Der Rhein

Du heil`ger Strom, gebenedeiter Strand,
Wo ist ein Deutscher, der nicht frommen Dranges,
Ein andachtglüh`nder Pilger an dir stand?
Wo ist ein Schwan germanischen Gesanges,
Deß Flügelschlag nicht über dir gerauscht,
Der nicht dem Säuseln deines Schilfs gelauscht,
Der nicht gewiegt sich auf dem deutschen Ganges?

Du bietest allen deinen Friedenskuß,
Den Landen rings, der Berge blauen Reigen;
Naht nicht mit Euren Schwertern diesem Fluß,
Laßt Eure Fahnen tief sich vor ihm neigen!
Auf dieser Wasser stillem Bette ruht
Des Volkes Stolz – zum Pfühl dient ihm die Fluth
Erweckt ihn nicht, antastet nicht sein Eigen!

Er ruht und träumt-, der Wellen Schlummerlied
Hat eingewiegt den blondgelockten Recken;
Des Wasserspiegels wallend Nebeln zieht,
Des Kaiserlichen Träumers seidne Decken;
Wer will ihm rauben, was er theu`r erkauft,
Was er mit blut`gen Weihungen getauft,
Wer wagts, aus seinem Schlummer ihn zu schrecken?

Der Fluß ist sein! Aus dieser Schale trinkt
Der deutschen Liebe und der Sehnsucht Taube,
Umher in duftigem Gewinde blinkt
Des deutschen Weines feu`rdurchglühte Traube,
Und wo die hohen Kathedralen steh`n,
Versteinte Siegsgesänge der Ideen,
Da wohnt der deutsche Friedensfürst, der Glaube.

Horch, wie den Strom das Läuten überklingt!
Hell singend kommt die Wallerschaar gezogen,
Im leichten Kahn, der mit dem Schaume ringt,
Von blüh`ndem Kranz und weh`ndem Band umflogen;
Auf morschem Erker zagend lauscht das Reh,
Vom Ringeltanz ins Dickicht schlüpft die Fee -
Das ist der deutsche Rhein, das ist sein Wogen!

Der deutsche Rhein! Seit aus des Epheus Blühn
Die grauen Burgen sonnig niederschauen;
Seit vielgethürmte große Städte kühn
Mit ihren Zinnen seine Wellen stauen;
Seit auf der Männer Stirn, ein Paraclet,
Flammenden Hauches der Gedanke steht,
Die stille Andacht auf der Stirn der Frauen:

Seit durchs Portal von diesen Felsenhöh`n
Der neuen Aera Morgengluth gedrungen,
Und unter ihm, in Heller Glorie Wehn,
Der Karol Magnus sein Panier geschwungen;
Seit in den Blenden, überwiegt von Grün,
Wie sinnend grüßende Gestalten blüh`n,
Roland, Fastrade und die Nibelungen;

Seit, dessen Herrlichkeit die Welt umspannt,
Der Barbarossa thronte zu Gerichte,
Als Reichskleinod die Erde in der Hand:
Seit Eschilbach, der Kaiser im Gedichte,
Die goldnen Klänge alter Melodein,
Zur Krone sich verflocht, ist dieser Rhein
Pulsaderstrom germanischer Geschichte.

Sie hütet still und ernst ihr Eigenthum,
Indeß der Dichtkunst Arme sie umranken;
Zu beider Füßen ruht der deutsche Ruhm,
Ein grauer Löwe mit gewalt`gen Pranken,
Der an der Milch der Schlachten aufgenährt,
Den blut`gen Flamberg hütet und das Schwert,
Das wir geschweißt aus ehernen Gedanken.

Derselbe, der den Libanon durchschritt,
Vom Zorn blutgier`ger Feinde wild umschnoben,
Der einst Byzanz und Accon niederstritt,
Der Roma`s Aar ins Banner sich gewoben;
Der grimmig hingestreckt auf seinem Schild,
Dalag in dem Roncalischen Gefild`,
Der Pranken Trutz gen Mailand aufgehoben:

Vor dem Sicllien und das welsche Land
Wie vor des Aetna`s Flammenguß gezittert,
Der von der Seine grünem Hügelland`
Bis zur Loire neulich noch gewittert;
Derselbe Leu: und donnernd tönt sein Ruf:
Weh` über euch, wenn Eurer Rosse Huf
Das Ufer meines Rheines nur erschüttert!

(Levin Schücking, 1840)

Der Führer am Rhein

Von einem fleißigen Leser auf die Existenz eines Fotos von Adolf Hitler mit Rhein aufmerksam gemacht worden. Im Internet war es denn auch vorhanden und bald aufgetrieben, ein fantastisches Bild, nebenbei. Zunächst jedoch spuckte Google einen verheißungsvollen Buchtitel aus – Adolph (sic!) Waldeck: Der Führer am Rhein von seiner Quelle bis zur Mündung. Ein Handbuch für die Freunde der schönen Natur, der Kunst und des Alterthums, mit ausgewählten Balladen und Liedern, Bonn 1844. Eine kleine Mogelpackung. Die ersten, dem Autor wenig bedeutenden Rheinkilometer bis Mainz, werden in gefühlten siebeneinhalb Sätzen abgehandelt, die ebenfalls unbedeutenden Kilometer ab Düsseldorf in ähnlicher Manier. Zuhauf jedoch finden sich die versprochenen Balladen und Lieder, speziell mit historischen Bezügen auf den fokussierten Flußabschnitt, nicht selten schwerfällig anmutende Dichtung zur Hochzeit der Rheinromantik, welche meist Sagenstoffe bündelt. Levin Schückings bildungsbürgerliches Rheinlied macht den Auftakt und enthält ein paar Gran ebenjenes wuchtigen deutschen Ernsts, der Heine mit dazu veranlaßte, dem Volk sein Drittes Reich samt Desaster weiszusagen. Uhlands Straßburger Münstersage wirkt dagegen leichter, mit ihren verwunderten wechselgereimten Vierzeilern. Wolfgang Müllers trutzig-düstere Ballade von „der nächtlichen Erscheinung zu Speier“, gemeint ist die Wiederkehr der alten Kaiser: heute verfaßt, würden solche Zeilen als jene krude Mischung aus Esoterik und Nationalbewußtsein abgetan, die vor rund 80 Jahren in höchster Blüte standen. Fortan fällt in jedem zweiten Lied/Gedicht das Reimpaar Rhein/Wein. Rückert bereimt sauber „Die goldene Luft“, ein einst pestfrei gebliebenes Mainzer Sträßchen, flott sogar sind Kopischs (des Heinzelmännchendichters) Verse über den angeblich wegen niederer Standesherkunft angefeindeten, klugen Bischof Willegis. Adelheid von Stolterfoth äußert sich launisch zu Frauenlobs Tod. Simrock vervierzeilert die Sage von der schönen Gisela und Hans von Brömser, ihrem Vater, „dem Erbauer des Klosters Nothgottes, der auf dem Kreuzzug unter Conrad III. in Palästina nach glänzenden Waffenthaten in Gefangenschaft gerieth“, die Nebenflüße kommen zu Ehren und immer wieder erinnern die Strofen an mehr oder minder solide gemachte Promotion für eine Gegend, in der betuchtere Ausländer seit Mitte des 19. Jahrhunderts darob das deutsche Wesen zu finden hofften, mit Ausläufern bis in die Gegenwart.