Nachmittag in Neviges

Vom Bahnhof führt Kopfsteinpflaster
zum Neanderlandsteig,
der dort von Maisstauden
in Höhe des 22. August
flankiert wird. Diese Pflanze
nährt viele Menschen vor allem
in Afrika und Lateinamerika,
während sie hierzulande
seit über vier Jahrzehnten
(ursprünglich von Kolumbus
nach Europa gebracht)
hauptsächlich Rinder füttert
oder als Energie für Biogas
gesamtpflanzenverwertet wird.

Rascheln eines Buchenwaldes
himbeerstrauchunterstanden
hummelumbrummt,
an Blüten fleißende Bienen sind
die augenblickliche
Zeitlosigkeit / Eigenzeitlichkeit der Natur.

Und ein Zitronenfalter.
Da Vinci mit seinen Flugexperimenten
hätte es sich kaum träumen lassen,
dass einmal Passagiere für 19 €
über ganz Europa fliegen.

Die menschliche Geschichte hat hier
neben vielem anderen
Reformation und Gegenreformation gesehen.
Um die evangelische Stadtkirche
kreist seit Jahrhunderten ein Ring von Fachwerkhäusern.
Nach katholischer Historie sprach 1676
die Heilige Maria zu dem Dorstener Franziskaner Antonius Schirley,
sie möchte beim Hardenberg verehrt sein,
und sie werde einen Kranken heilen.
Pater Schirley sandte das Marienbild den Nevigeser Franziskanern.
Darauf wurde ein kranker Bischof gesund und dankte mit einer Wallfahrt.
Der heutige Mariendom
architektonisch symbolreich
von Gottfried Böhm entworfen,
wurde 1968 eingeweiht.
Eine Jahreszahl, epochal vielschichtig gewichtet.

Mais, Rinder, Bäume und Bienenvölker,
haben sie eigene kollektive Erinnerungen?

(Ein Gastgedicht von GrIngo Lahr)

Linz

Auf dem Weg zu Klaus Krumscheids und A. J. Weigonis Atelierlabor im Linzer Rheintor. Die Kölner Verkehrsbetriebe geben ihrer Kundschaft per Lautsprecherdurchsage detaillierte Anweisungen zum Einsteigen, Mitfahren und Aussteigen in und aus ihren Bahnen. Der einsetzende Weihnachtsmarktrummel machts nötig. Am Hauptbahnhof kauert ein Engel an die Wand gelehnt auf dem Fußboden: in dieser Haltung wirkt er wie ein Kontrast zu sich selbst in seinem gleißenden Weiß, mit den blonden Löckchen, den silbrig strahlenden Schwingen. Die Regionalbahn braucht rund eine Stunde bis Linz. Sie quietscht und pfeift und hält dann und wann auf offener Strecke. Die ist gesäumt von Industrien, Siebengebirgen und einem schwer zurückgezogenen Rhein. Eine Dame im Zug spricht vom Schmelzen der Gletscher: „Das ist schon beängstigend. Was machen wir denn, wenn der Rhein verschwindet?“ Erstmal die zahlreichen Blindgänger sprengen, später dann Reibach mit der neu gewonnenen Baufläche, vermutlich. In Linz ist der erste Weg der zum Fluß, der viel von seinem holprigen Schotterbett zeigt. Ein paar containerartige Schnellimbißbuden fallen ins Auge – alle mit Deppenapostrof, alle außer Betrieb. Die Fähre nach Remagen hingegen ist eifrig unterwegs. Flußufer und Städtchen sind in Linz von einer häßlichen Hochtrasse getrennt, unter der sich Parkplätze befinden – und wieder mittels einer Fußgängerunterführung verbunden, von der wir gerne wüßten, wer sie sich ausgedacht hat. Sie führt direkt auf den Rheinturm, durch dessen Tor bereits der Linzer Weihnachtsmarkt grüßt. Ä Tännschen please, heißt eine unübersehbare Saisonaktion der Geschäftsinhaber, welche die stark verfachwerkte und reichlich mit Ritterrüstungen ausstaffierte Linzer Altstadt nun auch noch mit der höchsten Tannenbaumdichte pro Quadratmeter bedenkt, die jemals in Fußgängerzonen zu sehen war. Die Außenlautsprecher des Café Leber (ob dort wirklich Leber serviert wird, konnten wir nicht überprüfen) pusten derart grausige Weihnachtstöne in die Gegend, daß wir unweigerlich den Schritt beschleunigen. Hügelan, es dunkelt bereits, treffen wir auf eine weitere Weihnachtszone mit Büdchen und einer Bühne, auf der eine frierende a cappella-Truppe schlecht ausgesteuerte Medleys anstimmt: “rote Lippen soll man küssen, au-wauwauwau…ti amo…” Flucht auch von diesem Ort. Nur bringt eine Flucht durch die Linzer Straßen einen schnell an die wenigen möglichen Ausgangspunkte zurück. Vor Erreichen derselben queren wir die Straße Auf der Donau, deren Name aber nichts mit der Donau zu schaffen haben soll. Das dort ansässige Spielwarengeschäft führt Kunstobjekte statt Spielwaren. Im Fliehen gelingen noch ein paar Fotos. Ob japanische Touristen sich so fühlen? (Linz besuchen allerdings eher spanische oder Westerwälder Touristen.) Im Rheintor-Labor, einem kleinen Raum, dessen gelbe Innenkachelung noch auf seine einstige Nutzung als Freibank weist, und der (warum auch immer) sofort die Assoziation „Beschleunigungskammer“ in uns weckt, finden sich einige Besucher. Vernissagenherumstehen, Lesung und Verkosten des lokalen Rieslings, denn es gibt welchen – auf 50° 34′ 5” nördlicher Breite nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Außerdem bekommen wir eine Führung von Bernhard Hofers Witwe Gabriele, die den Torturm (mit exzellenten Blicken auf den Fluß und den Weihnachtsmarkt) bewohnt und sich um den künstlerischen Nachlaß ihres Mannes kümmert, dessen Unkeler Kirchenfenster nun auf unserer Besichtigungsliste steht. Dann geht es noch in die kleinste Kneipe von Linz, einen sympathischen Laden, in dem zu zwei festen Terminen pro Jahr das Saustechen, ein skatverwandtes Kartenspiel, das man womöglich nur in Linz kennt, ausgetragen wird. Über dem Spieltisch hängen seit zwanzig Jahren Gäste und Mitspieler im Stile von Leonardos Abendmahl als Karikaturen arrangiert. Der Wirt besaß demnach seinerzeit einiges an äußerlichen Gemeinsamkeiten mit Saddam Hussein. Daß die Linzer, weil sie bei einem mißlungenen Überfall auf die Andernacher einst von deren Bienen vertrieben wurden, für den Bienenstich mitverantwortlich seien, wußten wir bereits. Nicht aber, daß die Linzer Strünzer das “eigentliche Kölsch” sprächen, eine Sichtweise, die jedoch außerhalb von Linz noch kaum Verbreitung fand.

Handelt es sich bei Leonardos Elefanten um Rheinelefanten?

In Leonardo da Vincis Bestiarium findet sich ein Eintrag über den Elefanten, der, so wie er gehalten ist, speziell den Rheinelefanten meinen dürfte; allein, die Wissenschaft sammelt noch (über die Flußaffinität und das Drachenvorkommen hinaus) Indizien für diese These.

“62. Der Elefant
Der große Elefant hat von Natur aus, was sich selten bei Menschen findet, nämlich: Ehrlichkeit, Klugheit, Gerechtigkeitssinn und Gehorsam im Glauben; denn sobald der Neumond wiederkehrt, begeben sich die Elefanten zum Fluß und waschen und reinigen sich in ihm feierlich; indem sie so den Mond begrüßt haben, kehren sie in die Wälder zurück. Wenn sie krank auf dem Rücken liegen, werfen sie Gras zum Himmel, so als wollten sie opfern. Sie vergraben ihre Zähne, wenn sie ihnen vor Alter ausfallen. Von den beiden Stoßzähnen benutzt der Elefant den einen, um Wurzeln auszugraben, von denen er sich ernährt; vom andern bewahrt er die Spitze zum Kämpfen. Wenn Elefanten von Jägern bezwungen werden und Müdigkeit sie überfällt, schlagen sie einander die Stoßzähne ein, reißen sie heraus und kaufen sich mit ihnen frei. Sie sind barmherzig, und sie erkennen Gefahren. Trifft ein Elefant einen Menschen allein und verirrt, bringt er ihn gern auf den verlorenen Weg zurück. Findet er die Fußspur eines Menschen, ehe er den Menschen selbst sieht, fürchtet er einen Hinterhalt; daher bleibt er stehen und trompetet den anderen Elefanten seinen Fund zu; daraufhin sammelt sich die Elefantenherde und geht vorsichtig davon; sie ziehen immer als Herde: der älteste Elefant geht voran, der zweitälteste als letzter – so leiten sie die Herde. Sie sind äußerst schamhaft, so daß sie sich nur bei Nacht und im Verborgenen paaren und erst dann zur Herde zurückkehren, wenn sie sich im Flusse gewaschen haben. Sie kämpfen nicht um ihre Weibchen wie andere Tiere. Sie sind so barmherzig, daß sie von Natur aus jenen ungern Schaden zufügen, die weniger stark sind als sie selbst. Gerät ein Elefant unterwegs in eine Schafherde, so schiebt er die Schafe mit seinem Rüssel beiseite, um sie nicht mit den Beinen zu zertrampeln. Sie fügen keinem ein Leid zu, außer, sie werden herausgefordert. Ist ein Elefant in einen Graben gestürzt, so füllen andere den Graben mit Zweigen, Erde und Steinen aus, indem sie auf diese Weise den Boden erhöhen, und der Elefant leicht wieder herauskommt. Sie verabscheuen das Gequietsche der Schweine so sehr, daß sie zurückweichen und mit ihrem Getrampel Schaden anrichten, der für sie nicht weniger groß ist als für ihre Feinde. Sie lieben Flüsse und wandern immer an ihnen entlang; aber wegen ihres großen Gewichts können sie nicht schwimmen. Sie fressen Steine, und Baumstämme sind ihnen eine besonders willkommene Speise. Sie hassen die Ratten. Die Fliegen lieben ihren Geruch; wenn sie sich aber auf seinen Rücken setzen, runzelt der Elefant seine Haut und tötet sie zwischen den zusammengepreßten Falten. Wollen Elefanten Flüsse durchqueren, stellen sich die Jungen in Richtung des Gefälles des Wassers, und da sie selbst gegen den reißenden Strom stehen, brechen sie den einheitlichen Lauf des Wassers, daß die Strömung sie nicht mitreißen kann. Der Drache wirft sich unter den Leib des Elefanten, sein Schwanz windet sich um dessen Beine, mit den Flügeln und Krallen umspannt er seine Rippen und mit den Zähnen durchbeißt er ihm die Kehle; der Elefant fällt auf den Drachen, und der zerplatzt: so rächt er sich an seinem Feind noch im eigenen Tod.”

(aus: Leonardo da Vinci – Der Nußbaum im Campanile, herausgegeben von Isolde Rieger, München 1989)