Xanten

Von den 35, 36, 37 offiziellen, auf engstem Raum versammelten Sehenswürdigkeiten Xantens ist der Dom Sankt Viktor mit Douvermanns psychedelisch-mystischer Marien-Predella die sehenswerteste, das sogenannte Pesthaus (ohne jeden Pestbezug) die charmanteste, der Rest dazwischen von eher mittlerer Einprägsamkeit. Alles in allem macht der niederrheinische Himmel hier die Musik, er drückt und strahlt und weitet diesen Winkel Erdenrund Richtung Kosmos, außerhalb des Städtchens wölbt er sich von Horizont zu Horizont über die metallische Schlinge des verzweifelt nach Endlichkeit gierenden Rheinstroms, der zwischen gigantischen Maulwurfshügeln davonflieht, die burgengleich aus den ewigen simpel gestrickten Feld-, Weide- und Wiesenteppichen ragen. Der niederrheinische ist seit jeher an die holländischen Himmel gekoppelt, lange vor Inkrafttreten des Schengener Abkommens wurden ihre berühmten Farben über die Grenze geschmuggelt und als ortsnotorische Blaupalette etabliert: Schieferblau, Kornblumenblau, Dunkeltürkis, Schönwetterblau, Schwindligblau, Tiefhimmelblau, Radioaktivblau: Farbtöne, die ihren betörenden Sinn nebenbei auch beim Verdauen des regionaltypischen Frühstücks offenbaren wie es im Train-Stop am Xantener Bahnhof serviert wird: Trockenes Brötchen, Portion Sahne, Brühwurst, einen Apfel – für sagenhafte Zweieurosechzich.
Um das winterliche Xanten herum: tausende dumpf vor sich hintrötender Wildgänse, bisweilen bohren sie sich als ruckende Keile in verrutschte Himmelsteile oder trauern am bereiften Grund mit den Grünkohlbüscheln. Nix von Siegfried und den Nibelungen außer Fake und angestrengter Fantasie: Lidlungenpaläste vor den Toren ersetzen nicht die literarische Tiefe ihrer mythischen Vorgängerbauten, der Kampf ums Dasein zwischen niederen und höheren Angestellten vor Überlebensmittelsortimenten ist allenfalls schwacher Abklatsch großer historischer Schlachten, das ganze Gelände, das dem Vernehmen nach auf Menschenblut stehen müßte, macht einen äußerst drögen Eindruck, einzelne Kraftfahrzeuge stören, wo die Gänse erstmal schweigen, gelegentlich die umgebende Stille: sie besitzt eine besondere Note nie zur Gänze gereifter Heiligkeit. Reichtum und Überfluß des Xantener Hofs, so wie im Nibelungenlied vorgestellt ergo kaum mehr nachvollziehbar in dieser behäbigen Landschaft mit ihren vereinzelten Pappelgruppen und der großen, ständigen, höchstens alle Jubeljahre erfüllten Hoffnung, daß flauschige Schafe aus dem leuchtenden Himmelsgebreite sinken, um unter geräuschlosem Aufprall, seifenblasenähnlich, die Szenerie zu vervollständigen. Das Land ist wild, das Land ist stumm, man treibt sich leidlich dort herum.