Gorrh (10)

in Baden-Baden, als piekfeiner Herr, nur mit Fliege bekleidet, die Scham pyramidal ausrasiert nach Stil der Zeitschriftenmode, über Monate hin mithilfe leichten Essens verschlankt, die rückwärtige Körperbehaarung gestriegelt, gleichgeschaltet, bündelweise mit Geldscheinen wedelnd, das schönste Monster, das kompletteste Frollein, Heldin und Held aller Heldinnen und Helden, die Nackenrunzeln mit Botox geglättet, zum Zusammenbrechen, ja: zum Filmen schön, unbeschreiblich elegant, umwerfend sogar (wie die KlatschreporterInnen konstatieren), Erektionen hervorrufend im Publikum und Ohnmachten, das Casino vibriert, Gorrhs insektuöses Benehmen, sein unglaublicher närrischer Saugstiel (ein Gesichtswegmacher), ironisch als Accessoir getragen, unter kunstvoll aufgetragenen Schichten Gesellschaftsrelevanz schrummelt nurmehr ganz halb-, eher viertel- oder besser: sechzehntelherzig Gorrhs Impertinenz, spielt Minigolf gegen sich selbst, im Kronleuchtersaal die kosmetischen Klänge des Claudia Schlüpper Unterhaltungsorchesters, rauchiger Jazzgesang in Nichtraucherambiente, substanzlose Refrains, Jetonklimpern, auf dem Filz der Spieltische bilden sich Altrheinauen, gentechnisch manipulierte Insekten („Impfmücken“) kreuzen die Klingen, Wetteinsätze fallen, Gorrh tänzelt robertredfordesk um die Hüften der von der Spielbank aufgestellten Glücksdamen, zeigt einen Eckzahn beim Lächeln, highfivet Fozzie Bear, der aus Las Vegas eingeflogen Gorrh (in seinen wilden Tagen) imitierend, den Schlangentanz vollführend, die selfmade people rockt, Gorrh ist angekommen, krak-krak geht der Riß in seinem Hirn, „wenn ich ich wäre, reiste ich durchs Leben und verstünde von Allem bestenfalls die Hälfte“ rememoriert Gorrh das neue Mantra, das per Rohrpost an seinen Chefsessel geplumpert kam. Faites vos jeux, hustet der Croupier, ein Mann im Stile (und somit nach dem Geschmack) Gorrhs, wie auch den übrigen Spielern in Gorrhs Dunst mit einmal starke Körperbehaarung erwächst. Die Spieler, sie leben in einem veralgten Meer. In schlingernden Tangwäldern. Aalbecken. (Haarige Aale in wässrigem Wind.) Ihre Gewinne versteuern sie einzig vor Gott. Ihre Verluste sind Legion: entselbste Gestalten, Hüllenführer, Schmierbeutel. Im stumpfen Spiegel des Silbergelds erkennt sich Gorrh jäh als gorrhloser Gesell. Tritt ans Mikro, salbadert, radebrecht, glossolalaliert. Gorrh muß schon für verrückt gehalten werden. Gorrh gibt die Sprechversuche auf, setzt sich ans Klavier. „Gehmse dem Tier am Klavier nochn Bier!“ Gorrh improvisiert. Die Spieltische brechen ein und auf in unbekannte Welten. Rien ne va plus.

Frankfurt am Main

Die Paradieshaftigkeit des Oberrheins verliert sich auf Frankfurt zu. Plötzlich laufen Schwarzwald und Vogesen aus, Pfälzer Wald und Odenwald bieten nur sehr mäßigen Panoramaersatz. Der lustige badische Dialekt weicht sich noch weiter auf, kippt ins Kurpfälzische, das Hessische schließlich rangiert in der Hitliste der furchtbarsten Idiome ganz weit oben; allein die Vorstellung, ein Hessisches mit einem Schwäbischen Mundart babbele zu hören, und sei es in Weimar, hat etwas entsetzlich Peinigendes. Daß der Frankfurter Hauptbahnhof ein Sackbahnhof ist, in den man sozusagen einfährt, um ihn auf dem gleichen Wege wieder zu verlassen, spricht ebenso über den Charakter der Stadt wie die wirre Architektur, die sich zwischen Gemütlichkeit und Ambition nicht zu entscheiden vermag und in diesem Zuge beides auf einen Schlag vernichtet. Als Wahrzeichen der Stadt fungiert ein leicht überdimensioniertes blaues, besterntes Eurozeichen vor einem Bankhochhaus. Hierzu erübrigt sich hoffentlich jeder Kommentar. Im Bahnhofsviertel liegen schrundige ausgehöhlte Dreißigjährige in schäbigen Klamotten auf dem Bürgersteig und spritzen sich braune Flüssigkeit zwischen die Zehen. Die Straßen um den Bahnhof herum sind bevölkert von archaischen Gestalten, mit offen getragenem Brusthaar die einen, kopftuchbedeckt die andern, aber alle wild, hier scheint noch Waffenrecht zu gelten. Und wie es in Großstädten eben so ist: in einem Hinterhof trifft sich die Subkultur, die exakt jener langweiligen Hochkultur nacheifert, die es eigentlich zu verdrängen, bloßzustellen, auszuhebeln gälte. Der Frankfurter Subkulturgänger setzt automatisch ein Suhrkamp-Gesicht auf, ist langsam und hat miese Laune. Kein Wunder, wo er doch in Frankfurt lebt. Die Fassade Frankfurts fordert förmlich illegale, über die Stränge schlagende Handlungen. Und wir können davon ausgehen, sie finden auch statt, in einem Maße, das die meisten Nicht-Frankfurter erschrecken würde. Nachts zieht in künstlichem Blau, als wäre er eine Meisterillusion aus Las Vegas, der Main durch die Stadt, er dehnt und reckt und übt sich, als hoffte er auf ein nahes Meer, um für immer darin zu verschwinden und sich von allen Lügen reinzuwaschen. Man schaut ihm nach und wünscht ihm Glück und weiß, daß er in halbwegs vernünftige Gegenden fließt. Das gibt ein gutes Gefühl, daß man in Frankfurt so nur auf den Mainbrücken kennt. Oder mit (der rheinischen Erfindung) Heroin in den Adern bzw. beim Äppelwoi, wenn halt alles zu spät ist.