Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.

Der Rhein für die gebildeten Stände (2)

Vom Bodensee bis Basel, wo der Rhein schon eine Breite von 750 F. erhält, hat er ein felsenreiches Bett. Von Basel aus wird sein Bett von vielen Inseln durchschnitten, die jedoch zum größten Theil blos aus Sand- und Kiesbänken bestehen, welche häufig von einer Seite weggerissen und an der andern wieder angesetzt werden. Von Breisach herab trifft man schon mehre bestaudete und selbst angebaute Inseln. Zwischen Strasburg und Germersheim ist das Bett immer noch sehr inselreich, aber der größte Theil dieser Inseln ist mit Gebüsch bewachsen. Zwischen Strasburg und Speier ist der Rhein 1000—1200 F., bei Mainz 1500—1700 F., und bei Schenkenschanz, wo er in die Niederlande eintritt, 2150 F. breit. Die Tiefe des Rheins beträgt 5—28, bei Düsseldorf sogar 50 F. Bei Schenkenschanz theilt er sich in zwei Arme, wovon der südl. die Waal heißt, zwei Drittheile seines Gewässers nimmt, sich hernach zweimal mit der Maas vereinigt und unter dem Namen Merwe in das deutsche Meer fließt. Der nördl. Arm des Rheins hatte vormals in seinem Laufe nach Arnheim zu mehre Windungen; seit 1720 aber hat man von der Waal aus bei dem Dorfe Pannerden einen Kanal gegraben, wodurch das alte Bett des Stroms nun größtentheils vertrocknet ist. Durch diesen pannerdenschen Kanal fließen jetzt die Gewässer des Rheins fort, nachdem sie sich unterhalb Millingen von der Waal getrennt haben. Ehe dieser Arm des Rheins nach Arnheim kommt, theilt derselbe sich wieder oberhalb Westervoort und bildet die sogenannte neue Yssel. Diese Abtheilung des Stroms ist eigentlich der Kanal, den Drusus graben ließ, indem die Gewässer sich bei Doesburg mit der alten Yssel vereinigen und zuletzt sich in die Zuydersee ergießen. Von da, wo sich der Drusische Kanal von dem Rheine trennt, wendet dieser letztere sich nach Arnheim und behält seinen Namen, bis er bei Wageningen und Rhenen vorbei ist, wo er Lech heißt und auf Wyk bei Durstede fließt. Von hier floß sonst der Rhein mit vollem Strome nach Utrecht, jetzt ist aber nur noch ein sehr schwacher Arm übrig, der krumme Rhein genannt. Weiterhin, Vianen gegenüber, ist schon vor mehren Jahren aus dem Lech ein Kanal gegraben worden, welcher nach Utrecht geht und gewöhnlich die Vaart genannt wird. Da derselbe mit Schleusen versehen ist, so kommen auf demselben sehr beträchtliche Schiffe nach Utrecht und von da weiter nach Amsterdam. Unterhalb Vianen sondert sich ein kleiner Arm vom Lech ab, den man die Yssel nennt, und der sich eine Meile oberhalb Rotterdam in die Merwe ergießt. Der Lech fließt von Vianen nach Schoonhofen und geht oberhalb Crimpen op de Lek in die Maas. Von den Gewässern des Rheins, die nach Utrecht fließen, geht abermals ein Arm ab, welcher die Vecht genannt wird und sich nach einem achtstündigen Laufe bei Muyden in die Zuydersee ergießt. Der übrige Rhein fließt von Utrecht nach Leyden, wo er beinahe einem Graben ähnlich sieht. Bei Rhynsburg vorbei kommt endlich dessen kleines Gewässer, drei Stunden von Leyden, nach Katwyk op Rhyn, wo derselbe eine halbe Stunde davon sich noch zu Anfange dieses Jahrh. in den Sand verlor. Sonst hatte der Rhein da einen Ausfluß in die See bei Katwyk op Zee. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die alte Mündung wieder zu öffnen, welche durch die entstandenen Dünen verschwunden war, hat man erst seit wenigen Jahren die Schwierigkeiten völlig überwunden, indem man in einem Kanale die in den Sand sich verlierenden Gewässer des Rheins gesammelt hat. Am äußersten Ende desselben befindet sich eine Hauptschleuse, eine zweite inmitten, beim Anfange der Seedünen, eine dritte kleinere beim Ausgang des Kanals aus dem Rhein, und so ist durch Hülfe der Kunst der Ausfluß des Rheins wiederhergestellt worden. Hierbei hatte man den Hauptzweck, die niedrigen Gegenden der Provinz Holland von dem überflüssigen Wasser zu entledigen und dadurch deren Werth zu erhöhen, welcher Zweck auch in hohem Grade erreicht worden ist.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

De Rynstroom (6)

Maer, och! ick schrey mijn oogen uit,
En sal noch in een` vliet verkeeren,
Om datter sulck een Hydra spruit
Wt kerckgeschil en haet van Heeren;
Een helsche Hydra vol vergift,
Die `s Rijns gesonde en soete boorden
Vergiftight, en gants Duitsland schift,
En groeit in onversoenbre moorden.
Een lang gewenst Verlosser vaegh
Het Rijck van `s Rijcks vervloeckte plaegh.

Hoe moedigh sal de Rijnsche Leck
Al schuimend bruisen langs Vianen,
Wen Wolphard, wachter van ons heck,
En d` eere der Nassausche vaenen,
Een jongen Soon geboren word,
In wiens gemoed de goude seden
Der overoudren zyn gestort,
En `s Vaders strenge dapperheden;
Een telgh, die weder bloeien doe
Den grysen stam van Brederoe.

De Rynsche Leck, die teere ranck,
Daer na met sachter tong sal lecken,
En vrolijck wiegen sonder dwanck;
Om met haer schaduw te bedecken
De Moeder, die nu met een schaer
Van schoone dochtren desen zegen
Verbeit, en wenscht om `t blyde jaer,
Gelijck een roosengaerd om regen.
De Hemel bouw dien vruchtbren hof,
En hellep my aen Wiegestof.

(Joost van den Vondel)

De Rynstroom (4)

Ghy slingert, als de Griecksche slang,
Uw blaeuwe krullen om de struicken,
En groene bergen breed en lang,
En swelleght in soo veele kruicken
Van stroomen, dat uw lichaem swelt
Van watersucht, en parst de planten,
En schuurt soo menigh vruchtbaer veld,
En knabbelt aen de ruige kanten,
Nu tusschen bergh en krommen bult,
Nu door een dal, met wijn gevult.

Al is uw eene keel versand,
Die `t huis te Britten plagh te schaeven,
Dat nu verdroncken leit op strand;
De Leck en d` Yssel doorgegraeven
Vergelden dubbel dese scha,
En leiden u met hooge dijcken
In zee, op dat uw ongena
De vlacke beemden niet koom strijcken
Met macht van regen, en geweld
Van sneeuw, dat inde sonne smelt.

De heldre en starrelichte vliet,
Die door den hemel vloeit by duyster,
Is d` Italjaensche Padus niet,
Nocht oock de Nyl, Egyptens luister,
Neen seker, `t is de rijcke Rijn,
Wiens visschen, met een wuft gewemel,
In `t onbevleckte kristallijn
Van eenen onbetrocken hemel,
Met silvre schubben, silverklaer
Als starren dolen, hier en daer.

Rheingrundlagen (2)

Johann Georg Kohl beginnt sein über tausend Seiten fassendes Buch “Der Rhein” von 1851 mit grundsätzlichen Überlegungen zum Aufbau der Erde und der politischen Bedeutung der Ströme und des Wassers. Seine Sprache ist griffig und ansatzweise poetisch, sie baut mit an dem Wunder, das sie beschreibt:
“Unter den Elementen und Kräften, welche noch fortwährend an der Umgestaltung der Erdoberfläche arbeiten, nimmt das fließende Wasser den ersten Rang ein. Zwar üben auch die bewegten Lüfte, die Winde, einigen Einfluß auf die festen Theile der Erdrinde und verändern in Etwas ihre Physiognomie. Sie führen in der Wüste, den Sand zusammentreibend, Hügel auf. Sie tragen zur Bildung der Dünenketten an den Küsten der Meere bei. Sie heben den Staub von der Oberfläche vieler Gebirge hinweg und deponiren ihn an entfernten Punkten. Sie erhöhen durch wiederholte und constante Angriffe auf gewisse Punkte der Erdrinde die Zersetzung und Verwitterung derselben und erhöhen oder vermindern auf diese Weise hier und dort die Erhebungen des Festen um ein Weniges. Indirect und in Verbindung mit dem Wasser der Oceane, das sie in Bewegung setzen, ist ihre Einwirkung auf das Festland besonders erfolgreich. Vermittels der Meereswogen, welche sie aufregen, benagen sie die Küsten der Länder hie und da und zerstören sie. Zuweilen aber schlagen sie auch lose Elemente mit Hülfe des Wellenschlags zu einer festen Masse zusammen, und garniren die Küsten mit einem Gürtel von Felsen. Zwar haben wir auch Spuren von der Einwirkung der elektrischen Strömungen und Entladungen auf die Erdrinde. Wir wissen, daß die Blitze im Stande waren, zackige Felsgipfel, denen sie häufig zuströmten, im Laufe der Zeiten abzurunden und mit einer verglasten Kruste zu überziehen. Sie haben zuweilen Felsen gespalten, sie in Trümmer zerschmettert und von ihren hohen Postamenten herabgeworfen. (…) Durch künstliche Eindeichungen hat er (der Mensch, Anm. SL) namentlich an den Küsten des Meeres und an den Mündungen der Flüsse ganze Landstriche, oft große Bezirke dem Wasser abgewonnen, und da sind dann unter seiner schöpferischen Hand, wie z. B. in Holland, kleine Ländergebiete der Erdrinde zugewachsen. Zuweilen haben seine vergänglichen Werke zur Entstehung von Erhebungen, Hügeln, oder andern bleibenden und größern Bodengestaltungen Anlaß gegeben. So z. B. verwandelten die Wogen und Anschlemmungen des Meeres den Damm, den Alexander der Große von der Küste Aegyptens zur Insel Pharos aufwarf, in eine breite Landzunge. So häuften sich Wüstenstaub und Pflanzenerde um die Ruinenhaufen von Thürmen und Palästen, und bildeten Hügel und Berge. So brachen die Gewässer in vernachlässigte Kanäle ein, und verwandelten sie in mächtige und bleibende Ströme, wie dies denn bei der Issel und dem Lech in Holland, bei den beiden Nilarmen von Rosette und Damiette, und vermuthlich noch in mehren andern Flußdelten geschehen ist. Allein die Resultate aller dieser umwandelnden Einwirkungen des Menschen, der Thiere, der Pflanzen, der unterirdischen Feuer, der Atmosphäre, der Winde sind im Ganzen sehr unbedeutend gegen die Resultate der Thätigkeit der fließenden Gewässer. (…) Das Leben des Menschen, des Herrn der Schöpfung, der sich Alles dienstbar macht, und dem die Thiere in und außer dem Wasser, die Pflanzen an den Ufern und auch das Wasser selber gleich nützlich und gleich unentbehrlich sind, ist daher nun noch viel inniger und noch weit mannichfaltiger mit den Fäden der Flüsse verwebt. Der Mensch siedelt sich an den Flüssen und Quellen an, weil das Wasser, das sie ihm liefern, ihm zu seiner Nahrung, als Getränk, in seiner Küche, bei seinen Bädern, bei der Reinigung seiner Gefäße, zur Sättigung seines Viehs, zur Benetzung seiner Gärten und Aecker, ganz unentbehrlich ist, und sich gleichsam beständig durch alle Theile seines Haushalts ergießen muß. Als Fischer baut er seine Hütte hart an den Ufern der Flüsse. Als Jäger wandert er längs den Flüssen hin, wo er der reichsten Beute gewiß ist. Auch die Hirten kommen, ihr Vieh zu tränken und zu baden, zu den Flüssen und finden hier die fetteste Weide. In manchen Erdgegenden können sie nur längs der Flüsse auf Weide hoffen. Der Ackerbauer findet hier die fruchtbarsten Länderstriche, die mit schöner Fruchterde überzogenen Niederungen, die Marschen und Delten, in denen Ceres ihre schönsten Feste feiert, ihre reichsten Ernten spendet. Bei seinen Maschinen und Fabriken benutzt der Mensch das fließende Wasser als treibende Kraft, wo die Anstrengung seines eigenen Arms nicht mehr ausreicht. Und so stellen sich denn die Flüsse als die wahren Lebensadern des ganzen Pflanzen-, Thier-, Menschen- und Völkerlebens dar. Sie treten ganz entscheidend und gebieterisch auf dem Festlande auf; sie reißen alles Leben und Regen in ihren Kanälen mit sich hin, und concentriren so zu sagen alles Mark und alle Kraft der Länder in ihren Adern.”