einem Haufen modernster Technik umgeben, das pappmaché- und systemtheoretisch unterfütterte Theaterstück Die Verfolgung und Ermordung Julian Paul Assanges, dargestellt durch die Puppentruppe des Hospizes zu Gutenberg aufführen, während draußen vor der Tür seine oulipotischen Kameraaufnahmen diverser Straßenpflaster das Hofpflaster anflirteten. In diesem Kontext paßten unsere Liechtenstein-Gedichte wie die Faust aufs Auge. Das Publikum wußte wenig (”liegt das zwischen Österreich und der Schweiz?”, “da gibt es ein Schloß”) bis garnichts von Liechtenstein, ein läßliches Manko, das mit unserem Vortrag aus Das Lachen der Hühner womöglich dennoch ein wenig abgelindert werden konnte. Den Abschluß lieferte, es ging bald gegen Mitternacht, ein musikalischer Beitrag von Gastgeberin Christina Messner, den wir, wegen Überfüllung der Ränge vor der Tür verblieben, nur in auslaufenden Schallwellen mitbekamen.
Festzustellen bleibt, daß das Thema Liechtenstein in Köln (zumindest außerhalb der Kreise von Schwarzgeld-Multimillionären) noch klaffende, poetisch-aufklärerisch zu füllende Lücken bietet, die wir bei unseren unmittelbar nächsten Auftritten in weiteren Kölner Veedeln tatkräftig angehen werden.