Heiko Somo: „James did not make it“

jamesdean

Knapp vor dem Ziel scheiterte James Dean, als er den Rheinfall besuchen wollte – weiß Heiko Somo, der den Unfall des Filmheroen an den Pforten des berühmten Schweizer locus amoenus für rheinsein dokumentierte.

Beschreibung des Rheinfalls in der Zeitung für die elegante Welt (2)

Der Rheinfall bei Schaffhausen im August 1809 gesehen. (Beschluß.)

Nicht fern von dem Falle erweitert sich das Bette des Stroms etwas; ich habe vergessen, zu fragen, wie breit er hier ist, kann mich auch nicht erinnern, irgendwo eine Angabe gelesen zu haben, und finde das sehr natürlich. Welcher Kleinigkeitsgeist, welcher phlegmatische Zahlensinn gehört dazu, in den Augenblicken, wo man ein Naturwunder anstaunt, an Welten und an den Schöpfer aller Welten denkt, nach Fußlängen sich zu erkundigen! Bei der Rückerinnerung dünket mich, daß der Rhein hier etwa halb oder zwei Drittel so breit seyn mag, wie bei Basel. Die dasige Brücke über denselben hat 715 rheinische Fuß, und der Fluß ist bei höherm Wasserstande im Sommer, nur etwa 50 bis 60 Fuß schmäler.

Je reißender der Strom nicht fern vom Falle noch ist, je mehr Felsenblicke in seinem Bette liegen, um so größer muß der Bogen werden, um so mehr müssen der besondern Krümmungen seyn, wodurch die Ueberfahrt verlängert wird. Wir brauchten ungefähr 5 Minuten. Keiner von uns dreien dachte daran, die Dauer der Ueberfahrt nach der Uhr genau zu messen, ohne Zweifel aus derselben Ursache, warum wir vergaßen, nach der Breite des Flusses zu fragen. Ich wünschte hierdurch einen Reisenden aufmerksam zu machen, um beides zu bestimmen.

Nach dem Landen auf dem linken Ufer stiegen wir eine nicht kleine Anhöhe hinauf, zu dem Schlosse Lauffen; dann, ohne uns für jetzt zu verweilen, einen, durch Stufen bequem, durch ein Geländer gefahrlos gemachten Weg an den Rhein hinunter, wo eine Gallerie über den Strom hinein gebaut ist, und bis unter das äußerste linke Ende des Falles hinläuft. Hier wird das Brausen der Wellen ein mächtiges Donnern. Vom Arme der Allmacht unter einander geschleudert, vom Kampfe gegen die Felsen zu einem mit sich selbst übergehend, löst ein Theil sich in Staub auf, welcher dicht vor dem Wasserfalle herschwebt, sich zu einem immer feiner werdenden Nebel verdünnt, bis er in einer Entfernung von 6 bis 700 Fuß verschwindet. Regenbogen in diesem dichtern Nebel und in den Fluten des Falles selbst müssen einen prachtvollen Anblick gewähren. Uns wurde diese Erhöhung des großen Naturzaubers nicht; nur Momente blickte die Abendsonne unter Wolken hervor.

Auf dem äußersten Ende der Gallerie steht man beständig wie in einem sanften Sprühregen, indeß die herabstürzenden Fluten hart neben, zum Theil über einen wegfallen. Zuweilen, wenn der Wind sie ergreift, wird man derb davon benetzt. Dreimal vertrieben sie mich, und dreimal trat ich wieder hin; hätte nicht der Abend sich bereits genähert, ich würde Stundenlang gestanden haben auf dieser Stelle, gewiß eine der schönsten und erhabensten auf der ganzen weiten Erde. Bald blickt man über sich in die in Absätzen herunterstürzenden Fluten, bis zu deren Anfange das Auge nicht emporschauen kann, bald auf den Fall über die andern Felsen im Strombette, welche man, so stehend, links hat, dann wieder rückwärts in das Toben der furchtbar beunruhigten Wogen. Man sieht, empfindet, staunt, bewundert, fühlt den Schöpfer solcher Zauber größer und sich näher, und betet an im reinern Geiste, denn in irgend einem Tempel. Beschreiben, malen zu wollen, fällt einem nicht ein. An dieser Natur scheitert alle Kunst; dieses Bild mit allen seinen wechselnden, dennoch zu einem großen Ganzen sich einigenden Wirkungen auf Seele und Sinne kann auch keine Dunkelkammer auffangen — nur der Geist, die Phantasie.

Ein Lebensmüder aus Schaffhausen stürzte sich vor 3 oder 4 Jahren von der Gallerie in die schäumenden Wogen. Wie war es möglich, daß an diesem erhabenen Altare der Allmacht und Güte Gottes eines seiner Geschöpfe verzweifeln konnte!

Mit uns zugleich standen zwei Damen aus Schaffhausen auf der Gallerie, und trotzten dem Benetzen des bewegten Wassers. Sie wurden mir achtungswerth, weil sie, was sie ohne Zweifel schon öfters sahen, von neuem mit hohem, innigem Gefühl bewunderten. Gewiß muß aber auch für jeden Menschen von Gefühl dieses Schauspiel immer neu und hinreißend bleiben. Wohnte ich in Schaffhausen, ich würde oft, wenn andere Menschen in die winzigen Tempel in der Stadt gingen, nach dem erhabenen Naturtempel am Rheinfalle wallfahrten.

Gejagt von der Zeit, stieg ich mit meinem Gefährten wieder zum Schlosse Lauffen hinauf. In einem Pavillon, wo man dem Fremden ein Buch zu Einzeichnung des Namens reicht, sahen wir hinab in die Fluten, unter welchen wir vor wenig Minuten standen. Ein neuer, prachtvoller Anblick, doch minder groß. Hier sieht man deutlich, wie des Wassers Gewalt in den am meisten rechts stehenden Felsen, eine weite 4 bis 5 Fuß hohe Oeffnung gerissen hat. Bricht auch er dereinst, so wird der Rheinfall noch mehr von seiner Schönheit verlieren. Wahrscheinlich kämpft er aber noch mehrere Menschenalter lang gegen den Andrang der ihn rastlos bestürmenden Wogen.

Gern wäre ich noch oben am linken Ufer möglichst nahe an den nächststehenden Felsen gegangen, über welchen des Falles höchster und schönster Theil gehet. Die Zeit verstattete es nicht.

Vom Schlosse Lauffen ist es nach Schaffhausen um vieles weiter, wie vom entgegengesetzten rechten Ufer. Theils darum ließen wir uns noch einmal überfahren, theils und besonders aber deshalb, um in einiger Entfernung hinter dem Falle, bei der Tobaksmühle, zu sehen, wie sich der Strom gegen die ihn hemmenden Felsen hindrängt. Bekanntlich fließt er schon vor der schönen bedeckten Schaffhauser Brücke an, in einem Felsenbette. Wild rauscht er über die ihn immer mehr hindernden Felsen, bis die weithervorragenden seinen Lauf zu stören versuchen, im Kampfe gegen sie die Wogen den höchsten Grad der Wuth erreichen, aber nach dem Siege bald sich austoben, und in geringer Entfernung wieder so ruhig dahingleiten, daß ein schwacher Nachen sich ihnen gefahrlos anvertrauen kann. Strom des Lebens, beruhigtest du dich doch nach dem heftigsten Toben der Leidenschaften auch so bald wieder! Heinse.

(Welcher der zahlreichen Heinses der unterzeichnende Heinse war, konnten wir noch nicht bestimmen. Jedenfalls lohnt ein Abgleich des Textes mit diesem hier in rheinseins Tiefen.)

Goethe begoethet den Rheinfall (3)

Goethe kehrt nochmals zum Rheinfall zurück, seine Beschreibungen erinnern nun an wiederholte Träume oder heutige Betrachtungen auf den genialischen Fußreisen rheinseins:

“eodem.

Um 3 Uhr fuhr ich wieder nach dem Rheinfall. Mir fiel die Art wieder auf, an den Häusern Erker und Fensterchen zu haben. Sogar haben sie ein besonderes Geschick, solche Guckscharten durch die Mauern zu bohren und sich eine Aussicht, die niemand erwartet, zu verschaffen.
Wie nun dieses die Lust anzeigt, unbemerkt zu sehen und zu beobachten, so zeigen dagegen die vielen Bänke an den Häusern, welche an den vornehmern geschnitzt, aufgeschlagen und zugeschlossen sind, von einer zutraulichen Art nachbarlichen Zusammenseyns, wenigstens voriger Zeit.
Viele Häuser haben bezeichnende Inschriften, auch wohl manche selbst ein Zeichen, ohne grade ein Wirthshaus zu seyn.
Ich fuhr am rechten Rheinufer hin; rechts sind schöne Weinberge und Gärten, der Fluß strömt über Felsbänke mit mehr oder weniger Rauschen.
Man fährt weiter hinauf. Schafhausen liegt nun in der Tiefe; man sieht die Mühlen, die vor der Stadt den Fluß herabwärts liegen. Die Stadt selbst liegt wie eine Brücke zwischen Deutschland und der Schweiz. Sie ist wahrscheinlich durch die Hemmung der Schiffahrt durch den Rheinfall in dieser Gegend entstanden.
Ich habe in derselben nichts geschmackvolles und nichts abgeschmacktes bemerkt, weder an Häusern, Gärten, Menschen und Betragen.
Der Kalkstein, an dem man vorbey fährt, ist sehr klüftig, so wie auch der drüben bey Laufen. Das wunderbarste Phänomen beym Rheinfall ist mir daher die Felsen, welche sich in dessen Mitte so lange erhalten, da sie doch wahrscheinlich von derselben Gebirgsart sind.
Da sich der Fluß wendet, so kommen nun die Weinberge an das entgegengesetzte Ufer, und man fährt diesseits zwischen Wiesen und Baumstücken durch. Dann erscheinen drüben steile Felsen und hüben die schönste Cultur.
Bey der Abendsonne sah ich noch den Rheinfall von oben und hinten, die Mühlen rechts, unter mir das Schloß Laufen, im Angesicht eine große herrliche, aber faßliche, in allen Theilen interessante, aber begreifliche Naturscene: man sieht den Fluß heranströmen und rauschen, und sieht wie er fällt.
Man geht durch die Mühlen durch in der kleinen Bucht. Bey den in der Höhe hervorstehenden mancherley Gebäuden wird selbst der kleine Abfall eines Mühlwassers interessant, und die letzten diesseitigen Ströme des Rheinfalls schießen aus grünen Büschen hervor. Wir gingen weiter, um das Schlößchen Wörth herum. Der Sturz war zu seinem Vortheil und Nachtheil von der Abendsonne grade beleuchtet; das Grün der tieferen Strömungen war lebhaft, wie heute früh, der Purpur aber des Schaumes und Staubes viel lebhafter.
Wir fuhren näher an ihn hinan; es ist ein herrlicher Anblick, aber man fühlt wohl, daß man keinen Kampf mit diesem Ungeheuer bestehen kann.
Wir bestiegen wieder das kleine Gerüste, und es war eben wieder als wenn man das Schauspiel zum erstenmal sähe. In dem ungeheuern Gewühle war das Farbenspiel herrlich. Von dem großen überströmten Felsen schien sich der Regenbogen immerfort herabzuwälzen, indem er in dem Dunst des herunterstürzenden Schaumes entstand. Die untergehende Sonne färbt einen Theil der beweglichen Massen gelb, in tiefen Strömungen erschienen grün, und aller Schaum und Dunst war licht purpurgefärbt; auf allen Tiefen und Höhen erwartete man die Entwicklung eines neuen Regenbogens. Herrlicher war das Farbenspiel in dem Augenblick der sinkenden Sonne, aber auch alle Bewegung schien schneller, wilder und sprühender zu werden. Leichte Windstöße kräuseln lebhafter die Säume des stürzenden Schaums, Dunst schien mit Dunst gewaltsamer zu kämpfen, und indem die ungeheure Erscheinung immer sich selbst gleich blieb, fürchtete der Zuschauer dem Übermaß zu unterliegen und erwartete als Mensch jeden Augenblick eine Katastrophe.
Im Zurückgehen legitimirte sich bei mir Denfeld, ein Schwede, durch einen Brief von Kosegarten. Er ist auf einer so genannten genialischen Fußreise begriffen.”

Goethe begoethet den Rheinfall

Dreimal war Goethe zeit (und laut) seines wohldokumentierten Lebens am Rheinfall, in dieser Hinsicht steht es bisher pari zwischen rheinsein und dem Alten. In Goethes Tagebuch von September 1797 finden sich, nachdem er am Vorabend im Schaffhauser Gasthaus zur Krone “einen gewissen stieren Blick der Schweizer, besonders der Zürcher” bemerkt, mehrere Einträge, welche die gewissenhaften Inspektionen Goethes am Objekte protokollieren. Frühmorgens macht er sich auf den Weg, eine gute Zeit, wie rheinsein aus eigenen Untersuchungen bestätigen darf, den Wasserfall zu betrachten, der je nach Sonnenstand dem Betrachter erkleckliche Differenzen in seiner Wirkung als ständiges Naturspektakel vermitteln kann.

“Den 18ten früh.

Um 6 1/2 Uhr ausgefahren. Grüne Wasserfarbe, Ursache derselben.
Nebel, der die Höhen einnahm. Die Tiefe war klar, man sah das Schloß Laufen halb im Nebel. Der Dampf des Rheinfalls, den man recht gut unterscheiden konnte, vermischte sich mit dem Nebel und stieg mit ihm auf.
Gedanke an Ossian. Liebe zum Nebel bey heftig innern Empfindungen.
Uhwiesen, ein Dorf. Weinberge, unten Feld.
Oben klärte sich der Himmel langsam auf, die Nebel lagen noch auf den Höhen.
Laufen. Man steigt hinab und steht auf Kalkfelsen.
Theile der sinnlichen Erscheinung des Rheinfalls, vom hölzernen Vorbau gesehen. Felsen, in der Mitte stehende, von dem höhern Wasser ausgeschliffne, gegen die das Wasser herabschießt.
Ihr Widerstand; einer oben, und der andere unten, werden völlig überströmt. Schnelle Wellen. Locken Gischt im Sturz, Gischt unten im Kessel, siedende Strudel im Kessel.
Der Vers legitimirt sich:
Es wallet und siedet und brauset und zischt pp.
Wenn die strömenden Stellen grün aussehen, so erscheint der nächste Gischt leise purpur gefärbt.
Unten strömen die Wellen schäumend ab, schlagen hüben und drüben ans Ufer, die Bewegung verklingt weiter hinab, und das Wasser zeigt im Fortfließen seine grüne Farbe wieder.”

Der hölzerne Vorbau: das Känzeli! – muß gleich mit dem Rheinfall entstanden sein. Ob Goethe auch auf den Schnitzel-Imbiß treffen wird? Zunächst notiert er

“Erregte Ideen.

Gewalt der Sturzes. Unerschöpfbarkeit als wie ein Unnachlassen der Kraft. Zerstörung, Bleiben, Dauern, Bewegung, unmittelbare Ruhe nach dem Fall.
Beschränkung durch Mühlen drüben, durch einen Vorbau hüben; ja es war möglich, die schönste Ansicht dieses herrlichen Natur-Phänomens wirklich zu verschließen.
Umgebung. Weinberge, Feld, Wäldchen.
Bisher war Nebel, zu besonderm Glücke und Bemerkung des Details; die Sonne trat hervor und beleuchtete auf das schönste schief von der Hinterseite das Ganze. Das Sonnenlicht theilte nun die Massen ab, bezeichnete alles vor- und zurückstehende, verkörperte die ungeheure Bewegung. Das Streben der Ströme gegen einander schien gewaltsam zu werden, weil man ihre Richtung und Abtheilungen deutlicher sah. Stark spritzende Massen aus der Tiefe zeichneten sich beleuchtet nun vor dem feinern Dunst aus, ein halber Regenbogen erschien im Dunste.
Bey längerer Betrachtung scheint die Bewegung zuzunehmen. Das dauernde Ungeheuer muß uns immer wachsend erscheinen; das vollkommne muß uns erst stimmen und uns nach und nach zu sich hinaufheben. So erscheinen uns schöne Personen immer schöner, verständige verständiger.
Das Meer gebietet dem Meer. Wenn man sich die Quellen des Oceans dichten wollte, so müßte man sie so darstellen.
Nach einiger Beruhigung verfolgt man den Strom in Gedanken bis zu seinem Ursprung und begleitet ihn wieder hinab.
Beym Hinabsteigen nach dem flächern Ufer Gedanken an die neumodische Parksucht.
Der Natur nachzuhelfen, wenn man schöne Motive hat, ist in jeder Gegend lobenswürdig; aber wie bedenklich es sey, gewisse Imaginationen realisiren zu wollen, da die größten Phänomene der Natur selbst hinter der Idee zurückbleiben.
Ich fuhr über. Der Rheinfall von vorn, wo er faßlich ist, bleibt noch herrlich, man kann ihn auch schon schön nennen. Man sieht schon mehr den stufenweisen Fall und die Mannigfaltigkeit in seiner Breite; man kann die verschiednen Wirkungen vergleichen, vom unbändigsten rechts bis zum nützlich verwendeten links.
Über dem Sturz die schöne Felsenwand, an der man das Hergleiten des Stromes ahnden kann; rechts das Schloß Laufen. Ich stand so, daß das Schlößchen Wörth und der Damm, der von ausgeht, den linken Vordergrund machten. Auch auf dieser Seite sind Kalkfelsen, und wahrscheinlich sind auch die Felsen in der Mitte des Sturzes Kalk.”

Die Angaben mag jede/r Interessierte nutzen, sich bei einem Rheinfall-Besuch selbst in Goethesche Position zu navigieren.

Der Rhein für die gebildeten Stände

Rhein, einer von den Hauptflüssen Deutschlands, der ein schönes, wein- und fruchtreiches Land durchströmt, einen Weg von 190 M. zurücklegt und über 12,200 Flüsse und Bäche dem Oceane zuführt, entspringt in dem helvet. Canton Graubündten aus drei Hauptquellen, welche der vordere, mittlere und hintere Rhein heißen. Der vordere quillt aus dem Gebirge Crispalt, nordöstl. vom Gotthard, und vereinigt sich bei Dissentis mit dem mittlern Rheine, welcher vom Lukmanierberge herabkommt. Diese vereinigten Flüsse vermischen sich bei Reichenau mit dem Hinterrhein, der im Gebirge Adula auf dem Vogelberge aus einem Gletscher sich sammelt und bis Reichenau 20 Stunden weit fließt. Daselbst erhalten diese drei vereinigten Rheinquellen den gemeinschaftlichen Namen Rhein und haben eine Breite von 230 F. In der Gegend von Chur wird er schiffbar; zwischen Rorschach und Fußach stürzt er mit großem Geräusch in den Bodensee, den er zwischen Stiegen und Eschenz wieder verläßt und seinen Lauf nach Schaffhausen und Basel fortsetzt, nachdem er vorher mehre Wasserfälle gebildet hat. Solcher Wasserfälle, vorzugsweise Rheinfälle genannt, gibt es vier: 1) Der Rheinfall, eine Stunde unter Schaffhausen bei den beiden Laufen, wovon das eine (Dorf und Schloß) dicht am Rhein, auf dem Boden des schweizer. Cantons Zürich, und das andere, ein altes Schloß, gegenüber auf einer Insel liegt, ist der bedeutendste und durchaus nicht zu passiren, weshalb die Ladung der Schiffe zur Achse durch Schaffhausen gebracht werden muß und erst unterhalb der Stadt wieder eingeschifft werden kann. Nachdem der Strom ungefähr 500 Schritte oberhalb der beiden Laufen zwischen ungeheuern Felsen, die zum Theil mitten aus seinem Bette hervorragen, eingeengt worden ist, schießt er dann bei immer zunehmendem Abhange in unzähligen Buchten von Fels zu Fels hin und stürzt sich endlich, 80 F. hoch, 300 F. breit, mit einem in der Nähe betäubenden und bei stiller Nacht auf zwei Meilen weit hörbaren Getöse in drei Fällen steil herab, wovon der auf der Südseite, zwischen zwei Felsenpfeilern, der gewaltsamste ist. Die ganze Breite des Sturzes übersieht man aus einem Hause, nicht weit vom Sturze, fast in der Mitte des Flusses, das durch eine Zugbrücke mit dem Ufer verbunden ist; doch kein Bild vermag dieses Schauspiel darzustellen. 2) Der Rheinfall unter Zurzach, bei der Mündung der Wutach, der nur bei hohem Wasserstande die Schiffahrt hindert. Er wird verursacht durch einen quer durch den Strom gehenden Felsendamm, in dessen Mitte eine Lücke sich befindet, durch welche bei niedrigem Wasser die Schiffe passiren. 3) Der Rheinfall bei Laufenburg, der nur in einer Stromschnelle besteht, auf welcher leere Schiffe an Seilen durch Menschen, oft jedoch mit Lebensgefahr, hinuntergelassen werden. 4) Der Rheinfall bei Rheinfelden, der Höllhaken, auch das Gewild genannt. Schon eine Stunde oberhalb Rheinfelden fangen die Felsen im Strome an und streichen bis unter die Brücke dieser Stadt dergestalt fort, daß nur eine schmale Öffnung bleibt, durch welche die Schiffe mit der größten Vorsicht geführt werden müssen.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Ansichtskarten vom Rheinfall (4)

Seit unserem letzten Besuch vor rund einem Jahr hat sich am Rheinfall einiges verändert. Kasse und Andenkenladen sind aus Schloß Laufen in ein neues Info-Gastro-Zentrum auf den nach wie vor beherrschenden Besucherparkplatz gezogen, Hinterglas-Ticketverkäufer erläutern per Mikro in mehreren Sprachen die Gegebenheiten, zB den separaten Erwerb diverser Bootstickets (zur Wahl steht mindestens ein halbes Dutzend Rund- und Überfahrten), das Gelände verlassen zu wollen zwingt geradezu zur Nutzung des neuen Panoramalifts, der Eintrittspreis hat sich verfünffacht. Auch das Besucheraufkommen scheint sich stet zu steigern und mit dem „chinesisch-indischen Potential“ von rund zwei Milliarden künftigen Rheinfalltouristen in der Rückhand, ließe sich von Betreiberseite der finanziellen Ausbeutung dieses kleinen Weltwunders gelassen entgegensehen, wären da nicht die beunruhigenden Gletscherschmelze- und Wasserstandsmeldungen. Somit hatten wir noch Glück, die Fälle schossen sommeruntypisch wuchtig über ihre geschliffnen Felskanten, das Wasser bäumte, räumte und schäumte wie eh und je und wir konnten sogar eine digitale Postkarte erwerben, der neueste Clou für touristische Souvenirjäger, vermutlich von den Mediaexperten eines Think Tanks mit ein paar coolen Zeilen versehen:

„Ausschnittsweiser Fortgang der Dinge als Schaum und Rausch. Zwar läßt sich weder der Plastizität des Wallens, noch der Eleganz des Sprühnymfentanzes mit einer schnellen Aufnahme genüge tun, doch mag Sie diese 2d-animierte Rheinfall-Postkarte an ihrer kleinen, im großen digitalen Postkartenständer zugewiesenen Stelle an Elementares gemahnen: den Stoff, aus dem wir gemacht sind.“

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”