Dielhelms Hinterrhein

“Der Hintere= oder Nieder=Rhein, lateinisch Rhenus Posterior, sammlet sich in dem Vogelberge aus einem Gletscher, oder Eisberge, der sich über zwey Stunden weit erstreckt. Er fließt aber unter dem Moschelhorn / von der Alp zum Port in vielen Bächen hervor und stürzet sich in einen sehr tiefen Schlund hinab. (Anm.: es ist, als würden die Berge überschwappen, als gäbe es dort oben, hinter bzw unterhalb der sichtbaren Kante Rheinwasserbecken mit geheimen Durchstichen in die belebbare Welt. Dazu verbreitet dieses Wasser überirdisches Rauschen. Dielhelm beschreibt hier äußerst profan und vermutlich nicht aus eigener Anschauung. Wer hat je die Rheinquellen gesehen und welchen Gewährsleuten wird geglaubt?) Es läuft dieser Rhein erstlich gegen Mittag, hernach gegen Morgen, wohl drey bis vier Stunden von seinem Ursprunge bis zum ersten Dorfe Hinter=Rhein (Anm.: heuer passiert er zuvor noch die gelangweilte Schildwache der Schweizer Armee und dieses Dorf Hinterrhein, auch wenn es einen Begriff von Asfalt, Motorfahrzeugen und womöglich sogar Internet hat, strahlt etwas seltsam (da unangemessen) abgeschiedenes aus, wirkt wie hingemalt und dann in der Moderne stehengelassen, heißt, es mischen sich die natürlichen Elemente Kuhglockensinfonie, Instalgeducktsein, granitne Verwachsenheit mit den Kompositionen des Paßstraßenbaus, der Elektrizität und des Schweizer Wahlrechts); eh er aber dahin komt, fliessen von der linken Seite hinein die Theiltobelach, die Weißbach / die Marsinbach / und die Steinbach / von der rechten Seite aber die Moselbach (Anm.: oder auch andere, mehrere, anderen oder gleichen Namens). Wenn er das Dorf Hinter=Rhein oder zum Rhein zurück gelegt hat, nimmt er in einer S und Wegs davon die Kirchalpenbach, Cadariolerbach und Saltmannsbach ein (Anm.: siehe letzte Anm.). Nach Einnehmung dieser Bäche gelanget der Hinterrhein auf Nuffenen, wo ihm in Zeit von einer halben Stunde abermals die Tellenbach, Reierbach, Praschelbach, Heinisbach, und Fuchstobelbach zufliessen. Unterhalb dieser Zuflüsse, bey dem Dorfe Ebene, oder Planura / empfängt der Rhein die Böbacher Bach / zur Linken aber die Mühlbach. Hierauf fliesset er nach Medels und in einer halben Stunde nach Splügen. Splügen, lateinisch Speluca, und vor Zeiten Tarvesedun und Trinnetia genant, ist ein vornehmer Flecken und Niederlage in dem sogenanten Rheinwalde, wenn man von Chur über den Vogelberg und den Urschler Berg in Italien reisen will, und sind dessen Einwohner alle deutsche Lepontier. Allda fliesset das Splüger Wasser, und die Wüterichbach / welche oft grossen Schaden thut, in den Rhein hinein. Hierbey ist zu merken, daß das Thal, welches sich von dem Ursprunge bis hierher ziehet, der Rheinwald heisset. Unter Splügen krümmet sich der Rhein gegen Südost, und läßt auf linker Seite das zerstörte Schloß zur Burg, und das Bergdorf Suffers liegen. In der Bergenge Rufeln stürzet sich der hintere Rhein, so bis dahin durch den Rheinwald ziemlich zahm gelauffen ist, über entsetzlich jähe Felsen hinunter, und formiret mitten im Walde bey der hohen Brücke einen gar schönen Wasserfall, worinnen man einen Regenbogen siehet. Von dannen wendet sich der Rhein gegen Norden, bald aber wieder gegen Osten, eh er noch in das Schamser Thal komt. Bey dem Dorfe Ander empfängt er sodann einen Zufluß, und geht zur Rechten an dem zerstörten Schloße Bärenburg hin. In dem Schamser Thal nimt er auf jeder Seite drey Bäche zu sich, daher auch dieses Thal den Namen Vallis Sexamina bekommen. Auf der Rechten liegen darinnen die Dörfer Ander, Zillis, und auf der Linken das zerstörte Schloß Castellatsch, nebst den Dörfern Clugin und Danet. An dem Ende dieses anmuthigen Schamser Thals unter der steinernen gewölbten Brücke, fängt der böse Weg, lat. via mala an, welcher nicht allein eine beschwerliche, sondern auch eine höchst gefährliche Straße ist. Denn dieselbe geht über ein grausam wildes und hohes Gebürge, so hin und wieder an vielen Orten in die harten Felsen eingehauen, welche felsigte Berge durch unterschiedene Brücken in entsetzlicher Höhe sehr schlecht aneinander gehängt werden, unter welchen der in der Tiefe fliessende Rhein mit ganz ungestümmen Rauschen fast immer Wasserfälle machet, und an manchen Orten drey, vier, bis fünf Klaftern tief, mit grossen Gestöß sich über die wilden Felsen und Klippen hinabstürzet. Welcher Anblick von diesen liederlichen Brücken sonderlich der übermäßigen Höhe wegen, einem Reisenden Furcht und Schauer verursachet, und es währen diese Wasserfälle bis zu dem Dorfe Roncaglia / ja bis ins Domleschger Thal beständig fort. (Anm.: ja, damals, als Bouldern noch kein Trendsport war.) Nachdem der hintere Rhein in dieses Thal eingedrungen ist, begiebt er sich auf Tusis, einen schönen Marktflecken. (Anm.: und den ersten, den Dielhelm menschlich zeichnet. Immerhin sind die ersten Rheindörfer ja allesamt bewohnt, von Menschen und Tieren teils außergewöhnlicher Gestalt. Dennoch wird über die Bewohner dieser Orte kaum ein Wort verloren, bei Spescha, später, werden zu jedem Dorf wenigstens Ethnie und Konfession genannt – und vielleicht ist das ja auch tatsächlich schon alles, was über die Rheinursprungsanwohner bekannt werden sollte, denn wenn ich Tuor richtig lese, scheint einiger Wahnsinn in den Bergmenschen und der sie umhüllenden und bedrückenden Natur zu brodeln.) Er liegt in dem obern Graubündten, an der Landstraße nach Italien, und zwar an des Rheins linken Ufer fünf Stunden oberhalb Chur. Von den Lateinern wird dieser Ort Tuscia, oder Tusciana vicus, oder Tusanna, statt Toscana, genant. Er hat seinen Ursprung von den Tußciern, oder Toscanern, den alten Einwohnern des heutigen Großherzogthums Toscana, welche durch die Gallier vertrieben worden, alsdann eine sichere Wohnung in den Gebürgen gesucht, und sich anfänglich allda niedergelassen, selbigen Ort erbauet, und nach ihres verlassenen Vaterlandes Namen Tuscia genennet haben. Anfangs war der Ort vermuthlich mit Ringmauern umgeben, so aber nach der Zeit zerstöret, und nicht wieder aufgerichtet worden. Indessen findet man allda noch stattliche Gebäude, auch ist daselbst eine berühmte Niederlage von Kaufmannsgütern, und ein gewöhnlicher Wochenmarkt, so mit großem Zulauf des Volks gehalten wird. Im Jahr 1727. brannte dieser Flecken bis auf einige Häuser völlig ab. (Anm.: heute steht er bekanntlich wieder, sogar ein paar Hochhäuser hat Thusis ins Tal gepflockt, die aus dem Boden ragen wie Versuchsanordnungen, die man nach zwei drei Fehlschlägen vergessen hat wieder mitzunehmen.)”

Ils reins

Leo Tuor, der romanisch schreibende Autor aus der Surselva, hat die ganzen historischen Rheinstellen gelesen, Caesar, Seneca, Spescha, Hölderlin natürlich, nur den seltenen Dielhelm vielleicht nicht. Als Bergler versteht er in seinem Essay „Ils reins“ die gewachsene und weiter wachsende Berg-, Tal-, Bach- und Flußnomenklatur des Vorder- und Hinterrheins zu entwirren, sich gleichzeitig tief ins System der Täler zu begeben, wo bei Wetterumschwüngen jeder automatisch in die Irre gerät und, um sie zu bannen, um zu überleben, ein paar passende Worte zur Hand haben muß; denn die Natur wechselt unaufhaltsam ihre Positionen, Täler und Flüsse verschieben sich oder verschwinden, Regionen dehnen sich aus und ziehen sich zusammen, Wälder wandern und dünnen aus, erweitert um Prozesse aus Beton, also Wall- und Schanzarbeiten, und erstmals lese ich ernsthaft bestätigt, deutlich ernsthafter als bei Spescha, was ich droben bei den Quellen empfand: sie festlegen zu wollen sei grober Unfug, Wasser sei nun mal nicht festzulegen, Tuor redet beim Rhein von hunderten Flüssen, und davon, daß niemand wisse, wer der Rhein sei, weil er ein Zauberer sei, ein Meister der Verwandlung. Ich empfand die Quellszenerie als touristisch unbeachtetes Weltwunder und die prächtigen Fortbewegungsarten des entspringenden Wassers als Stilmittel der größten Erzählung überhaupt, die Zeit und Raum überbrückend im selbsterzeugten Rauschen aufgeht. Tuor gesteht dem Rhein 12000 Verlaufskilometer zu und meint vielleicht eine Addition seiner Seitentäler plus seiner historischen, wie Krampfadern aus der Landschaft gezogenen Windungen, vielleicht auch der Flüße unter dem Fluß. Tuor bezeichnet die Bergwässer als Drachen, dessen Zungen bis unter die Gletscher und weiter hinein in die Dunkelheit reichen und zitiert zur Sicherung den Engadiner Durich Chiampell mit einem Notat aus dem 16. Jahrhundert: „Obwohl unser hochgebirge mit ewigem schnee bedeckt ist, hatt dasselbe dennoch viele sonnige Felspartien, höhlen, gegen mittag geöffnet, wo der lintwurm sich gerne aufhält und nach art der schlangen und eidechsen an der sonne liegt.“ Auch berichtet Tuor von einem frühmorgendlichen Gang durchs dunkle neblige Gebirge, als er plötzlich im Schein seiner Lampe zwei gelbe Augen antraf, die (meine sofortige Vermutung: „der böse Anogl“ weder bestätigend noch verwerfend) womöglich nur einem Fantasma gehörten, das ihn immerhin an Don Cirongilio de Thracias Kampf mit der Wasserschlange erinnerte; es gibt im Dunkeln, unter Wasser und hinterm Fels diese anderen Tiere, frühe Schriften bezeugen das, und wer lange genug dem Rheinrauschen lauscht, differenziert darin auch die Botschaften solcher kryptischen Spezies. Steinige und plätschernde Elemente der romanischen Sprache bringt Tuor in seinem abschließenden Statement besonders zum Klingen: „Sco ei ha entschiet, aschia cala ei: Ina aua en pliras auas, dapertut e negliu. Inagada alvas e blauas. Sereinas ni neras els lags. Aur tgietschen ellas palius. Sgurghigliem verd e bugliadetsch. Spema, ramur, mar.“

Der Essay „Ils reins“ findet sich im Bildband: Der Rhein – quellnah. Fotografien von Catja Rauschenbach – ein Jahreslauf, u.a. mit Essays von Wolfgang Mörth, Hansjörg Quaderer, Leo Tuor, herausgegeben vom Bündner Naturmuseum Chur, Küefer Martis Huus Ruggell und Museum Rhein-Schauen Lustenau im Alpenland Verlag

Auf der Alp

Im Original auf Surselvatisch („els seigien schwaledi“), einer knorrigen zischenden rätoromanischen Bergsprache, verfaßt ist Leo Tuors kräftige Saga um Giacumbert Nau, einen Bündner Hirten und sein verfluchtes einsames Alplerleben. Da geht es um den ruhelosen funkenstiebenden Schimmel der Blengias Alp, den Giacumbert ersehnt zu sehen, denn der Erfahrung nach stirbt, wer den Schimmel erblickt, im Laufe eines Jahres. Da werden Hiebe auf die Leser des Schweizer Boulevardblattes Blick verteilt, die die Sensation lieber lesen, als sie zu leben. Da stemmt sich Giacumbert entlegene Anstiege empor, weigert sich für verlorene Tiere dumpfer Bauern in rasch zu reißenden Fluten geschwollenen Bergbächen zu ertrinken, spürt fernab der Menschheit den Modersumpf seines Fleisches, seine Seele ein zerrissenes Spinnweb: „Der Regen prasselt auf seinen Rücken. Das Blut quillt aus den Nüstern, verschmiert das weisse Maul, besudelt die Axt. Giacumbert seufzt, nimmt das Messer und schneidet die Kehle bis auf den Knochen durch. Das Blut sprudelt, das Auge bricht, der Körper zuckt und zittert, schüttelt sich in wütenden Krämpfen. Der Regen näßt seinen Körper durch und durch. Er dreht das Tier auf den Rücken, schneidet den Bauch auf, greift ins warme Gekröse, wirft sich zur Seite und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Er nimmt sich zusammen, hantiert irgendwo tief drinnen im Körper des Schafes, zerrt glitschige Därme heraus, den Pansen, nimmt sich zusammen, säbelt und zerrt die beiden Keulen heraus und ein Rückenstück, so gut er eben kann, lässt das warme Fleisch in den nassen Rucksack gleiten. Es giesst noch immer. Er häuft Steine auf das, was dableibt für die Würmer. Schlaff hängt die Zunge aus dem weissen Kopf.“ Den Rhein bekommt er offiziell nicht zu Gesicht. Doch alles Wasser dort oben, stelle ich mir vor, könnte Rhein sein, Rein (einer der vielen Frühzuflüsse), alles könnte grau sein, sprechende Steine, predigender Wind. Blühende Alpenwiesen, weggesenst von plötzlichen Kälteeinbrüchen, niedergewürgte Sommer. Ein plötzlich eingestreutes, hundert Jahre altes Kuhgedicht „Der Milchmesstag“ von Giacun Hasper Muoth: Kühe grau und Kühe braun, / herrlich, prächtig anzuschaun, / Kühe klein und Kühe scheckig, / Kühe schmal und Kühe fleckig, / Kühe fett und Kühe schwer, / schön`re gibt es nimmermehr, / Kühe rund und Kühe lang, / hochgelobt im Überschwang. / Und ob der Hütte, schau, der Stier / zerwühlt das Gras, das wilde Tier. / Glocken, Treicheln, Klepfen, Schellen, / süsse Melodie in Wellen. / Gross und klein ist Feuer, Flamme, / greift den Tieren an die Wamme. / Puscha! Puscha! locken sie, / ganz vernarrt ins liebe Vieh. Man rühmt die Euter, preist die Beine, / jeder stolz nur auf die seine. / Ja, hier können sie gedeihen / mit dem vielen Gras, dem neuen. //

Leo Tuor: Giacumbert Nau. Hirt auf der Greina, Octopus Verlag, Chur